mini|340px|Der Turmbau zu Babel (hier in einem Gemälde von Pieter Brueghel dem Älteren) symbolisiert die „babylonische Sprachverwirrung“
Als Plansprache bezeichnet man eine für die zwischenmenschliche Kommunikation konstruierte Sprache. Der Entwurf einer Plansprache ist meist auf die Erleichterung der internationalen Kommunikation ausgerichtet; man spricht dann von einer internationalen Plansprache.
Nach Detlev Blanke gibt es lediglich eine voll ausgebildete Plansprache, Esperanto. Daneben existieren eine Reihe von Semiplansprachen und viele hundert Projekte für Plansprachen, die über einen Entwurf nicht hinausgekommen sind und keine oder kaum Lerner gefunden haben.Blanke, S. 107/108. Die Österreichische Nationalbibliothek hat etwa fünfhundert Plansprachen und Plansprachprojekte dokumentiert, vor allem zu Esperanto, Ido und Interlingua.Österreichische Nationalbibliothek: Bestände (abgerufen am 11. Juli 2017)
Zielrichtung einer Plansprache Eine Plansprache soll die internationale Kommunikation verbessern und vereinfachen. Die meisten Projekte verwenden deshalb eine Grammatik, die sich auf das Wesentliche beschränkt. Durch Vergleich diverser natürlicher Sprachen lässt sich relativ leicht herausfinden, auf welche komplizierten Details natürlicher Sprachen verzichtet werden kann. Das Erlernen einer Plansprache soll im Vergleich zu einer natürlichen Sprache bei gleichem Zeitaufwand ein deutlich höheres Sprachniveau ermöglichen.
Auch das Vokabular ist oft im Hinblick auf dieses Ziel gewählt. So werden z. B. Wortstämme so ausgewählt, dass sie vielen Lernenden bekannt sind. Weitere Vokabeln werden in Plansprachen oft systematisch von anderen abgeleitet und müssen daher nicht separat gelernt werden.
Bezeichnungen Das Wort „Plansprache“ geht auf den österreichischen Terminologiewissenschaftler Eugen Wüster zurück und stammt aus den 1930er Jahren. Es gibt eine Vielzahl weiterer Bezeichnungen für Plansprachen (auch: geplante Sprachen), wobei manche Bezeichnungen eine andere Definition erfordern.
Weltsprache bezieht sich auf die Verbreitung; dabei kann es sich aber auch um eine Nichtplansprache wie Englisch, Französisch oder Spanisch handeln. Der Begriff Universalsprache wird meistens für eine logische Idealsprache im Allgemeinen und die characteristica universalis von Gottfried Wilhelm Leibniz im Besonderen verwendet. Ferner kann irgendeine Sprache die Funktion einer Hilfssprache haben. Der ältere Ausdruck Welthilfssprachen für Plansprachen wird kaum noch benutzt.Siehe das Häufigkeitswörterbuch „Wortschatz“ der Universität Leipzig für Welthilfssprache (2 Belege) und Plansprache (21 Belege)
Kunstsprache kann sich auch auf nichtmenschliche Sprachen beziehen, also Sprachen, die nicht der Kommunikation unter Menschen dienen.Vgl. die Beispiele im Artikel Kunstsprache (Wortschatz, Uni Leipzig) Beispiele sind die so genannten „Computersprachen“ (Programmiersprachen) wie Pascal oder Java.
Detlev Blanke hat in seinem Werk „Internationale Plansprachen“ folgende Definition gegeben: „Plansprachen sind, im heutigen Verständnis, vom Menschen nach gewissen Kriterien bewusst geschaffene Sprachen, die der internationalen Kommunikation dienen sollen.“Blanke, S. 11.
Einordnung und Unterscheidungen mini|125px|Die Silben sol, re und sol im Namen der Plansprache Solresol. Plansprachen bilden in ihren Aspekten die Forschungsgegenstände der Interlinguistik. Sie werden in der linguistischen Diskussion den natürlichen Sprachen gegenübergestellt, die sich über einen langen Zeitraum im Sprachgebrauch einer Sprachgemeinschaft herausgebildet haben.
Plansprachen sind eine Untergruppe der konstruierten Sprachen, wobei eine konstruierte Sprache nur dann als Plansprache bezeichnet wird, wenn sie für die menschliche Kommunikation entwickelt wurde. Meistens sollen Plansprachen entweder als „Welthilfssprachen“ eine Verständigung zwischen unterschiedlichen Sprachen und Kulturen ermöglichen oder als logische Basis zur Erforschung und Entwicklung neuer Sprachen dienen.
