mini|Babylonischer Talmud, Titelblatt der Wilnaer Ausgabe, 1880 bis 1886, der gebräuchlichsten Ausgabe des Talmud
Der Talmud (, eigentlich ) ist eines der bedeutendsten Schriftwerke des Rabbinischen Judentums. Er besteht aus zwei Teilen, der älteren Mischna und der jüngeren Gemara, und liegt in zwei Ausgaben, Talmudim (), vor: Babylonischer Talmud (hebräisch Talmud Bavli) und Jerusalemer Talmud (hebräisch Talmud Jeruschalmi). Der Talmud enthält selbst keine biblischen Gesetzestexte (Tanach), sondern zeigt auf, wie diese Regeln in der Praxis und im Alltag von den Rabbinern verstanden und ausgelegt wurden. Der Talmud ist eine umfassende Sammlung jüdischer Schriften, die die mündliche Überlieferung des jüdischen Gesetzes und der religiösen Lehren dokumentiert. Die Dokumentation im Talmud erfolgt durch die Sammlung und Überlieferung von Diskussionen und Urteilen (Responsen, ), die von Rabbinern über Jahrhunderte hinweg geführt wurden. Eine Qualitätssicherung (z. B. Textkritik, Interpretationsprüfung) im Talmud geschieht durch die rigorose Überprüfung und Konsensbildung unter den Gelehrten, die auf genaue Textinterpretation und logische Argumentation achten.
Zeitliche Einordnung Der Jerusalemer Talmud, der eigentlich in Galiläa, vor allem in den Städten Tiberias und Sepphoris seine Endredaktion im 5. Jahrhundert erfuhr. Sowie den babylonischen Talmud, aus den Akademien von Sura, Pumpedita und Nehardea in der Endredaktion Anfang des 7. Jahrhunderts.Schalom Ben-Chorim: Narative Theologie des Judentums. J. C. B. Mohr, Tübingen 1985, ISBN 3-16-744913-6, S. 12–13. Der Talmud hat zwei Bestandteile: die Mischna (, Abschluss um 200 n. Chr.), ein schriftliches Kompendium der mündlichen Tora, und die Gemara ( entstanden um 500 n. Chr., Abschluss des babylonischen Talmuds um 600 n. Chr.). Der Begriff „Talmud“ kann sich entweder auf die Gemara allein oder auf die Mischna und die Gemara zusammen beziehen.Jakob Fromer: Grundlagen der jüdischen Religion: Die Geschichte des Talmud. HaGalil.com Michael Guttmann: III. Zur Entstehung des Talmuds. In: Leo Baeck (Hrsg.): Entwicklungsstufen der jüdischen Religion. De Gruyter, Berlin / Boston 1927, S. 43–60.
Begriff Talmud ist ein von der hebräischen Verb wurzel , abgeleitetes Substantiv. Die „Lehre“ bezeichnet sowohl die Tätigkeit des Studiums, des Lehrens und Lernens, als auch den Gegenstand des Studiums.
Die aramäische Entsprechung der hebräischen Wurzel ist . Von ihr leitet sich der Begriff Gemara (גְּמָרָא) ab, der im übertragenen Sinn ebenfalls „Lehre“ bedeutet.
Intentionen und Ursprünge Die Intention des Talmuds und seiner Redaktoren liegt in der umfassenden Auslegung (MidraschAls „Midrasch“ wird einerseits der Prozess der Erforschung der hebräischen Bibel durch jüdische Gelehrte, Rabbiner und ihr Ergebnis verstanden und andererseits die gleichnamige Literaturgattung. Midrasch steht aber auch für die Verkündigung, Lehre und Vermittlung.) und Dokumentation der jüdischen Gesetze, Lehren und Traditionen, die auf den beiden Torot () basieren. Der Talmud besteht aus zwei Hauptteilen: der Mischna () und der Gemara (aramäisch גמרא gamar). Die MischnaAlexander Dubrau: Mischna. Andere Schreibweise: Mischnah; Mishna; Mishnah. Deutsche Bibelgesellschaft. Erstellt: Januar 2009, auf die-bibel.de ist eine systematische Sammlung von Gesetzen, die die mündliche Überlieferung der Tora wiedergibt, während die Gemara die detaillierte Diskussion und Auslegung dieser Gesetze durch rabbinische Gelehrte darstellt. Eine weitere Kompilierung des mündlichen Gesetzes etwa aus demselben Zeitraum, welche ebenfalls eine hohe Autorität besitzt ist die Tosefta (Baraita). Die Tosefta stellt eine Sammlung von Ergänzungen und Erklärungen zur Mischna dar.Günter Stemberger: Einleitung in Talmud und Midrasch. C.H.Beck, 9., völlig neu bearbeitete Auflage, München 2011, S. 126 f.Torah, Talmud, Midrash, Kabbalah, auf qumran.org Der Talmud ist die verschriftlichte Form und zugleich die diskursive Interpretation der mündlichen Tora. Er besteht aus der Mischna – der ersten systematischen Sammlung mündlicher Überlieferungen – und der Gemara, die diese diskutiert und auslegt. Eine wichtige ergänzende Quelle ist die Tosefta, die weitere Überlieferungen und Erläuterungen zur Mischna enthält und in der Gemara häufig herangezogen wird.
