Winterspelt ist ein 1974 im Diogenes Verlag erschienener Roman von Alfred Andersch. In die historische Situation kurz vor der Ardennen-Offensive im Winter 1944–1945 eingebaut, spielt der Autor eine Fiktion durch, die er als „Sandkastenspiel“ bezeichnet:Kap. Der Major Dincklage, Abschnitt: Zwölf Uhr mittags In der Umgebung des in der Eifel gelegenen Dorfes Winterspelt plant der deutsche Bataillons-Kommandeur bei der 416. Infanterie-Division Joseph Dincklage angesichts der Sinnlosigkeit weiterer Kämpfe die Übergabe seiner Truppe an den amerikanischen Gegner, scheitert aber an der historischen Situation.

Überblick Die Haupthandlung ist eingerahmt von Auszügen aus Dokumenten über die Kriegssituation 1944 an der Westfront.Kap. Feindlage militärisch und Feindlage geistig und Verlustziffern Nach der historischen Einordnung fokussiert sich der Roman mit breit ausgemalten Landschaftsbeschreibungen auf einen Abschnitt der Ardennen und der Westeifel um die Gemeinde Winterspelt. Hier beginnt der Autor mit seiner fiktiven, unhistorischen Geschichte vom Versuch des Majors Dincklage, das Leben seiner Soldaten durch Geheimverhandlungen mit dem US-Kommandanten zu retten.

Vorgeschichte An den Übergabe-Verhandlung sind im Wesentlichen fünf Protagonisten des Romans beteiligt, die es zufällig in das Grenzgebiet am Fluss Our verschlagen hat. Deren Lebensläufe vor dem August 1944 sind als kurze „Biogramme“ oder als ausführliche Erinnerungen in die Handlung eingefügt.

Wenzel Hainstock Der 52-jährige böhmische Steinmetz und Steinbruch-Leiter Wenzel Hainstock wird als kommunistischer Aktivist für sechs Jahre im KZ Oranienburg inhaftiert und vorzeitig auf Fürsprache des Wehrwirtschaftsführers Matthias Arimond entlassen.Kap. Hauptkampfzone Zudem stellt dieser ihn als Aufseher über einige stillgelegte Eifel-Steinbrüche an und sichert sich damit, die Kriegsniederlage vorausahnend, prophylaktisch einen Entlastungszeugen. So kommt Hainstock 1941 nach Winterspelt.Der Autor verlegt die Prümer Kalkmulde nach Winterspelt und macht es zum „Kalkmuldendorf“. Kap. Einsatz eines Kuriers Von seiner Hütte aus, in der er sich mit Käthe trifft, beobachtet er das Grenzgebiet und verfolgt die Wanderungen Schefolds. Als Pragmatiker glaubt er nicht an eine Revolution und der Aburteilung der Verbrecher nach dem Krieg und rechnet mit einem Fortbestand der bürgerlichen Ständegesellschaft. Er denkt, im Gegensatz zu Käthe, nicht an eine Flucht und ist bereit, Kompromisse einzugehen und den Winterspelt-Steinbruch nach dem Krieg wieder in Betrieb zu nehmen.

Käthe Lenk Die 24-jährige Kaufmannstochter Käthe Lenk verlässt nach dem Tod ihrer Eltern bei einem Bombenangriff und der Einberufung ihres Freundes Lorenz zum Militär Berlin, vagabundiert ohne genauen Plan durch Nord- und Westdeutschland und strandet in Prüm, wo sie von Mai bis Anfang Juli als Studienreferendarin in einem Gymnasium unterrichtet. Nach der Nachricht von Lorenz Tod fühlt sie sich ungebunden und befreundet sich mit dem in sie verliebten Primaner Ludwig. Nach der Evakuierung der Zivilbevölkerung reist sie nicht wie vorgeschrieben nach Köln, sondern taucht unter und Ludwig bringt sie vor seiner Einberufung zu seiner Familie nach Winterspelt. Dort arbeitet sie im Haushalt. Sie träumt davon, nach Lincolnshire zu reisen, das sie aus Dickens Roman Bleak House kennt. Nach dem Verlust ihrer Familie und der bürgerlichen Ordnung sucht sie nach neuer Orientierung: Mit einem „wilde[n] Trieb, auszubrechen, die Tapete zu wechseln […] seit ihrem Auszug aus Berlin“ wartet sie täglich auf einen Fluchtweg durchs Niemandsland und die Frontlinien.Kap. Einsatz eines Kuriers und Entstehung einer Partisanin Bis dahin lebt sie unkonventionell ohne feste Bindung. Nach dem Hitler-Attentat vom 20. Juli fürchtet sie Razzien gegen Regimegegner und versteckt sich mit dem Marxisten Hainstock in einer Höhle am Apert. Dort befreunden sie sich und beginnen eine sexuelle Beziehung. Geistige Grundlage sind die Gespräche über den Marxismus. Käthe stimmt zwar Hainstocks Beschreibung der Gesellschafts- und Machtstrukturen zu und lehnt wie er den Faschismus ab, hält aber die Theorie der Dialektik als Weg zur klassenlosen Gesellschaft für unrealistisch. Er erzählt ihr von seiner Bekanntschaft mit dem Kunsthistoriker Schefold und dessen Wanderungen auf einem geheimen Pfad durchs Niemandsland. Sie entdeckt das in der Höhle versteckte Klee-Bild „Polyphon umgrenztes Weiß“ und interpretiert das Zentrum als „ein Nichts“.Kap. Die Höhle am Apert

