mini|hochkant|Sofja Kowalewskaja um 1880 Sofja Wassiljewna Kowalewskaja (, wiss. Transliteration ; * in Moskau; † in Stockholm) war eine russische Mathematikerin. Im Jahr 1884 wurde sie an der Universität Stockholm die weltweit erste Professorin für Mathematik, die selbst Vorlesungen hielt. Kowalewskaja leistete nicht nur in der Mathematik Bedeutendes, sondern hatte auch mit ihren 1889 erstmals erschienenen Kindheitserinnerungen großen Erfolg. Politisch war sie ebenfalls aktiv und setzte sich für das Recht aller Frauen auf Ausbildung ein.
Sie ist bekannt für Arbeiten in der Mechanik (Kreiseltheorie) und zu partiellen Differentialgleichungen (Satz von Cauchy-Kowalewskaja).
Namensvarianten Zu Sofja Kowalewskaja gibt es viele verschiedene Namensversionen: In englischen Arbeiten heißt sie meistens Sofia Kovalevskaia oder Sofya Kovalevskaya. Weil in den westeuropäischen Ländern weitgehend unbekannt war, dass es in den slawischen Ländern auch eine weibliche Form des Nachnamens gibt, wird sie in Westeuropa bis heute häufig unter dem Namen ihres Mannes Kowalewski (auch Kowalewsky oder Kovalewsky) geführt; ihr Vorname wurde in Deutschland zumeist zu Sonja, in Frankreich zu Sophie. Ihre in deutscher Sprache verfasste Dissertation veröffentlichte sie unter dem Namen Sophie von Kowalevsky geb. von Korvin-Krukovskoy.
Leben Geboren wurde Kowalewskaja als zweite Tochter von Elisabeth Fjodorowna Schubert (1820–1879) und General Wassili Wassiljewitsch Krukowski (1800–1874, auch Korwin-Krukowski). Ihre Mutter war eine gebildete Frau, die den zwanzig Jahre älteren Artillerieoffizier der Kaiserlich Russischen Armee und Gutsbesitzer geheiratet hatte, um ihrem Elternhaus zu entfliehen. Sie war die Tochter des deutschstämmigen Offiziers in russischen Diensten, Militärkartografen und Geodäten Friedrich Schubert (* 1789 in Sankt Petersburg; † 1865), und dieser wiederum der Sohn von Friedrich Theodor von Schubert.
Familie von Sofja Kowalewskaja und ihrer Tochter Sofja Kowalewskaja
Wie damals in Russland in ihrer Schicht üblich, wurde Sofja direkt nach der Geburt in die Obhut einer Kinderfrau gegeben, die sich um ihre Erziehung kümmerte. Ihre Eltern sah sie nur zu den Mahlzeiten, und auch mit ihren Geschwistern hatte sie aufgrund des Altersunterschiedes (ihre Schwester Anna Corwin-Krukowski (1844–1887)Geburtsdatum nach Pelageya Kochina, Love and Mathematics. S. 15. war sechs Jahre älter, ihr Bruder Fjodor fünf Jahre jünger) in der Kindheit nicht viel Kontakt. Anna wurde aber später ihre engste Vertraute – ihr verdankt sie den Kontakt mit einer intellektuellen Jugendbewegung, den sogenannten Nihilisten, die auch für die Befreiung der Frau kämpften und Sofja schließlich ihren Traum vom Studium im Ausland erfüllen halfen.
Als Sofja etwa acht Jahre alt war, nahm ihr Vater seinen Abschied von der Armee und zog mit der Familie auf das Landgut Palibino (heute in der Oblast Pskow). Dort bekam sie auch eine neue Gouvernante: Miss Smith aus England, eine resolute Frau, die von nun an für Sofjas Erziehung und Ausbildung verantwortlich war.
Der Weg zur Mathematik Sofjas Interesse für Mathematik entstand unter anderem durch mathematische Dokumente in ihrer häuslichen Umgebung. Als das Gut Palibino renoviert wurde, reichte die Tapete für das Kinderzimmer nicht mehr aus. Daher wurden die Wände dieses Zimmers mit Papier beklebt, das man auf dem Dachboden des Hauses gefunden hatte. So wurden die Wände von Sofjas Zimmer mit dem Skript einer Vorlesung von Michail OstrogradskiSonja Kowalewsky, Erinnerungen an meiner Kindheit, Kiepenheuer, Weimar, 1960, S. 81. über Differential- und Integralrechnung, die ihr Vater in seiner Jugend gehört hatte, tapeziert. Mit diesen Skripten beschäftigte sie sich intensiv.
