Objektivität (von , dem Partizip Perfekt Passiv von obicere: das Entgegengeworfene, der Vorwurf oder der Gegenwurf) bezeichnet die Unabhängigkeit der Beurteilung oder Beschreibung einer Sache, eines Ereignisses oder eines Sachverhalts vom Beobachter beziehungsweise vom Subjekt. Die Möglichkeit eines neutralen Standpunktes, der absolute Objektivität ermöglicht, wird verneint.Zweifel und Gewissheit: Skeptische Debatten im Mittelalter, S. 158. Objektivität ist ein Ideal der Philosophie und der Wissenschaften. Da man davon ausgeht, dass jede Sichtweise subjektiv ist, werden wissenschaftliche Ergebnisse an bestimmten, anerkannten Methoden und Standards des Forschens gemessen.

Begriffsgeschichte Der Begriff der Objektivität unterliegt wie alle philosophischen Begriffe einem historisch schwankenden Sprachgebrauch. Als im 14. Jahrhundert bei Philosophen wie Duns Scotus und Wilhelm von Ockham die Eigenschaft „objektiv“ auftauchte, stand das »esse objektive« – für die Beurteilung eines Gegenstandes oder Sachverhaltes, die sich aus den praktischen und kulturell erworbenen Kenntnissen eines Menschen ergab. In diesem Sinne galt »esse objektive« als gesicherte Aussage über Fakten.Kurt Flasch: Das philosophische Denken im Mittelalter. Stuttgart 1986, S. 433, 449. Damit war damals aber gerade keine standpunktlose allgemeingültige Erkenntnis der Dinge gemeint.

Der Beginn des modernen Sprachgebrauchs von „Objektivität“ wird der Aufklärungsphilosophie zugerechnet. Mit Kants Transzendentalphilosophie wurde Objektivität zum ersten Leitprinzip der Philosophie und der Wissenschaften überhaupt. „Objektiv“ war für Kant das, was der Verstand in der Erfahrung mit Hilfe der Kategorien nach bestimmten Methoden und allgemeinen Grundsätzen erkannte. Mit Kants Analyse („Kritik“) der „reinen Vernunft“ wurden Philosophen und Wissenschaftler in ihrem Wunsch bestärkt, dass objektive Erkenntnisse erreichbar seien.

Im modernen wissenschaftlichen Gebrauch zielt Objektivität auf die Beachtung gesellschaftlicher Konventionen und Normen des Wissens, die eine intersubjektive und beharrliche Reproduzierbarkeit von Erkenntnissen zum Kriterium der Objektivität machen.

Historische Positionen Die Brisanz des Begriffes nahm mit den Erkenntnistheorien der Aufklärungszeit zu. Einige Philosophen gingen davon aus, dass sie Fundamente für Objektivität legen können, indem sie „mentale Prozesse oder die Aktivität des Vorstellens oder Darstellens“ bei Menschen untersuchten.Richard Rorty: Der Spiegel der Natur. Frankfurt am Main, 6. Auflage, 2008, S. 13f. Andere beschränkten sich darauf festzustellen, dass Menschen aus sinnlichen Reizerlebnissen das konstituieren, was sie glauben zu wissen. Wie dies geschähe, könne im Einzelnen nicht beobachtet werden.Johannes Hirschberger: Geschichte der Philosophie. Band II, S. 226f.

Frühe Neuzeit Spätestens das Ereignis der Reformation (1517) hatte für viele erlebbar eine, bis dahin dominante, Sicherheit und Einheit von Glauben und Wissen in Frage gestellt. Diese schon im 13. Jahrhundert durch Philosophen und Theologen sowie durch Juristen und Mediziner eingeleitete Ernüchterung hatte weitreichende Folgen. Philosophen – damals auch ein Sammelbegriff für Geistes- und Naturwissenschaftler – konnten sich für die Zuverlässigkeit ihrer Forschungsergebnisse, nicht mehr unbestritten auf die scholastische Metaphysik, die überlieferte Autorität renommierter Gelehrter bzw. auf Gott als Garanten berufen.Kurt Flasch: Das philosophische Denken im Mittelalter. Reclam, Stuttgart 1986, S. 246–254, 559, 563–567.

Francis Bacon hatte 1620 mit seinem Novum Organum scientiarum („Neues Werkzeug der Kenntnisse“) für die Wissenschaften gefordert, dass sie im Unterschied zur herkömmlichen Praxis frei von scholastisch-dogmatischen Prinzipien des Denkens bzw. der Vernunft vorangehen und dass ihre Forschungsergebnisse experimentell nachprüfbar sein sollten.Franz Bacon: Neues Organon. Berlin 1870, S. 73–81 (bei zeno.org).

