mini|Thomas Morus als Kanzler des Herzogtums Lancaster(Hans Holbein der Jüngere, 1527) rahmenlos|zentriert|128px|klasse=skin-invert-image Thomas Morus ( Sir Thomas More; * wahrscheinlich 7. Februar 1478 in London; † 6. Juli 1535 ebenda) war ein englischer Staatsmann (Lordkanzler unter König Heinrich VIII. 1529–1532) und humanistischer Autor der Renaissance. Da er sich weigerte, den geforderten Eid auf die königliche Oberherrschaft über die Kirche abzulegen, ließ ihn der König 1535 als Hochverräter hinrichten. 1935 bestimmte ihn Papst Pius XI. zum Heiligen und Märtyrer der römisch-katholischen Kirche (Gedenktag 22. Juni), in der er als Patron der Regierenden und Politiker giltThomas Morus – Patron der Regierenden und der Politiker Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestags (PDF; 60 kB)., und seit 1980 auch der anglikanischen Kirche (Gedenktag am 6. Juli). Sein als philosophischer Dialog aufgebauter Roman Utopia begründete das Genre des utopischen Romans.

Leben Herkunft und frühe Ausbildung Thomas Morus war der Sohn des Anwalts und Richters John More (um 1450–1530) und dessen Frau Agnes (um 1455–1499), der Tochter eines Stadtrates und Händlers aus Calais, des Alderman and Merchant of the Staple of Calais Thomas Graunger. Thomas Morus besuchte eine Lateinschule und leistete als Zwölfjähriger Pagendienste am Hof des Lordkanzlers Erzbischof John Morton von Canterbury. Dieser schickte ihn auf zwei Jahre mit einem Stipendium nach Oxford, wo Morus Logik, Latein und Griechisch studierte – ein damals noch umstrittenes Lehrfach, das sein Vater nicht gerne sah – und ab 1496 eine juristische Ausbildung in der Rechtsschule Lincoln’s Inn durchlief. 1501 schloss er sein juristisches Examen ab und begann selbst zu lehren. Indessen war Morus im Zweifel, ob er seine Bestimmung nicht eher in der Kirche als in der Jurisprudenz finden sollte.

Erste Stationen und Familiengründung (1504–1505) Thomas Morus wurde bald ein erfolgreicher Rechtsanwalt und Unterhändler. 1504 wurde er Parlamentsmitglied. Sein Widerspruch gegen die Steuererhöhungen König Heinrichs VII. erregte Aufsehen. Eine Zeit lang lebte er als Postulant bei den Kartäusern in London.James Lester Hogg: Mönchtum und Kultur. 2. Neuzeit. In: Peter Dinzelbacher, James Lester Hogg (Hrsg.): Kulturgeschichte der christlichen Orden in Einzeldarstellungen. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1997, ISBN 3-520-45001-1, S. 19–36, hier S. 19. Später war er Oblate der Benediktinerabtei vom hl. Augustinus in Canterbury.Robert Waldron: Walking with Kathleen Norris: A Contemplative Journey. Paulist Press, Mahwah 2007, ISBN 978-0-8091-4470-9, S. 41.Gervase Holdaway OSB (Hrsg.): The Oblate Life. Canterbury Press, Norwich 2008, ISBN 978-1-85311-883-8, S. 34.

1505 heiratete er Joan Colt (1488–1511).Joan Colt, fälschlich oft als Jane Colt. Geboren in Roydon, Essex, England, gestorben 1511 in Chelsea, Greater London, England.Peter Ackroyd: The Life of Thomas More. Anchor Books, New York 1999, S. 118. Dieser Ehe entstammten drei Töchter (Margaret, Elisabeth, Cecily) und ein Sohn (John). Als Joan Colt nach sechsjähriger Ehe (wahrscheinlich im Kindbett) starb, ging Thomas Morus bald darauf mit der des Lautenspiels kundigen Witwe Alice Middleton (1474–1546 oder 1551) eine zweite Ehe ein, die kinderlos blieb. Alice Middleton brachte allerdings eine Tochter aus erster Ehe mit.

