mini|Leopold Pilichowski: Sukkot, 1894/95,Jüdisches Museum New York Sukkot (, unpunktierte Schreibweise , Plural von , jiddisch Sukkes oder Sikkes) oder Laubhüttenfest () gehört zu den jüdischen Festen. Das Fest wird im Herbst, fünf Tage nach dem Versöhnungstag, im September oder Oktober gefeiert und dauert sieben Tage, vom 15. bis 21. Tischri, dem ersten Monat des bürgerlichen jüdischen Kalenders. In Israel und im Liberalen Judentum ist nur der erste Tag ein voller Feiertag, in orthodoxen und konservativen Gemeinden der Diaspora dagegen die ersten zwei Tage, während die darauffolgenden Tage Halbfeiertage () sind. Der letzte Tag von Sukkot wird genannt und gilt als der letzte Tag, bis zu dem die göttlichen Urteilssprüche für das Jahr noch geändert werden können. Unmittelbar an das Laubhüttenfest schließen , „der Achte Tag der Versammlung“, und , „das Torafreudenfest“, an.
Übersicht und Einordnung Die Festtage, die im Judentum als bezeichnet werden, sind halachisch (laut jüdischem Religionsgesetz) so definiert:Die sechs Tage, an denen die Tora Arbeitsverbot gebietet, sind der erste und der siebte Tag des Pessachfestes, der erste und der achte Tag des Laubhüttenfestes (Sukkot), das Wochenfest (Schawuot) sowie der erste Tag des siebten Monats (Rosch ha-Schana). Diese Tage werden als Feiertage (Jamim towim) bezeichnet.Sukkot ist also eines der Feste, an denen die Tora für den ersten Tag und den siebenten Tag ein Arbeitsverbot gebietet.
Geschichte Hebräische Bibel mini|Hakkafot der sephardischen Juden in der Portugiesischen Synagoge in Amsterdam (Picart, gravure, 1724) mini|Sukka auf einem Dach im Westjerusalemer Stadtteil Rechavia (1939) Das in der Tora mehrfach erwähnte Fest ist wie die beiden anderen jüdischen Wallfahrtsfeste Pessach und Schawuot bäuerlichen und wahrscheinlich kanaanitischen Ursprungs und hat mit ihnen den historisch-landwirtschaftlichen Doppelcharakter gemeinsam.
Das Fest hat sich schon in der Antike im Lauf der Jahrhunderte stark verändert, was sich in den biblischen und nachbiblischen Texten widerspiegelt. Im Bundesbuch wird es als „Fest des Einsammelns“ (Chag haʾAssif (), und ) bezeichnet und erst im Festkalender des Buchs Levitikus als „Laubhüttenfest“ (Chag haSukkot, ) mit siebentägiger Dauer. Das Deuteronomium verbindet es mit dem für dieses Buch charakteristischen Motiv der Festfreude:
Erst nach dem Babylonischen Exil wurde das Datum auf den 15. des siebten Monats festgelegt und Sukkot zu einem historischen Fest, das mit der Wüstenwanderung nach dem Auszug aus Ägypten begründet wurde und das Wohnen in Laubhütten während der Festzeit vorschrieb . Der umfangreiche Opferkalender im Buch Numeri, Kapitel und 29, wird von historisch-kritischen Exegeten als vergleichsweise späte Zusammenstellung beurteilt, die zu den jüngsten Texten des Pentateuch gehöre. Nicht nur die Festkalender des Bundesbuchs und , sondern auch Impulse aus dem Buch des Exilspropheten Ezechiel (,15) wurden demnach von den priesterlichen Verfassern verarbeitet.Corinna Körting: Der Schall des Schofar. Israels Feste im Herbst. Berlin / New York 1999, S. 213. Das Besondere ist, dass mit der Anzahl und Art der Tiere, die geopfert wurden, eine Rangfolge der Feste Israels zum Ausdruck gebracht wird. Hier zeigt sich die überragende Bedeutung der Sukkot-Festwoche im Festkalender des nachexilischen Israel. Am abschließenden 8. Tag der Festwoche wurden 7 Lämmer und je ein Stier, Widder und Ziegenbock geopfert; das entspricht (etwas vereinfacht) dem, was auch für den Neumondstag jeden Monats und die Feste Pessach/Mazzot, Schawuot, „Lärmblasen“ (Rosch haSchana) und Jom Kippur vorgesehen war. Aber am 1. bis 7. Tag der Sukkot-Festwoche wurden je 14 Lämmer, zwei Widder und ein Ziegenbock dargebracht sowie eine von 13 bis auf 7 von Tag zu Tag abnehmende Anzahl von Stieren, so dass in der Festwoche insgesamt 70 Stiere, die kostbarsten Opfertiere, darzubringen waren.Corinna Körting: Der Schall des Schofar. Israels Feste im Herbst. Berlin / New York 1999, S. 221 f.
