Die Urgeschichte Bayerns umfasst den Zeitraum vom frühesten Auftreten des Menschen im heutigen Freistaat Bayern während der Altsteinzeit bis zum Beginn der Frühgeschichte, die in Bayern mit dem Aufkommen schriftlicher Quellen während der Römischen Kaiserzeit beginnt. Während der urgeschichtlichen Epochen gab es bereits bevorzugte Siedlungsräume, die denen der jüngeren Geschichte Bayerns ähneln. Eine bedeutende Rolle spielte zu allen Zeiten das Donautal: zunächst als angenommene Route der Einwanderung des Cro-Magnon-Menschen, später (nach der Jungsteinzeit) zunehmend als Fernhandelsweg.Karl-Heinz Rieder et al. (Hrsg.): Steinzeitliche Kulturen an Donau und Altmühl. Begleitband zur Ausstellung im Stadtmuseum Ingolstadt. Ingolstadt, 1989 ISBN 3-932113-18-7 Im Gegensatz dazu ist der Siedlungsausbau in den Mittelgebirgen oft erst in der vorrömischen Eisenzeit erfolgt.Bernd Mühldorfer (Hrsg.): Kulthöhlen. Funde-Deutungen-Fakten. Nürnberg, 2002.

Altsteinzeit Altpaläolithikum Siedlungsspuren aus dem Altpaläolithikum (ca. 600.000–300.000 vor heute) sind in Bayern bislang nicht eindeutig belegt.Miriam Noël Haidle, Alfred F. Pawlik: The earliest settlement of Germany: Is there anything out there? Quaternary International, Bd. 223–224, 2010, S. 143–153 doi:10.1016/j.quaint.2010.02.009 Die Ursache dafür liegt überwiegend in der Tatsache begründet, dass Steingeräte dieser Zeitstellung oft nur über den Schichtzusammenhang zweifelsfrei datiert werden können, während Oberflächenfunde nur wenig diagnostische Kriterien zur Eingrenzung des Alters der Werkzeuge liefern. Sedimentabfolgen des gesamten Mittelpleistozäns konnten in der Lössgrube von Attenfeld (Lkr. Neuburg-Schrobenhausen) dokumentiert werden. Die rund 8,5 m mächtige Löss-Paläoboden-Sequenz umfasst mittel- und oberpleistozäne Ablagerungen und dokumentiert mindestens drei Interglazial-Glazial-Zyklen; ihr unterer Abschnitt wurde zunächst auf etwa 450.000 bis 500.000 Jahre datiert, wobei diese chronologische Einordnung nicht durch absolute Datierungen abgesichert ist. Eine Neubearbeitung durch Krauß et al. (2021), die auf die oberen drei Meter des Profils beschränkt war, revidierte Teile der bisherigen Chronostratigraphie des letzten Interglazial-Glazial-Zyklus.Lydia Krauß, Nicole Klasen, Philipp Schulte, Frank Lehmkuhl: New results concerning the pedo- and chronostratigraphy of the loess–palaeosol sequence Attenfeld (Bavaria, Germany) derived from a multi-methodological approach. In: Journal of Quaternary Science. Band 36, Nr. 8, 2021, S. 1382–1396, doi:10.1002/jqs.3298. Steinwerkzeuge aus dem Profil bleinben umstritten, wie der 1989 abgesammelte „Proto-Faustkeil“ aus Quarzit.Karl-Heinz Rieder: Artefakte des Altpaläolithikums von Attenfeld. In: Das archäologische Jahr in Bayern 1989. Theiss, Stuttgart 1990, S. 24–25 Der Schichtzusammenhang in der Lössabfolge stellt ihn zwar in die frühe Mindel-Kaltzeit,Klaus Eberhard Bleich: Gliederung und Untergrund der Lößabfolge von Attenfeld Lkr. Neuburg-Schrobenhausen. In: Karl-Heinz Rieder (Hrsg.): Steinzeitliche Kulturen an Donau und Altmühl. Begleitband zur Ausstellung im Stadtmuseum Ingolstadt, 1989 dennoch wird das Stück heute von der Mehrheit der Prähistoriker als Geofakt angesehen.Wolfgang Weißmüller: Alt- und Mittelsteinzeit am Bayerischen Donaulauf zwischen Lech und Inn – Ein Überblick. In: Karl Schmotz (Hrsg.): Vorträge des 20. Niederbayerischen Archäologentages. Verlag M. Leidorf, Rahden/Westf. 2002, S. 167Leif Steguweit: Neue paläolithische Funde aus Bayern. In: Fines Transire, Band 20, 2011, S. 43–52 (PDF-Download) Die ehemalige Ziegeleigrube von Hagelstadt (Lkr. Regensburg) erschloss ein etwa 17 m mächtiges Quartärprofil mit einer außergewöhnlich vielgliedrigen Löss-Paläoboden-Abfolge. Mit acht fossilen Böden interglazialen Typs gilt das Profil als eine der vollständigsten pleistozänen Lössfolgen Bayerns und dokumentiert mehrere Glazial-Interglazial-Zyklen des Mittel- und Jungpleistozäns.Horst Strunk: Das Quartärprofil von Hagelstadt im Bayerischen Tertiärhügelland. In: Eiszeitalter und Gegenwart. Band 40, 1990, S. 85–96, doi:10.3285/eg.40.1.06.