René Descartes René Descartes folgte mit Ideen für wissenschaftliche Methoden (Discours de la méthode, 1637) und deren Begründung durch seine Erkenntnistheorie (Meditationes de prima philosophia, 1641). Wenn Gelehrte sich an seinen Methoden und seiner Erkenntnistheorie orientierten, sollte Objektivität i. S. von ‚so ist die Welt beschaffen‘ möglich sein. Descartes behauptete dazu eine grundlegende Zweiteilung der Welt in „etwas, das ausgedehnt ist“ (res extensa) und „etwas, das denkt“ (res cogitans). Das Denken, genauer der Verstand verarbeite Repräsentationen des ‚Ausgedehnten‘, die ihm über die Sinne direkt zugänglich seien, mit Hilfe „apriorischer Ideen“ (‚ideae innatae‘).Zu Descartes Zeiten war noch nicht bekannt, dass Sinnesreize als elektrische Impulse ins Gehirn weitergeleitet und dort auf weitgehend noch unbekannte Weise in menschliche Wahrnehmungen umgewandelt werden. Diese ‚apriorischen Ideen‘ erkenne der Mensch ‚klar und deutlich‘. Objektivität ergab sich so für ihn aus dem selbstgewissen Denken, bzw. aus dem Vermögen, diese ‚ideae innatae‘ auf das Ausgedehnte anzuwenden.Descartes bezeichnete diesen Vorgang auch als Intuition. „Unter Intuition verstehe ich … ein so müheloses und deutlich bestimmtes Begreifen des reinen und aufmerksamen Geistes, dass über das, was wir erkennen, gar kein Zweifel zurückbleibt …“ Springmeyer, Gäbe, Zekl und René Descartes: Regeln zur Ausrichtung der Erkenntniskraft. Meiner, Hamburg 1973, S. 17f. Philosophen entwickelten in den folgenden Jahrhunderten unter den Bezeichnungen ‚Erkenntnistheorie‘ bzw. ‚Epistemologie‘ variierende Antworten auf die Probleme, die der Cartesianische Vorschlag aufwarf.Erkenntnistheorie Descartes

John Locke John Locke trat in seinem Hauptwerk Ein Versuch über den menschlichen Verstand Descartes Behauptung, dass wissenschaftliche Objektivität sich durch Denken bzw. Vernunft allein begründen ließe, entgegen. Apriorische Ideen seien sowohl unerkennbar als auch für den Erwerb von Wissen unnötig. Das menschliche Bewusstsein sei bei der Geburt wie ein weißes Blatt Papier (Tabula rasa), auf das die Erfahrung erst schreibe. Ausgangspunkt jeder Erkenntnis sei die sinnliche Wahrnehmung, bzw. die Erfahrung, die auch für einfache Ideen sorge, die anlässlich sinnlicher Ereignisse abstrahiert werden. Dieses Verfahren wird auch Induktion genannt. Die Auffassungen Lockes werden auch als sensualistisch bezeichnet. Die Erkenntnis entstehe daher aus der Erfahrung, der Abstraktion einfacher Ideen und dem Vermögen der Vernunft, Wahrnehmungen zu Abbildern, komplexen Ideen und Begriffen zu verarbeiten. Objektivität ließ sich so nicht begründen. Wissenschaftler, so Locke, sollten stattdessen Hypothesen als Leitgedanken ihrer Forschung bilden und benutzen. Objektivität gäbe es nur in den abstrakten Wissenschaften, wie der Mathematik, wo sinnliche Phänomene keine Rolle spielten.Passend zu seinem empirischen Philosophieren verwendete er für sein Hauptwerk folgendes Zitat Ciceros als Motto: „Wie schön ist es, lieber sein Nichtwissen einzugestehen, als dergleichen herauszuschwätzen und sich selbst zu missfallen.“– Locke empfahl als Mittel für das Gespräch mit anderen Philosophen: „Wenn Philosophen das, was sie unterstellen, zum Maßstab für die Behauptungen anderer machen, … dann muss man sich das ansehen, was sie unterstellen.“ Of seeing all things in God. An Examination of P. Malebranche’s Opinion (1693). Section 1. – John Lockes Erkenntnistheorie

