mini|400px|Traditionelle Auffassung einer Lieferkette als Triade um ein Unternehmen; die Pfeile symbolisieren Lieferantenpflege, Internes SCM und Kundenpflege.vgl. Injazz J. Chen/Anthony Paulraj, Towards a theory of supply chain management: the constructs and measurements, in: Journal of Operations Management, 22/2, 2004, 119–150 mini|400px|Moderne Auffassung einer Lieferkette als komplexes und dynamisches Lieferanten- und Kundennetzwerk.vgl. Andreas Wieland/Carl Marcus Wallenburg,Supply-Chain-Management in stürmischen Zeiten, 2011, Berlin.
Die Lieferkette (; []) ist in der Logistik und insbesondere im Supply-Chain-Management ein Netzwerk von Verkehrsträgern und Transportmitteln, das den ununterbrochenen Güter- oder Tiertransport vom Ausgangsort zum Zielort gewährleistet. Das Konzept der Lieferkette gehört zum Standardrepertoire der Wirtschaftswissenschaften.
Allgemeines Verkehrsträger sind Güterkraftverkehr, Schienengüterverkehr, Frachtschifffahrt und Luftfrachtverkehr. Diese werden durch Speditionen, Eisenbahnunternehmen, Reedereien und Fluggesellschaften als Verkehrsunternehmen durchgeführt. Transportmittel sind entsprechend Lastkraftwagen, Güterzüge, Frachtschiffe und Frachtflugzeuge. Oft sind diese Transportmittel an die Beschaffenheit des Transportgutes speziell angepasst (Containerschiffe, Kühllastwagen, Kühlwaggons, Schwergutschiffe, Schwertransporte, Tankschiffe, Tankwagen, Tiertransporter). Eine typische Lieferkette ist im Handel die Absatz- und Vertriebskette, insbesondere bei Gefriergut die Kühlkette. Auch die Energiewirtschaft unterhält mit ihren Strom-, Gas-, Abwasser- und Trinkwassernetzen Lieferketten bis zum oder vom Verbraucher.
In einer weit verbreiteten Definition wird die Lieferkette als das Netzwerk von Organisationen bezeichnet, die über vor- und nachgelagerte Verbindungen an den verschiedenen Prozessen und Tätigkeiten der Wertschöpfung in Form von Produkten und Dienstleistungen für den Endkunden beteiligt sind.Martin Christopher, Logistics and Supply Chain Management. Strategies for Reducing Cost and Improving Service. 2nd Ed., London 1998, S. 15: Die Lieferkette berücksichtigt somit ein Unternehmen, dessen Zulieferer, die Zulieferer der Zulieferer usw. sowie dessen Kunden, die Kunden der Kunden usw. Zu beachten ist dabei insbesondere, dass auch der Endkunde Teil der Lieferkette istJohannes-Paul Fladerer, Supply Chain Management: A reader for supply chain managers, Books on Demand GmbH/Norderstedt, ISBN 978-3-7519-9522-1. In einer engen Auffassung wird die Lieferkette als Triade oder Dreiheit aus direkten Lieferanten, eigenem Unternehmen und direkten Kunden verstanden; dieser Auffassung fehlt die ganzheitliche, die Globalisierung berücksichtigende integrierende Betrachtung von den Rohstofflieferanten bis zu den Endkunden.
Prozessablauf Im Regelfall beginnt die Lieferkette mit der Beschaffung von Roh-, Hilfs-, Betriebs- und Werkstoffen zum Zwecke der Produktion von Vorleistungsgütern. Eine besondere Problematik kann darin liegen, dass diese Produktionsfaktoren durch Import aus dem Ausland beschafft werden müssen und damit einem spezifischen Erfüllungsrisiko durch den Lieferanten ausgesetzt sind (etwa einem Embargo, Importverbot, Lieferengpass oder höhere Gewalt). Auch bei inländischen Zulieferern gibt es Lieferrisiken (wie etwa Streiks), die eine Weiterverarbeitung verhindern und zu Betriebsstörungen führen können. Diese Risiken lassen sich durch Redundanzen (mehrere Lieferanten für dasselbe Vorleistungsgut, auch Importe aus verschiedenen Staaten) minimieren.
