mini|Flagge der Aborigines|alternativtext=Flagge mit oberer Hälfte in Schwarz, unterer Hälfte in Rot; in der Mitte ist ein gelber Kreis, so hoch wie die Hälfte der Höhe
Aborigines ( [], „Ureinwohner“) ist eine verbreitete Sammelbezeichnung für die indigenen Völker Australiens. Ihre Vorfahren besiedelten vor etwa 40.000 bis 60.000 Jahren den Kontinent vom Norden ausgehend.: History. Abgerufen am 29. Januar 2013 (englisch).
Aborigines bezeichnet als Sammelbegriff Ethnien, also Völker, Stämme oder Clans, mit oft höchst unterschiedlichen Gebräuchen und Sprachen. Je nach Definition und Quelle gab es vor der Ankunft der Briten etwa 200 bis 700 verschiedene Stämme der Aborigines,N. Tindale: Aboriginal Tribes of Australia. 1974, ISBN 0-520-02005-7.Karte von Tindale (1974) Tribal Boundaries in Aboriginal Australia die vorwiegend als Jäger und Sammler lebten. Mit der Ankunft der Europäer ab 1788 sank ihre Zahl von geschätzten 300.000 bis über 2.000.000 Einwohnern auf 60.000 im Jahr 1920, vor allem wegen eingeschleppter Krankheiten, aber auch durch gewaltsame Konflikte mit den Siedlern um Landrechte.
Etwa drei Viertel der 2006 rund 464.000 AboriginesABS (2006) (PDF, englisch), zugegriffen am 18. November 2008. leben in Städten und haben sich weitgehend der modernen Lebensweise angepasst,ABS (2002) National Aboriginal and Torres Strait Islander Social Survey (englisch). da die Behörden in Australien jahrzehntelang eine oft gewaltsame Assimilationspolitik betrieben. Am ehesten blieben die Traditionen der Aborigines im Northern Territory erhalten, wo die Europäer erst spät siedelten. Dort leben die Ureinwohner in den meisten Orten unter sich, weswegen hier auch noch fast 60 % der Aborigines zu Hause eine der indigenen australischen Sprachen sprechen.
Name mini|Aborigines der Bathurst-Insel 1938|alternativtext=drei Aborigines verschiedenen Alters mit muskulösen Oberkörpern, welche mit ernstem Blick in die Kamera schauen Das Wort Aborigine (aus dem lateinischen ab origine „von Beginn an“) bedeutet im Englischen allgemein Ureinwohner; es war ursprünglich die Bezeichnung für die Ureinwohner in Latium (Aborigines (Italien)), einer Region im zentralen Italien.Duden online, zugegriffen am 26. April 2009. Als Name speziell für die Ureinwohner Australiens wurde es erstmals 1803 schriftlich dokumentiert.Oxford English Dictionary: Aborigines (englisch), zugegriffen am 5. April 2009. Heute gilt das englische Wort Aborigines in Australien als abwertend, veraltet und unangemessen und wird unter anderem durch Aboriginal ersetzt. Zur Begründung heißt es, das Substantiv Aborigines verweise auf die koloniale Vergangenheit des Kontinents und lasse die australischen Ureinwohner als einheitliche Masse erscheinen. Dagegen werde durch das substantivisch verwendete Adjektiv Aboriginal die Vielzahl und Unterschiedlichkeit der so bezeichneten Gruppen anerkannt.What's the appropriate term: Aboriginal … First nation. Working with Indigenous Australians Sich selbst bezeichnen Aborigines meist in ihren jeweiligen Sprachen, zum Beispiel Koori im Südosten Australiens, Yoingu im Norden, Murri im Osten, Nanga im Süden, Wonghi im Westen, Nyungar im Südwesten, oder Anangu im Zentrum. In englischer Sprache nennen sie sich black fellas.Julica Jungehülsing: Die Sendungsbewussten. In: Geo Spezial Australien. Gruner + Jahr, Heft 6, Hamburg 2013, S. 70–75, S. 73, . Die deutsche Sprache benutzt weiterhin den Begriff Aborigine.Duden online Aborigine, zugegriffen am 2. Juli 2012.