Als Käthe sich in den Anfang Oktober angekommenen Major Dincklage verliebt und mit ihm sofort eine Liebesbeziehung beginnt, gerät sie in ein DilemmaKap. Miszellen über Käthes Verhältnisse und denkt zuerst daran, beide Liebschaften weiterzuführen, doch Hainstock zieht sich sofort zurück. Jetzt setzt sie sich mit dem Weltbild des Offiziers auseinander und entdeckt in ihm einen Hitlerkritiker, der nicht an einen Sieg glaubt und ihr seine Überlegung von einer Kapitulation seiner Brigade erzählt, allerdings nur als Modell, das schwer realisierbar sei. Sie kritisiert seine Inkonsequenz zwischen Einsicht und Handlung und macht ihm Vorschläge zur Umsetzung seines Plans mit einer geheimen Botenstafette über Hainstock und Schefold zu den Amerikanern.

Bruno Schefold Der dritte Regimegegner ist der 44-jährige Kunsthistoriker Dr. Bruno Schefold, der auf die Invasion der Amerikaner und das Ende der NS-Herrschaft wartet.Kap. Meldung über einen Vorfall auf Posten 1937 verlässt der wissenschaftliche Assistent am Städel-Museum Frankfurt, um sein Lieblingsbild „Polyphon umgrenztes (gefasstes) Weiß“Aquarell 1930, Bern Zentrum Paul Klee Bern. http://www.emuseum.zpk.org/eMuseumPlus?service=direct/1/ResultListView/moduleBottomContextFunctionBar.bottomNavigator.next&sp= von Paul Klee vor der Vernichtung zu retten, und emigriert nach Belgien. Eines Tages liest er in einer Brüsseler Zeitung, dass die als entartete Kunst aussortierten Gemälde in der Schweiz versteigert werden. Er fühlt sich um den Sinn seines Diebstahls betrogen: Seine Emigration beruhe auf einem Missverständnis. Er hätte in Frankfurt bleiben können. Nach der Besetzung des Landes verstecken ihn die Besitzer der Kunstsammlungen, für die er wissenschaftliche Studien verfertigt hat, als Archivar in ihren Schlössern. Auf die Nachricht der Invasion hin will er die Befreiung Deutschlands miterleben und reist im Juli in das Grenzgebiet bei Hemmeres und Sainth-Vieth. Er erhält von den Amerikanern einen Passierschein und sucht sich eine Wohnung in Maspelt im Niemandsland zwischen den Fronten. Von hier aus durchstreift er die Gegend auf beiden Seiten des Flusses Our und beobachtet die militärische Entwicklung, weigert sich allerdings, seine Informationen an die Militärs weiterzugeben. Auf seinen Touren lernt er Hainstock kennen. Nach dem Krieg will er seinen Emigrantenstatus nutzen, um ein kleines deutsches Museum zu leiten und mit seiner von ihm erweiterten Gemäldesammlung zu profilieren.

