mini|Charlotte Marie-Anne Corday rahmenlos|centre mini|Jacques-Louis David: Der Tod des Marat (1793) mini|Paul Baudry: Charlotte Marie-Anne Corday (1858)

Marie Anne Charlotte Corday d’Armont, kurz Charlotte Corday (deutsch zeitgenössisch auch Scharlotte Korday; * 27. Juli 1768 in Les Ligneries, Normandie, Frankreich; † 17. Juli 1793 in Paris), war eine französische Adlige und Nachfahrin des Dramatikers Pierre Corneille.Corday in der Encyclopédie Larousse, mit weiterem Bild Sie erlangte während der Französischen Revolution durch den Mord an dem radikalen Journalisten, Politiker und Naturwissenschaftler Jean Paul Marat Berühmtheit. Vier Tage nach ihrem Attentat wurde sie guillotiniert.

Abstammung und Jugend Marie Anne Charlotte Corday d’Armont wird meist kurz als Charlotte Corday bezeichnet, obwohl sie selbst ihre Korrespondenz stets mit Marie Corday oder nur mit Corday signierte. Einer verarmten Familie des alten normannischen Kleinadels entstammend, war sie die zweite Tochter von Jacques-François de Corday d’Armont (1737–1798) und seiner Cousine und Gattin Charlotte-Jacqueline-Marie de Gautier des Authieux de Mesnival. Sie wurde in der ehemaligen Ortschaft Les Ligneries im Weiler Ronceray geboren und in der Kirche Saint-Saturnin getauft. Sie hatte zwei Brüder, Jacques-François-Alexis (* 15. Januar 1765; † 15. Februar 1809) und Charles-Jacques-François (1774–1795), sowie zwei Schwestern, Marie-Charlotte-Jacqueline (1766–1774), die als Kind starb, und Jacqueline-Jeanne-Éléonore (1770–1806). In den 1770er Jahren zog sie mit ihren Eltern in die nächste größere Stadt Caen um. Ihr Vater, sechstes Kind von Jacques-Adrien de Corday und Marie de Belleau, hatte als Leutnant in der Armee des französischen Königs gedient und war um 1763 aus dem Militärdienst ausgeschieden. Er war Opfer der Erstgeburtsgesetze, deretwegen er in für seinen Stand sehr bescheidenen finanziellen Verhältnissen leben musste. In einer Schrift L’égalité des partages, fille de la justice wandte er sich 1790 gegen das Erstgeburtsrecht.M. Prevost, in: Dictionnaire de Biographie française. Band 9 (1961), Sp. 617 f.

Charlotte Cordays Mutter starb bereits am 8. April 1782 im Kindbett. Nachdem sich der Vater vergeblich um einen Platz für seine Töchter in der prestigeträchtigen Erziehungsstätte Maison de Saint-Cyr bemüht hatte, konnte er die damals 13-jährige Charlotte und ihre jüngere Schwester in Caen in der Abtei Sainte-Trinité (gewöhnlich Abbaye-aux-Dames genannt) unterbringen, in der eine von Charlotte Cordays Tanten, Madame de Louvagny, als Nonne lebte. Indessen war die Abtei keine Erziehungsanstalt, und nur der König hatte das Recht, hier fünf dem armen normannischen Adel angehörige Mädchen beherbergen zu lassen. Die Gunst, seine Töchter aufzunehmen, wurde Jacques-François de Corday wohl dank der Vermittlung von Madame de Pontécoulant, der Stellvertreterin der Äbtissin Madame de Belsunce, gewährt.

Charlotte Corday freundete sich mit zwei Mitschülerinnen, Mademoiselle de Faudois und Mademoiselle de Forbin, an. Laut einem Brief von Madame de Pontécoulant ließ sie sich nicht anmerken, wenn sie einmal krank war. Sie genoss relativ viele Freiheiten und entwickelte einen stolzen, energischen und selbständigen Charakter. Royalistisch gesinnte Autoren dichteten ihr eine Liebesbeziehung zum jungen de Belsunce, dem Neffen der Äbtissin, an. Früh wurde sie mit den Ideen der Aufklärung vertraut. In der Klosterbibliothek las sie u. a. die Bibel sowie Werke von Guillaume Thomas François Raynal, Jean-Jacques Rousseau und Voltaire. Möglicherweise wurde sie bei ihrem späteren Attentat auf Marat durch die Figur der alttestamentlichen Judith inspiriert.Christian Bolte und Klaus Dimmler: Schwarze Witwen und eiserne Jungfrauen. Reclam-Verlag Leipzig 1997, ISBN 3-379-00763-3, S. 120 f. Beispielhaft dürften für sie auch in Plutarchs Viten beschriebene, republikanisch gesinnte antike Helden gewesen sein.

