mini|Odysseus und seine Gefährten blenden Polyphem. Detail einer proto-attischen Amphora des Polyphem-Malers, um 650 v. Chr., Museum von Eleusis, Inv. 2630.

Die Odyssee () ist neben der Ilias das zweite traditionell dem griechischen Dichter Homer zugeschriebene Epos. Beide gehören zu den ältesten schriftlich fixierten und einflussreichsten Dichtungen der abendländischen Literatur. Im 8. oder 7. Jahrhundert v. Chr. wahrscheinlich in Ionien entstanden, gehörte die Odyssee spätestens seit Mitte des 6. vorchristlichen Jahrhunderts zum klassischen Bildungskanon der griechischen Antike, später auch der römischen Kultur. Sie hat sämtliche Gattungen der altgriechischen Dichtkunst, also Epos, Lyrik und Drama, grundlegend geprägtPeter Riemer: Menschenbilder in Homers Ilias und Odyssee. In: Peter Riemer und Sikander Singh (Hrsg.): Homer und Homer-Rezeption. Wehrhahn, Hannover 2023, S. 11–28. und gehört bis heute zu den meistadaptierten Narrativen nicht nur der Literaturgeschichte, sondern auch des Theaters, der Oper oder des Films.

Wie die Ilias gliedert sich auch die Odyssee in 24 Gesänge. Sie schildern die Abenteuer des Königs Odysseus von Ithaka nach dem Ende des zehnjährigen Trojanischen Kriegs. Nach Seefahrten, die mit Unterbrechungen weitere zehn Jahre dauern und auf denen er alle seine Gefährten verliert, kehrt er schließlich in seine Heimat zurück. Aufgrund dieses zentralen Teils des Epos ist der Begriff „Odyssee“ in vielen Sprachen zum Synonym für lange Irrfahrten geworden. Eingerahmt wird der Hauptteil von zwei weiteren Handlungssträngen. Darin geht es zum einen um die Suche von Odysseus’ Sohn Telemachos nach seinem Vater, zum anderen um die schließliche Heimkehr des Helden und seine Rache an den Freiern, die in seiner Abwesenheit seine Frau Penelope bedrängt und seinen Besitz verprasst haben.

Seit 1795, als der Altphilologe Friedrich August Wolf in seinem Werk Prolegomena ad Homerum die Homerische Frage aufwarf, ist die Urheberschaft an Odyssee und Ilias umstritten. In der Antike wurde Homer als alleiniger Autor beider Epen kaum je angezweifelt, heute schreiben sie viele Forscher verschiedenen Verfassern zu. Dies wird auch mit der ursprünglich mündlichen Überlieferung der Epen begründet, an der viele Dichter hätten mitwirken können. Andere Altphilologen, wie Wolfgang Schadewaldt und Joachim Latacz, gehen weiterhin davon aus, dass beide Werke von einem Autor stammen.Joachim Latacz: Homer. Der erste Dichter des Abendlandes. Vierte Auflage. Duden, Düsseldorf und Zürich 2003, S. 88.

Inhalt Das Proömium, das die Odyssee einleitet, ist eine Anrufung der Muse und schildert in wenigen Zeilen, was Zuhörer oder Leser erwartet.Zitiert nach Homeri Odyssea recensuit Arthurus Ludwich. volumen prius. editio stereotypa editionis primae (MDCCCLXXXIX), Stuttgart/Leipzig 1998 und buchstabengetreu mit Längen und rhythmischen Betonungen ergänzt. Die Eingangsverse sind hier auf Altgriechisch, in Umschrift sowie in der klassischen deutschen Übersetzung von Johann Heinrich Voß aus dem Jahr 1781 wiedergegeben:

Ạndra moi ẹnnepe, Moụsa, polỵtropon, họs mala pọlla plạnchthē, epeị Troiẹ̄s hierọn ptoliẹthron epẹrse: pọllōn d’ ạnthrōpọ̄n iden ạstea kaị noon ẹgnō, pọlla d’ ho g’ ẹn pontọ̄ pathen ạlgea họn kata thỵmon, ạrnymenọs hēn tẹ psychẹ̄n kai nọston hetaịrōn. ạll’ oud’ họ̄s hetaroụs errhỵsato hịemenọs per; aụtōn gạr spheterẹ̄sin atạsthaliẹ̄sin olọnto, nẹ̄pioi, hoị kata boụs Hyperịonos Ẹ̄elioịo ẹ̄sthion; aụtar ho toịsin apheịleto nọstimon ẹ̄mar. tọ̄n hamothẹn ge, theạ, thygatẹr Dios, eịpe kai hẹ̄min. Sage mir, Muse, die Thaten des vielgewanderten Mannes, Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung, Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat, Und auf dem Meere so viel’ unnennbare Leiden erduldet, Seine Seele zu retten, und seiner Freunde Zurückkunft. Aber die Freunde rettet’ er nicht, wie eifrig er strebte; Denn sie bereiteten selbst durch Missethat ihr Verderben: Thoren! welche die Rinder des hohen Sonnenbeherschers Schlachteten; siehe, der Gott nahm ihnen den Tag der Zurückkunft. Sage hievon auch uns ein weniges, Tochter Kronions.

