mini|hochkant|Die Salbung König Davids in einer mittelalterlichen Darstellung
Die Salbung oder das Salben ist ein seit der Zeit der altorientalischen Reiche belegtes religiöses Ritual der Heilung, der Heiligung sowie der Übertragung und Legitimation politischer Macht, bei dem ein oder mehrere Körperteile einer Person zeremoniell mit Salbe oder heiligem Öl bestrichen werden.
Seit dem Mittelalter galt die Salbung nach dem Vorbild der alttestamentlichen Könige in vielen europäischen Ländern als der entscheidende Akt der Königserhebung. Durch sie wurde der Herrscher zum „Christus Domini“, zum „Gesalbten des Herrn“. Der von einem Bischof vollzogene Weiheritus ging nach damaliger Auffassung direkt von Gott aus. Die Salbung war damit Ausdruck des Gottesgnadentums, das als Legitimation der Königsherrschaft das ältere Geblütsrecht ergänzen, überwölben und vereinzelt sogar ablösen konnte. Die Krönung britischer Monarchen ist die einzige, in deren Verlauf heute noch eine Salbung erfolgt.
Als kirchliches Ritual ist die Salbung bis heute Bestandteil mehrerer Sakramente und Sakramentalien im Katholizismus. Auch in den orthodoxen sowie in verschiedenen protestantischen Kirchen werden Formen der Salbung praktiziert.
Ursprünge mini|Salbung im alten Ägypten
Schon in den altorientalischen Kulturen Mesopotamiens und Ägyptens war das SalbenVgl. etwa Friedrich Wilhelm Culmann: Das Salben im Morgen- und Abendlande: Eine sprachliche Studie. 1876. als Gebrauch von meist duftenden Salbölen oder Balsamen zu Pflege- und Heilzwecken bekannt.Kutsch: Salbung als Rechtsakt, S. 1. Es stand in der Regel nur den Wohlhabenden zur Verfügung, da es meist kostbar war und manchmal – wie archäologische Funde aus Ägypten und Babylonien zeigen – in ebenso kostbaren Gefäßen, z. B. aus Glas, aufbewahrt wurde.
Die Hochkulturen im Fruchtbaren Halbmond kannten aber auch bereits Salbungsriten, die über den heilenden und pflegenden Gebrauch des Öls hinausgingen. In Sumer, Akkad und Babylon wurden sie als Rechtsakte bei der Einsetzung von Priestern und Beamten praktiziert. Der ägyptische Pharao salbte seinen höchsten Minister als Zeichen der Machtübertragung.Kutsch: Salbung als Rechtsakt, S. 33–51 Die im Alten Testament erwähnte Salbung der Könige Israels geht wahrscheinlich auf dieses Vorbild zurück.
In biblischer Zeit Altes Testament mini|Die Salbung König Davids nach Paolo Veronese, 1555 In der Tora findet sich ein Rezept für Heiliges Salböl, das zur Weihe von Priestern und sakralen Gegenständen erstmals im Buch Exodus: Es musste aus Myrrhe, Weihrauch, Zimt, Kalmus und Cassia bestehen. Diese aromatischen Pflanzenbestandteile wurden in Olivenöl gemischt, das ihren Duft aufnahm. Solches Salböl, das ausschließlich für sakrale Zwecke eingesetzt werden durfte, wird auch in Psalm 133 erwähnt: „Siehe, wie gut und wie schön ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen. Es ist wie köstliches Salböl auf dem Haupt, das hinabfließt auf den Bart, den Bart des Aaron, das hinabfließt auf den Saum seines Gewandes.“.
Durch Salbung geheiligt wurden nach den heiligen Schriften des Judentums (Altes Testament) verschiedene geheiligte Personen oder Dinge: der Mischkan mit der Bundeslade, dem Brandopferaltar und allen liturgischen Geräten, ungesäuertes Brot, jüdische Priester, Propheten, den König von Israel bzw. Juda
Die rituelle Salbung eines Königs erscheint erstmals im 1. Buch Samuel. Dort wird berichtet, der Prophet Samuel habe Saul zum ersten König von Israel gesalbt. Das Ritual, das auch an Sauls Nachfolgern, David und Salomon, vollzogen wurde, sollte dem Herrscher göttliche Gnade und einen herausgehobenen Status unter den Menschen verleihen, ihm aber auch vor Augen führen, dass er seine Macht wiederum Gott verdanke.