Die Abtei wurde am 1. März 1791 im Zuge der Französischen Revolution aufgelöst, und die nunmehr 22-jährige Charlotte Corday kehrte zu ihrem Vater zurück. Der war ein gemäßigter Royalist, während seine Tochter die 1789 ausgebrochene Französische Revolution zunächst begrüßte. Im Juni 1791 zog sie nach Caen zu einer reichen, einsamen und verwitweten Tante, Madame Le Coustellier de Bretteville-Gouville, deren Gesellschafterin sie wurde. Charlotte Cordays beide Brüder waren eifrige Royalisten und emigrierten Ende 1791. Beim Abschiedsessen für ihren älteren Bruder, der nach Koblenz aufbrach, weigerte sie sich, auf die Gesundheit Ludwigs XVI. zu trinken, da er ein schwacher König sei.

Marats Ermordung Mögliche Motive In der Anfangsphase der Französischen Revolution hatten die gemäßigten Republikaner, die Girondisten, das politische Übergewicht. Diese Partei, mit der Charlotte Corday sympathisierte, verlor ihren Einfluss aber immer mehr an die radikale jakobinische Bergpartei (Montagnards). In Caen erlebte Charlotte Corday die politischen Kämpfe aus der Sicht der Provinz, die zu den Girondisten tendierte und den extremen Montagnards abgeneigt war. Sie las gemäßigte Journale wie den Courrier français und das Journal von Charles Frédéric Perlet. Im Laufe der immer gewaltsamer werdenden Ausschreitungen sah sie ihre aufklärerischen Ideale verraten. Ende Mai/Anfang Juni 1793 wurde der Nationalkonvent von bewaffneten Sansculotten umstellt und durch diese Machtdemonstration die Girondisten gestürzt. 18 ihrer geächteten Vertreter flohen nach Caen, wo sie vorerst sicher waren. Dort hielten sie politische Versammlungen ab und planten, bewaffneten Widerstand gegen die Jakobiner zu leisten. Zu ihnen gehörten bedeutende Deputierte wie Buzot, Salle, Pétion, Barbaroux und Louvet.

Einigen Treffen der in Caen versammelten Girondisten wohnte die als attraktive, brünette Frau geschilderte Charlotte Corday bei und war über die Wirren, die ihr Vaterland erschütterten, anscheinend tief bewegt. Sie entschied sich, selbst und allein zu versuchen, das Blutregime der Jakobiner zu beenden. Einen Führer der Jakobiner, Jean Paul Marat, betrachtete sie als den Hauptübeltäter, der durch seine Nähe zum Volk dieses manipuliere und es zu unzivilisierten Gräueltaten und Morden aufhetze, so etwa in seiner weit verbreiteten Zeitschrift L’Ami du Peuple. Nun wollte sie Marat, die in ihren Augen treibende Kraft hinter den Septembermorden und der Vernichtung der Girondisten und damit der Hauptverantwortliche für die Schreckensherrschaft, töten. Offenbar glaubte sie, dass die Beseitigung des ohnehin bereits sehr kranken Marat, dessen Einfluss sie weit überschätzte, allein genüge, um eine Konterrevolution einzuleiten und Frankreich zu retten. Sie hielt ihre vielleicht schon länger geplante Mordtat nicht für einen kriminellen, sondern, wie sie in ihrem anschließenden Prozess betonte, für einen patriotischen Akt, einen Beitrag zur Wiederherstellung des Friedens in ihrem Vaterland. Dafür war sie bereit, ihr Leben zu opfern. Ihren Mitbürgern warf sie in einem im Gefängnis verfassten Brief mangelnde Zivilcourage vor.Vgl. Thomas W. Gaehtgens, Davids Marat (1793) oder die Dialektik des Opfers. In: Alexander Demandt (Hrsg.): Das Attentat in der Geschichte. Köln 1999, ISBN 3-518-39436-3, S. 224 f. und 246.