Gefördert wurde ihr Interesse an der Mathematik besonders durch einen ihrer Onkel väterlicherseits, der gerne las und darüber sprach. Er hatte sich als Nichtmathematiker autodidaktisch Fachwissen angeeignet. Sofja hörte ihm bei seinen mathematischen Ausführungen zu und entwickelte Interesse dafür. So hörte sie zum ersten Mal von der „Quadratur des Kreises“ und von Asymptoten, „auf die eine Kurve beständig zuläuft, um sie doch erst im Unendlichen zu berühren“.
Der elementare mathematische Unterricht, den sie bei ihrem polnischen Hauslehrer erhielt, erschien ihr daher zunächst langweilig. Als ihr Interesse an Algebra und Geometrie schließlich zunahm, verbot ihr Vater ihr den Mathematikunterricht. Sie ging weiterhin heimlich ihrem Interesse nach.
Mit fünfzehn Jahren las sie in einem Physikbuch, das ein Nachbar, Professor Tyrtow, geschrieben hatte. Die trigonometrischen Formeln im Kapitel Optik interpretierte und erfasste sie selbstständig. Nach ihrer Erläuterung der Interpretation zum Sinus dem Verfasser gegenüber setzte sich dieser dafür ein, dass Sofja Unterricht in höherer Mathematik bekommen sollte.
So konnte sich Sofja schließlich gegen ihren Vater durchsetzen und erhielt Unterricht bei Professor Strannolubski in Sankt Petersburg. Dort traf sie auch Dostojewski, für den sie eine schwärmerische Neigung empfand, wie sie in ihren Memoiren schrieb. Dostojewski fühlte sich aber zu ihrer Schwester Anna hingezogen. Anna hatte in der Zeitschrift von Dostojewski ihre erste Erzählung veröffentlicht und besuchte ihn in Sankt Petersburg.
Zu dieser Zeit durften Frauen in Russland weder studieren noch als Gasthörerinnen an Vorlesungen teilnehmen. Viele planten deshalb ein Studium im als fortschrittlich geltenden Westen. Gesellschaftlich und politisch war Russland im europäischen Vergleich relativ rückständig. Daher herrschten bei vielen jungen Frauen überzogene Vorstellungen von der Gleichberechtigung der Frauen im Westen. Viele Russinnen, die deshalb ihr Heimatland verließen, sahen sich dann im Westen in die Rolle von Vorreiterinnen gedrängt.
Studium Eine Reise nach Westeuropa war nicht einfach, denn russische Frauen besaßen zu dieser Zeit keinen eigenen Reisepass. Eine Auslandsreise war ihnen nur in Begleitung des Vaters oder eines Ehemanns möglich, in dessen Pass sie eingetragen wurden. Da Sofja Kowalewskaja unbedingt Mathematik und Naturwissenschaften studieren wollte, setzte sie sich gegen den Willen ihres Vaters durch und ging im September 1868 mit dem Studenten Wladimir Onufrijewitsch Kowalewski (1842–1883), einem Anhänger der Nihilisten, eine Scheinehe ein. Im April 1869 reisten beide nach Wien, wo Kowalewski Geologie studieren wollte. Er wurde später ein bekannter Paläontologe.
Die Ehe war als reine Zweckehe gedacht, doch im Laufe ihres Lebens gab es immer wieder Zeiten, in denen Kowalewskaja mit ihrem Mann zusammen wohnte und lebte; diese wechselten mit Zeiten, in denen die Eheleute getrennt lebten oder sogar an Scheidung dachten.
Kowalewskaja erhielt zwar an der Universität Wien vom Physikprofessor Lange (wahrscheinlich ist Viktor von Lang gemeint) die Genehmigung, an seinen Vorlesungen teilzunehmen.Brief von S. V. Kovalevskaja an Ju.V. Lermontova, Heidelberg 1869. In: Historia Mathematica Heidelbergensis. Allerdings war ihr Wien zu teuer, und sie hielt die Mathematik dort für schlecht. Daher beschloss sie, nach Heidelberg zu gehen. Hier musste sie feststellen, dass Frauen eine Immatrikulation nicht gestattet war. Erst nach persönlichen Gesprächen mit einzelnen Professoren der Mathematik und Physik konnte sie schließlich ihr Studium an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg zum Sommersemester 1869 aufnehmen – wenn auch nur als Gasthörerin. Sie hörte Mathematik bei Paul du Bois-Reymond und Leo Koenigsberger, Physik bei Hermann von Helmholtz und Gustav Kirchhoff und Chemie bei Robert Wilhelm Bunsen. Zusammen mit ihrer Schwester Anna und ihrem Mann wohnte Kowalewskaja während der Heidelberger Studienjahre in der Unteren Straße der Heidelberger Altstadt.Universität Heidelberg (Hrsg.): Sofja Kovalevskaja – die weltweit erste Mathematik-Professorin. Die Russin war die erste Hörerin an der Universität Heidelberg. In: HAIlife. Heidelberg Alumni International, Magazin 2012, S. 32–33, mit 2 historischen Aufnahmen.
