Friedenau () ist ein Ortsteil des Bezirks Tempelhof-Schöneberg in Berlin.

Als Landgemeinde Kreis Teltow südlich von Berlin 1894 gegründet wurde Friedenau am 1. Oktober 1920 als Ortsteil nach Berlin(-Schöneberg) eingemeindet. Er ist verhältnismäßig zentral gelegen (bis zur City West sind es rund drei Kilometer) und wird unter anderem durch die Haupt- und die sich anschließende Rheinstraße als Einkaufsmeile geprägt. Zugleich verleiht die kleinteilige vorwiegend aus Altbauten des 19. Jahrhunderts bestehende Bebauungsstruktur, die mit Vorgärten und zahlreichen Straßenbäumen versehen ist und eine hohe Baudenkmaldichte aufweist, dem Ortsteil einen ruhigen Charakter.

Eine Besonderheit des Ortsteils liegt nach der seinerzeitigen Planung in der teilweise symmetrischen Aufteilung der Straßen. Der Ortsteil ist einer der flächenmäßig kleinsten und mit Einwohnern pro Quadratkilometer der am dichtesten besiedelte unter den 97 Ortsteilen Berlins.

Lage

Geographie mini|hochkant=1.5

Friedenau liegt auf dem Teltow-Höhenzug südlich des Berlin-Warschauer Urstromtales mit einer mittleren Höhe von rund auf einer Fläche von 168 Hektar. Die Nord-Süd-Ausdehnung beträgt rund 1,4 km, in West-Ost-Richtung sind es in Höhe des Friedrich-Wilhelm-Platzes etwa 1,2 km, entlang der nördlichen Ortsgrenze rund 1,6 km.

Die Grenze des Ortsteils verläuft im Norden parallel zur Ringbahn-Trasse, im Westen entlang der Laubacher Straße zu Wilmersdorf und im Südwesten entlang der Bornstraße zu Steglitz. Die Ostgrenze Friedenaus zum Ortsteil Schöneberg verläuft entlang der Haupt- und der Fregestraße.

Friedenau stellt mit seiner Lage zwischen der Grenze zu Wilmersdorf und Schöneberg im Norden und der Steglitzer Schloßstraße – ab Walther-Schreiber-Platz – sowie dem Einzugsgebiet von Dahlem im Süden ein Bindeglied zwischen diesen – insgesamt bürgerlich geprägten – Ortsteilen dar.

Mitunter werden Friedenau auch weiter östlich gelegene Gebiete zugeordnet, obwohl sie amtlich nicht auf Friedenauer Terrain liegen, sondern auf dem Gebiet des Ortsteils Schöneberg. Dazu zählen der S-Bahnhof Friedenau, die Ceciliengärten und die Umgebung der Rubensstraße bis zum Grazer Damm (das sogenannte „Malerviertel“ bzw. der „Dürerkiez“) sowie das Auguste-Viktoria-Krankenhaus.Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Freunde bei den Nachbarn in Friedenau. In: Berliner Morgenpost, 9. Oktober 2009 (Artikel über Herta Müller und die – offiziell nicht zu Friedenau gehörende – Menzelstraße). Die dort im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts errichteten Wohnanlagen wurden als „Neu-Friedenau“ bezeichnet,Claudia Fuchs: Die meisten bestehen darauf, Friedenauer zu sein. In: Berliner Zeitung, 20. April 2012 (), zum 125-jährigen Jubiläum Friedenaus 1996 obwohl sie im Ortsteil Schöneberg liegen.

Die Grenze zwischen Friedenau und Schöneberg verlief ursprünglich östlich des Straßenzuges Ringstraße (heute: Dickhardtstraße) – Lauterstraße.Grosser Verkehrsplan. Berlin und seine Vororte, Alfred Mende, 1907; Pharus-Plan Berlin, 1921. In zwei Grenzverschiebungen 1940 und Mitte der 1950er JahrePeter Hahn, Jürgen Stich, Einträge zur Stierstraße, Bennigsenstraße, Hähnelstraße und Fregestraße. friedenau-aktuell.de; abgerufen am 29. Juli 2023. wurde die Grenze etwas nach Osten verschoben. Heute verläuft sie entlang der Fregestraße und der Hauptstraße bis zur Ringbahn.

