mini|Ror Wolf (Mitte) erhält den Hörspielpreis der Kriegsblinden 1988
Richard Georg „Ror“ WolfLaut Munzinger-Archiv, abgerufen am 5. April 2011. (Pseudonym: Raoul Tranchirer; * 29. Juni 1932 in Saalfeld/Saale, Thüringen; † 17. Februar 2020 in MainzBR Kultur vom 18. Februar 2020: Der Schriftsteller und Fußballdichter Ror Wolf ist tot, abgerufen am 18. Februar 2020) war ein deutscher Schriftsteller und Künstler.
Leben Nach dem Abitur im Jahre 1951 wurde Wolf die Aufnahme eines Studiums wegen seiner bürgerlichen Herkunft verweigert und er war zwei Jahre als Bauarbeiter tätig. Als Betonbauer-Lehrling der Maxhütte arbeitete er am Kulturpalast Unterwellenborn mit und erlebte dort den niedergeschlagenen Volksaufstand des 17. Juni. Nach diesem Erlebnis flüchtete er im Juli 1953 aus der DDR in den Westen.https://www.sueddeutsche.de/kultur/ror-wolf-nachruf-autor-1.4802697 In Stuttgart war er zunächst ein Jahr als Hilfsarbeiter tätig. Wolf schrieb sich dann an der Universität Frankfurt am Main zum Studium der Literatur, Soziologie sowie Philosophie ein und begann bald, in der Studentenzeitung Diskus Prosa, Lyrik und Bildcollagen, aber auch Literatur-, Theater- und Jazz-Kritiken zu publizieren. Wolf wurde Feuilletonredakteur beim Diskus und später Literaturredakteur beim Hessischen Rundfunk; seit 1963 war er freier Schriftsteller. In Frankfurt gehörte Wolf zum Freundeskreis der Fotografin Abisag Tüllmann.
Ror Wolf lebte und arbeitete nach über dreißig Umzügen in Mainz. Der Künstlername setzt sich zusammen aus dem Buchstaben R von Richard und or in Georg; das Pseudonym Tranchirer entwickelte er aus dem rückwärts gesprochenen Vornamen: Drahcir ~ tranchir = Tranchirer (Zerschneider).
Wolfs Laufbahn als Autor begann 1958 mit Veröffentlichungen im Diskus. 1964 erschien sein erster Roman Fortsetzung des Berichts, der als eines der wenigen Beispiele für einen deutschsprachigen Nouveau roman gewertet werden kann und eine intensive Auseinandersetzung mit dem Buch Der Schatten des Körpers des Kutschers von Peter Weiss erkennen lässt. In der Folge baute Wolf seine an Samuel Beckett, Franz Kafka und Robert Walser geschulte Prosa weiter aus, die schnell zu einem ebenso kunstvollen wie unverwechselbaren Ton fand; es erschienen Bücher wie Pilzer und Pelzer (1967) und Die Gefährlichkeit der Großen Ebene (1976). Später tritt in Nachrichten aus der bewohnten Welt (1992) und Zwei oder drei Jahre später (2003) eine radikale Verdichtung bei gleichzeitiger äußerer Verknappung seiner Prosa ein. Dabei sind Einflüsse aus Surrealismus, Phantastik, Abenteuer- und Kriminalliteratur ebenso nachweisbar wie humoristische und erotische Motive, die seine Bücher bei allem literarischen Anspruch ausgesprochen unterhaltsam machen. Dies gilt insbesondere für die in Aussichten auf neue Erlebnisse (1996) und Pfeifers Reisen (2007) gesammelten Gedichte.
Wolfs Thema war eine spielerisch-abgründige Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, die bei ihm nur als hochmelodiöser Wortraum existiert. Trotzdem handelte es sich bei seinen Büchern, die die Grenzen traditioneller Erzählmuster souverän überwinden, keineswegs um Sprachspiele ohne Realitätsbezug. Wie viel Wirklichkeit sich mit dem wolfschen Verfahren abbilden lässt, zeigten gerade die populären Fußballbücher und die dazugehörenden Radio-Collagen sehr deutlich: „Die Welt war zwar kein Fußball, aber im Fußball, das ist kein Geheimnis, findet sich eine ganze Menge Welt“ (RW). Wolf faszinierte das, was hinter dem Fußball steht, was durch ihn erkennbar wird und sich durch ihn darstellen lässt – z. B. zwei völlig unterschiedliche Weisen, ein und dasselbe Spiel zu kommentieren (vgl. das Hörspiel Córdoba Juni 13.45 Uhr, 1979). In diesem Sinn hat er zahlreiche Arbeiten aus aufgefundenen O-Tönen von Journalisten und Fans montiert. – Seit 1969 konnte sich Ror Wolf auch als Verfasser von Rundfunkarbeiten einen Namen machen. Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nordamerika (1986) wurde 1988 mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet und gilt dank zahlreicher Ausstrahlungen als eines der erfolgreichsten deutschen Hörspiele.
