mini|Die Maison Carrée in Nîmes (erbaut Ende des 1. Jh. v. Chr. oder Anfang des 1. Jh. n. Chr.) weist die Kennzeichen des römischen „Standardtempels“ auf: Freitreppe, hohes Podium, geräumige Säulenvorhalle.

Die römische Religion, deren Geschichte bis in das frühe 1. Jahrtausend v. Chr. zurückverfolgt werden kann, gehört wie die überwiegende Zahl antiker Religionen zu den polytheistischen Volks- und Stammesreligionen.

Die Praktizierung der römischen Religion als verbindlichem Staatskult des Römischen Reiches endete im 4. Jahrhundert mit den kaiserlichen Toleranzedikten zugunsten des Christentums und dem späteren Verbot aller nichtchristlichen Religionen (außer dem Judentum) im Jahr 380 bzw. 393 (siehe Christianisierung des Römischen Reiches). Heute sind viele Forscher der Meinung, erst Kaiser Justinian sei 150 Jahre nach dem offiziellen Verbot wirklich entschlossen und tatkräftig gegen die Altgläubigen im Imperium vorgegangen; erst dieser Herrscher ließ auch die letzten offiziell geduldeten Tempel schließen. Die altrömische Religion verschwand dann im Verlauf des späteren 6. Jahrhunderts fast überall.

Religionswissenschaftliche Einordnung

So war es im Sinne von Minucius Felix der polytheistische Universalismus der Römer, der einen Grund für die Größe des Imperiums lieferte, denn so „konnten sie [die Römer] ihre Macht und ihren Einfluß über den ganzen Erdkreis ausdehnen“.Minucius Felix: Octavius. Latein/deutsch übersetzt und eingeleitet von Bernhard Kytzler, Kösel, München 1965, S. 61.

Die vergleichende Religionswissenschaft unterscheidet orthopraxe von orthodoxen Religionen. Orthopraxe Religionen („es richtig machen“), zu der die römische Religion als polytheistische Volks- und Stammesreligion gehört, basieren auf dem do-ut-des-Prinzip („Ich gebe, damit du gibst.“), das heißt, es gibt eine vertragsmäßige Übereinkunft zwischen Göttern und Menschen. Als Gegenleistung für deren kultische Verehrung gewähren die Götter den Menschen demnach Hilfe und Beistand und halten die natürliche und öffentliche Ordnung aufrecht. Nicht der Glaube bei der Praktizierung eines Kultes ist wichtig, sondern die richtige Ausführung des Kults. Eine kultische Handlung kann z. B. in der Darbringung eines Opfers bestehen, daher spricht man auch von einer „Opferreligion“. Dagegen steht bei einer orthodoxen Religion („richtig glauben“) der Glaube oder das Bekenntnis (Bekenntnisreligion) im Mittelpunkt. Der richtige Glaube verspricht göttliche Rettung im Jenseits. Der Glaube an Christus z. B. führt demnach angeblich zum Seelenheil des Menschen. Kulte und Ritualhandlungen wurden demgegenüber vom christlichen Apostel Paulus weitgehend abgewertet.

Auch für Rosenberger (2012) ist die antike Religion kein geschlossenes System, aber sie war eingebettet in das alltägliche und soziale Netzwerk; fast alle Ausdrucksformen des sozialen Lebens waren mit Ritualen und Göttern verbunden und auf sie direkt oder indirekt beziehbar.Veit Rosenberger: Religion in der Antike. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2012, ISBN 978-3-534-23826-2, S. 4 f. Antike religiöse Systeme kannten kein Dogma, keine Orthodoxie und speziellen moralischen Konventionen. Charismatische Gründervergleiche hierzu Achsenzeit fehlten, auch kohärente heilige Schriften im engeren Wortsinne existierten nicht, wohl aber wurden Ritualanweisungen verschriftlicht (Sibyllinische Bücher). Eine Diskrepanz über das historische Wissen besteht zwischen den Religionen der Stadt Rom und dem näheren und ferneren römischen Umland. Insoweit als römische Legionäre das Imperium erweiterten, wurden mehr Kulte und spirituelle Vorstellungen importiert, als urbane Vorstellungen exportiert. Deshalb sei nach Rosenberger zu bedenken, dass eine Reflexion über die „römische Religion“, immer auch die Provinzen des Reiches mit den zahlreichen religiösen Traditionen, dabei häufig römisch überformt, mit berücksichtigen müsse. Die Praxis antiker Religionen fand häufig im Kollektiv, im Rahmen der urbanen Kulte oder eines Kultvereins statt. In einigen Belegquellen wurde aber auch von Formen individueller Religiosität berichtet.Veit Rosenberger: Religion in der Antike. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2012, ISBN 978-3-534-23826-2, S. 11, 16.