Zum Wintersemester 1870 wechselte Sofja Kowalewskaja auf Anraten von Professor Koenigsberger nach Berlin zu Karl Weierstraß, einem der bedeutendsten Mathematiker der damaligen Zeit.
Promotion und Berufstätigkeit Trotz guter Empfehlungsschreiben ihrer Heidelberger Professoren prüfte Weierstraß sie zunächst, indem er ihr eine schwere Aufgabe stellte. Eine Woche später zeigte sie ihm ihre Lösung, von der er so beeindruckt war, dass er sich von nun an für Kowalewskaja einsetzte. Doch gegen die konservative Verwaltung konnte auch er nichts ausrichten. So bot er ihr schließlich Privatstunden an.
Vier Jahre lang studierte sie in Berlin. Einmal in der Woche besuchte ihr Lehrer sie in ihrer kleinen Wohnung, am Sonntag besuchte sie ihn. So entstand ein enges Verhältnis zwischen den beiden, das wohl weit über eine normale Lehrer-Schüler-Beziehung hinausging.
Dazwischen war Sofja Kowalewskaja von April bis Mai 1871 mit ihrem Mann in Paris, da sie sich um ihre Schwester Anna sorgte, die mit ihrem Mann Victor Jaclard, einem Offizier der Nationalgarde, aktiv auf Seiten der Aufständischen in der Pariser Kommune war. Nach der Niederschlagung der Kommune eilten sie wieder nach Paris. Ihre Schwester hatte zwar aus Paris fliehen können, doch deren Mann war dort inhaftiert. Dieser konnte schließlich auch entkommen oder wurde (nach anderen Berichten) auf Intervention ihres Vaters General Corwin-Krukowski, den die Schwestern dafür einspannten, bei Adolphe Thiers befreit.Pelageya Kochina, Love and Mathematics, MIR, Moskau, S. 70. In der Zeit in Paris versorgte Kowalewskaja auch Verwundete im Hospital, nahm aber nicht aktiv am Aufstand teil.Pelageya Kochina, loc. cit., S. 244.
Nachdem Kowalewskaja ihren Lehrer Weierstraß vom unkonventionellen Charakter ihrer Ehe unterrichtet hatte, unterstützte er sie bei ihrer Dissertation, an der sie ab November 1872 arbeitete – überwiegend in ihrer kleinen Wohnung, manchmal bis zu sechzehn Stunden am Tag. Sie verließ das Haus nur selten und schien kein Interesse mehr für irgendetwas anderes als die Mathematik zu haben. So fertigte sie bis zum Sommer 1874 drei Arbeiten an, die sie als Doktorarbeit einreichen konnte.
Komplizierter als die Anfertigung der Arbeiten selbst gestaltete sich die Suche nach einer Universität, an der Kowalewskaja promoviert werden konnte. Schließlich entschied sich Weierstraß für die Universität Göttingen. Obwohl er selbst das Frauenstudium nicht unterstützte, setzte er sich für Kowalewskaja ein und erreichte letztlich, dass sie in absentia (ohne mündliche Prüfungen) promovieren konnte.
Ernst Schering, der ihre Arbeiten (Theorie der partiellen Differentialgleichungen, Gestalt der Saturnringe und Klassen abelscher Integrale) begutachtete, stellte fest, dass alle drei mit viel Sachkenntnis und Fleiß erstellt wurden und schon eine von ihnen für die Doktorwürde ausreichen würde. Im August 1874 erhielt sie ihren Titel summa cum laude. Sie war die zweite Frau, der von der Universität Göttingen ein akademischer Grad verliehen wurde.
Nach ihrer Promotion reiste Kowalewskaja nach Hause. Sie wollte in Russland unterrichten, hätte aber dafür ein russisches Magisterexamen machen müssen. Da sie als Frau nicht zur Universität zugelassen wurde, konnte sie auch keine Prüfung ablegen. Die einzige Möglichkeit zu unterrichten wäre in den unteren Klassen von Mädchenschulen gewesen.
Nicht nur aus diesem Grund wendete sie sich von der Mathematik ab. Sie versuchte nun, ein den Konventionen entsprechendes Leben zu führen, und lebte wieder mit ihrem Ehemann zusammen. Um finanziell unabhängig zu werden, verstrickte sie sich mit ihrem Mann in riskante Grundstücksspekulationen, welche die Familie an den Rand des Ruins brachten. Am 17. Oktober 1878 brachte sie eine Tochter zur Welt, die auch auf den Namen Sofja getauft, aber allgemein Fufa gerufen wurde.