Ror Wolf war auch bildender Künstler. Seit den frühen sechziger Jahren verfertigte er – hierin Max Ernst, aber auch Peter Weiss vergleichbar – surrealistische Collagen mit Materialien aus der Gründerzeit, die er alten Lexika, Zeitschriften und Benimmratgebern entnahm. Ergänzt durch entsprechende Textkonzentrate, bildeten die solchermaßen gewonnenen Motive die Enzyklopädie für unerschrockene Leser, die es seit 1983 auf sechs Bände gebracht hatte und sich als Parodie auf Gelehrsamkeit, Autorität und positivistische Welterkennungsstrategien lesen ließ.
Ror Wolf war Ehrenspielführer der 2005 gegründeten Autorennationalmannschaft Autonama.
Im April 2006 kündigte Wolf in einem Interview in der tageszeitung an, sein Tonarchiv, das er bei der Arbeit zu den Radiocollagen angelegt hatte, vernichten zu wollen, da er sich damit nicht mehr beschäftigen werde, obwohl er sehr viel weiterzugeben habe.„Erlauben Sie, dass ich zu Klinsmann schweige“. In: taz. 18. April 2006. Interview: Jutta Heess Dazu kam es nicht. Ende 2007 wurde dem Deutschen Literaturarchiv Marbach ein erstes Konvolut mit frühen Manuskripten und Korrespondenz überlassen. Teile des Vorlasses sind im Literaturmuseum der Moderne in Marbach in der Dauerausstellung zu sehen.Artikel in der Thüringer Allgemeine. Dem Südwestrundfunk überließ er die mit der wissenschaftlichen Erschließung abgestimmte radiophone Nutzung. Daraus entstand das Hörspiel Angriff ist die beste Verteidigung – ein von Ror Wolf vorgelassenes Hörspiel von Hermann Bohlen, Erstsendung in SWR2 am 3. Juli 2009. 2011 und 2012 veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Zeitung mehrere Collagen sowie Ausschnitte aus dem unveröffentlichten Roman Neunundzwanzig Versuche, die Welt zu verschlingen.Ror Wolfs Welten in: FAZ vom 8. September 2011, Seite R8, Die Reise nach O am 29. September 2011, Seite R8 und Weiter hinein in die Wälder am 26. Januar 2012, Seite R8. 2015 erschienen, ebenfalls in der FAZ, einige Folgen seiner Collagen zu Ror Wolfs gereimte Welten3. Die Beschreibung des Wetters in FAZ vom 7. Mai 2015, Seite R8.FAZ vom 16. Juli 2015, Seite R6.6. Fünf zerstreute Leute in FAZ vom 6. August 2015, Seite R6. und zu dem neuen Werk Ror Wolf: Die plötzlich hereinkriechende Kälte im Dezember.7. Das plötzliche Platzen am Samstag, im September in FAZ vom 10. September 2015, Seite R6.9. Am oberen Rande des Topfes in FAZ vom 19. November 2015, Seite R6. Das Museum Bensheim zeigte vom 6. März bis 24. April 2016 eine repräsentative Auswahl seiner surrealen Collagen unter dem Titel Ror Wolfs wunderbare Welten.
Auszeichnungen 1965: Förderpreis des Niedersächsischen Kunstpreises, Hannover 1971: Stipendiat des Senats von Berlin 1976: Writer in Residence: University of Warwick, England 1983: Förderpreis des Hessischen Kulturpreises, Wiesbaden 1983: Stipendiat des Deutschen Literaturfonds, Darmstadt 1988: Hörspielpreis der Kriegsblinden, Bonn 1988: Marburger Literaturpreis 1990: Stipendiat des Deutschen Literaturfonds, Darmstadt 1991: Preis für Groteske Literatur "Schwarzer Peter", Düsseldorf 1992: Bremer Literaturpreis 1992: Frankfurter Hörspielpreis 1996: Heimito von Doderer-Literaturpreis, Wien 1997: Kunstpreis Rheinland-Pfalz, Mainz 1998: Amsterdam-Stipendium des Künstlerhauses Edenkoben 2003: Großer Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, München 2003: Eugen Viehof-Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung, Dortmund/Weimar 2004: Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor 2006: Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik, Berlin 2006: Hörbuch des Jahres, Wiesbaden 2007: Hörspiel des Jahres, Deutsche Akademie der Darstellenden Künste, Bensheim 2008: Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg 2014: Georg-K.-Glaser-Preis des Landes Rheinland-Pfalz und des SWR 2015: Günter-Eich-Preis der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig 2016: Schiller-GedächtnispreisRor Wolf erhält Schiller-Gedächtnispreis 2016 Pressemitteilung des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg vom 14. Juli 2016 des Landes Baden-Württemberg 2018: Rainer-Malkowski-Preis
Werke Ror Wolf Werke (RWW) Band 1: Friedmar Apel (Hrsg.): Im Zustand vergrößerter Ruhe. Die Gedichte. Schöffling, 2009. Band 2: Kai U. Jürgens (Hrsg.): Prosa I: Fortsetzung des Berichts. Schöffling, 2010, ISBN 978-3-89561-921-2. Band 3: Kay Sokolowsky (Hrsg.): Prosa II: Pilzer und Pelzer. Schöffling, 2010. Band 4: Kai U. Jürgens (Hrsg.): Prosa III: Die Gefährlichkeit der großen Ebene. Schöffling, 2012, ISBN 978-3-89561-922-9. Band 5: Kai U. Jürgens (Hrsg.): Prosa IV: Nachrichten aus der bewohnten Welt. Schöffling, 2014, ISBN 978-3-89561-924-3. Band 7: Hans Burkhard Schlichting (Hrsg.): Die Einsamkeit des Meeresgrunds. Die Hörspiele. Schöffling, 2012, ISBN 978-3-89561-917-5. Band 9: Thomas Schröder (Hrsg.): Raoul Tranchirers Enzyklopädie für unerschrockene Leser. Band II, Schöffling, 2009.