Die Unterscheidung und die daraus resultierenden Folgen zwischen der mündlichen () und der schriftlichen Tora () ist die zentrale Thematik im rabbinischen Judentum. Beide Torateile, die Torot, sind als göttliche Offenbarung zu verstehen, jedoch unterscheiden sie sich sowohl in ihrer Form als auch in ihrer Bedeutung und Anwendung. Die schriftliche und die mündliche Tora im rabbinischen Judentum stellen zwei sich ergänzende, aber unterschiedliche Formen der göttlichen Weisheit dar. Die schriftliche Tora gibt die fundamentalen Gebote und Prinzipien vor, die als von Gott direkt offenbart gelten, während die mündliche Tora diese Prinzipien erklärt, konkretisiert und an neue Gegebenheiten anpasst. Der Text wurde abschließend im rabbinischen Judentum von den Masoreten in Form des Masoretischen Textes kanonisiert.Helmut Utzschneider, Stefan Ark Nitsche: Arbeisbuch Literatur wissenschaftliche Bibelauslegung. Eine Methodenlehre zur Exegese des Alten Testaments. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2014, ISBN 978-3-579-08153-3, S. 41 f.
Die „mündliche Tora“ und ihre narrativen Folgen sind insofern „dynamisch“, da sie in Gruppen von Menschen im persönlichen Kontakt, durch soziale Interaktion weiterentwickelt werden. Sie wird als notwendige Ergänzung zur schriftlichen Tora angesehen und erklärt, wie die in der schriftlichen Tora festgelegten Gebote im Alltag anzuwenden sind.
Der Talmud als Verschriftlichung der mündlichen Tora ist eine wesentliche Grundlage für das Verständnis und die Anwendung des jüdischen Gesetzes und der jüdischen Ethik, dabei dient der Talmud, mit seinen Kommentaren und Diskussionen, nicht nur der Erklärung von Gesetzen, sondern auch der moralischen, ethischen und spirituellen Reflexion.Andreas Pangritz: Talmud und christliche Theologie. Zur Erinnerung an das Werk Friedrich-Wilhelm Marquardts. Festvortrag zur Eröffnung der Reihe „Gedenken an die drei großen Dahlemer Lehrer“ am 13. Dezember 2008 in der Jesus-Christus-Kirche Berlin-Dahlem, auf etf.uni-bonn.de PDF, S. 2. Zwar stand das Gesetz (Halacha) im Vordergrund, insbesondere in der Mischna und der darauf aufbauenden Gemara, aber die rechtlichen Diskussionen waren oft tief verwoben mit ethischen und philosophischen Überlegungen.Iris Noah: Eine Geschichte von Missverständnissen – Der Talmud und die Pharisäer. HaGalil. Judentum online, auf judentum.hagalil.com Jacob Neusner: Das pharisäische und talmudische Judentum: neue Wege zu seinem Verständnis (= Texts and studies in ancient Judaism, Band 4). Mohr, Tübingen 1984, ISBN 978-3-16-144795-2, S. 181.
Im rabbinischen Judentum wird die Arbeit der Rabbiner, die sich mit der mündlichen Tora und ihrer Weiterführung beschäftigen, als „göttlich inspiriert“ ) angesehen.Julie Hilton Danan: The Divine Voice in Scripture: Ruah ha-Kodesh in Rabbinic Literature. Dissertationsschrift, University of Texas, Austin 2009, S. 68–69 und 99–100 (online, abgerufen am 2. Januar 2026). Eine rabbinische Entscheidung wird als „göttlich inspiriert“ und gültig betrachtet, wenn sie im Einklang mit den Prinzipien der Tora steht und sich auf diese heiligen Texte stützt.Leon Mock: The Concept of ›Ruach Ra‘ah‹ in Contemporary Rabbinic Responsa (1945–2000). (112, Studia Judaica), Walter de Gruyter, Berlin 2021, ISBN 978-3-11-069978-4Shmuel Safrai: Das Zeitalter der Mischna und des Talmuds (70-640). In: Haim Hillel Ben-Sasson (Hrsg.): Geschichte des jüdischen Volkes. C.H. Beck, München 2022, ISBN 978-3-406-78645-7, S. 388, 390.
Die Qualität einer rabbinischen Entscheidung wird dann im Einklang mit göttlicher Weisung anerkannt, wenn sie in Übereinstimmung mit der schriftlichen Tora, der mündlichen Überlieferung und der rabbinischen Tradition steht und von der Gemeinschaft als authentisch und legitim anerkannt wird. Ein grundlegendes Kriterium ist die Übereinstimmung der rabbinischen Auslegung mit der schriftlichen Tora (Tora Schebichtaw) und der mündlichen Tora (Tora Shebe'al Peh), die durch den Talmud und andere rabbinische Werke überliefert wurden. Eine rabbinische Entscheidung wird als göttlich inspiriert und gültig betrachtet, wenn sie im Einklang mit den Prinzipien der Tora steht und sich auf diese heiligen Texte stützt.
Die Dichotomie zwischen schriftlicher Tora (Tora Schebichtaw) und mündlicher Tora (Tora Schebealpeh) ist ein zentrales Konzept im rabbinischen Judentum, und die präzise Formulierung und Systematisierung der insbesondere Letzteren, lässt sich auf die Entwicklung der rabbinischen Literatur nach der Zerstörung des zweiten Tempels im Jahr 70 n. Chr. zurückverfolgen; Pharisäer zur Zeit des 2. Tempels) zurückführen. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass die Idee von einer mündlichen Tradition, die der schriftlichen Tora ergänzend zur Seite steht, bereits zur Zeit der Pharisäer (ca. 2. Jahrhundert v. Chr. bis 1. Jahrhundert n. Chr.) existierte.Günter Stemberger: Das Judentum in frührabbinischer Zeit. Zu neuen Entwicklungen in der Forschung. Historische Zeitschrift, (2015) 300(1), S. 1–32. doi:10.1515/hzhz-2015-0001, auf wellesu.com Joseph Sievers, Amy-Jill Levine, Jens Schröter (Hrsg.): Die Pharisäer – Geschichte und Bedeutung. Herder, Freiburg 2024, ISBN 978-3-451-39459-1, S. 230–244.
Exkurs zur Historie der Tora-Überlieferung und der Entstehung des Talmuds Die mündliche Tora entwickelte sich parallel zur schriftlichen Tora – sie ist keine bloße Ergänzung, sondern eine lebendige Auslegung und Fortführung; vielfach wird metaphorisch von „Gebrauchsanleitung“ gesprochen.Daniel Neumann: Mündliche Lehre. Gelebtes Wort. Warum es so wichtig ist, die Tora ständig zu interpretieren und auszulegen. In: Jüdische Allgemeine, 7. Juli 2015, auf www.juedische-allgemeine.de Begleitende Interpretation: Schon mit der Entstehung der schriftlichen Tora begann ihre Auslegung – zunächst mündlich. Man wollte verstehen, wie die Gebote konkret umzusetzen sind. Fehlende Details: Viele Gebote in der schriftlichen Tora sind sehr knapp formuliert („Du sollst den Schabbat heiligen“) – die mündliche Tora erklärt, was das konkret bedeutet (z. B. welche Arbeiten am Schabbat verboten sind). Anwendung auf neue Situationen: Die mündliche Tora erlaubt es, die Tora auf neue Lebensrealitäten anzuwenden – etwa im Exil oder später in der Diaspora. Wechselwirkung: In gewisser Weise beeinflusste auch die Praxis die „Gebrauchsanleitung“, also die mündliche Tora, rückwirkend, welche Texte schriftlich fixiert und als „kanonisch“ anerkannt wurden.