mini|Bahnreisende (1963) Unter einer Reise versteht man im Sinne der Verkehrswirtschaft die Fortbewegung von Personen über einen längeren Zeitraum zu Fuß oder mit Transport- oder Verkehrsmitteln außerhalb des Wirtschaftsverkehrs, um ein einzelnes Reiseziel zu erreichen oder mehrere Orte zu besuchen (Rundreise). Im fremdenverkehrswirtschaftlichen Sinne umfasst eine Reise sowohl die Ortsveränderung selbst als auch den Aufenthalt am Zielort. Wissenschaftlich werden Reisen unter anderem nach Reisegrund, Zweck und Dauer kategorisiert sowie die Motivationen für das (Ver-)Reisen untersucht. Meist erhoffen sich Reisende entweder, durch eine Reise glücklicher zu werden, oder sich durch die Reise persönlich weiterzuentwickeln.
Der Begriff der Reise kann auch metaphorisch verstanden werden. Neben der physischen Fortbewegung kann eine Reise etwa den Wandlungsprozess im Leben eines Menschen beschreiben. Demnach ist die Reise nicht als Entfernungsüberbrückung, sondern als Bild für das Leben eines Menschen zu verstehen, das beispielsweise die Persönlichkeitsformung zum Ziel hat.
Wortherkunft Das Wort Reise ist als Erbwort der deutschen Sprache schon vor dem 9. Jahrhundert belegt. Das althochdeutsche Wort reisa bedeutete ‚Aufbruch, Zug, Fahrt‘ und bezeichnete somit das Sich-Aufmachen, Sich-auf-den-Weg-Machen und den zu begehenden Weg gleichermaßen. Das dazugehörige Verb lautete reisōn. Erhalten geblieben ist die Bedeutung des Aufstehens in dem früher auf Segelschiffen üblichen Wachruf „Reise, Reise!“, der das Signal zum Aufstehen für die Matrosen bedeutete und heute noch in der Marine gebräuchlich ist. Das althochdeutsche Substantiv geht zurück auf das urgermanische Verb *rīsaną mit der Bedeutung ‚sich erheben, aufstehen‘ (vgl. zum Beispiel ).
Im Mittelhochdeutschen hatte reis(e) die Bedeutungskomponente des Aufbruchs bereits verloren, bezeichnete nun aber auch eine spezielle Art der Reise: den Kriegszug, die Heeresfahrt. Dementsprechend hatte das von reis abgeleitete Verb reisen besonders die Bedeutung ‚ins Feld ziehen, einen Kriegszug unternehmen‘ und folglich auch ‚Beute machen, plündern, rauben‘.Zur Wortgeschichte vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, erarbeitet unter der Leitung von Wolfgang Pfeifer, 7. Aufl., dtv, München 2004; Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 24. Aufl. de Gruyter, Berlin 2002 (CD-ROM); Duden: Das Herkunftswörterbuch, 4. Aufl., Bibliographisches Institut, Mannheim 2007.
Im heutigen Deutsch ist Reise unspezifisch zu verstehen, als eine ‚Fahrt zu einem entfernteren Ort‘. Im Verb reisen ist die Bedeutungskomponente des Aufbruchs, der Abreise, noch in Ansätzen erhalten, so etwa in der Phrase „Wir reisen morgen früh“.Zum heutigen Bedeutungsstand vgl. Duden: Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in 8 Bänden, 2. Aufl., Mannheim 1994.
Geschichte
Walter Freyer definierte 1988 vier Epochen der touristischen Entwicklung:Walter Freyer, Tourismus. Einführung in die Fremdenverkehrsökonomie, 10. Aufl. (19881). München, Wien/R. Oldenbourg 2011, S. 10–16, ISBN 978-3-486-59673-1
Phase Zeitraum Transport- und Verkehrsmittel Motivation Vorphase bis etwa 1850 zu Fuß, zu Pferd, mit der Kutsche, mit dem Segelschiff Bildungsreise, Entdeckungsreise, Handel, Kriege, Nomaden, Pilgerreise Anfangsphase 1850–1914 Eisenbahn (Inland), Dampfschiff (Ausland) Auswanderung, Erholungsreise Entwicklungsphase1915–1945 Auto, Bus, Eisenbahn, Linienflug Auswanderung, Erholungsreise, Handel, Kur Hochphase ab 1945 Auto, Eisenbahn, Linienflug, Charterflug, Kreuzfahrtschiff Bildungsreise, Erholungsreise, Freizeit, Regeneration, Wellness
In jeder einzelnen Phase gab es einen Schwerpunkt, der diese Phase repräsentierte. So dominierten insbesondere im Mittelalter die Entdeckungsreisen.