Werkausgabe Nachrichten aus der bewohnten Welt. Frankfurter Verlagsanstalt, 1991, Nachdruck Fischer, 1994, ISBN 978-3-596-11765-9. Fortsetzung des Berichts. Neuausgabe, Frankfurter Verlagsanstalt, 1992, Nachdruck Fischer, 1995. Die Gefährlichkeit der Großen Ebene. (darin auch Pilzer und Pelzer), Neuausgabe, Frankfurter Verlagsanstalt, 1992, Nachdruck Fischer, 1996. Das nächste Spiel ist immer das schwerste. Neuausgabe, Frankfurter Verlagsanstalt, 1994, Nachdruck Fischer, 1996. Danke schön. Nichts zu danken. (darin auch Mehrere Männer), Neuausgabe, Frankfurter Verlagsanstalt, 1995, Nachdruck Fischer, 1997. Aussichten auf neue Erlebnisse. Moritaten, Balladen und andere Gedichte 1957–1996. Frankfurter Verlagsanstalt, 1996, Nachdruck Fischer, 1999.
„Enzyklopädie für unerschrockene Leser“ Band 1: Raoul Tranchirers vielseitiger großer Ratschläger für alle Fälle der Welt. Anabas-Verlag 1983; erw. Neuausgabe Schöffling, 1999. als Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-596-18297-8. Band 2: Raoul Tranchirers Mitteilungen an Ratlose. Haffmans, 1988; erw. Neuausgabe Anabas, 1997. Band 3: Raoul Tranchirers Welt- und Wirklichkeitslehre aus dem Reich des Fleisches, der Erde, der Luft, des Wassers und der Gefühle. Anabas, 1990. Band 4: Tranchirers letzte Gedanken über die Vermehrung der Lust und des Schreckens. Anabas, 1994. Band 5: Raoul Tranchirers Enzyklopädie für unerschrockene Leser & ihre überschaubaren Folgen. Anabas, 2002. Band 6: Raoul Tranchirers Bemerkungen über die Stille. Schöffling, 2005. Band 7: Raoul Tranchirers Notizen aus dem zerschnetzelten Leben.15. Meeresgrund. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 25. Oktober 2012, S. R8.21. Reise. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18. Juli 2013, S. R6.22. Wirtshausleben. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19. September 2013, S. R6.24. Keime. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27. März 2014, S. 8.27. Osten. In Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 7. August 2014, S. R6.30. Abschied. In FAZ vom 31. Dezember 2014, S. R6. Schöffling, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-89561-326-5. Auswahlband: Raoul Tranchirers Taschenkosmos. Wagenbach, 2005.
„Aufzeichnungen aus dem Archiv der Wirklichkeitsfabrik“ Die Grenzen der Vertraulichkeit oder Große Reise in entgegengesetzter Richtung. Anabas, 2006. Eine schöne Umgebung oder Neuigkeiten aus dem Gebiet der dunklen Gefühle. Anabas, 2008. Vor dem Fenster übrigens zu meiner Verwunderung die Abenddämmerung. Anabas, 2008. Ungefähr 132 Bewegungen oder Worte aus dem Inneren des Mundes. Anabas, 2011.
Ausgaben Vorzeichen. Fünf neue deutsche Autoren. (Anthologie, herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger). Suhrkamp, 1962. Fortsetzung des Berichts. Roman. Suhrkamp, 1964; Neuausgabe Suhrkamp, 1970. Das Lexikon der feinen Sitte. zus. mit Karl Riha, Prosa und Bildcollagen, Diskus-Verlag, 1964.