Nach Veyne (2005) stellte der antike Mensch sich die Götter als überwältigende, anbetungswürdige, dem Menschen überlegene Wesen vor.Paul Veyne: Die griechisch-römische Religion – Kult, Frömmigkeit und Moral. Reclam, Stuttgart 2008. ISBN 978-3-15-010621-1. (frz.: Kapitel Culte, piété et morale dans le paganisme gréco-romain In: Paul Veyne: L’Empire gréco-romain. Édition du Seuil, coll. Des travaux, Paris 2005, S. 419–543.), S. 23, 27, 33, 35, 37 und 69. Dabei waren die Götter weniger reale Wesen als vielmehr fiktionale Gestalten einer erzählerischen Phantasie entsprungen. Sie waren Inhalt eines einfachen Narrativs, im Sinne einer literarischen Figur. Die Götter hatten, in der Vorstellungswelt der Glaubenden, alle ein bestimmtes Alter erreicht, das sich ebenso wenig änderte wie die Anzahl ihrer Nachkommen. Die heidnische Religion und Kulte aber kannten keinen liebenden Gott. Die pagane Frömmigkeit gründet auf die Opfer. Die Götter sind aus der paganen Vorstellungswelt nicht sehr eng mit der Menschheit verbunden, so dass man sie beständig stören dürfte. Sie werden nicht über die eigene, individuelle seelische Befindlichkeit in Kenntnis gesetzt. Einzig darf der Praktizierende sie an die Beziehung erinnern, die mit einem von ihnen durch wiederholte Opferungen entstanden ist. Pagane Religiosität sei nach Veyne ein Ensemble von Praktiken, es ginge nicht um dezidierte Überzeugungen und Vorstellungen, sondern darum seine Religion zu praktizieren. Die Götter, so in der Vorstellung ihrer Anhänger, achteten darauf, dass ihre Person, ihre Namen und Tempel, ihre Würde respektiert und bemerkt würden. Im Paganismus sei jede sich im Bewusstsein des Glaubenden abspielende Verbindung zwischen den Göttern und den Menschen fremd. Die Heiden traten in Beziehungen zu ihren Göttern ein die auf der Vorstellung vom Nutzen in einer gegebenen Situation, im Sinne eines erneuerbaren Vertrages beruhte. Sie konnten ihre Beziehungen zu den einzelnen Gottheiten ändern. Das Christentum durchdrang hingegen viel tiefer die Vorstellungswelt des Gläubigen.

Religion im Alltag Die göttliche und die menschliche Welt der antiken Römer waren nicht fundamental getrennt – wie in einer monotheistischen Religion mit einem transzendenten Gott – stattdessen sah die römische Bevölkerung ihre Götter an als in der Umgebung real existierend, sie konnten gedacht werden als „vergöttlichtes Naturphänomen“. Jupiter z. B. war erfahrbar als vergöttlichtes Gewitter und war somit real existent. Die Welt der Römer war geprägt sowohl von großen Göttern wie Jupiter oder Mars, dem in Krieg und Frieden mächtigen Beschützer des Volkes und des Reiches, als auch von kleinen Göttern, die in Bäumen, Bächen oder Quellen lebten oder vielleicht besser: mit ihnen eins waren. Die Götter offenbarten sich in ihren Handlungen (esse in actu), sie griffen ein in die konkrete Lebenswelt der Menschen. Den Göttern in ihrer Allgegenwart intensive und sorgfältige Aufmerksamkeit entgegenzubringen war „ein entscheidender Pfeiler der römischen Selbstsicht und des kollektiven Lebensgefühls.“ So entstand eine enge Verwobenheit sowohl jedes Einzelnen als auch des gesellschaftlichen Kollektivs mit der Welt der Götter. mini|Rekonstruktion eines Larariums, eines kleinen Hausheiligtums, das in römischen Häusern zu Ehren von Familienlaren, Manen und Penaten existierte.

