mini|Hannah Arendt auf dem 1. Kulturkritikerkongress 1958, Fotografie von Barbara Niggl Radloff rahmenlos|rechts|klasse=skin-invert-image|Signatur
Hannah Arendt (geboren am 14. Oktober 1906 in Linden, heute Hannover, als Johanna Arendt; gestorben am 4. Dezember 1975 in New York City) war eine deutsch-US-amerikanische politische Theoretikerin und Publizistin. Ihre jüdische Herkunft, die sie als zentrale Identität verstand, und die Erfahrung der Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime prägten ihr Denken und ihr Engagement gegen Totalitarismus. Als säkulare, nicht assimilierte Denkerin war sie überzeugt, dass jüdische Identität nicht durch Anpassung, sondern durch aktives Handeln verteidigt werden müsse.Günter Gaus: „Zur Person – Hannah Arendt“. Interview vom 28. Oktober 1964. Verfügbar unter: YouTube, Transkript hier: Günter Gaus: „Zur Person – Hannah Arendt“. Interview vom 28. Oktober 1964. Transkript verfügbar unter: RBB-Archiv „Zur Person“. Nach ihrer Emigration aus Deutschland im Jahr 1933 wirkte sie zunächst in Paris und später in den USA, wo sie sich als Journalistin, Hochschullehrerin und Autorin etablierte. Mit Werken wie Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft und Eichmann in Jerusalem wurde sie zu einer der bedeutendsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts.
Arendt vertrat ein Konzept von „Pluralität“ im politischen Raum. Demnach bestehe zwischen den Menschen eine potentielle Freiheit und Gleichheit in der Politik. Wichtig sei es, die Perspektive des anderen einzunehmen. An politischen Vereinbarungen, Verträgen und Verfassungen sollten auf möglichst konkreten Ebenen gewillte und geeignete Personen beteiligt sein. Aufgrund dieser Auffassung stand Arendt rein repräsentativen Demokratien kritisch gegenüber und bevorzugte Rätesysteme und andere Formen direkter Demokratie.
Ihre öffentlichen Stellungnahmen zu politischen Ereignissen waren unter Gegnern und Freunden häufig umstritten; ihre Zivilcourage wurde oft als Unnachgiebigkeit wahrgenommen und bekämpft, insbesondere ihre Arbeit zum Eichmann-Prozess. Vita activa oder Vom tätigen Leben gilt als Arendts philosophisches Hauptwerk.
mini|Arendts Mutter Martha Cohn, ca. 1899 mini|Arendts Vater Paul Arendt, ca. 1900 Als Quellen für ihre Überlegungen nutzte Arendt neben philosophischen, politischen und historischen Dokumenten unter anderem Biografien und literarische Werke. Diese Texte wertete sie wortgetreu aus und konfrontierte sie mit ihren eigenen Denkansätzen.
Leben und Werk Kindheit und Jugend mini|links|Geburtshaus Lindener Marktplatz 2 in Hannover-Linden (weißes Eckhaus) mini|hochkant|Gedenktafel am Geburtshaus in Hannover-Linden
Johanna Arendt wurde 1906 als Tochter säkularer jüdischer Eltern im heute zu Hannover gehörenden Linden geboren. Ihre Vorfahren stammten aus Königsberg i. Pr., wohin ihr schwer erkrankter Vater, Paul Arendt (1873–1913), und die Mutter, Martha geb. Cohn (1874–1948), zurückkehrten, als sie kaum drei Jahre alt war. Nach dem frühen Tod des Vaters, der Ingenieur war, wurde sie von ihrer Mutter, die drei Jahre in Paris studierte, fließend französisch sprach und sozialdemokratisch eingestellt war,Barbara von Bechtolsheim: Hannah Arendt und Heinrich Blücher. Biografie eines Paares. Berlin, 2023, S. 56 freiheitlich erzogen. In den gebildeten Kreisen Königsbergs war die Mädchenbildung selbstverständlich. Durch die Großeltern (ein Großvater war der Großkaufmann und Kommunalpolitiker Max Arendt) hatte sie das liberale Reformjudentum kennengelernt. Sie gehörte keiner religiösen Gemeinschaft an, verstand sich jedoch immer als Jüdin.