Von Flussterrassen und ihren Schotterkörpern gibt es diverse Einzelfunde von Faustkeilen.Lothar Zotz: Wichtige alt- und mittelpaläolithische Neufunde aus Bayern. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 30, 1965, S. 9–25Gisela Freund: Das Paläolithikum im Donaubogen südlich Regensburg. Materialhefte zur Bayerischen Vorgeschichte, Band A 32. Kallmünz, 1977. Keiner dieser Funde ist jedoch in einem umgebenden Sediment gefunden worden, das eine eindeutige Datierung erlaubt. So schreibt Wolfgang Weißmüller im Jahre 2002: „Profile mit archäologischen Relikten stehen im bayerischen Donauraum erst für den Zeitraum nach der letzten Warmzeit...zur Verfügung.“

Eine Revision bezüglich der Objekte, die aus gesichert mittelpleistozänen Terrassen stammen und damit geologische Argumente ihrer Altersstellung liefern, grenzt ihre Zahl und damit die Beweise für die Anwesenheit von Homo heidelbergensis bzw. des frühen Neandertalers in Bayern stark ein. Lediglich für den Faustkeil von Wörleschwang (Lkr. Augsburg) besteht aufgrund der Fundlage auf der risszeitlichen Hochfläche – 60 m über der heutigen Talsohle des Zusamtals gelegen – eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass dieser in das Mittelpleistozän zu stellen ist. Am Schweiklberg (Vilshofen an der Donau) ist neben einem Faustkeil auch ein Cleaver als typisches Werkzeug des Acheuléens belegt, während das andere Inventar aus Sicht der Ausgräber keine zeitlich eingrenzbaren Merkmale zeige.

Mittelpaläolithikum Einzelfunde aus Schotterkörpern mini|Faustkeil von Wörleschwang mini|Faustkeil von Pösing, Kallmünzer, Länge 15 cm Faustkeile mit formenkundlichen Merkmalen, die dem Acheuléen (300.000 – 130.000 vor heute) zugeschrieben wurden, gibt es zum Beispiel aus den Gemarkungen Ried (Faustkeil von Ried)Lothar Zotz: Der Faustkeil von Ried. In Quartär 10/11, 1958/59, S. 189–199Lothar Zotz: Zwei neue altpaläolithische Großgeräte aus Bayern. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 25, 1960, S. 203–207, Biburg (Lkr. Kelheim)Gisela Freund: Der Faustkeil von Biburg bei Abensberg, Lkr. Kelheim/Donau. In: Quartär 20, 1969, S. 163–174, Saal an der DonauIngrid Burger: Ein paläolithischer Faustkeil aus Saal an der Donau. In: Das Archäologische Jahr in Bayern 1981. Theiss, Stuttgart 1982, S. 64–65, SchweiklbergBrigitte Kaulich, Manfred Hilgart, Ludwig Reisch: Archäologische Untersuchungen im Bauerschließungsgebiet „Am Klosteracker“ in Schweiklberg. Stadt Vilshofen, Landkreis Passau, Niederbayern. Das Archäologische Jahr in Bayern 1995, Stuttgart, Theiss, 1996, S. 27–29. und Wörleschwang (Lkr. Augsburg).Leif Steguweit: Ein Faustkeil von Wörleschwang (Gde. Zusmarshausen, Lkr. Augsburg). In: Archäologie in Bayerisch-Schwaben 2, 2008, S. 18–22 Typische Merkmale von Faustkeilen wurden gemäß François Bordes aus Umrissform und Proportionen abgeleitet, die dieser in den 1950er Jahren zur Unterscheidung von Faustkeilen der letzten und vorletzten Kaltzeit postuliert hatte. So seien die Faustkeile von Pösing, Biburg und Saal aufgrund ihrer gestreckt herz- bis mandelförmigen Umrissform einem mittleren bis oberen Acheuléen zuzuordnen, obwohl der Faustkeil von Saal stratigraphisch eindeutig aus Niederterrassenschottern der Würm-Kaltzeit stammt.