Anwalt des Bürgermeisters, Diplomat im Dienst Heinrichs VIII. und Parlamentssprecher (1510–1523) Vom 3. September 1510 bis zum 23. Juli 1518 war er einer von zwei sogenannten Undersheriffs von London. In dieser Position beriet er die Bürgermeister von London und vertrat sie als Rechtsanwalt in allen Fällen, in denen sie der Gerichtsbarkeit unterlagen. Daneben lehrte er am Lincoln’s Inn Recht. Am 1. Mai 1517 brachen in London die Evil-May-Day-Unruhen aus. Die Handwerker Londons, darunter besonders die Lehrlinge, hatten Aufstände angezettelt, die sich gegen ausländische Konkurrenten richteten. Ein Mob von Lehrlingen zog durch London »um alle Fremden in Stücke zu schneiden«. Thomas More konnte die Aufständischen davon überzeugen, ihre Forderungen in friedlicher Form vorzutragen. mini|Thomas Morus, im Kreis seiner Familie dargestellt (nach Hans Holbein dem Jüngeren) König Heinrich VIII. wurde auf Morus aufmerksam und schickte ihn auf diplomatische Missionen. 1516 verfasste Morus das erste Buch der Utopia und redigierte das ganze Werk, das im Dezember erschien.

1517, mit 39 Jahren, trat er ganz in den Dienst des Königs von England, der ihn bald zum Mitglied des Privy Council machte. Am 28. Mai 1523 ließ der König ihn in Irland als Knight Bachelor („Sir“) zum Ritter schlagenWilliam Arthur Shaw: The Knights of England. Band 2, Sherratt and Hughes, London 1906, S. 90. und im selben Jahr wurde er Parlamentssprecher.

Er war ein entschiedener Gegner Luthers und half Heinrich VIII., eine Arbeit über diesen zu schreiben, die dem englischen König den päpstlichen Ehrentitel Verteidiger des Glaubens eintrug. Morus’ eigene Arbeit über Luther wurde europaweit gelesen.

Im Privatleben engagierte sich Morus sehr für die Erziehung seiner Töchter, denen er die gleiche Bildung zukommen ließ wie seinem Sohn. Seine älteste Tochter Margaret Roper galt als eine der gelehrtesten Frauen ihrer Zeit.

Er war auch sehr freigiebig, ernährte während einer Hungersnot Hunderte aus seiner eigenen Tasche und entließ seine Landarbeiter auch dann nicht, wenn Mangel an Arbeit herrschte.

Lordkanzler (1529–1532) und Suprematsanspruch Heinrichs VIII. 1529 musste Kardinal Thomas Wolsey, der Erzbischof von York, von seinem Amt als Lordkanzler zurücktreten, weil er den Papst nicht dazu bewegen konnte, die Ehe Heinrichs VIII. mit Katharina von Aragón zu annullieren. Daraufhin wurde Morus zum Lordkanzler ernannt, der in der Auseinandersetzung mit dem Protestantismus die Innenpolitik seines Königs unterstützt hatte. Eine Scheidung war nach geltendem Kirchenrecht unmöglich, und Morus vertrat die Ansicht, dass über die Annullierung der Ehe des Königs nur der Papst entscheiden durfte. Heinrich VIII. war deshalb von Morus als Lordkanzler enttäuscht.

Als Katholik setzte Morus sich konsequent für die Autorität des Heiligen Stuhls ein. Seiner humanistischen Einstellung zum Trotz ließ er Anhänger der Reformation verfolgen und verbrennen.P. Ackroyd: The Life of Thomas More. Vintage Books, London 1998, S. 298; Marius R.: Thomas More. A Biography, Collins, Fount Paperbacks, London 1986, S. 407 (Marius ist weitaus kritischer in der Einschätzung Morus’ als Ackroyd). Diese Strafe traf „Wiederholungstäter“, die sich nach einem Widerruf erneut mit protestantischen Schriften beschäftigt hatten.

Papst Clemens VII. hätte einer Aufhebung der Ehe Heinrichs mit Katharina eventuell zugestimmt, wenn ihn nicht Katharinas Neffe, Kaiser Karl V., nach dem Sacco di Roma in der Hand gehabt hätte. Als der Papst ablehnte, erklärte Heinrich sich selbst zum Oberhaupt der Kirche von England. Die Geistlichkeit musste den Suprematseid schwören und damit den König – als weltlichem und geistlichem Herrscher – als Oberhaupt der nunmehr anglikanischen Kirche anerkennen. Als Laie brauchte Morus diesen Eid allerdings nicht abzulegen, doch aus Treue zur römischen Kirche trat er am 16. Mai 1532 vom Amt des Lordkanzlers zurück, um nicht einem dem Heiligen Stuhl ungehorsamen König dienen zu müssen. Möglicherweise standen auch gesundheitliche Beschwerden hinter seinem Rücktrittsgesuch.

