Marmorera (/; deutsch veraltet und bis 1902 offiziell Marmels , ) ist eine Ortschaft in der Gemeinde Surses, Kanton Graubünden.
Bis zum 31. Dezember 2015 war sie eine eigenständige politische Gemeinde. Am 1. Januar 2016 fusionierte Marmorera mit den Gemeinden Bivio, Cunter, Mulegns, Riom-Parsonz, Salouf, Savognin, Sur und Tinizong-Rona zur neuen Gemeinde Surses.
Geschichte mini|links|Marmorera um 1900 Um 840 wurde der Ort als ad Marmoraria erwähnt. Im Mittelalter war Marmorera Herrschaft der Herren von Marmels, deren unterhalb eines Felsvorsprungs gelegene Burg 1193 erstmals erwähnt wird. Kirchlich gehört Marmorera bis heute zu Bivio; 1631 bis 1925 wurde es von Kapuzinern betreut. Sowohl die alte wie auch die neue Kirche wurden dem Bündner Heiligen Florin geweiht. Vom Mittelalter bis ins 17. Jahrhundert wurden in der Umgebung Marmoreras Serpentiniten abgebaut. Bis 1950 lebten in Marmorera vor allem Bergbauern, die vom Mittelalter an im Fuhrwesen und im Passverkehr einen Nebenerwerb gefunden hatten. Eine Abwanderungsbewegung setzte nach der Eröffnung der Albulabahn 1903 ein, und die Gemeinde verarmte. Zwischen 1922 (Sommer-) und 1933 (Ganzjahresbetrieb) wurden die Postkutschen durch das Postauto abgelöst. In Neu-Marmorera oberhalb des Stausees leben keine Bauern mehr, die Alpen sind an Auswärtige verpachtet. Der rätoromanische Dialekt ist vom Aussterben bedroht; der rätoromanische Sprachanteil betrug 2000 noch ein Drittel.
mini|links|Luftbild aus 2500 m von Walter Mittelholzer, 1925
Nach dem Zweiten Weltkrieg bot Marmorera der Stadt Zürich zu günstigen Bedingungen eine Konzession für einen Stausee an. Der Unterhändler Walther Pfister von den Industriellen Betrieben Zürich handelte mit den einzelnen Haus- und Landbesitzern individuelle Verträge aus und verpflichtete sie zu Stillschweigen. Dabei nutzte er aus, dass viele Einwohner nur Italienisch oder Rätoromanisch sprachen und unterschrieben, ohne ein Wort Deutsch zu verstehen. Am 17. Oktober 1948 stimmte die Gemeindeversammlung mit 24 Ja gegen 2 Nein-Stimmen der Konzession zur Ausnützung der Wasserkräfte für die Dauer von 80 Jahren und der Errichtung eines Stausees zu.Paul J. Mark: Ein Bergdorf geht unter. Terra Grischuna-Verlag, Chur 2005. Ein Rekurs der Gegner gegen den Entscheid der Gemeindeversammlung wurde vom Kanton Graubünden abgelehnt.. Schweizer Fernsehen, 13. Februar 1997.
mini|Gemeindestand vor der Fusion am 1. Januar 2016 mini|hochkant|Neuer Friedhof 1954 begann die Überflutung. Vorher wurden sämtliche Gebäude des alten Dorfes zerstört. Der Friedhof sollte zubetoniert werden, aber die Bewohner erreichten, dass die Toten exhumiert wurden und in einem neuen Friedhof oberhalb des alten Dorfes bei den alten Grabkreuzen ein zweites Mal beerdigt wurden. Kirche und Schulhaus, 29 Wohnhäuser und 52 Ställe fielen dem Bau des Marmorera-Stausees zum Opfer.
Im Gegensatz zu einem Naturereignis war das menschengemachte Ereignis eine schwer zu verarbeitende Katastrophe, von welchem sich die Dorfgemeinschaft kaum erholen konnte, wurden doch Ersatz-Höfe für die Bauern im weit entfernten Thurgau angeboten und die Gemeinschaft in grosser Uneinigkeit aufgelöst. Wer das erste Haus an der Strasse bei Neu-Marmorera (ursprünglich Bardella. Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde.) betrachtet, findet den Namen La Resistenza (Widerstand).. In: Radio SRF 1 «Treffpunkt». 4. September 2013 (ab 1:23:30).
1956 war der neue Stausee erstmals gefüllt.