Neueren Arbeiten zufolge lässt sich eine zeitliche Obergrenze von Faustkeilformen des Jung-Acheuléen erst in der Mitte der letzten Kaltzeit ziehen.Andreas Pastoors: Die mittelpaläolithische Freilandstation von Salzgitter-Lebenstedt. Genese der Fundstelle und Systematik der Steinbearbeitung. Salzgitter-Forschungen 3. Salzgitter, 2001. Weil würmzeitliche Schotter weit häufiger aufgeschlossen sind als die der älteren Kaltzeiten, sind die meisten isoliert gefundenen Faustkeile daher wahrscheinlich in die frühe Würm-Kaltzeit (ca. 100.000–65.000 vor heute) zu datieren. Neben dem Faustkeil von Wörleschwang bildet der Faustkeil von Pösing (Lkr. Cham) hier eine weitere, jedoch ebenfalls nicht sicher belegte Ausnahme. Der Fund stammt aus Schottern des Regens in der Cham-Further Senke, die möglicherweise in die Riß-Kaltzeit (200.000 – 130.000 vor heute) zu datieren sind.Fred Angerer et al.: Ein Acheuléen-Faustkeil aus dem Regental. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 27, 1962, S. 1–33 Damit wäre es der älteste bekannt gewordene archäologische Fund der Oberpfalz. (abgerufen am 5. November 2011) Das Original wird im Historischen Museum Regensburg ausgestellt, wo sein Alter mit 250.000 Jahren angegeben wird.Abteilung Vorgeschichte des Historischen Museums Regensburg (abgerufen am 5. November 2011) Andere Altersangaben gehen von (stark gerundeten) 100.000 Jahren aus, da in der Eem-Warmzeit die letzte Verlagerung der umgebenden Schotter angenommen wird. (abgerufen am 5. November 2011) Von Interesse sind außerdem Faustkeile aus der Höhlenruine Beixenstein unterhalb der Abschnittsbefestigung Hünenring bei Ried (Landkreis Eichstätt), die aus qualitätvollen Jurahornsteinen bestehen.Karl-Heinz Rieder: Die mittelpaläolithische Station in der Höhlenruine Beixenstein im Wellheimer Trockental, Lkr. Eichstätt. In: Steinzeitliche Kulturen an Donau und Altmühl, S. 43–50 Diese wurden an der Basis der Höhlenschichten gefunden, wobei der Archäologe Karl Heinz Rieder auch die Erhaltung vorwürmzeitlicher Sedimente in Betracht zieht.

Das Dilemma einer fehlenden Stratigraphie betrifft auch die etwa 100 oberflächig aufgelesenen Geröllgeräte aus Weißenbrunn (OT Hummendorf) und von der Wachtersmühle (beide Lkr. Kronach), die in der ur- und frühgeschichtlichen Sammlung der Universität Erlangen ausgestellt sind. Die Funde wurden aufgrund morphologischer Kriterien zunächst ins Altpaläolithikum,Gisela Freund: Die ältere und die mittlere Steinzeit in Bayern. In: Jahresbericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege 4, 1963, S. 9–167 später ins Mittelpaläolithikum gestellt.Lothar Zotz, Gisela Freund: Die mittelpaläolithische Geröllgeräteindustrie aus der Umgebung von Kronach in Oberfranken. In: Materialhefte zur Bayerischen Vorgeschichte, Band 27, 1973. Kallmünz, Verlag Lassleben Die als Artefakte klassifizierten Objekte (Chopper und Chopping Tools) aus Schottern der Rodach sind mehrheitlich aus flachen Lyditgeschieben hergestellt worden. Die Lage auf der 25-m- bzw. 40-m-Terrasse der Rodach spreche, obwohl es sich um Oberflächenfunde handelt, für eine Einstufung am „Ende des Riss-Würm-Interglazials“.Gisela Freund: Der Übergang vom Alt- zum Mittelpaläolithikum in Süddeutschland. In: A. Ronen (Hrsg.): The transition from lower to middle palaeolithic and the origin of modern man. International symposium to commemorate the 50th anniversary of excavations in the Mount Carmel caves by D. A. E. Garrod; University of Haifa, 6.–14. Oktober 1980. Haifa, Applied Scientific Research, 1982

Neandertaler-Fossilfunde