Treten derartige Beschaffungsrisiken auf, so wirken sie sich auf eine Lieferkette insbesondere aus, wenn das beschaffende Unternehmen in Just-in-time-Produktion herstellt und deshalb nicht auf einen ausreichenden Lagerbestand zurückgreifen kann. Hat das beschaffende Unternehmen selbst Lieferverpflichtungen gegenüber seinen Kunden übernommen (etwa feste Lieferzeiten), kommt es sofort zu einem eigenen Lieferengpass. Störungen in Lieferketten wirken sich mithin wie eine Kettenreaktion in Form eines Dominoeffekts auf nachgelagerte Absatzketten aus.Kateryna Gerwin/Marco Waage, Erfolgsfaktor Zuverlässigkeit, in: Norbert Gronau (Hrsg.), Störungsmanagement 19, 2014, S. 29 f.
Die Lieferkettenrisiken nehmen zu, je länger die Transportwege sind. Unterschiedliche Verkehrsträger (Frachtschiffe, Frachtflugzeuge), zusätzliche Umschlagprozesse mit eigenständigen Abfertigungsrisiken oder administrative Hürden wie Zollabfertigungen sind wesentlich störanfälliger als bei nationalen Lieferanten.Dirk H. Hartel (Hrsg.), Projektmanagement in Logistik und Supply Chain Management, 2019, S. 26
Beispiel Der Rohstoff Erz (für die Stahlerzeugung) unterliegt folgenden Fertigungsstufen: Das Erz wird in einem Bergwerk oder Tagebau gefördert und an ein Stahlwerk verkauft. Das Stahlwerk schmilzt das Erz und stellt Stahlblöcke her, die, zu Blechen gewalzt, als Coil verkauft werden an einen Automobilzulieferer, der sie zu einem Karosserie-Teil verarbeitet, welches an einen Automobilhersteller verkauft und dort zu einem Auto weiterverarbeitet wird. Dieses Auto wird durch eine Vertriebskette an einen Händler verkauft, der dieses schließlich als Wiederverkäufer an einen Verbraucher weiterverkauft. Da meist die an dieser Lieferkette beteiligten Unternehmen rechtlich und auch wirtschaftlich voneinander unabhängig sind, ist für den Verbraucher nicht ersichtlich, ob geltende Standards eingehalten wurden.
Kombinierter Verkehr Typische Lieferketten mit verschiedenen Transportmitteln und auf unterschiedlichen Transportwegen gibt es im kombinierten Verkehr. Hier transportiert beispielsweise der Straßengüterverkehr im Vorlauf das Frachtgut zum Güterbahnhof, von wo aus es mit dem Güterzug im Hauptlauf weiterbefördert wird. Ein Empfangsspediteur übernimmt das Gut im Nachlauf bis zum Empfänger.
Ziele Hauptziel des Supply-Chain-Managements ist die Sicherheit in der Lieferkette. Sie ist gewährleistet, wenn das richtige Frachtgut in der richtigen Menge zur richtigen Zeit am richtigen Ort bei minimaler Umweltbelastung ankommt.Bundesumweltministerium/Umweltbundesamt (Hrsg.), Handbuch Umweltcontrolling, 2001, S. 453 Sollten sich organisatorische und/oder technische Veränderungen innerhalb des Netzwerks einstellen, ist eine resiliente Lieferkette dadurch gekennzeichnet, dass sie die Tendenz hat, fortzubestehen, sich anzupassen oder sich zu transformieren.Andreas Wieland/Christian F. Durach, Two perspectives on supply chain resilience, in: Journal of Business Logistics, 2021, S. 315 ff. Funktionierende Lieferketten stellen Versorgungssicherheit bei Nahrung oder Energie her.
Rechtsgrundlagen Der Rechtsbegriff der Lieferkette umfasst „alle Schritte im In- und Ausland, die zur Herstellung der Produkte und Erbringung von Dienstleistungen erforderlich sind, angefangen von der Gewinnung der Rohstoffe bis zur Lieferung an den Endkunden“; sie umfasst die Produktions- und Vertriebsprozesse im Unternehmen und das Handeln eines unmittelbaren oder mittelbaren Zulieferers ( Abs. 5 LkSG). Das überwiegend im Januar 2023 in Kraft getretene Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) vom 19. April 2021, Entwurf eines Gesetzes über die unternehmerischen Sorgfaltspflichten in Lieferketten, S. 10 schreibt deutschen Unternehmen Sorgfaltspflichten bei Sozial- und Umweltstandards wie etwa die Einhaltung von Menschenrechten auch durch ausländische Unternehmen vor, die zu einer Lieferkette gehören.