Stadtbild mini|links|Die pink eingezeichnete „Carstenn-Figur“ im historischen Straßenplan von Friedenau mini|hochkant|Die Kirche „Zum guten Hirten“ auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz ist städtebaulicher Mittelpunkt der Friedenauer Carstenn-Figur

Ein herausragendes Merkmal des Ortsteils ist die nach dem Immobilenvermarkter Johann Anton Wilhelm von Carstenn benannte Carstenn-Figur, eine regelmäßige städtebauliche Anordnung von Straßen und Plätzen. Die ursprüngliche Siedlungsstruktur ist noch gut zu erkennen: Vom zentralen Friedrich-Wilhelm-Platz, der als Anger konzipiert wurde, gehen Straßen strahlenförmig in alle Himmelsrichtungen auseinander, ein hufeisenförmiger Ring (Stubenrauch- und Handjerystraße) mit vier weiteren Plätzen (dem Perelsplatz, ehemals Berliner Platz und später Maybachplatz, dem Renée-Sintenis-Platz, früher Wilmersdorfer Platz, dem Schillerplatz, bis 1905 Schmargendorfer Platz, sowie dem ehemaligen Hamburger Platz, einem Teil des Friedhofs an der Stubenrauchstraße) legt sich um den zentralen Platz und wird im Norden durch die in West-Ost-Richtung verlaufende Achse der Mainauer, Senta- und Evastraße geschlossen. Die zentrale Nord-Süd-Achse bildet die Bundesallee, und jeweils diagonal verlaufen im Südosten die Rhein- und die Hauptstraße und nordwestlich der Südwestkorso.S. Eggert: Spaziergänge in Schöneberg. S. 48.

Einige Friedenauer Straßen wurden nach Flüssen in Elsaß-Lothringen umbenannt, was dem Grundgedanken der Namensgebung von Friedenau zur Erinnerung an den im Jahr seiner Gründung geschlossenen Frankfurter Frieden Ausdruck verleihen sollte.

Die Mehrzahl der Gebäude in Friedenau stammt vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Dadurch hat der Ortsteil einen fast einheitlichen Baubestand. 185 Objekte stehen unter Denkmalschutz und verleihen Friedenau ein besonderes Flair. Friedenau blieb im Zweiten Weltkrieg nicht von alliierten Luftangriffen verschont, die an verschiedenen Stellen Lücken in das Stadtbild rissen. Diese sind aber mittlerweile fast vollständig durch Neubauten ausgefüllt und nur noch vereinzelt sind Baulücken zu finden. Die Neubauten sind im sonst sehr homogenen Stadtbild teilweise Fremdkörper, weil beim Wiederaufbau nach dem Krieg auf denkmalpflegerische Aspekte wenig Rücksicht genommen wurde.

Geschichte mini|hochkant|Altes Dorf und Reißbrettplanung, 1877

Anders als zahlreiche andere Berliner Ortsteile geht Friedenau nicht auf einen historischen Dorfkern zurück, sondern wurde in wilhelminischer Zeit neu gegründet. Wenige Monate nach der Beendigung des Deutsch-Französischen Kriegs im Jahr 1871 trat infolge des Zuzugs von über 50.000 Menschen eine so empfindliche Wohnungsnot im alten Kerngebiet Berlins ein, dass die Bautätigkeit bald auf den weiteren Umkreis der Hauptstadt übergriff.Willy Spatz: Der Teltow, Geschichte der Ortschaften des Kreises Teltow. Berlin 1912. Der am 9. Juli 1871 ins Leben gerufene Landerwerb- und Bauverein auf Actien gründete den Villenvorort und erwarb zwischen 1871 und 1875 insgesamt 550 Morgen Land des Ritterguts Deutsch-WilmersdorfCharlottenburg-Wilmersdorf von A bis Z im berlin.de-Lexikon mit der Absicht, preiswerte und zweckmäßige Wohnstätten zu schaffen. Der Name Friedenau, der auf das Ende des Deutsch-Französischen Kriegs hinweist, stammt von Auguste Hähnel, der Frau des Baumeisters Hermann Hähnel. Das Gelände wurde nach einem festen Siedlungsplan parzelliert. An der ehemaligen Ringstraße (seit 1962 Dickhardtstraße) entstand das erste Gebäude des Ortes.125 Jahre Friedenau – In die Jahre gekommen … In: Der Tagesspiegel, 7. Juli 1996, S. 9. Im Jahr 1874 wurde der Bebauungsplan vom damals zuständigen Landkreis Teltow amtlich anerkannt und Friedenau am 9. November 1874 zur selbstständigen Landgemeinde dieses Landkreises erhoben.Gudrun Blankenburg: Friedenau – Künstlerort und Wohnidyll. Die Geschichte eines Berliner Stadtteils. S. 113. 1875 hatte Friedenau 1104 Einwohner in 258 Haushalten.S. Eggert: Spaziergänge in Schöneberg. S. 47. Im Jahr 1912 waren es bereits rund 43.000 Menschen, die sich hier niedergelassen hatten.

Planung und Umsetzung Ursprünglich wurde Friedenau von dem Hamburger Kaufmann und Großgrundbesitzer Johann Anton Wilhelm von Carstenn als Villenvorort englischen Stils konzipiert. Er erwarb 1865 das Gebiet, und die Planer nutzten die Situation, um eine Landhauskolonie am Reißbrett zu entwerfen, was sich an dem symmetrisch gestalteten Straßennetz gut erkennen lässt.

mini|hochkant|links|Ein für Friedenau typisches Haus aus der Gründerzeit an der Kaisereiche

Die geografische Nähe zur Stammbahn sowie der parallel verlaufenden Wannseebahn und die Einbeziehung der damaligen Berlin-Potsdamer Chaussee (Teil der Reichsstraße 1), die das Berliner Stadtschloss mit Potsdam verband, wurden für die Gründung der Landgemeinde Friedenau ausgewählt. Durch die Kaiserallee (seit 1950: Bundesallee) konnte eine weitere wichtige Verkehrsverbindung in den damals aufstrebenden „Neuen Westen“ rund um den Kurfürstendamm hergestellt werden.