Mit dem hebräische Begriff Messias (Maschiach, „der Gesalbte“) konnte folglich sowohl Priester, vor allem der Hohepriester, als auch der König oder, zumindest im Plural, Propheten bezeichnet werden.
Nach der Eroberung Jerusalems durch die Babylonier im 6. Jahrhundert v. Chr. richtete sich die eschatologische Heilserwartung des Judentums auf die Wiederherstellung des alttestamentlichen Königtums durch die Ankunft eines zukünftigen Heilsbringers, wie er z. B. vom Propheten Jeremia beschrieben wird. Als Messias wurde dieser bereits in den Psalmen Davids (um 1000 v. Chr.) erwähnt. Auch der Perserkönig Kyros II., der den Juden im Exil die Heimkehr nach Judäa gestattete, wurde im Buch Jesaja als Messias bezeichnet. Der hebräische Begriff Maschiach wurde ab ca. 250 v. Chr. in der Koine-griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der Septuaginta, ins Griechische („Christós“) übertragen und später in „Christus“ latinisiert.vgl. unter anderem die Vulgata.
Neues Testament Im Neuen Testament wird Jesus von Nazaret durch die Worte „Christus“ oder „Messias“ als Gesalbter gekennzeichnet. Letzteres ist eine nicht ganz korrekte und in der Bedeutung gewandelte Transliteration des hebräischen Maschiach. Nach neutestamentlichen Aussagen, etwa in der Apostelgeschichte, die sich auf Prophezeiungen des Alten Testamentsz. B. in , , , , bezogen, sahen bereits die Urchristen in Jesus einen Nachkommen Davids und den von den Juden erwarteten Erlöser und Gesalbten der Endzeit, dessen Wiederkunft und zukünftiges Königreich bevorstehe.
Der Name Jesus Christus drückt also das Glaubensbekenntnis der Urchristen aus: Jesus war für sie der Gesalbte Gottes, dessen Taten und Zeichenz. B. neben den Prophetien die Einsetzung und Bevollmächtigung durch Gott bestätigten. So bemerkt der Evangelist Johannes:
Im Jakobusbrief wiederum heißt es:
Der Autor verwendet an dieser Stelle für „salben“ jedoch nicht das griechische Wort chrio, das eine religiöse Salbung bezeichnet, sondern das Verb aleipho, das sich im Sinne eines medizinischen Einreibens verstehen lässt.
Salbung als Sakramentale der Herrscherweihe Für die Salbung der abendländischen Könige seit dem Mittelalter erlangte eine Bibelstelle aus dem 1. Buch der Könige zentrale Bedeutung. Danach hatte der alternde König David dem Priester Zadok und dem Propheten Natan befohlen, seinen Sohn Salomon zum Herrscher zu salben, um das Machtstreben von dessen Halbbruder Adonija zu durchkreuzen:
Die erste durch Quellen belegte, priesterliche Königsweihe in Europa war die des westgotischen Herrschers Wamba im Jahr 672. Bedroht durch die Opposition mächtiger Adliger, ließ er sich zusätzlich zu seiner bereits erfolgten Krönung vom Erzbischof von Toledo zum König salben. Dabei griff er möglicherweise auf Vorbilder aus der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts zurück. Da nach der arabischen Eroberung Spaniens westgotische Gelehrte ins Frankenreich flohen, wurde Wambas Vorgehen dort bekannt.Pierre Riché: Die Karolinger. Eine Familie formt Europa, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1991, S. 91
Im Fränkischen Reich soll Pippin der Jüngere der erste gewesen sein, der die kirchliche Weihe zum König erhalten hat. Mit Zustimmung des Papstes hatte der Hausmeier aus dem Geschlecht der Karolinger Ende 751 in einem Staatsstreich den letzten Merowingerkönig Childerich III. abgesetzt und in ein Kloster verbannt. Da das Königsheil nach alter germanischer Vorstellung aber allein durch Geblütsrecht in der herrschenden Dynastie weitergegeben wurde, könnte Pippin für seinen Anspruch ein neues, sichtbares Zeichen seiner Legitimität wie das Sakramentale der Königsweihe benötigt haben. Laut späteren Quellen ließ er sich noch 751 in Soissons von Bischöfen seines Reichs nach dem Vorbild der Priesterweihe an den Händen salben. Diese Zeremonie sei 754 bei einem Besuch von Papst Stephan II. im Frankenreich wiederholt worden.Riché: Die Karolinger, München 1991, S. 92f
Für die angelsächsischen Königreiche ist die erste Salbung für das Jahr 787 bezeugt, als König Offa von Mercien sie an seinem Sohn Ecgfrith vollziehen ließ, um konkurrierende Herrschaftsansprüche anderer Thronprätendenten auszuschließen.