Die Lieferkette kommt als – nicht legaldefinierter – Rechtsbegriff zudem in den §, und BGB vor und betrifft den Schadensersatzanspruch des Käufers, den sein Verkäufer im Wege des Rückgriffs gegen Verkäufer der vorangegangenen Lieferkette geltend machen kann.
Internationale Lieferkettengesetze In verschiedenen Ländern wurde eine Verantwortung für Unternehmen zur Einhaltung menschenrechtlicher, arbeitsrechtlicher und umweltrechtlicher Standards entlang der gesamten Lieferketten und damit auch für Zulieferbetriebe im Ausland gesetzlich festgelegt oder eine gesetzliche Regelung dazu gefordert. So verabschiedete unter anderem Frankreich ein Gesetz zur Haftbarmachung großer Unternehmen bei Verstößen gegen Menschenrechte im Ausland, in den Niederlanden verpflichtet ein Gesetz Unternehmen zur Verhinderung von Kinderarbeit entlang der Lieferkette. In der Schweiz fordert die Konzernverantwortungsinitiative ein solches Gesetz per Volksabstimmung.
Lieferkette oder Liefernetz Die Begriffe „Supply Chain“ und „Lieferkette“ sind irreführend: Einerseits deckt eine Lieferkette nicht nur die Lieferantenseite () ab, sondern auch die Kundenseite und führt somit vom Rohstofflieferanten bis zum Endkunden; andererseits handelt es sich bei ihr nicht um eine „Kette“ (), sondern vielmehr um ein „Netzwerk“ (). Es wird daher auch vorgeschlagen, statt Lieferkette den treffenderen Begriff Liefernetz () zu verwenden.vgl. bspw. Sunil Chopra/Peter Meindl, Supply Chain Management. Strategy, Planning, and Operation. 3rd Ed. Upper Saddle River, 2007, S. 4. Im Deutschen ist auch der Begriff Zuliefernetzwerk (Zulieferpyramide) gebräuchlich, wobei hierbei häufig nur die vorgelagerten Stufen der Wertschöpfung gemeint sind, insbesondere der Endkunde nicht als dessen Bestandteil angesehen wird.
In einer anderen Definition wird unterschieden zwischen Lieferkette und Liefernetz. Die Lieferkette umfasst demnach Lieferanten, Lieferanten von Lieferanten, das Unternehmen, dessen Kunden und die Kunden der Kunden. Ein Liefernetz berücksichtigt, dass einer der Lieferanten der Lieferanten zugleich ein Lieferant für einen der Kunden oder sogar für den Endkunden ist.
Bei komplexen Produkten mit einem internationalen weltweiten Produktionsverbund – wie in der Automobil- und der Luftfahrtindustrie – muss der weltweite Beschaffungs-, Produktions- und Vertriebsverbund frühzeitig und integrativ geplant, gesteuert und überwacht werden. Die Produktions-, Transport- und Lagerstrecken werden als direkt aufeinanderfolgende Intervalle beschrieben, wodurch die gesamte Lieferkette bis zum Kunden einheitlich abgebildet wird. Der Beginn jedes Intervalls wird jeweils durch einen Zählpunkt eindeutig abgegrenzt. Alternative Produktions- oder Transportstrecken werden als parallele Intervalle abgebildet. An den Zählpunkten wird der gesamte Materialfluss geplant, gesteuert und permanent überwacht. Durch die Ermittlung der jeweiligen Durchlaufzeit für jedes Intervall kann sukzessiv die jeweilige Gesamtdurchlaufzeit des benötigten Materials, der Teile, Baugruppen und Erzeugnisse in der Lieferkette ermittelt werden.Wilmjakob Herlyn: PPS im Automobilbau. Produktionsprogrammplanung und -steuerung von Fahrzeugen und Aggregaten, München 2012, S. 131 ff.
Lieferketten als Gegenstand des Supply-Chain-Managements