Berkeley und Hume George Berkeley und David Hume hielten Objektivität für unerreichbar. Das was Menschen körperlich wahrnehmen (‚perzipieren‘) und ausschließlich Gegenstand des Denkens ist, ließe sich mit der ‚ausgedehnten Welt‘ nicht abgleichen.Wie es zu der Überzeugung von einer konstanten Außenwelt kommt. Von diesen beiden Aufklärern wurde kein eigentlicher, erkenntnistheoretischer Beitrag geleistet. Sie beschäftigten sich mit epistemologischen Themen. Beide verwarfen die Behauptung Lockes, dass „einfache Vorstellungen“ abstrahiert werden können, als reine Spekulation.Berkeley schrieb die Behauptung, dass Menschen angeblich abstrahieren können, einem irrtümlichen Gebrauch von Wörtern zu. Vgl. Günter Gawlick, Lothar Kreimendahl, George Berkeley: Eine Abhandlung über die Prinzipien menschlicher Erkenntnis. Reclam, Stuttgart 2005, § 6ff. Aufgerufen September 2014. Beide gingen davon aus, dass Menschen nur Vorstellungen (‚perceptions‘) haben, die durch Sinnesreize und Veränderungen der Organlagen (‚sensations‘) hervorgerufen werden. Diese Vorstellungen werden nach einfachen Prinzipien der menschlichen Natur zu komplexen Vorstellungen verbunden und daraus Schlussfolgerungen (Wissen) gezogen. Diese Art „Wissen“ betrachteten sie stets als vorläufig und irrtumsträchtig. Hume empfahl daher den Gelehrten seine moderate skeptische Methode: „Ich beginne mit klaren und sich aus der Sache ergebenden Grundannahmen, gehe behutsam und jeden Schritt sichernd weiter, überdenke immer wieder meine Schlussfolgerungen und prüfe die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen sehr genau. … ich halte dies für die einzige Methode, durch die ich hoffen kann, Zutreffendes herauszufinden und einigermaßen dauerhafte und begründete Aussagen machen zu können.“David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. XII,4. – Humes Erkenntnistheorie

Alexander Baumgarten Die Mehrheit der deutschen Aufklärungsphilosophen behauptete, dass Objektivität durch exaktes Definieren von Begriffen aus apriorischen Ideen möglich sei. Alexander Gottlieb Baumgarten, ein Schüler Christian Wolffs schlug vor, den Begriff „Objektivität“ nicht mehr – wie Descartes – als mentale Eigenschaft des Erkennenden zu verwenden. Der Begriff 'Objektivität’ sollte stattdessen als eine vom Erkennenden unabhängige Eigenschaft von Ereignissen, Aussagen oder Einstellungen sein, der mit „Wahrheit“ bedeutungsgleich wurde.Christian Thiel: Objektivität. 1984, S. 1052 f. Unter ‚Begriffen‘ verstand Baumgarten Sachen, die körperlich nicht wahrnehmbar sind. Er definierte jeden Begriff und setzte definierte Begriffe in Beziehung zueinander. Auf diese Weise entstand – wie in der Mathematik – ein geschlossenes System, das widerspruchsfrei und in diesem Sinne objektiv war. Es sollte widerspruchsfreie, d. h. objektive Aussagen über Ereignisse und sinnliche Gegenstände ermöglichen.Per Definition sind immer die Aussagen wahr, denen nicht widersprochen werden kann, bzw. die keinen Widerspruch enthalten. Vgl. zur Metaphysik Baumgartens: Johann August Eberhard, Georg Friedrich Meier: Alexander Gottlieb Baumgartens Metaphysik. Halle 1766, Neue vermehrte Auflage 1783. Datenbank der Uni Greifswald. Aufgerufen September 2014. Baumgartens „Metaphysik“ wurde im 18. Jahrhundert als die am weitesten verbreitete Textgrundlage philosophischer Vorlesungen an deutschen Universitäten von Philosophieprofessoren benutzt. Kant verwendete sie fast vierzig Jahre lang als Grundlage für seine Vorlesungen über Metaphysik, Anthropologie und Religion.Auf eingefügten leeren Seiten von Kants persönlicher Kopie der Kritik der reinen Vernunft finden sich viele vorbereitende Notizen anhand von Baumgartens Text. Vgl. Lothar Kreimendahl, Günter Gawlick, Alexander Gottlieb Baumgarten: Metaphysik/Metaphysica. Forschungen und Materialien zur deutschen Aufklärung. Abteilung I: Texte zur Philosophie der deutschen Aufklärung. Stuttgart 2010. Abstract.

Kant