Bereits mit 14 Jahren las Arendt Kants Kritik der reinen Vernunft und Karl Jaspers’ Psychologie der Weltanschauungen sowie Søren Kierkegaard.Vgl. Kurt Sontheimer: Hannah Arendt. Piper, München / Zürich 2005, S. 23. Sie musste die Schule wegen Differenzen mit einem Lehrer verlassenVgl. Kurt Sontheimer: Hannah Arendt. Piper, München / Zürich 2005, S. 23f. und ging anschließend nach Berlin, wo sie ohne formalen Schulabschluss, u. a. als Gasthörerin, Vorlesungen zur christlichen Theologie, so bei Romano Guardini, besuchte.Vgl. Kurt Sontheimer: Hannah Arendt. Piper, München / Zürich 2005, S. 24. Zurück in Königsberg, bestand sie 1924 als externer Prüfling das Abitur. Noch während ihrer Schulzeit hatte sie einen philosophischen Kreis gegründet, in dem sie 1920 Ernst Grumach traf. Durch ihn lernte sie ihre langjährige Freundin Anne Mendelsohn,Der Familienname war Mendelsohn mit einem S und nicht wie fälschlich von Elisabeth Young-Bruehl kolportiert mit zwei S, siehe: Wie ich einmal ohne dich leben soll, mag ich mir nicht vorstellen. Briefwechsel mit den Freundinnen Charlotte Beradt, Rose Feitelson, Hilde Fränkel, Anne Weil und Helen Wolff, 2017, S. 22, Fn. 5. später Anne Weil, kennen.
Studienzeit mini|links|Haus von Arendts Studentenzimmer 1924–1925 in Marburg, Lutherstraße 4 mini|hochkant|Gedenktafel in Marburg
1924 nahm sie ihr Studium an der Universität Marburg auf und studierte ein Jahr lang Philosophie bei Martin Heidegger und Nicolai Hartmann, außerdem als Nebenfächer Evangelische Theologie, wobei sie insbesondere Vorlesungen bei Rudolf Bultmann hörte, sowie Gräzistik.
Der 35-jährige Familienvater Heidegger und die 18-jährige Studentin verliebten sich ineinander und begannen eine Beziehung.Vgl. die Darstellung v. a. aufgrund beider Briefwechsel bei Elzbieta Ettinger: Hannah Arendt – Martin Heidegger. Eine Geschichte. München 1995. Arendt war nicht die erste und nicht die einzige Liebesbeziehung Heideggers in seiner Marburger Zeit.Alfred Denker: Unterwegs in Sein und Zeit. Einführung in Leben und Denken von Martin Heidegger. Stuttgart 2011, S. 67. Arendt lebte in Marburg wegen ihrer Beziehung zu Heidegger, die dieser geheim halten wollte, sehr zurückgezogen. Sie pflegte lediglich Kontakte zu ihrem Kommilitonen Hans Jonas und zu ihren Königsberger Freunden. Die Beziehung zwischen Heidegger und Arendt blieb der Öffentlichkeit verborgen, bis 1982 die große Arendt-Biografie von Elisabeth Young-Bruehl gleichzeitig in den USA und Großbritannien erschien.Hannah Arendt: For Love of the World. Yale University-Press, New Haven / London 1982, dt.: Hannah Arendt. Leben und Werk. Übers. Hans Günter Holl. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1986, S. 92ff. Seitdem gibt es darüber zahlreiche Veröffentlichungen.
Anfang 1926 fasste sie auf Drängen Heideggers den Entschluss, den Studienort zu wechseln, und ging für ein Semester zu Edmund Husserl nach Freiburg. In Heidelberg studierte sie anschließend Philosophie und wurde auf Vermittlung Heideggers 1928 bei Karl Jaspers nach erfolgreicher Verteidigung ihrer Arbeit Der Liebesbegriff bei Augustin promoviert. Mit Jaspers blieb sie bis zu dessen Tod freundschaftlich verbunden. In Heidelberg weitete Arendt ihren Freundeskreis aus. Dazu gehörten Karl Frankenstein, der 1928 eine geschichtsphilosophische Dissertation vorlegte, der Jungianer Erich Neumann und Erwin Loewenson, ein expressionistischer Essayist. Auch Jonas kam nach Heidelberg und arbeitete dort ebenfalls über Augustinus. Während ihres Aufenthalts in Heidelberg, wo Arendt eine Reihe von Japanern traf, übersetzte Kitayama Arendt ins Japanische.