Ablauf des Attentats Um möglichst große Aufmerksamkeit zu erzielen und anderen Patrioten als Beispiel zu dienen, hatte Charlotte Corday vor, Marat am 14. Juli, dem Jahrestag des Sturms auf die Bastille, in der Öffentlichkeit zu erstechen. Sie wandte sich am 7. Juli 1793 an den in Caen weilenden Girondisten Charles Barbaroux und erhielt von ihm ein Empfehlungsschreiben für dessen noch im Konvent sitzenden Freund, den Deputierten Claude Romain Lauze de Perret. Durch diesen erhoffte sie sich, Einlass in den Konvent zu erhalten, in dem sie Marat inmitten von dessen Genossen zu ermorden beabsichtigte. Sie gab gegenüber Barbaroux vor, sich für ihre Jugendfreundin Mademoiselle de Forbin einsetzen zu wollen, die als einstige Kanonikerin ihre Rente nicht erhielt. Ihren mittlerweile in der Rue du Beigle in Argentan lebenden, nichtsahnenden Vater suchte sie nicht persönlich auf, um ihm Lebewohl zu sagen, sondern schrieb ihm stattdessen, dass sie nach England auswandere, da sie sich in Frankreich schon seit langem nicht mehr ruhig und glücklich fühle. Als Grund für diesen Schwindel gab sie bei späteren Befragungen an, dass sie geglaubt habe, nach dem von ihr geplanten öffentlichen Mord an Marat sofort von dessen Anhängern in Stücke gerissen zu werden, ohne dass ihr Name je bekannt geworden wäre; so hätte sie ihre Familie heraushalten können.

Bereits im April 1793 hatte sich Charlotte Corday einen Reisepass für Paris besorgt. Am 9. Juli fuhr sie von Caen in einer Postkutsche nach Paris. Laut ihrer Darstellung machte ihr ein junger Mann auf der Reise einen Heiratsantrag, den sie ablehnte. Nach ihrer Ankunft in Paris am Mittag des 11. Juli bezog sie im Hôtel de la Providence in der Rue des Vieux-Augustins Nr. 17 Quartier. Mit Barbaroux’ Empfehlungsbrief begab sie sich am nächsten Tag zu Lauze de Perret, der ihr mitteilte, dass Marat wegen seines Hautleidens stets daheimbleibe und nicht mehr im Konvent erscheine. So musste sie ihren ursprünglichen Plan aufgeben und stattdessen versuchen, in Marats Wohnung zu gelangen, um ihn dort zu erdolchen.

Am Morgen des 13. Juli 1793 erstand Charlotte Corday unter den Arkaden des Palais Royal für 40 Sous ein Küchenmesser mit einer 20 Zentimeter langen Klinge und einer Scheide. In ihrem Hotelzimmer schrieb sie die Adresse aux Français amis des lois et de la paix (An Frankreichs Freunde von Recht und Frieden), in der sie Marat beschuldigte, der Urheber aller damals in Frankreich herrschenden Übel zu sein und ihre geplante Tat erklärte. Unter dem Vorwand, dass sie einige Girondisten aus ihrer Heimatstadt Caen, einer Hochburg der Konterrevolution, denunzieren wolle, suchte sie Marat am Mittag des 13. Juli in seinem Domizil in der Rue des Cordeliers Nr. 20 auf. Simone Évrard, Marats Lebensgefährtin, war jedoch misstrauisch und verweigerte ihr zweimal den Eintritt. Corday fuhr zurück in ihr Hotel, bat Marat schriftlich um eine Unterredung und fuhr noch am Abend desselben Tages zurück zu Marats Wohnung, ohne Antwort erhalten zu haben.

So kam Charlotte Corday, mit einem weißen Kleid und einer schwarzen Haube bekleidet, am 13. Juli etwa eine halbe Stunde nach 19 Uhr wieder in der Rue des Cordeliers an. Das Messer hatte sie unter dem Gewand versteckt. Außerdem hatte sie ein vorbereitetes Billet bei sich, in dem sie ihre Hoffnung ausdrückte, von Marat empfangen zu werden, da sie ihm wichtige Dinge zu enthüllen habe. Die Pförtnerin wollte die Fremde abweisen, doch konnte diese sich an der Angestellten vorbei ins Haus drängen. Simone Évrard öffnete auf den Lärm hin die Wohnungstür, versuchte aber erneut, Charlotte Corday den Eintritt zu verwehren. Marat saß gerade in einer Wanne im Badezimmer, weil das Wasser, in dem sich Heilkräuter befanden, den durch seine Hautkrankheit ausgelösten Juckreiz linderte. Er hörte den lauten Wortwechsel am Eingang und befahl, dass die Besucherin zu ihm geführt werden solle. Daraufhin ließ Simone Évrard sie zu Marat vor und ließ die beiden allein.