Eine traditionelle Einteilung der Plansprachen verwendet die französischen Begriffe und . Detlev Blanke unterteilt weiter: Die Apriori-Sprachen sind meist so genannte philosophische Sprachen (Projekte), die die Welt auf eine rationelle Weise klassifizieren sollen. Beispiele sind die Systeme von George Dalgarno (1661) und Bischof Wilkins (1668), neuer ist Ro von Foster (1908). Das Hauptproblem an den A-priori-Sprachen ist die Geschlossenheit, also die Schwierigkeit, das System mit dem Fortschritt der Wissenschaften weiterzuentwickeln. Es ist kaum möglich, eine solche Sprache fließend zu sprechen. Daneben nennt Blanke als A-priori-Projekt auf einer nichtphilosophischen Grundlage das eigentümliche Solresol, das mit sieben Zeichen arbeitet, die als Ziffern, Buchstaben, Flaggenzeichen oder auch Musiknoten dargestellt werden können. Auch hier sind Monotonie und mangelnde Redundanz problematisch für den mündlichen Gebrauch. Weitere Projekte in dieser Kategorie sind Loglan, mit dem die Sapir-Whorf-Hypothese überprüft werden sollte,Blanke, S. 135/137. und das Timerio, das vor allem bei der schriftlichen Kommunikation helfen sollte. Die A-posteriori-Sprachen orientieren sich an bereits bestehenden Sprachen. Modifizierte Ethnosprachen können alte (klassische) Sprachen zur Grundlage haben, also Griechisch und Latein. Am bekanntesten ist sicherlich Latino sine flexione. Eine modifizierte moderne Sprache ist beispielsweise Basic English. Auswahlsprachen wählen Sprachmaterial aus Ethnosprachen aus. Kompromiss-Sprachen nennt Blanke Sprachen, die aus der Kombination einer begrenzten Zahl von heterogenen Ethnosprachen hervorgegangen sind. Ein Beispiel wäre Anglo-Franca von Georg Henderson, ein anderes Interglossa von Lanzelot Hogben. Zu den größten Gruppen zählt unzweifelhaft die der naturalistischen Projekte. Sie ähneln oft den modifizierten Versionen des Lateinischen, berücksichtigen aber auch moderne romanische Sprachen. Eine alternative Bezeichnung ist neolatinid. Am ausgewogensten nennt Blanke das Occidental von Edgar von Wahl (1922).Blanke, S. 157. Ferner ist hier Interlingua (1951) zu erwähnen, das auf (europäischen) Internationalismen basiert, die größtenteils altgriechisch-lateinischen Ursprungs sind. Typische Beispiele sind auch die sogenannten zonalen Plansprachen wie Interslavisch. Autonom (oder schematisch) heißen diejenigen Plansprachen, die durchaus auf Ethnosprachen basieren, trotzdem einige Sprachebenen regelmäßiger gestalten wollen. Zu dieser Gruppe gehören Esperanto und Ido. Integrationssprachen versuchen, „Züge verschiedener bereits vorhandener Plansprachenprojekte zu vereinigen“.Blanke, S. 201. Otto Jespersen versuchte 1928 mit Novial, Esperanto und Ido zu verbessern. Unter den apriorisch-aposteriorischen Mischsprachen listet Blanke das Volapük auf. Durch dessen große Orientierung an apriorischen Prinzipien sei die Anlehnung an Ethnosprachen kaum noch erkennbar.Blanke, S. 204.
Anwendung und Argumente von Befürwortern Nur wenige der über tausend Projekte haben eine gewisse Bekanntheit erreicht, teilweise auch nur wegen eines originellen Ansatzes. Die meisten sind Vereinfachungen bestehender nationaler Sprachen oder insbesondere Ableger der erfolgreichsten Plansprache, des Esperanto (darunter Ido als bekannteste). Eine besondere Entwicklung ist Gestuno, eine Gebärdensprache.
Zu einer Sprache mit vielfältigen Funktionen, langfristig stabiler Sprechergemeinschaft und Nutzung in Familien (etwa tausend Muttersprachler) hat sich bisher lediglich Esperanto entwickelt. Ido und Interlingua haben diese Entwicklung nicht in gleichem Maße vollzogen.
