Die Emscher (plattdeutsch Iämscher) ist ein etwas über 83 Kilometer langer, östlicher und rechter Nebenfluss des Rheins im Ruhrgebiet in Nordrhein-Westfalen. Vom Ende des neunzehnten bis weit ins zwanzigste Jahrhundert war sie der schmutzigste Fluss Deutschlands, da sie als Cloaca Maxima vorrangig zum Abtransport nicht nur häuslicher, sondern auch industrieller Abwässer in den Rhein missbraucht wurde. Letztere waren aufgrund der zahlreichen Zechen und Kokereien hochgradig toxisch belastet, unter anderem mit zahlreichen krebserzeugenden Stoffen.Lutz Budrass, Eva-Maria Roelevink: Die Macht der Entwässerung. Die Emschergenossenschaft und die Erfindung des Ruhrgebiets. transcript, Bielefeld 2024, ISBN 978-3-8394-7431-0.

Die Emscher und ihr Einzugsgebiet waren 2010 und 2011 Flusslandschaft des Jahres.

Name Im ältesten erhaltenen Schriftstück wurde die Emscher im 10. Jahrhundert Embisccara genannt. Der Name ist keltischer Herkunft und war vermutlich ursprünglich ein Ethnonym. Der erste Namensbestandteil stammt wohl von der keltischen Wurzel ambi- mit der Bedeutung 'um, herum'. Der zweite Bestandteil war vielleicht der ursprüngliche Flussname, also etwa *Skaria oder *Iskara. Demzufolge wäre der Name mit 'die um die Skaria/Iskara Wohnenden' zu übersetzen.

Geographie Verlauf miniatur|hochkant|links|Quellteich in Holzwickede miniatur|hochkant|links|Ehemalige Mündung bei Dinslaken miniatur|hochkant|links|Die Mündung, alt und neu

Die Emscher entspringt südöstlich von Dortmund bei Holzwickede (Kreis Unna) am Haarstrang auf etwa in einem Quellteich, in den zusätzlich mehrere kleine Rinnsale münden.

In ihrem Oberlauf durchfließt die Emscher – nur durch den Höhenzug Haarstrang beziehungsweise das Ardeygebirge vom Ruhrtal getrennt – den Südosten Dortmunds und wendet sich dann nach Nordwesten. Im nördlichen Castrop-Rauxel unterquert sie den Rhein-Herne-Kanal im Emscher-Durchlass mit zwei Durchlässen nebeneinander unter dem Kanalbett. Danach fließt sie bis Oberhausen fast durchgehend parallel zu diesem Kanal in westliche Richtung. In Oberhausen knickt der Fluss nach Nordwesten ab und fließt dann bis zu seiner heutigen Mündung in den Rhein in Voerde bei Dinslaken-Eppinghoven.

Sie hat dort eine durchschnittliche Abflussmenge von 16 m³/s. Beim Bau des Kanals nutzte man die Geografie des Emschertals. Die Emscher fließt durch Gebiete von Dortmund, Castrop-Rauxel, Recklinghausen, Herten, Herne, Gelsenkirchen, Essen, Bottrop, Oberhausen, Duisburg, Dinslaken und Voerde.

Ihr etwa 83,1 km langer Lauf endet circa 129 Höhenmeter unterhalb ihrer Quelle; sie hat ein mittleres Sohlgefälle von 1,6 ‰.

Die Emscher hat ein Einzugsgebiet von 858 km².

Nebenflüsse

Nachfolgend sind alle Nebenflüsse der Emscher ab 8 km² Einzugsgebiet aufgelistet:

(Zur besseren Übersicht bzw. zur Sortierung flussabwärts sind in die DGKZ-Ziffern nach der 2772 – Emscher – Bindestriche eingefügt.)