In 24 Gesängen, die aus 12.110Mit den griechischen (Klein-)Buchstaben für die einzelnen Gesänge α: 444; β: 434; γ: 497; – δ: 847; ε: 493; ζ: 331; – η: 347; θ: 586; ι: 566; – κ: 574; λ: 640; μ: 453; – ν: 440; ξ: 533; ο: 557; – π: 481; ρ: 606; σ: 428; – τ: 604; υ: 394; φ: 434; – χ: 501; ψ: 372; ω: 548. Hexameterversen bestehen, erzählt die Odyssee, wie der König von Ithaka nach dem zehn Jahre währenden Trojanischen Krieg, bei der Heimfahrt durch widrige Winde verschlagen, weitere zehn Jahre umherirrt und nach vielen Abenteuern schließlich als Bettler unerkannt heimkehrt. Eine Parallelhandlung zu den ersten Gesängen, die „Telemachie“, erzählt, wie Odysseus’ Sohn Telemachos sich auf die Suche nach dem vermissten Vater begibt. Als Odysseus schließlich nach Ithaka gelangt, findet er sein Haus voller aristokratischer Freier vor, die sein Eigentum aufzehren, seiner Frau Penelope einreden, er sei tot, und sie zwingen wollen, einen der ihren zu heiraten. In einem letzten Abenteuer, der Mnesterophonia, nimmt Odysseus gemeinsam mit Telemachos und dem treuen Hirten Eumaios den Kampf mit den Freiern auf.

Die 24 Gesänge mini|200px|Römisches Fresko zur Odyssee (heute in der Bibliotheca Apostolica des Vatikans), ca. 150–100 v. Chr. mini|200px| Pieter Lastman, Odysseus und Nausikaa, Ölbildnis, 1619, Alte Pinakothek, München

Um die Spannung stets aufrechtzuerhalten, bedient sich Homer einer sehr komplexen Erzählweise. Er arbeitet zum Beispiel mit Parallelhandlungen, Rückblenden, Einschüben, Perspektiv- und Erzählerwechseln. Die Handlung wird nicht chronologisch erzählt, sondern setzt kurz vor der Rückkehr des Odysseus nach Ithaka ein. Sie gliedert sich wie folgt:

1. bis 4. Gesang Die Götter beschließen, Odysseus die Heimkehr zu ermöglichen. Sie senden den Götterboten Hermes zur Nymphe Kalypso, die ihn seit sieben Jahren auf ihrer Insel Ogygia zurückhält. Unterdessen begibt sich die Göttin Athene in Odysseus’ Heimat Ithaka, wo seine Frau Penelope von zahlreichen Freiern bedrängt wird, einen von ihnen zu heiraten. In Gestalt des väterlichen Freundes Mentes drängt Athene Odysseus’ Sohn Telemachos, sich auf die Suche nach dem verschollenen Vater zu machen. In der Hoffnung, Hinweise auf dessen Verbleib zu erhalten, segelt er daraufhin zu zwei seiner ehemaligen Mitstreiter vor Troja: erst zu Nestor, dem Herrscher von Pylos, dann zu König Menelaos von Sparta. Die Freier planen in der Zwischenzeit, Telemachos bei seiner Rückkehr zu ermorden, und bereiten einen Hinterhalt an der zwischen Ithaka und Samos gelegenen Insel Asteria vor. 5. bis 8. Gesang Hermes bewegt Kalypso, Odysseus ziehen zu lassen. Dieser verlässt Ogygia auf einem selbstgebauten Floß. Doch am 18. Tag, als Scheria, eine Nachbarinsel von Ithaka und Heimat der Phaiaken, schon in Sichtweite ist, erregt Odysseus’ Widersacher, der Meeresgott Poseidon, einen Sturm, der das Floß zum Kentern bringt. Mit Unterstützung der Nymphe Ino Leukothea kann sich Odysseus mit letzter Kraft schwimmend an die Küste Scherias retten. Er begegnet mit Hilfe Athenes am Strand der Königstochter Nausikaa, die ihm den Weg zum Palast ihrer Eltern weist. Diese nehmen Odysseus gastfreundlich auf. 9. bis 12. Gesang Im zentralen Teil des Epos stellt sich Odysseus dem Phaiakenkönig Alkinoos vor und erzählt dessen Gästen die Geschichte seiner Irrfahrten (siehe unten: Die Irrfahrten des Odysseus). 13. bis 16. Gesang Nun werden die beiden Handlungsstränge, die Telemachie und die eigentliche Odyssee, zusammengeführt. Odysseus kehrt mit Hilfe der Phaiaken nach Ithaka heim. Der treue Sauhirt Eumaios nimmt ihn auf und schildert ihm die Lage im Königspalast. Daher verbirgt sich Odysseus im Haus des Hirten, bis er den Kampf mit den Freiern wagen kann. Zu seinem Schutz verleiht ihm Athene die Gestalt eines Bettlers. Inzwischen bricht Telemachos aus Sparta auf. Abends erreicht er Pylos. Ohne bei Nestor zu übernachten, begibt er sich sofort auf sein Schiff und kehrt nach Ithaka zurück. Dem Hinterhalt der Freier, vor dem Athene ihn gewarnt hat, kann er entgehen. Er begibt sich zu Eumaios und trifft dort auf seinen Vater Odysseus, den er nach dessen Rückverwandlung erkennt.Homer, Odyssee 16,188–214