Der Bebauungsplan von Johannes Otzen aus der Zeit nach Gründung des Landerwerb- und Bauvereins sah um 1871/1872 vor, dass sich die Grundbesitzer dazu verpflichten mussten, keine Mietshäuser, sondern nur Stadtvillen zu errichten. Einige der aus der Gründungszeit stammenden Landhäuser und Villen sind noch in der Niedstraße, in der Albestraße und in der Handjerystraße erhalten. Es handelt sich um bescheidene, meist eingeschossige Häuser mit Kellern und ausgebauten Dachgeschossen sowie sehr kleinen Gärten. Seinerzeit stritten sich die Bauherren darum, ob die Häuser verputzt oder als Ziegelrohbau errichtet werden sollten. Der Volksmund sprach von den „Rohbauern“, die die Ziegelbauweise bevorzugten, im Gegensatz zu den „Putzbauern“, die – insbesondere im Bereich westlich der Kaisereiche – ihre Häuser verputzen ließen.

mini|Rennen auf der Radrennbahn im Sportpark Friedenau, 1903

Aufgrund des Wohnraummangels in Berlin wurde 1887 eine neue Bauordnung von der preußischen Regierung erlassen. Viele Villen wurden abgerissen und stattdessen Mietshäuser mit bis zu fünf Etagen errichtet.H. Ebling: Friedenau – Aus dem Leben einer Landgemeinde, 1871–1924. S. 49. 1892 folgte eine weitere Bauordnung, die im alten Teil Friedenaus die Höhe der Gebäude auf vier Etagen einschließlich Erdgeschoss beschränkte. Der Bauunternehmer Georg Haberland hatte im nördlichen Teil Friedenaus großen Einfluss auf die Bauplanung für die damals noch freien Flächen. Als weitsichtiger Terrainentwickler plante er den Südwestkorso und das Wagnerviertel, dem der Sportpark Friedenau mit seiner Radrennbahn in den 1900er Jahren weichen musste.

Die junge Landgemeinde wurde durch ein lebendiges Vereinsleben zusammengehalten. Die Mitglieder der Friedenauer Liedertafel, des Haus- und Grundbesitzervereins, der Friedenauer Schützengilde, des Friedenauer Lehrervereins, der Vereinigung selbständiger Schneidermeister und des Kegelvereins Glatte Bahn trafen sich regelmäßig. Im Jahr 1886 wurde ein Männer-Turnverein gegründet, der noch als Friedenauer TSC 1886 e. V. existiert. Der damals sehr beliebte Radsport wurde auf der Zementbahn des Sportparks Friedenau betrieben, die für den im Jahr 1891 gegründeten Friedenauer Radfahrer-Verein gebaut worden war. Die Gewinner der Rennen erhielten das Goldene Rad von Friedenau in Form einer Medaille.H. Ebling: Friedenau – Aus dem Leben einer Landgemeinde, 1871–1924. S. 80. Einer der ersten Stummfilme wurde 1904 mit dem Titel Auf der Radrennbahn in Friedenau gedreht, was für den Bekanntheitsgrad der Rennbahn sprach.Gundrun Blankenburg: Friedenau – Künstlerort und Wohnidyll. Die Geschichte eines Berliner Stadtteils. S. 22.

Das 20. Jahrhundert mini|Der ehemalige Maybachplatz (seit 1961 Perelsplatz) mit dem Friedenauer Gymnasium, 1908 mini|Sammlung in den Straßen Friedenaus anlässlich des vom Vaterländischen Frauenverein veranstalteten „Margeritentags“ am 6. Mai 1911 mini|Das ehemalige Postamt 410 am Renée-Sintenis-Platz, davor: Kaiserliches Postamt I. Klasse, heute: Beratungszentrum der BBBank mini|Rathaus Friedenau mini|Der Südwestkorso trennt den Adam-Kuckhoff-Platz im Vordergrund vom Liane-Berkowitz-Platz

Nach der Jahrhundertwende wuchs die Bevölkerungszahl der Gemeinde an. Die Friedenauer Grundstücke wurden bis 1914 nahezu vollständig bebaut. Es wurden für die damalige Zeit gut ausgestattete Mietshäuser mit Vorgärten, Personenaufzügen und verhältnismäßig großen Wohnungen errichtet. Die von anderen Teilen Berlins bekannten Mietskasernen mit mehreren Hinterhöfen sind in Friedenau nicht zu finden.