Wesen Das numen mini|Hausaltar in Herculaneum, vor 79 n. Chr. Der polytheistischen römischen Religion mit ihrer phänomenologischen Betrachtung der Natur und ihrem Streben, die pax deorum (die göttlich vorgegebene friedliche Ordnung) zu bewahren, fehlte ursprünglich – anders als der griechischen Religion, von der sie sich stark unterschied – ein anthropomorphes Pantheon, bei dem die Gottheiten in tatsächlicher Menschengestalt erfahren wurden. Die unnahbaren, im eigentlichen Sinn „gescheuten“ Gottheiten Roms blieben gleichfalls dadurch schemenhaft, dass sie über keine ursprüngliche oder nur eine schwach entwickelte eigene römische Mythologie verfügten. Zwar begriffen die Römer ihre Gottheiten auch persönlich und mit einem eigenen Willen versehen, doch trat oft hinter dem göttlichen Willensakt die Gottheit als solche zurück. Eine zentrale Bedeutung für das Wesen der römischen Religion hatte der dingliche Kraftbegriff numen (pl. numina), der so viel wie göttliches Wirken bedeutet; er ist seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. belegt. Der göttliche beziehungsweise numinose Wille konnte sich in allen Lebewesen wie auch natürlichen und gesellschaftlichen Vorgängen und Handlungen äußern, so dass die römische Welt von einer Vielzahl von Abstraktnumina – häufig Begriffe der römischen Wertewelt: aequitas („Gleichmaß“), concordia („Einigkeit“), honos („Ehre“), libertas („Freiheit“), mens („Geist“), salus („Heil“), spes („Hoffnung“), virtus („Tugend“) – als Funktionsgöttern beherrscht war, die den Menschen kultisch und sozialrechtlich in die Pflicht nahmen. Die Entwicklungen, welche die Religion zeit ihres Bestehens durchlief, veränderten den signifikant römischen, apersonalen Blick auf das Transzendente und die innere Einstellung der Römer zu ihrer religio nicht grundsätzlich. Selbst nach den tiefgreifenden monotheistischen Transformationen der Spätantike konnte im Begriff numen die göttliche Wirkung vor der göttlichen Gestalt weiterhin im Vordergrund bleiben.

Die religio Mit dem Begriff religio verbanden die Römer einerseits das Wort religere (etwas wie zuvor beachten); die andererseits möglich scheinende Herleitung von religare (wieder vereinigen) findet sich seit der Kaiserzeit besonders im christlichen Umfeld. So bedeutet religio im zweiten Fall die persönliche Bindung des Menschen an eine transzendente Macht („Gott“), im ersten die gewissenhafte Beachtung der traditionellen kultischen Bräuche, die den Bezug zwischen der menschlichen und der „heiligen“ Sphäre herstellen. Der äußerliche Verkehr mit den Göttern hatte den gegenseitigen Charakter des do ut des („ich gebe, damit du gibst“): Man erfüllte pünktlich seine rituellen Pflichten, tat etwas für die Götter und erwartete von ihnen – die selbst auch nicht über den Normen stehen, sondern an diese gebunden sind – eine Gegenleistung. So überwog in der vorchristlichen Zeit das Verständnis von religio als der Summe der gängigen Kultpraxis, die Menschen und Götter gleichsam band.

mini|Münze des Kaisers Herennius Etruscus mit den Opfergerätschaften des pietas-Kults, vor 251 n. Chr. Auch Begriffe wie pietas (aus innerem Antrieb pflichtgerechtes Verhalten gegenüber Göttern sowie Menschen) hatten in der paganen Welt eine Bedeutung, die mit derjenigen im christlichen Verständnis (Frömmigkeit) nicht gleichzusetzen ist. Als exemplarisch für das römische Wesen und dessen pietas galt der sagenhafte Stammvater Aeneas, der bei seiner Flucht aus dem brennenden Troja die Statuetten der Hausgötter (penates) und den Vater auf dem Rücken trug und den Sohn an der Hand führte, und dem daher das Epitheton pius seit Vergils Aeneis fest anhing. Die fides, eines der frühesten und wichtigsten römischen numina, bedeutete Treue und Glauben eines Vertragsverhältnisses; die Verwendung des Worts durch die Christen im Sinne von Glauben als auf Gott sich verlassendes Grundvertrauen (also die Überzeugung von der Heilsoffenbarung Jesu) hatte keine Entsprechung in der römischen Religion. Diese kannte weder eine dogmatische Gottesvorstellung noch eine kohärente Theologie, befriedigte aber gerade durch diesen Mangel in komplexester Vielfalt die spirituellen Bedürfnisse ihrer Anhänger, die ihrerseits im polytheistischen Umfeld über sich überlappende religiöse Wesenheiten verfügen konnten.

Kultformen Kultformalismus