Name Lage Länge[km] Einzugsgebiet[km²] MQ[l/s] Emscher-km(vor Mündung) Orte am Fluss(*: Quellort) Mündungsort(bei) DGKZ Hörder Bach links 6,2 12,2 145 72,0 *DO-Berghofen DO-Hörde 2772-12 Schondelle links 6,2 11,8 133 69,6 *DO-Wellinghofen, DO-Lücklemberg DO-Brünninghausen 2772-14 Rüpingsbach links 8,0 36,7 440 66,8 *Witten-Annen, DO-Hombruch DO-Schönau 2772-16 Roßbach (Schmechtingsbach) links 7,6 30,9 390 62,1 DO-Kley, DO-Marten DO-Wischlingen 2772-2 Evinger Bach rechts 1,5 8,0 100 61,7 *DO-Fredenbaumpark DO-Huckarde 2772-312 Nettebach links 7,5 16,8 194 58,9 *DO-Kirchlinde DO-Nette 2772-32 Herdicksbach rechts 7,5 9,9 118 50,5 *Süden Waltrops Osten Castrop-Rauxel-Henrichenburgs 2772-336 Landwehrbach links 6,4 44,2 516 42,4 *Castrop Herne-Horsthausen 2772-34 Hellbach rechts 6,7 20,4 240 40,5 *Recklinghausen RE-Süd 2772-36 Ostbach links 6,9 12,4 138 40,1 *BO-Gerthe HER-Baukau 2772-372 Holzbach rechts 7,4 30,3 367 34,8 *Herten-Westerholt GE-Resser Mark 2772-392 Hüller Bach links 17,2 80,9 829 34,0 *BO-Weitmar, BO-Hamme GE-Bismarck 2772-4 Börnchenbach rechts 5,3 9,0   33,4 *Osten GE-Buer GE-Erle 2772-52 Sellmannsbach links 2,8 11,1 84 31,0 GE-Bismarck GE-Schalke-Nord 2772-54 Lanferbach rechts 4,1 9,9 117 28,9 *Südwesten GE-Buers GE-Horst 2772-56 Schwarzbach links 13,1 49,0 610 26,7 *E-Frillendorf, E-Schonnebeck GE-Heßler 2772-58 Boye rechts 13,8 74,4 869 24,3 Südwesten BOT-Kirchhellens, Grenze BOT/Gladbeck Grenze BOT-Welheim/E-Karnap 2772-6 Berne links 8,6 62,1 817 20,7 *Essen, E-Altenessen, Bottrop-Ebel Bottrop-Ebel 2772-8 Läppkes Mühlenbach links 3,0 8,8 98 17,3 Oberhausen-Ost OB-Borbeck 2772-916 Handbach rechts 5,4 23,5 172 10.7 *OB-Walsumermark OB-Schwarze Heide 2772-96

Die Altarme Kleine Emscher (277134; 10,3 km; 35,0 km²) und Alte Emscher (277132, 7,8 km, 29,2 km²), die durch die Verlegung der Emschermündung nach Norden entstanden sind, fließen direkt in den Rhein und sind damit nicht mehr Teile des Flusssystems der Emscher.

Flussbett miniatur|Typisches Warnschild Das kanalisierte Flussbett der Emscher birgt durch seine abgeschrägten, sehr glatten und glitschigen Betonwände ein hohes Gefahrenpotential für Menschen, die ins Flussbett gelangen. Trotz Einzäunung und Ausschilderung hat die kanalisierte Emscher daher schon viele Menschenleben gekostet. So ertrank 1983 der Schriftsteller Michael Holzach in der Emscher, als er seinen Hund retten wollte.

miniatur|Emscher mit Hochspannungsleitungen Der Verlauf der Emscher dient als Trasse für einige Energieleitungen. Im Bild sieht man Hochspannungsleitungen, die Steinkohlenkraftwerke (im Hintergrund das Steag-Kraftwerk in Herne) und Verbraucher verbinden. Auf dem linken Ufer verlaufen die olivgrünen Rohre der Fernwärmeschiene Ruhr, in die Kraftwerke 110 bis 180 °C heißes Wasser einspeisen und damit die Übergabepunkte zu den städtischen Fernwärmeversorgern im Ruhrgebiet beliefern.

Geschichte Mittelalter miniatur|rechts|Grundriss Kommende Welheim, mittelalterlicher Rittersitz in Bottrop an der Emscher Im Mittelalter waren große Teile von Oberlauf und Mittellauf der Emscher natürliche Grenze von Territorien. Nördlich des Flusses lag in weiten Bereichen das Gebiet des Vest Recklinghausen, südlich das der Grafschaft Mark und des Stifts Essen. Die Emscher bildete auch die Süd- und Westgrenze der Grafschaft Dortmund. Entlang der Emscher lagen daher zahlreiche Wasserburgen und an den Grenzen der Grafschaft Dortmund Warten. In einer Urkunde des Erzbischofs Pilgrim von Köln von 1027 für das Stift Essen wurde die Emscher Embiscara genannt, bis zu der, nach Angabe der Äbtissin Sophia von Essen, der Tochter Kaiser Ottos II., dem Stift der Zehnt zustünde.Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland, Essen, Stift, Urkunden, Urkunden I (870–1327), Nr. 10 Die Emscher als Grenze hatte Bestand, ihr Name wandelte sich bis zum Spätmittelalter zu Emschar.Schulte Ekbert, Herr von Almelo, haftet für die dem Stift zu übersendenden Abgaben aus dessen Besitzungen im Salland nur bis zum erreichen der Emscher (ad fluvium Emschariam) als Grenze des Stiftsterritoriums. Urkunde vom 13. August 1303, Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland, Essen, Stift, Urkunden, Urkunden I (870–1327), Nr. 177

Ursprünglich war die Emscher ein im Mittellauf stark mäandrierender 109 Kilometer langer Fluss. Während der mittelalterlichen Klimaanomalie wurde an den Hängen des oberen Emschertals bei Hörde Weinbau betrieben. Heute erinnern in Hörde die Straßennamen Winzerweg und Weingartenstraße an diese Nutzung. Im weiten Tal an der mittleren Emscher und an ihrem Unterlauf in der Rheinebene erstreckten sich weite Bruchwälder. Das Bruch wurde extensiv landwirtschaftlich als Wildbahn zur Pferdezucht der Emscherbrücher genutzt. Im Tal existierten, regionaltypisch, dörfliche Streusiedlungen und Einzelhöfe, zumeist in hochwassersicherer Lage. In einigem Abstand zueinander gab es Kirchdörfer, zum Beispiel Herne, Buer, Gelsenkirchen, Katernberg und Borbeck, entstanden auf den hochwasserfreien Terrassenkanten.