Mit den Laubhütten waren wohl ursprünglich die Schatten spendenden Unterstände auf den Feldern gemeint , wie sie auch heute im Vorderen Orient zur Zeit der Ernte noch gebräuchlich sind. Die ausführlichste Bauanleitung für die Laubhütten innerhalb der Hebräischen Bibel enthält das Buch Nehemia: Diese Hütten waren nun keine Unterkünfte der Erntearbeiter mehr, denn sie entstanden in Nachbarschaft zu den Häusern, in denen man das Jahr über wohnte. „So stellen sie eine alternative Unterkunft für ein paar Tage direkt neben dem eigenen Wohnraum dar. In ihnen spielt sich nun das Leben ab, die Wohnungen sind leer.“Corinna Körting: Der Schall des Schofar. Israels Feste im Herbst. Berlin / New York 1999, S. 256. Die verwendeten Materialien, die wohl nicht ausschließlich gemeint sind, verbindet, dass es Zweige von Bäumen waren, die auch am Ende der sommerlichen Trockenzeit noch dicht und grün belaubt waren. Aus den Wedeln der Dattelpalme ließen sich Matten flechten, die beim Hüttenbau verwendet werden konnten. Während der Sukkot-Festwoche vertrocknete das Laub und machte damit sinnfällig, dass die Sukka ein provisorischer Bau war. Er bot keinen Schutz vor dem Regen, dessen Einsetzen man nach dem Sukkotfest dringend erwartete.Corinna Körting: Der Schall des Schofar. Israels Feste im Herbst. Berlin / New York 1999, S. 256 f.
Der Überlieferung nach soll König Salomon den Tempel in Jerusalem zu Sukkot eingeweiht haben , und im messianischen Zeitalter wird, so der Prophet Sacharja , Sukkot ein universelles, mit Regen (Regenzeit) assoziiertes Fest sein, zu dem alle benachbarten Nationen nach Jerusalem pilgern werden.
Hellenistische und frührömische Zeit Das Jubiläenbuch hatte im antiken Judentum teilweise den Status einer autoritativen Schrift, auch wenn es letztlich nicht in den Kanon der Hebräischen Bibel aufgenommen wurde. Es ist stark an Kalenderfragen interessiert. Das Laubhüttenfest wird im 16. Kapitel mit den im Buch Genesis erzählten Begebenheiten rund um die Geburt Isaaks verbunden: Engel kündigen Abraham an, dass er einen Sohn haben werde – die bisher unfruchtbare Sara bringt Isaak zur Welt; acht Tage später folgt dessen Beschneidung. Die Freude Abrahams und Saras am gemeinsamen Kind stellt in dieser Festätiologie die Verbindung zur Festfreude an Sukkot her. In Kapitel 32 ist noch einmal vom Laubhüttenfest die Rede: Die Erzählung von Jakobs Gottesoffenbarung in Bethel wird in recht komplexer Weise so uminterpretiert, dass sie eine Begründung für den achten Tag der Sukkot-Festwoche darstellt: Dieser verbindet die Erinnerung an den Exodus, die Verheißung, dass Israel ein großes Volk werden soll und den Ort des Heiligtums – Jerusalem, nicht Bethel.Corinna Körting: Der Schall des Schofar. Israels Feste im Herbst. Berlin / New York 1999, S. 276 und 280.
Die Tempelrolle, eine der Schriftrollen vom Toten Meer, kennt vier Erstlingsfeste für die wichtigsten Produkte von Eretz Israel. Die Bedeutung von Sukkot als Erntedankfest tritt dahinter zurück; ob und wie Sukkot auch als Erinnerungsfest an die Wüstenwanderung gefeiert werden sollte, ist nicht bekannt, da der Text der Rolle nur fragmentarisch erhalten ist. Die Laubhütten sind im Konzept der Tempelrolle keine provisorische Wohnungen der jüdischen Familien während der Festwoche, sondern eine von der Stadt aus gut sichtbare Säulenkonstruktion, eine Art Lauben, die auf dem Flachdach des Gebäudes im äußeren Tempelvorhof aufgeschlagen werden und wo Angehörige der Oberschicht sitzen, während die Opfertiere im Tempel geschlachtet werden.Corinna Körting: Der Schall des Schofar. Israels Feste im Herbst. Berlin / New York 1999, S. 309 f. und 315 f.
Der Historiker Flavius Josephus beschreibt das Fest als achttägige Feier, während der in Hütten gewohnt und im Tempel geopfert wird, bei Philo von Alexandria steht es als siebentägiges Erntedankfest, dem ein achter Tag als Krönung beigefügt wird, im Zeichen von Gleichheit und Gerechtigkeit.