Durch seinen Rücktritt konnte Morus sich zunächst einer Verdächtigung wegen Hochverrats entziehen. Doch als das Parlament 1534 den Act of Succession verabschiedete, der die Legitimität aller Kinder, die Heinrich VIII. und seiner Frau Anne Boleyn geboren werden würden, feststellte und außerdem jedwede fremde Autorität (also auch des Papstes) über geistliche Belange einschließlich der Verfügungsgewalt über Kirchen, Klöster und Abteien zurückwies, wurde von Inhabern öffentlicher Ämter und von Personen, die im Verdacht standen, Heinrich nicht zu unterstützen, ein Eid auf dieses Gesetz verlangt.

Prozess und Hinrichtung (1535) mini|alternativtext=Familiengrab von Thomas Morus|Grab der Familie Roper, in das der Kopf von Thomas Morus gelegt wurde Morus sollte diesen Eid auf die königliche Suprematie im April 1534 leisten. Weil er dies ablehnte, wurde er – gemeinsam mit dem Bischof John Fisher von Rochester – im Tower von London eingekerkert. Beide wurden vor Gericht gestellt und im Namen Heinrichs VIII. zum Tode verurteilt. Zuvor hatte Morus bereits seine Grabinschrift verfasst und sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Das Parlament verhängte die Acht über ihn und zog sein Vermögen zugunsten der Krone ein. Noch im Kerker schrieb Thomas Morus geistliche Traktate und Trostschriften.George M. Logan (Hrsg.): The Cambridge Companion to Thomas More. Cambridge University Press 2011, ISBN 978-1-139-82848-2, S. 122–126.

Am 6. Juli 1535 wurde Thomas Morus im Alter von 57 Jahren auf dem Schafott auf dem Tower Hill hingerichtet. Das Urteil sah eigentlich die für nichtadelige Hochverräter übliche Todesart vor: das Hängen, Ausweiden und Vierteilen; es wurde jedoch vom König in Enthauptung ohne vorherige Folter abgeändert. Sein Körper wurde von seiner Tochter zusammen mit Margaret Giggs-Clement und Ropers Dienerin Dorothey Colley beerdigt.Vgl. Gudrun Honke: Margaret More-Roper (1505–1544). „Dir und keinem anderen Menschen sonst“. In: Luise F. Pusch (Hrsg.): Töchter berühmter Männer: Neun biographische Portraits (= Insel TB. Band 979). Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-458-32679-0, S. 9–45, hier: S. 38–39. Morus’ Kopf wurde einen Monat lang auf der London Bridge zur Schau gestellt und dann von seiner Tochter Margaret Roper gegen Zahlung eines Bestechungsgeldes heruntergeholt und 1558 in der Familiengruft der Roper in St. Dunstan zu Canterbury beigesetzt.Gudrun Honke: Margaret More-Roper (1505–1544). „Dir und keinem anderen Menschen sonst“. In: Luise F. Pusch (Hrsg.): Töchter berühmter Männer: Neun biographische Portraits (= Insel TB. Band 979). Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-458-32679-0, S. 9–45, hier: S. 38–39.

Seinen Humor, für den Thomas Morus bekannt war, habe er sich bis zuletzt bewahrt: Laut einer Anekdote bat er den Henker bei seiner Hinrichtung, beim Zuschlagen mit dem Beil auf seinen Bart zu achten, da dieser nicht Hochverrat begangen habe.

Leistungen Thomas Morus war ein ungewöhnlich gebildeter Mann, gleichzeitig fachkundiger Jurist und ein geschickter Unterhändler. Seine Unparteilichkeit als Undersheriff und in anderen Positionen wurde gerühmt. Er galt als fleißiger Beamter, der sämtliche anhängigen Gerichtsfälle abarbeitete. Als Katholik setzte er sich konsequent für die Autorität des Heiligen Stuhls ein.

Zum anderen war er ein sehr fähiger Schriftsteller, Historiker und Philosoph. Während Morus als Undersheriff amtierte, fand er die Zeit, eine Geschichte König Richards III. zu verfassen. Die Geschichte – zwischen 1513 und 1518 verfasst – gilt – auch wegen ihrer meisterlichen Beherrschung der englischen Prosa – als Juwel der englischen Geschichtsschreibung und erschien posthum.

mini|Erste Seite der „Utopia“, Druck von 1518