Beweggründe Für den israelischen Soziologen Yuval Harari ist am Reisen „nichts natürlich oder offensichtlich“. Reisen in seiner heutigen Form sei erst durch den Glauben des Reisenden an zwei gesellschaftliche Mythen entstanden: Romantizismus und Konsumismus. Der Romantizismus erzähle den Menschen, dass sie möglichst viele unterschiedliche Erfahrungen machen müssten, um möglichst viel aus ihrem menschlichen Potenzial zu machen. Der Konsumismus erzähle den Menschen, dass sie möglichst viele Produkte und Dienstleistungen konsumieren müssten, um glücklich zu sein.Yuval Harari: Sapiens – Eine kurze Geschichte der Menschheit, englisches Original, S. 129.
Typologie Während bei den meisten der unten genannten Reisearten eine klare Motivation vorliegt, ist sie besonders bei den Urlaubsreisen breit gefächert, wird aber in der Literatur kontrovers diskutiert. Manche Autoren nennen nur zwei, andere zwanzig, die gängigste Einteilung geht zurück auf Claude Kaspar, er unterscheidet fünf Hauptmotivationen:Claude Kaspar: Die Struktur der Tourismusnachfrage unter besonderer Berücksichtigung der Bundesrepublik Deutschland, in: Dietrich Storbeck (Hrsg.), Moderner Tourismus. Tendenzen und Aussichten, in: Materialien zur Fremdenverkehrsgeographie, Heft 17, Trier: Geographische Gesellschaft Trier, 2. Auflage 1990, S. 281 f. Physische Motivation: Erwartung von physischer Erholung und Entspannung; Psychische Motivation: Erhoffen von psychischer Entlastung oder Selbstfindung oder die Befriedigung der Lust am Abenteuer;Reiseabenteuer auf MARJORIE-WIKI Interpersonelle Motivation: Wunsch nach Erlebnissen in der Gruppe oder nach Sammeln von Gruppenerfahrungen; Kulturelle Motivation: Interesse an Bildung und am Kennenlernen fremder Kulturen; Status- oder Prestigemotivation: Wunsch nach Anerkennung und Wertschätzung (Renommierreisen). Schon im Jahr 1873 übertrieb Theodor Fontane: „Zu den Eigentümlichkeiten unserer Zeit gehört das Massenreisen. Sonst reisten bevorzugte Individuen, jetzt reist jeder und jede.“Heinz Hell: Fontane und die Massenreisen, in: Die Zeit Archiv, Ausgabe 41, 1960
In der Soziologie stellt man einen Zusammenhang der Reisegründe mit den einzelnen sozialen Milieus her:Vgl. Gerhard Schulze: Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. Hamburg 2005. Dem vom Hochkulturschema geprägten Niveaumilieu gehören vorwiegend Menschen der gehobenen Bildungsschichten an, die insbesondere nach Etablierung im Berufsleben und/oder nach abgeschlossener Kindererziehung („die Kinder sind aus dem Haus“) nun in erster Linie nach Bildung und persönlicher Entwicklung, weniger nach Amüsement streben. Dementsprechend entscheiden sie sich vorwiegend für Bildungs- und Studienreisen und besuchen etwa Kirchen und Museen, aber auch „pittoreske“ Landschaften und Städte. Abgelehnt werden etwa Touristenmassen, Lärm und Unterhaltungsbetrieb. Eher die jüngere Generation neigt verstärkt dem – ebenfalls am Hochkulturschema teilhabenden – Selbstverwirklichungsmilieu zu. Man schätzt vor allem „untouristische“ und „unverdorbene“ Orte „abseits ausgetretener Pfade“. Als klassische Reiseziele dieser Gruppe gelten heute etwa abgelegene Dörfer in Burgund oder der Toskana, aber auch fremdartige Gegenden wie der Himalaya. Durch eine Verbindung von Hochkultur- und Trivialschema ist das vorwiegend von Angehörigen der mittleren Bildungsschicht gebildete und in besonderem Maße zu Anpassung neigende Integrationsmilieu gekennzeichnet. Geschätzt werden erprobte und bekannte, durch eine gut ausgebaute Infrastruktur erschlossene Orte wie etwa die Küsten und Strände rund um das Mittelmeer, aber auch die österreichischen Berge und Seen. Gleichwohl werden in geringerem Maße auch Bestandteile der klassischen Bildungskanons, wie etwa eine Studienreise nach Paris, wahrgenommen. Jüngere Menschen aller gesellschaftlichen Schichten versammeln sich schließlich im Aktionsmilieu, das vom Spannungsschema geprägt ist. In ihrem Reiseverhalten streben sie vor allen Dingen nach Dynamik, Abwechslung und körperlicher Bewegung. Geschätzt werden Orte, wo „etwas los“ ist, etwa die Diskotheken der Badeorte, „actionträchtige“ Metropolen wie Berlin oder London, aber auch Abenteuer- und Sportreisen. Auf der Jagd nach immer neuen Reizen werden gerne große Strecken zurückgelegt, bevorzugt auch durch Trampen oder Interrail. Im auf dem Trivialschema fußenden Harmoniemilieu schließlich finden sich vorwiegend ältere Menschen der einfacheren Bildungsschichten. Soweit überhaupt verreist wird, sucht man vorwiegend Ruhe, Erholung und Geborgenheit, insbesondere an bereits bekannten und vertrauten Orten im eigenen Land oder Sprachgebiet wie etwa im Schwarzwald oder in Südtirol. Das Freizeitprogramm besteht beispielsweise aus Spaziergängen und Wanderungen oder aus Badeaufenthalten und Heimatabenden.