Irische Mönche hatten die Salbung schon etwa ab dem Jahr 700 propagiert. Möglicherweise griffen sie dabei auf keltische Vorbilder zurück, prägend für ihre Vorstellungen und die des übrigen Europa war aber allein die oben zitierte Bibelstelle. In allen genannten Beispielen – bei Salomon, Wamba, Pippin und Ecgfrith – ging es darum, mittels der Salbung konkurrierende Herrschaftsansprüche abzuweisen und die Legitimität des Königs zu stärken. Das kirchliche Ritual sollte für jedermann sichtbar machen, wer der einzig wahre und rechtmäßige Herrscher war, der als Christus Domini, d. h. als Gesalbter des Herrn, seine Macht nicht Menschen, sondern allein der Gnade Gottes verdankte. Ihm sein Herrscherrecht streitig zu machen, war also ein Verstoß gegen die göttliche Weltordnung. In William Shakespeares Königsdrama „Richard II.“ heißt es folgerichtig:
Zur Salbung verwendet wurden Katechumenenöl – auch Exorzismusöl genannt – oder Chrisam oder beides. Das Katechumenenöl diente der Abwehr des Bösen und wurde daher auch bei der Taufe verwendet, wobei der ganze Körper damit eingerieben wurde. Bei der Herrscherweihe wurde diese Salbung nur noch symbolisch am Scheitel vorgenommen. Chrisam wiederum, das bis heute bei der Priesterweihe genutzt wird, sollte den Gesalbten stärken und wurde üblicherweise an Brust, Armen und Händen angewandt.
Die Zeremonie und die mit ihr verbundenen Vorstellungen stabilisierten und legitimierten nicht nur das Königtum, sie stärkten auch die Stellung der Kirche als derjenigen Institution, die den entscheidenden Akt der Königserhebung vorzunehmen berechtigt war. Daraus ergaben sich Konflikte um den Vorrang der weltlichen oder der geistlichen Gewalt, die Jahrhunderte später im Investiturstreit gipfelten. Dennoch enthielten die Titulaturen europäischer Herrscher bis zur Französische Revolution und darüber hinaus – in Großbritannien bis heute – Formulierungen wie „Herrscher von Gottes Gnaden“. Als derart ideologisch stabilisierendes Element war die Salbung sowohl im Heiligen Römischen Reich als auch in Frankreich, England und den meisten anderen Königreichen des Abendlandes das wichtigste Ritual der Herrscherweihe.
Im Fränkischen Reich und in Frankreich mini|Zur Taufe Chlodwigs I. – hier einer Darstellung des 15. Jh. – brachte der Legende nach eine Taube heiliges Salböl vom Himmel Im Frankenreich wurde die Tradition der Salbung, wie oben dargestellt, auf die Thronbesteigung des ersten Karolingerkönigs Pippin im Jahr 751 zurückgeführt. Im 9. Jahrhundert brachte Erzbischof Hinkmar von Reims eine Legende in Umlauf, die diese Tradition noch weiter in die Vergangenheit hinein verlängerte. Hinkmar zufolge soll bereits zur Taufe des Merowingerkönigs Chlodwig I. im Jahr 496 oder 499 eine Taube eine Phiole mit heiligem Salböl vom Himmel herab gebracht haben. In der Kathedrale von Reims, der Krönungskirche der französischen Könige, wurde bis zur Französischen Revolution die Heilige Ampulle aufbewahrt, die noch immer Teile dieses ersten Salböls enthalten haben soll. Hinkmar wollte die Vorrangstellung von Reims als Krönungsstadt der französischen Könige sichern, aber auch das kirchliche Ritual der Königsweihe stärken.
Dies war nötig geworden, nachdem Pippins Sohn, Karl der Große, im Jahr 800 zum Kaiser gekrönt worden war. Er und seine Nachfolger orientierten sich bei der Erhebung zum Kaiser am Vorbild des Byzantinischen Reichs, dessen Herrscher die Tradition der oströmischen Caesaren fortführten und daher die Krönung als entscheidenden Akt ihres Herrschaftsantritts betrachteten. Erst seit etwa 1000, gesichert aber erst im 13. Jahrhundert übernahmen sie den Brauch der Salbung aus dem Westen.