In ruft Jesus am letzten Tag des Laubhüttenfestes diejenigen, die Durst haben, zu sich , was im Zusammenhang mit einer zu dieser Zeit vom ersten bis letzten Tag des Festes üblichen Wasserschöpfzeremonie interpretiert wird.Ernst Kutch, Louis Jacobs, Abram Kanof: Sukkot. In: Michael Berenbaum, Fred Skolnik (Hrsg.): Encyclopaedia Judaica. 2. Auflage. Band 19. Macmillan Reference USA, Detroit 2007, S. 299–302.
Der Mischnatraktat Sukka ist eine Sammlung älteren Traditionsmaterials, das bis in die Zeit des 70 n. Chr. von römischen Truppen zerstörten Jerusalemer Tempels zurückreicht. Sein Kennzeichen ist, dass die Begehung des Festes aus der Perspektive von Laien dargestellt wird. Für sie hatte der Bau und das Bewohnen der Laubhütte zentrale Bedeutung; entsprechend ausführlich wird dies dargestellt. Die Sukka ist ein Provisorium, aber darin soll ein wirkliches Wohnen, nämlich Mahlzeiten und Übernachtungen möglich sein. Ihre Eignung hängt besonders vom Dach ab, das Schatten spenden soll und unter freiem Himmel aufgeschlagen wird – also nicht unter einer höheren Dachkonstruktion oder in einem Innenraum. Falls der nach Sukkot erhoffte starke Regen schon während der Festwoche einsetzt, ist man vom Wohnen in der Sukka entbunden, denn Regenschutz bietet sie nicht. Regen während des Sukkotfestes galt als Zeichen göttlichen Zornes.Mischna Sukkot 2,9 (sefaria.org [hebräisch/aramäisch–englisch/deutsch]) und Mischna Taanit 1,1 (sefaria.org [hebräisch/aramäisch–englisch/deutsch]). Danach wird der Feststrauß (Lulav) behandelt, der aus den in erwähnten „Vier Arten“ von Pflanzen () besteht und in einer rituellen Weise geschüttelt wird. Die Mischna verbindet dieses Schütteln mit der Rezitation von Psalm 118 (Anfang, Ende und Vers 29). Es wurde ursprünglich im Tempel praktiziert, nach dessen Zerstörung im Synagogengottesdienst. Rückblickend beschreibt die Mischna drei weitere Rituale, die am Laubhüttenfest im Tempel stattfanden: Für den Bachweidenumzug wurden abgeschnittene Weidenzweige so um den Brandopferaltar gesteckt, dass sie sich nach innen neigten.Mischna Sukka 4,5 (sefaria.org [hebräisch/aramäisch–englisch/deutsch]). Für die Wasserspende schöpfte man mit einem goldenen Gefäß aus dem Teich von Siloah.So die Mischna, gemeint ist aber wohl, dass frisches Wasser direkt von der Gihonquelle geholt wurde. Von Trompetenstößen begleitet, zog die Prozession dann durchs Wassertor auf das Tempelgelände ein.Mischna Sukka 4,9 (sefaria.org [hebräisch/aramäisch–englisch/deutsch]). „Am Altar befinden sich zwei Schalen mit Löchern. Eine wird mit frischem Wasser, die andere mit Wein gefüllt; Flüssigkeiten rinnen langsam über den Altar.“Corinna Körting: Der Schall des Schofar. Israels Feste im Herbst. Berlin / New York 1999, S. 327. Der Frauenvorhof des Tempels wurde festlich illuminiert und war Ziel für eine große Menge von Festpilgern. Nach Einbruch der Dunkelheit sangen die Leviten dort zur Begleitung von Flöten und Saiteninstrumenten die Wallfahrtspsalmen, und die Priester ließen Trompetensignale erklingen. Dann tanzten besonders religiöse Männer im Hof mit Fackeln in den Händen. (Talmud und Tosefta zufolge wurde bei dieser nächtlichen Feier in späterer Zeit eine Geschlechtertrennung eingeführt, und die Frauen sahen dem Tanzen und Musizieren in Hof von Galerien aus zu.)Corinna Körting: Der Schall des Schofar. Israels Feste im Herbst. Berlin / New York 1999, S. 328. Diese drei Rituale des Jerusalemer Tempels werden außer in der Mischna in der antiken Literatur nirgends explizit genannt; man nimmt allgemein an, dass es sich um eine Art Regenzauber handelte.
Nach der Zerstörung des Tempels geblieben sind: das siebentägige Fest Sukkot, der Azeret am achten Tag, die Sukka, die Arbaʿa minim und das Hallel-Gebet sowie die Bitte um Regen am achten Tag.
Mittelalter und Neuzeit Die jüdischen Bibelkommentatoren des Mittelalters fanden symbolische Deutungen für Sukka und Lulav: