Die bulgarische Sprache (bulgarisch , wissenschaftliche Transliteration ) gehört zur südslawischen Gruppe des slawischen Zweiges der indogermanischen Sprachen. Die bulgarische Sprache ist eine der ältesten dokumentierten slawischen Sprachen. Seit ca. 1000 Jahren existiert das Bulgarische als Schrift-, Amts-, Sakral- und Literatursprache. Genauso alt ist die Geschichte der bulgarischen Literatur. Das mittelalterliche Bulgarische Reich beeinflusste die slawischen Kulturen maßgeblich durch die Entwicklung der kyrillischen Schrift am Hofe der bulgarischen Zaren und die Gründung des Bulgarischen Patriarchats. Die bulgarische Sprache und Literatur hatten im Mittelalter somit überregionale Bedeutung im Rahmen des christlich-orthodoxen Kulturgebiets.
Gemeinsam mit der mazedonischen Sprache, mit der sie in einem Dialektkontinuum steht, bildet sie heute innerhalb der südslawischen Gruppe die Untergruppe der ostsüdslawischen Sprachen.
Die bulgarische Sprache wird von rund 8 Millionen Menschen gesprochen; vor allem in Bulgarien , aber auch in anderen Staaten Südost- und Osteuropas, in Griechenland (1970: 20.000), Rumänien (1970: 13.000), Nordmazedonien, Moldau (2005: 40.000), Ukraine (2001: 205.000), Serbien (1991: 25.200), Belarus, der Slowakei (2001: 1.176)europa.eu und der Türkei (2001: 30.000, sogenannte Pomaken).
Geschichte und Merkmale mini|Simeon Laudatio geschrieben ins Altbulgarische
Die Anfänge des altbulgarischen und somit des slawischen Schriftentums sind im 9. Jahrhundert zu sehen. Die historische Entwicklung der bulgarischen Sprache kann in mehrere Perioden eingeteilt werden. Die meisten Sprachwissenschaftler sprechen von folgenden drei Perioden:
Altbulgarische Periode (9.–11. Jahrhundert) Die Periode der altbulgarischen Sprache umfasst die Zeit zwischen der Übernahme der slawischen Sprache als offizielle Sprache im Ersten Bulgarischen Reich und dessen Fall 1018 unter byzantinische Herrschaft. Einige Linguisten sehen jedoch den Anfang der Periode mit der Erschaffung des ersten slawischen Alphabets, der Glagoliza im Jahre 862 durch Kyrill Philosoph. In diese Periode des Goldenen Zeitalters der bulgarischen Kultur fällt auch die Entstehung des kyrillischen Alphabets am Hofe der bulgarischen Zaren in Preslaw. Ein weiteres Zentrum bildete Ohrid, (hier Sp. 1377: „… Die Schule von Ohrid hat einen Großteil der (alt-)bulgarischen Literatur hervorgebracht.“) das sich zu jener Zeit im westlichen Teil des bulgarischen Reiches befand und einen Großteil der altbulgarischen Literatur hervorbrachte.Schaller (Hrsg.): Die bulgarische Sprache in Vergangenheit und Gegenwart. Vom Altbulgarischen zur Sprache der Europäischen Union, S. 62–65
Das Altbulgarische wurde damit in den zwei Schriftformen des mittelalterlichen Bulgarischen Reiches überliefert, dem älteren glagolitischen und dem jüngeren kyrillischen Alphabet. Während die altbulgarischen Denkmäler wie die Bitola-Inschrift, Samuil-Inschrift, Mostisch-Inschrift sich datieren und inhaltlich klassifizieren lassen, sind die überlieferten Handschriften undatiert und können sich nur schwer klassifizieren. Zu den glagolitischen Handschriften des Altbulgarischen zählen zum Beispiel der Codex Zographensis, Codex Marianus, Glagolita Clozianus, Codex Assemanianus, Psalterium Sinaiticum, Euchologium Sinaiticum, zu den kyrillisch geschriebenen Sava-Evangelium oder der Codex Suprasliensis.
Wegen der Verbreitung der altbulgarischen Sprache und Kultur auf die anderen slawischen Völker spricht man von dem „Ersten Südslawischen Einfluss“. Dabei nahm das Altbulgarische bei der Christianisierung der Slawen eine zentrale Rolle ein und wurde zur Liturgiesprache, weswegen vor allem russische und jugoslawische SprachwissenschaftlerSchaller (Hrsg.): Die bulgarische Sprache in Vergangenheit und Gegenwart. Vom Altbulgarischen zur Sprache der Europäischen Union, S. 55–56 von der „altkirchenslawischen“ Sprache sprechen.
Mittelbulgarische Periode (12.–14. Jahrhundert) Die Periode der mittelbulgarischen Sprache umfasst die Zeit zwischen der Restaurierung des bulgarischen Reiches bis zu dessen Unterwerfung durch die osmanischen Türken. Die Sprache mit den durch die Tarnower Schule in der Orthographie von Tarnowo festgelegten grammatischen Regeln wurde zur Grundlage der weiteren sprachlichen Entwicklung in den Gebieten der heutigen Staaten Rumänien, Moldau und Serbien, Ukraine und Russland, so dass man von einem „Zweiten Südslawischen Einfluss“ auf diese Länder spricht. Die Sprache des Zweiten Bulgarischen Reichs wird auch heute immer noch in den slawischen orthodoxen Kirchen als Liturgiesprache genutzt, weswegen sie auch Kirchenslawisch genannt wird.
Vom Ende des 14. bis ins 16. Jahrhundert wurde Bulgarisch von den walachischen Fürsten als Kanzleisprache verwendet.
Neubulgarische Periode (seit dem 15. Jahrhundert) mini|Titelseite des Buches Bulgarische Volkslieder der Brüder Miladinow
Die neubulgarische Epoche wird zunächst durch die sogenannten Damaskini des 17. und 18. Jahrhunderts belegt. Dabei handelte es sich primär um die übersetzten griechischen Predigten des Damaskenos Studites, die mehrmals ins Bulgarische übertragen wurden und in denen sich auch die wichtigsten Merkmale fast aller neubulgarischen Mundarten wiederfinden.Nina Janich, Albrecht Greule: Sprachkulturen in Europa: ein internationales Handbuch. Gunter Narr Verlag, 2002, S. 28.
Während der Bulgarischen Nationalen Wiedergeburt eingetretene Veränderungen in der Entwicklung der bulgarischen Kultur und des Bildungswesens begründeten die Notwendigkeit einer weltlichen Bildung sowie einer in der Volkssprache geschriebenen Literatur. Im Diskurs suchten zunächst die »Traditionalisten«, darunter Georgi Rakowski, Christaki Pawlowitsch, Konstantin Fotinow oder Neofit Bosweli, die Verwendung der altbulgarischen Form und Syntax als Sprachgrundlage durchzusetzen.Roumen Daskalov: Bulgarian-Greek Dis/Entanglements In.: Tchavdar Marinov (Hrsg.), Rumen Daskalov (Hrsg.): Entangled Histories of the Balkans: National Ideologies and Language Policies, Band 1., Verlag Brill, 2013, S. 185–187, ISBN 978-90-04-25076-5 Ihr Versuch blieb jedoch erfolglos, und die Mehrheit wie Kiril Pejtschinowitsch setzte sich für die gesprochene Volkssprache als Grundlage ein. Lediglich bei der Dialektgrundlage der zu schaffenden bulgarischen Standardschriftsprache kam es zu Differenzen, wo Intellektuelle auch auf ihre lokale Sprachloyalität setzten. Einen Schritt in diese Richtung stellt das erste bulgarische Schulbuch dar: Die Fibel mit unterschiedlichen Belehrungen, die in den für die Heimatstadt des Autors typischen ostbulgarischen Dialekten geschrieben wurde, wurde von Petar Beron bereits 1824 in Kronstadt publiziert. Der Gelehrte Neofit Rilski verwendete zunächst die westbulgarischen Dialekte, versuchte jedoch in seiner Grammatik (1835), die ost- und westbulgarischen Dialekte zu vereinen. Jossif Kowatschew setzte sich für den zentralbulgarischen Dialekt ein, der als Bindeglied fungieren sollte.
Einer der ersten bulgarischen Philologen, Partenija Zografski, forderte 1858 in seinem Artikel Gedanken über die bulgarische Sprache () in der Zeitschrift Bulgarische Büchlein () als Vertreter des »mazedonischen Dialektes« (makedonskoto narečije), dass dieser als Hauptgrundlage der „allgemeinen Schriftsprache“ ausgewählt werden sollte, da dieser voller und reicher als die übrigen Dialekte sei.Vgl. Balgarski knischizi, Jahr 1858, 1. Ausgabe, Digitalisierte Ausgabe bei Wikimedia CommonsTorsten Szobries: Sprachliche Aspekte des nation-building in Mazedonien: die kommunistische Presse in Vardar-Mazedonien (1940–1943). Steiner, Stuttgart 1999. (Studien zur modernen Geschichte; 53.), Verlag: F. Steiner, 1999, S. 49ff, ISBN 978-3-515-07622-7 Das 1861 in Zagreb erschienene Werk Bulgarische Volkslieder der Förderer Brüder Miladinowi aus Struga basierte ebenfalls auf den westbulgarischen Dialekten. Petko Slawejkow plädierte wiederum in seiner Zeitung Makedonija in der Ausgabe vom 18. Januar 1871 für eine Schriftsprache auf polydialektaler Dialektbasis und warnte vor der Beschränkung der Sprache auf die Eigenschaften des Ostbulgarischen und wurde dabei von Kuzman Schapkarew und Najden Gerow unterstützt.Tchavdar Marinov: In Defense of the Native Tongue: The Standardization of the Macedonian Language and the Bulgarian-Macedonian Linguistic Controversies, In. Tchavdar Marinov (Hrsg.), Rumen Daskalov (Hrsg.): Entangled Histories of the Balkans – Volume One. с. 443, .