Die Julierpass-Strasse, die bisher auf dem Talboden verlief, wurde an die Ostseite des Stausees verlegt. Ein neues Marmorera wurde oberhalb des Stausees und der Julierpassstrasse aufgebaut. Das Dorfleben ist ohne Laden und ohne Schule (nach 2006) wenig sichtbar.Ruedi Baumann im Tages-Anzeiger vom 8. Mai 2013, S. 16.
Am 10. März 2006 lehnten die Einwohner von Marmorera und anderen Gemeinden der Talschaft Surmeir eine Fusion aller Gemeinden des Oberhalbsteins ab. Eine zweite Volksabstimmung ermöglichte den Zusammenschluss auf den 1. Januar 2016.
Auf dem Gemeindegebiet oberhalb des westlichen Endes der Staumauer steht die Ruine der Burg Marmels.
Es gibt Pläne, die Staumauer um 14 Meter zu erhöhen. Was das für das wieder aufgebaute Neu-Marmorera bedeuten würde, ist noch unklar.
Wappen
Bevölkerung + Bevölkerungsentwicklung Jahr 1850 1900 1920 1941 1950 1960 1980 1990 2000 2005 2014 Einwohner 156 143 100 94 140 28 27 38 49 47 31
Sprachen Die meisten Einwohner sprachen früher das rätoromanische Surmeirisch. Bis zum Zweiten Weltkrieg blieb die Gemeinde fast einsprachig rätoromanisch. Dieser Wert sank 1970 auf 78 %. Seit 1980 spricht eine knappe Mehrheit der Einwohnerschaft Deutsch. Wegen der geringen Einwohnerzahl können die Verhältnisse allerdings stark schwanken.
+ Sprachen in Marmorera Sprachen Volkszählung 1980 Volkszählung 1990 Volkszählung 2000 Anzahl Anteil Anzahl Anteil Anzahl AnteilDeutsch 14 51,85 % 20 52,63 % 28 57,14 %Rätoromanisch 11 40,74 % 18 47,37 % 17 34,69 %Italienisch 1 3,70 % 0 0,00 % 3 6,12 %Einwohner 27 100 % 38 100 % 49 100 %
Insgesamt beherrschten im Jahr 2000 noch 53 % der Bevölkerung Rätoromanisch, das zusammen mit Deutsch Behördensprache ist.
Herkunft und Nationalität Von den 47 Bewohnern Ende 2005 waren 46 Schweizer Staatsangehörige.
Schule Im Jahre 1960 baute die Gemeinde in Scalotta ein grosses Schulhaus, das jedoch nach fünfzehn Jahren als Ferienlagerhaus an die Gemeinde Seon verkauft wurde.Marmorera auf surses.ch. Die Primarschule betrieb die ehemalige Gemeinde seit 1975 mit Mulegns und Sur. Ab 2006 wurden die Primarschüler in Bivio unterrichtet und seit dem Schuljahr 2014/2015 in Savognin. Sekundarschüler müssen seit 1963 nach Savognin. Unterrichtssprache ist Rätoromanisch, Deutsch und Englisch werden als erste, respektive zweite Fremdsprache unterrichtet.Igls lungatgs da scola (dt. Die Schulsprachen) auf scolasurses.ch
Film 2007 erschien der Mystery-Thriller Marmorera von Markus Fischer.
Sehenswürdigkeiten
Literatur Christian Caflisch: Rückblick auf Marmorera. In: Die Alpen (= Jahrbuch des Schweizerischen Alpen-Clubs.) 1953. Thomas Joos: Marmorera – «Ein Dorf opfert sich für Zürich». Die Auflassung eines Bergdorfes im energiepolitischen Interessenfeld einer Grossstadt. Unveröffentlichte Lizentiatsarbeit Universität Zürich 1989. Thomas Joos: Marmorera. Ein Dorf versinkt im Stausee. Graubündner Zeitgeschichte, Rotterdam 2026. Paul J. Mark: Ein Bergdorf geht unter. Terra Grischuna-Verlag, Chur 2005. Erwin Poeschel: Die Kunstdenkmäler des Kantons Graubünden. III.: Die Talschaften Räzünser Boden, Domleschg, Heinzenberg, Oberhalbstein, Ober- und Unterengadin. (= Die Kunstdenkmäler der Schweiz. Band 11). Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (GSK). Bern 1940, .
Weblinks
Offizielle Website der Gemeinde Surses Marmorera auf graubuenden.ch Rachel Huber: Ein Dorf auf Tauchgang. Im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums vom 13. September 2022
Einzelnachweise
Kategorie:Ort im Oberhalbstein Kategorie:Ehemalige politische Gemeinde in der Schweiz Kategorie:Geographie (Surses) Kategorie:Gemeindeauflösung 2015