Neuzeit Zahlreiche Urkunden belegen, dass die Emscher fischreich war: 1484 teilen die Brüder Walrave, Johan und Hinrick van Ekell die Fischerei in der Emesscher bei Crange,Walrave, Johan und Hinrick van Ekell, Gebrüder, Söhne des verstorbenen Johan v. E., halten eine Teilung und Scheidung mit Everde v. E., Drost zu Menden, Bruder ihres verstorbenen Vaters, betr. ihres väterlichen und mütterlichen Gutes, 27. März 1484 (op ten satersdach na den hilligen sundach den man nompt Oculi in der vasten), Or., Pergament, LWL-Archivamt für Westfalen - Digitale Westfälische Urkunden-Datenbank (DWUD), März 2011 1563 prozessierte Goddert von Strünkede zu Strünkede gegen Philipp und Arnd von Viermund zu Bladenhorst um die Fischereigerechtsame auf der Emscher vor dem Richter in Castrop. Der Prozess wurde bis vor das Reichskammergericht geführt,Gotthard (Goddert) v. Strünkede zu Strünkede, Bekl. gegen Philipp und Arnd v. Viermund zu Bladenhorst, Kl. Fischereigerechtsame auf der Emscher und Weiderechte auf der Dudingheide. 1. Richter zu Castrop 1563. 2. Hofger. Kleve 1569. 3. RKG 1581, Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, Altsignatur: 9272 Aktenzeichen: 5589, darin: Umfangreiches Zeugenverhör; Lehnsurkunden betr. Strünkede 1449 ff. und im April 1599 verpfändeten Bürgermeister und Rat der Stadt Recklinghausen drei Adeligen für ein Darlehen Fischereirechte auf der Emscher.Bürgermeister und Rat der Stadt Recklinghausen bekunden, dass sie von Johanna von Viermund, Matthias von Westerholt zu Lembeck und Georg Syberg zu Wischlingen Geld zur Unterhaltung der Stadt entliehen und ihnen dafür die Fischerei auf der Emscher verpfändet haben. Sie versprechen das Geld zu Ostern zurückzuzahlen. Siegel ab; stark beschädigt, Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, U 104u 116

Den Gewohnheiten der Zeit entsprechend wurde der Fluss in der Frühen Neuzeit in Hexenprozessen eingesetzt. Von 1589 existiert ein Protokoll des Stifts Essen über die auf eigenen Antrag an 18 der Zauberei Verdächtigten an der Emscher vorgenommene Wasserprobe, bevor man zur peinlichen Befragung überging.Landesarchiv NRW, Abt. Westfalen, Manuskripte II ("Kindlingersche Sammlung"), Nr. 111

miniatur|Emscher mit Deich im Norden von Essen miniatur|Sanierungsarbeiten an der Emscher in Dortmund-Huckarde Ein erstes Projekt des 18. Jahrhunderts zur Schiffbarmachung des Flusses wurde nach mehrjährigen Verhandlungen vom preußischen König Friedrich II. am 23. August 1774 abgelehnt. Auch eine Initiative unter der Führung von William Thomas Mulvany ab 1873 zum Ausbau des Flusses als Schifffahrtsweg hatte keinen direkten Erfolg. Die Idee eines Seitenkanals für die Schifffahrt wurde schließlich realisiert: Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Rhein-Herne-Kanal entlang der Emscher gebaut.

Mit Einsetzen der Frühindustrialisierung wurde aus dem Flusssystem Brauchwasser für Prozesse entnommen. 1793 beklagte das Kloster Sterkrade, ihm sei das Wasser verdorben, da an der St.-Antony-Hütte der Raseneisenstein gewaschen wurde. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts begann durch die voranschreitende Industrialisierung im Ruhrgebiet auch ein starkes Bevölkerungswachstum. Der erhöhte Trinkwasserbedarf wurde durch das Ruhr- und Lippegebiet gedeckt. Das Abwasser und das Grubenwasser der Bergwerke wurde vor allem ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts in die Emscher entlassen.

Die Emscher war durch die Einleitungen stark belastet. Das geringe Gefälle, der ausgeprägt mäandernde Flusslauf und Absenkungen des Bodens durch Bergbau verursachten Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche Überschwemmungen. Fäkalien im Wasser der Emscher erhöhten die Seuchengefahr. Da die beteiligten Kommunen und Großbetriebe aus eigenem Antrieb nicht in der Lage waren, das Problem zu lösen, wurde 1899 die Emschergenossenschaft als Zwangsvereinigung der betroffenen Kommunen und einleitenden Großbetriebe gegründet. Ihre Aufgaben waren und sind Abwasserreinigung, Sicherung des Abflusses, Hochwasserschutz und Gewässerunterhaltung.

Zwanzigstes Jahrhundert