Im deutschen Sprachgebrauch werden unter dem Begriff Aborigines meist alle Ureinwohner des Kontinents verstanden, während man in Australien zwischen Aborigines und den Torres-Strait-Insulanern, den ursprünglichen Bewohnern der Inseln in der Torres-Straße in der Meerenge zwischen dem australischen Kontinent und Neuguinea unterscheidet. Im dortigen Sprachgebrauch spricht man von den Aboriginals and Torres Strait Islanders, First Australians oder Indigenous People, wenn die Gesamtheit der Ureinwohner des Staates Australien und deren Abkömmlinge bezeichnet werden soll.
Mit Australneger wurden früher im deutschsprachigen Raum die Aborigines Australiens bezeichnet. Dieser Begriff stammt aus den Rassentheorien, die vor allem im 19. und bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts weit verbreitet und einflussreich waren; sie gelten heute als überholt und wissenschaftlich nicht mehr haltbar.
Eine Person wird als Aborigine definiert, wenn sie Nachkomme von Aborigines ist, sich selbst als Aborigine bezeichnet und von der Gemeinschaft, in der sie lebt, als solche akzeptiert wird.Parliament of Australia (1981) (englisch)
Kulturareale mini|Kulturareale AustraliensDavid Horten (Hrsg.) (1994): The Encyclopaedia of Aboriginal Australia: Aboriginal and Torres Strait Islander History, Society and Culture. ISBN 0-85575-234-3, zitiert nach
Aufgrund der gemeinsamen Abstammungslinie der australischen Population, der mindestens 35.000 Jahre währenden Isolation sowie der vielfältigen gemeinsamen Kulturmerkmale wird Australien auf der globalen Maßstabsebene als eigenes Kulturareal betrachtet.
Basierend auf der Arbeit von Nicolas PetersonN. Peterson: The natural and cultural areas of Aboriginal Australia. In: Tribes and boundaries in Australia. 1974, ISBN 0-85575-048-0. wurden die australischen Ethnien nochmals in weitere 17 Kulturareale untergliedert. Grundlage von Petersons Arbeit waren die Haupt-Wasserrouten und ihr Verlauf: Er postulierte, dass die Gruppen der Aborigines entlang der Wasserquellen lebten, dass entlang der Wasserverläufe Wechselbeziehungen zwischen den Gruppen entstanden, die einen kulturellen Austausch, verbunden mit einer relativen kulturellen Homogenität, ermöglichten. Dagegen hätten die Bereiche zwischen den Wasserläufen wegen der Wasser- und Nahrungsarmut natürliche Barrieren gebildet, so dass Beziehungen zu Menschen an anderen Flusssystemen weniger häufig auftraten.D. Mulvaney (1999): Prehistory of Australia. ISBN 1-86448-950-2, S. 78.
Das flächenmäßig größte Kulturareal ist das Kulturareal Desert, das etwa 40 % des Landes bedeckt und die ariden Teile des Landes mit der Simpsonwüste, Gibsonwüste, der Großen Sandwüste sowie mehreren kleineren Wüsten umfasst.
Geschichte hochkant=1.7|mini|Erste Wanderungen in den Nahen Osten und nach Australien (M 168 und M 130 bezeichnen Marker im Y-Chromosom) mini|Karte mit Sahul mini|Verlaufswege der ersten menschlichen Migrationen über die Sunda und Sahul. Um 60.000 bis 50.000 Jahre v. Chr. Grau-gelb: Gebiete, die während der letzten Kaltzeit oberhalb des Meeresspiegels lagen.
Vorgeschichte Der Zeitpunkt, an dem die indigene Bevölkerung Australien erreichte, ist nicht geklärt. Mitochondriale DNA-Vergleiche (mtDNA) lassen darauf schließen, dass Aborigines Nachfahren von Menschen einer der ersten Emigrationswellen aus Afrika sind. Diese Vorfahren haben Afrika vor 100.000 bis 130.000 Jahren verlassen, um sich über Europa, Asien und entlang der Küste Südostasiens bis nach Australien auszubreiten.