Als prinzipielles Argument für eine Plansprache als lingua franca wies 1910 der Naturwissenschaftler Wilhelm Ostwald auf die Folgen der globalen Dominanz einer Nationalsprache hin: „Das Volk, dessen Sprache zur Weltsprache erhoben würde, hätte durch diesen Umstand allein einen großen technischen Vorteil vor allen anderen Völkern, indem seine Bücher und Zeitungen überall gelesen, seine Mitteilungen, Kataloge, Preisverzeichnisse aller Art überall verstanden werden würden, so dass kein anderes Volk, das den Trieb der Selbsterhaltung nicht gänzlich eingebüsst hat, bewusst einen solchen Schritt tun könnte. Mit der Sprache geht auch die Weltanschauung, das künstlerische und wissenschaftliche Denken auf die anderen über, welche sich dieser Sprache bedienen (...).“Wilhelm Ostwald: Die Forderung des Tages, Leipzig 1910, S. 443.
Kritik an der Idee einer Plansprache
Die Kritik an Plansprachen im Allgemeinen ist häufig vor allem sprachlicher Art. Eine sehr weitreichende Kritik behauptet, eine Plansprache könne grundsätzlich nicht funktionieren. Eine gemäßigtere sprachliche Kritik glaubt, eine Plansprache habe keine wesentlichen Vorteile gegenüber Nationalsprachen. Bei den einzelnen Projekten kann die Sprachkritik sehr unterschiedlich sein.
Darüber hinaus gab es schon frühzeitig Zweifel, ob eine Plansprache sich gegen die Sprachen mächtiger Staaten durchsetzen könne. Diese Kritik richtet sich gegen den idealistischen Optimismus, ein moralisch begründeter Anspruch sei stärker als z. B. wirtschaftliche Interessen. Belegt wird diese Kritik dadurch, dass Menschen auch „schwierige“ oder „nicht neutrale“ Sprachen erlernen, wenn sie sich Vorteile davon versprechen.
Geschichte Berichte über Plansprachen in Antike und Mittelalter sind mit Vorsicht zu genießen. So wird etwa zuweilen der biblische Prophet Zefanja angeführt, dem zufolge Gott eine „gereinigte Sprache“ in Aussicht stellte. Das ist allerdings eine ungenaue Übersetzung; korrekt muss es heißen: „reine Lippen“, mit denen Gott angerufen werden könne (Zef 3,9). Auch andere angeführte Bibelstellen wie die babylonische Sprachenverwirrung (Gen 11, 1-9), die Ausschüttung des Heiligen Geistes zu Pfingsten (Apg 2, 1–11) und Adams Verteilung der Namen (Gen 2,19) sind schwerlich in einen sinnvollen Zusammenhang mit Plansprachen zu bringen.
Die mittelalterliche Mystikerin Hildegard von Bingen soll eine Lingua ignota erschaffen haben. Wim Manders beschreibt ihre Schöpfung hingegen als einen bloßen Wortschatz von Substantiven und wenigen Adjektiven zum privaten Gebrauch der Hildegard. Das latino maccaronico des ausgehenden Mittelalters ist ebenfalls keine Plansprache, sondern eine literarische Burleske.Ziko Marcus Sikosek: Esperanto sen mitoj, 2. Auflage, Antwerpen 2003, S. 158–163.
Ein Verbreiter solcher falschen Interpretationen war der sowjetische Esperantologe Ernest Dresen, der auf diese Weise der Geschichte der Plansprachen ein möglichst hohes Alter verleihen wollte (Historio de mondolingvo, 1931). Oft sind diese Fehldeutungen allerdings älter, einige gehen auf einen Vortrag von Leopold Einstein aus dem Jahre 1884 zurück.
Erst ab dem 17. Jahrhundert verfassten Gelehrte wie die bereits erwähnten George Dalgarno und John Wilkins sowie Johann Amos Comenius, Athanasius KircherPolygraphia nova von 1663 auf der Ausstellung aus Anlass des 400. Geburtstages Kirchers in der Bibliotheca Augusta 2002 (7. Oktober 2013). und Gottfried Wilhelm Leibniz Ausführungen zu einer „neuen“ Sprache. Im Mittelpunkt des Interesses standen die sogenannten a priori erfundenen Sprachen, die vorrangig aus Ziffern und Sonderzeichen bestanden und nicht auf vorhandenen Sprachen gründeten. Aufgrund ihrer komplexen Struktur waren solche Ansätze allerdings nicht praktikabel. Die zweite Gruppe von Plansprachen lehnt sich deshalb an natürliche – vornehmlich westeuropäische – Sprachen an; sie werden dementsprechend a posteriori gebildete Sprachen genannt.
19. Jahrhundert mini|125px|Johann Martin Schleyer mini|125px|L. L. Zamenhof mini|125px|Giuseppe Peano