mini|Odysseus erschießt die Freier. Aus einer Ausgabe der Sagensammlung von Gustav Schwab, 1892

17. bis 20. Gesang Wieder in Bettlergestalt kehrt Odysseus nach 20 Jahren in sein Haus zurück, wo ihn zunächst nur sein alter sterbender Hund Argos wiedererkennt, später auch die alte Magd Eurykleia. Insgeheim bereitet sich Odysseus auf den Kampf mit den Freiern vor, indem er alle Waffen in einer Kammer wegsperren lässt. Die Freier verhöhnen den vermeintlichen Bettler und lachen den Seher Theoklymenos aus, der sie vor dem Unheil warnt, das ihnen droht. 21. und 22. Gesang Penelope verspricht den Freiern, sie nicht länger hinzuhalten, sondern die Frau desjenigen zu werden, der aus einem Wettbewerb mit Odysseus’ Bogen als Sieger hervorgeht. Keinem gelingt es jedoch, den Bogen zu spannen – außer Odysseus selbst. Nach seinem erfolgreichen Schuss gibt er sich schließlich zu erkennen und tötet mit Hilfe von Telemachos und Eumaios die Freier sowie die Mägde und Knechte, die sich als untreu erwiesen haben. 23. und 24. Gesang Odysseus sieht nach 20 Jahren seine Ehefrau Penelope wieder. Doch erst, nachdem sie ihn mit einer List auf die Probe gestellt hat, erkennt sie in ihm den Gatten. Anschließend besucht Odysseus seinen alten Vater Laërtes. In der Unterwelt preisen Achilleus und Agamemnon, Odysseus’ Mitkämpfer vor Troja, dessen siegreiche Heimkehr. Die Göttin Athene schlichtet den Streit zwischen Odysseus und den Verwandten der getöteten Freier.

Die Irrfahrten des Odysseus Eine zentrale Rolle im Epos nehmen die Gesänge 9 bis 12 ein, in denen Odysseus seine Abenteuer bis zur Ankunft bei den Phaiaken schildert. Dieser eher märchenhafte Teil wird von vielen Forschern für das ursprüngliche Epos gehalten, das später um die einleitende Telemachie und die ausführliche Schilderung des Freiermords am Ende erweitert wurde.

Kikonen, Lotophagen und Kyklopen mini|hochkant|links|Odysseus reicht dem Kyklopen Polyphem eine Schale mit starkem Wein mini|Odysseus und seine Gefährten blenden Polyphem. Lakonisch-schwarzfigurige Schale des Reiter-Malers, ca. 565–560 v. Chr.

Nachdem sie Troja auf zwölf Schiffen verlassen haben, überfallen Odysseus und seine Gefährten zunächst die mit den Trojanern verbündeten thrakischen Kikonen, werden von diesen aber vertrieben. Während die Schiffe auf der Fahrt nach Ithaka Kap Malea, die Südspitze der Peloponnes, umfahren, kommt ein starker Nordwind auf und treibt sie, an der Insel Kythera vorbei, auf das offene Meer. Schließlich gelangen sie ins Land der Lotophagen, der Lotosesser. Drei Gefährten, die Odysseus als Kundschafter zu den Lotophagen schickt, kosten von der Frucht, die sie ihre Heimat vergessen und das Verlangen aufkommen lässt, für immer im Land der Lotophagen zu bleiben. Sie müssen daraufhin mit Gewalt zurück auf die Schiffe gebracht werden.