Und obwohl die Anfänge der bulgarischen Wiedergeburt in Makedonien liegen, spielten die Ostbulgaren bei der Herausbildung der Standardsprache eine führende Rolle.Nina Janich, Albrecht Greule: Sprachkulturen in Europa: ein internationales Handbuch. Gunter Narr Verlag, 2002, S. 29 Die Gründung und Förderung von weiterführenden und weltlichen Schulen in Ostbulgarien (so übertrugen Neofit Rilski, Najden Gerow und Botjo Petkow das weltliche Schulklassen-System, 1835 eröffnete die Gabrowo-Gesamtschule, 1850 die Klassen-Eparchie-Schule Kyrill und Method von Plowdiw, 1858 das Bolgrader Gymnasium) ebnete die Grundlage für diesen Einfluss. Hinzu kam die reichhaltige Publikationstätigkeit von talentierten Schriftstellern, Poeten und Journalisten wie Iwan Bogorow, Ljuben und Petko Karawelow oder Najden Gerow in den ostbulgarischen Dialekten; nach anfänglichem Überwiegen westbulgarischer Mundarten kam es zur allmählichen Dominanz der Ersteren, die durch die Herkunft der Publizisten bedingt war.Lexikon zur Geschichte Südosteuropas, S. 141 Auch wichtige Förderer wie Wassil Aprilow, Nikola Palausow betrachteten bei der Herausbildung der neubulgarischen Sprache die ostbulgarischen Dialekte als Grundlage der Herausbildung einer einheitlichen Schriftsprache.Claudia Weber: Auf der Suche nach der Nation: Erinnerungskultur in Bulgarien von 1878–1944. LIT Verlag, Berlin/Hamburg/Münster 2006, ISBN 3-8258-7736-1, S. 39–46. Die Schul-, Kirchen- und Begabtenförderung in russischen Hochschulen und Universitäten durch in Odessa lebende Kaufleute und die Nähe der ostbulgarischen Dialekte zum Russischen ebneten dem kulturellen Einfluss Russlands auf die Bulgaren und die bulgarische Sprache den Weg. Vor allem aber wandte sich Marin Drinow, der nach der Befreiung Bulgariens an der nach ihm benannten Rechtschreibung maßgeblich beteiligt war, gegen die Verwendung der westbulgarischen Dialekte oder eine Schriftsprache auf polydialektaler Dialektbasis. Erst 1899, mehr als 20 Jahre nach der Befreiung wurde eine durch Bildungsminister Todor Iwantschow initiierte Vereinheitlichung der bulgarischen Orthographie (auch »Iwantschow-Rechtschreibung«, genannt) erste offizielle bulgarische Rechtschreibnorm eingeführt.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts gewann dennoch das Westbulgarische einen stärkeren Einfluss auf die Sprache.
Das Bulgarische darf nicht mit dem Urbolgarischen verwechselt werden, das eine Turksprache (nach anderen Theorien eine nordostiranische Sprache) war. Heute gibt es jedoch immer noch einige Wörter in der neubulgarischen Sprache, die dem Protobulgarischen entstammen, wie z. B. („Stock“) oder („Vater“). Außerdem gibt es einige wenige Wörter, die dem thrakischen Substrat entstammen wie katerja se („klettern“) von thrakisch katerdass und kacna, kacvam („sich niederlassen“).Ivan Duridanov: Die Rolle der Paläobalkanistik für die Südosteuropa-Linguistik. In: Die Südosteuropa-Wissenschaften im neuen Jahrhundert. Akten der Tagung vom 16.–19. Oktober 1999 an der Universität Leipzig. Hrsg. von Uwe Hinrichs und Uwe Büttner. Harrassowitz, Wiesbaden 2000, S. 26/27 books.google.de.
Dialekte