Ein anderer Kreis erschloss sich ihr durch die Freundschaft mit Benno von Wiese und die von Jaspers empfohlenen Vorlesungen von Friedrich Gundolf. Große Bedeutung hatte für sie zudem Kurt Blumenfeld, der Geschäftsführer und Hauptsprecher der deutschen Zionistenorganisation, dessen Thema die Erforschung der so genannten Judenfrage und der Assimilation war. Ihm verdanke sie, heißt es in einem Brief an ihn aus dem Jahr 1951, ihr Verständnis für die Situation der Juden.Die Korrespondenz: Hannah Arendt, Kurt Blumenfeld. Hamburg 1995, S. 52. mini|Promotionsurkunde von Arendt, 1930, Uni Heidelberg
Heirat, Beginn der NS-Herrschaft, erste politische Aktivitäten Ihr erstes Buch trägt den Titel Der Liebesbegriff bei Augustin. Versuch einer philosophischen Interpretation. Es handelt sich um ihre bereits im Alter von 22 Jahren verfasste und 1929 in Leipzig gedruckte und in Berlin bei Julius Springer publizierte Dissertation. Darin verbindet sie philosophische Ansätze Martin Heideggers mit denen von Karl Jaspers und betont bereits damals die wichtige Rolle der Geburt (später Gebürtlichkeit, Natalität) für das Individuum wie auch für seine Mitmenschen. Damit grenzt sie sich von ihrem Lehrer Heidegger ab.Elisabeth Young-Bruehl: Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit. Frankfurt a. M. 1986, S. 123–127. Das Werk wurde in wichtigen philosophischen und literarischen Publikationen besprochen. Auf Kritik stieß, dass sie Augustinus als Philosophen betrachtet und nicht als Kirchenvater. Außerdem wurde bemängelt, dass sie neuere theologische Literatur nicht zitiert habe. Einige Interpreten sehen in diesem Werk indes bereits spätere Leitmotive Arendts vorbereitet.Vgl. Herta Nagl-Docekal, Ludwig Nagl: Augustinuslektüren im Kontext der Gegenwartsphilosophie. In: Bert van den Brink, Marcus Düwell u. a. (Hrsg.): Geschichte – Politik – Philosophie. FS Willem van Reijen, Wilhelm Fink Verlag, München 2003, S. 24–38 (zu Arendt 25–30), 25; unter Bezugnahme insbesondere auf Ronald Beiner: Love and Worldliness: Hannah Arendt’s Reading of Saint Augustine. In: Larry May, Jerome Kohn (Hrsg.): Hannah Arendt. Twenty Years Later. Cambridge MA / London 1996, S. 269–284, 276; Joanna Vecchiarelli Scott, Judith Chelius Stark: Rediscovering Hannah Arendt. In: Hannah Arendt: Love and Saint Augustine. Chicago / London 1996, S. 115–212, 135 f.
mini|Günther Stern und Hannah Arendt, ca. 1929 mini|Gedenktafel in Babelsberg In Berlin traf sie ebenfalls 1929 Günther Stern wieder, den sie schon aus Marburg kannte und der später unter seinem Pseudonym Günther Anders bekannt wurde.Ursula Ludz (Hrsg.): Hannah Arendt / Martin Heidegger, Briefe 1925–1975. Vittorio Klostermann, Frankfurt a. M. 1999, S. 50 f. (Brief H. an A. vom 18. Oktober 1925). Kurz darauf zog sie mit ihm zusammen, für die damalige Zeit ein in der öffentlichen Meinung verpöntes Verhalten; die beiden heirateten noch im selben Jahr in Nowawes.Kerstin Putz (Hrsg.): Hannah Arendt – Günther Anders. Schreib doch mal hard facts über Dich. Briefe 1939 bis 1975. Texte und Dokumente. München 2016, S. 229. Sie wohnten dann in Drewitz, in Heidelberg, ein Jahr in Frankfurt am Main und dann wieder in Berlin. Arendt schrieb für die Frankfurter Zeitung und besuchte Seminare bei Paul Tillich und Karl Mannheim, dessen Buch Ideologie und Utopie sie rezensierte.Philosophie und Soziologie. Rezension. In: Die Gesellschaft, 1930, S. 163 ff. Zugleich befasste sie sich mit Rahel Varnhagen von Ense, einer intellektuellen Jüdin der Romantik.
mini|Berliner Gedenktafel am Haus Opitzstraße 6, in Berlin-Steglitz