Für Daniel J. Boorstin besteht die Differenz zwischen Reisenden und Touristen darin, dass Erstere sich Risiken und Unannehmlichkeiten aussetzen und aktiv auf der Suche nach persönlicher Weiterentwicklung sind. Letztere suchen lediglich das Vergnügen und sind passiv, denn sie erwarten, dass interessante Erlebnisse auf sie zukommen.Daniel J. Boorstin: The Image: A Guide to Pseudo-Events in America, 1964, S. 85 Der moderne Tourismus passt sich den Bedürfnissen letzterer an: „echte Erlebnisse“ werden durch Pseudo-Events ersetzt.Rudolf Forster: Forschungs- und Anwendungsbereiche der Soziologie. Facultas Verlag und Buchhandels AG, Wien 2008.
Arten
Nach dem Zweck des Aufenthalts am Zielort können insbesondere folgende Arten von Reisen unterschieden werden:
Urlaubs- bzw. Ferienreise
Urlaubsreisen bzw. Ferienreisen dienen hauptsächlich der Erholung und Freizeitgestaltung. Wenn Reisende die Reise selbst planen, sind es Individualreisen; die von Reiseveranstaltern zusammengestellten Fahrten dagegen gelten als Pauschalreisen. Letztere sind öfter gleichzeitig auch Gruppenreisen.
Je nach Neigung, Interessen und Bedarf gibt es eine Vielfalt von Urlaubsreisen. In erster Linie Erholungszwecken dienen etwa Bade-, Wander- und Skiurlaube, aber auch Gesundheits-, Wellness- und kulinarische Reisen. Mit aktiver Betätigung verbunden sind Sport- und Abenteuerreisen sowie für Menschen mit vorwiegend kulturellen Bedürfnissen die Studien- oder Bildungsreisen. Als besondere Ausprägungen für Letztere sind Sprach-, Städte-, Konzert- oder Opernreisen üblich.
Als Fernreise werden Reisen bezeichnet, bei denen das Reiseziel weit entfernt ist, also eine große Entfernung zwischen dem Wohnort und dem Zielort besteht. Aus deutscher Sicht sind Fernreisen also Reisen ins außereuropäische Ausland. Im Regelfall sind dafür längere Flüge erforderlich. Es gibt verschiedene detaillierte Definitionen einer Fernreise, die sich unterscheiden können. Die am häufigsten verwendeten Definitionen der Fernreise basieren auf Entfernung, Reisezweck, Reisedauer, Reisezeit oder Kombinationen davon.
Eine Sonderform der Fernreise stellt die Weltreise dar, bei der mehrere Kontinente mit einer Reisedauer von Monaten oder Jahren bereist werden. Eine Unterform der Weltreise stellt die Weltumrundung dar, bei der jeder Längengrad passiert werden muss. Solch eine Weltumrundung ist oftmals Grundlage für einen Weltrekord, z. B. mit dem Segelboot, oder mit dem Solarflugzeug.
Urlaubsreisen sind beliebte Preise, etwa bei Gewinnspielen, werden aber auch von Arbeitgebern als Belohnungen für besonders erfolgreiche Mitarbeiter eingesetzt (sogenannte Incentive-Reisen). Eine alternative Reiseform ist der Voluntourismus, bei dem der Reisende zugleich das Ziel hat, im Zielland nachhaltig Nutzen zu stiften.
Der große Wettbewerb innerhalb der Tourismusbranche bringt es mit sich, dass Urlaubsreisen jeglicher Art wie Konfektionswaren angeboten und auf entsprechende Weise beworben werden. Im Gegenzug hat für den „Käufer“ eine solche Reise zwangsweise den Charakter eines Konsumartikels.Zum Gedanken an den Konsum von Reisen vgl. beispielsweise einen Forum-Eintrag auf usa-reise.net, abgerufen am 19. November 2012.