Joseph Dincklage Josef DincklageKap. Der Major Dincklage kommt Anfang Oktober 1944 mit seinem Bataillon an die Westfront. Der 34-jährige Major, Sohn eines Emsländer Ziegeleibesitzers, hat sich nach dem Studium (Nationalökonomie, Sprachen) in Heidelberg, Berlin, Oxford 1938 für die Offizierslaufbahn entschieden, „um dem Nationalsozialismus auf halbwegs saubere Art zu überwintern“. Nach Kriegseinsätzen am Rhein, in Afrika, Frankreich und Dänemark bezieht der Ritterkreuzträger als Bataillonsführer der 416. Infanterie-Division das Stabsquartier in Winterspelt. Seinen Dienst versieht er aus Pflichterfüllung, obwohl er wegen einer Hüftarthrose eigentlich vom Fronteinsatz freigestellt werden könnte. Schon am zweiten Tag ihrer Bekanntschaft beginnen er und Käthe eine Liebesbeziehung und diskutieren Fragen der Ideologie. Er vertritt ein existentialistisches Weltbild vom Leben als Zufallskette. „[D]er Mensch [sei] ein Geschöpf aus Determiniertheit und Zufall“: Aus zufälligen gesellschaftlichen und persönlichen Konstellationen entständen Sozialisationsmuster und Persönlichkeitsstrukturen. Hitler erkläre „aus der ins Quadrat gesteigerten Häufung gewisser Erbanlagen und dem blinden Walten jener Sorte von Zufällen das, was man Weltgeschichte nennt. […] ein Sein, in dem konstante Naturgesetze und reine Willkür sich ineinander verf[a]ngen und finster durchdr[i]ngen“ nennt er Chaos, aus dem Ungeheuer entstünden.Kap. Der Major Dincklage

John Kimbrough Die militärischen Gegenspieler Dincklages sind der im belgischen Maspelt stationierte Captain John Kimbrough und sein Vorgesetzter, der Nachrichtenoffizier Robert (Bob) Wheeler.Kap. Der Hauptmann Kimbrough Der 30-jährige John ist der Sohn eines Kleinfarmers (poor white) in Fargo im Südstaat Georgia. Nach dem Jura-Studium wird er Rechtsanwalt, verteidigt Kriminelle und kritisiert das Gerichtssystem des Bundesstaates und die autoritäre Führung des Gouverneurs Eugene Talmadge. 1941 gibt er den Beruf auf und tritt in die Armee ein. Er will einmal die Farm seines Vaters übernehmen, allerdings hat seine Freundin Dorothy Du Bois andere Zukunftspläne im Süden Mexikos, wo sie sich für die indianische Bevölkerung einsetzt. Auf der Überfahrt von Boston nach Le Havre befreundet er sich mit dem 52-jährigen Wheeler, Germanistik-Professor an der Indiana University Bloomington. Während der Südstaatler gegen den Kriegseintritt der USA ist und meint, die Europäer müssten allein das Hitler-Problem lösen, erklärt ihm Wheeler die neue weltpolitische Rolle seines Landes, das in Europa einen Limes gegen die Kommunisten im Osten errichten würde.

Hubert Reidel Die deutschen Soldaten werden durch verschiedene Personen repräsentiert. Zentrale Auswirkungen hat der Konflikt zwischen dem gefühllosen, verschlagenen Obergefreiten Hubert Reidel und dem Rekruten Borek. Borek zeigt Reidel wegen homosexueller Übergriffe an, dieser reagiert mit einer Anklage wegen Lesens jüdischer Bücher und staatsfeindlicher Aussagen. In der Haupthandlung tritt er als gehorsamer konformen Soldatentyp auf, der den spionageverdächtigen Schefold in einer Kompensation seiner Wut über seine Außenseiterrolle einfach abschießen möchte, sich dann aber für eine Verhaftung entscheidet, weil er eine dienstrechtliche Untersuchung mit ungewissem Ausgang befürchtet. Er ist ein unpolitischer Mensch und denkt bei seinen Handlungen, auch bei Denunziationen oder der Eliminierung von Spionen, nur an die eigenen Vorteile.

Haupthandlung mini|Eifel Zu Beginn der fiktiven Haupthandlung Anfang Oktober 1944 verläuft die Front im geographischen Raum der deutsch-belgischen Grenzlandschaft im Our-Tal. Die deutschen Verbände liegen vorgeschoben im äußersten Westen und können leicht vom Gegner bei einem Vorstoß von der Division abgeschnitten werden. Zur Romanhandlungszeit wird in diesem Gebiet nicht gekämpft, abgesehen vom Beschuss durch amerikanische Jagdbomber. Die Soldaten bauen ihre getarnten Stellungen aus und beobachten die amerikanischen Bewegungen am anderen Ufer. Sie warten auf einen Angriff oder auf den Befehl zu einer Gegenoffensive, die allerdings ohne Mannschafts- und Waffenverstärkung nicht erfolgreich wäre.