David Reich (2010) von der Harvard University fand in Zusammenarbeit mit Mark Stoneking (1997) vom Team des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zudem genetische Belege dafür, dass die Aborigines sowie kleinere verstreute Gruppen von Menschen in Südostasien, sogenannte Negrito-Völker wie die Mamanwa auf den Philippinen, ebenfalls DNA der Denisova-Menschen besitzen. Allerdings besitzen nicht alle Negrito-Völker DNA der Denisova-Menschen; bei den Onge, Ureinwohnern der Insel Little Andaman, und bei malaysischen Jehai wurde beispielsweise festgestellt, dass sie kein nachweisbares Denisova-Erbgut besitzen. Diese Daten wurden dahingehend interpretiert, dass der Genfluss auf dem südostasiatischen Festland stattgefunden haben könnte, und legen nahe, dass die Denisova-Menschen einstmals weit in Ostasien verbreitet waren.
Australien war zu dieser Zeit Teil des Kontinents Sahul und mit Neuguinea über eine Landbrücke verbunden. Eine Landbrücke zum asiatischen Festland hat aber nie bestanden, so dass eine Besiedlung Groß-Australiens nicht ohne Überwindung des Wallacea-Meeres möglich gewesen wäre. Schwimmend wäre das nicht möglich gewesen, und da die Erfindung seetauglicher Boote vor über 60.000 Jahren als sehr unwahrscheinlich gilt, wird eine sehr frühe Besiedlung Australiens überwiegend abgelehnt. Einige gehen gleichwohl von einer ersten, sehr frühen Einwanderungswelle von Menschen aus, die wegen der Toba-Katastrophe vor etwa 75.000 Jahren fast vollständig ausgestorben seien, weswegen eine engere genetische Verwandtschaft von Aborigines nur noch mit den Papua-Völkern in den Bergen NeuguineasM. Ingman: Mitochondrial Genome Variation and Evolutionary History of Australian and New Guinean Aborigines. In: Genome Res. Nr. 7, 13. Juli 2003, S. 1600–1606. PMID 12840039. und einigen indischen Volksgruppen, wie den Veddas, besteht.A. J. Redd: Gene flow from the Indian subcontinent to Australia: Evidence from the Y chromosome. In: Current Biology. Band 12, 16. April 2002, S. 673–677. PMID 11967156. Der Rest Asiens wurde von einer zweiten Auswanderungswelle aus Afrika wiederbesiedelt.
mini|Giles West Camp, South Australia 1903 Für die Ankunft der Aborigines wird am häufigsten ein Zeitraum zwischen 40.000 und 50.000 v. Chr. genannt.John F. O’Connell, Jim Allen: Dating the colonization of Sahul (Pleistocene Australia-New Guinea). In: Journal of Archaeological Science. Band 31, 2004, S. 835–853. Das etwas präzisere Datum von 48.000 v. Chr. basiert auf Messungen von Siedlungen in Nordaustralien mithilfe der Thermolumineszenzdatierung. Bei vielen anderen Fundstätten wurden durch Radiokohlenstoffdatierung Daten von 38.000 v. Chr. gemessen. Diese Werte sind zweifelhaft, da die Radiokarbon-Methode nur bis zu 30.000 Jahre gut messen kann.
Die Arbeitsgruppe um Alan CooperRay Tobler, Adam Rohrlach, Julien Soubrier, Pere Bover, Bastien Llamas, Jonathan Tuke, Nigel Bean, Ali Abdullah-Highfold, Shane Agius, Amy O’Donoghue, Isabel O’Loughlin, Peter Sutton, Fran Zilio, Keryn Walshe, Alan N. Williams, Chris S. M. Turney, Matthew Williams, Stephen M. Richards, Robert J. Mitchell, Emma Kowal, John R. Stephen, Lesley Williams, Wolfgang Haak, Alan Cooper: Aboriginal mitogenomes reveal 50,000 years of regionalism in Australia. In: Nature. Band 544, 13. April 2017, S. 180–184, doi:10.1038/nature21416. führte eine großangelegte Untersuchung der mitochondrialen DNA von 111 australischen Ureinwohnern durch, die aus Archivmaterial aus der Zeit von 1920 bis 1970 mit Einverständnis der Teilnehmer von der Universität AdelaideAboriginal hair shows 50,000 years connection to country, 9. März 2017, adelaide.edu.au: (online) aufbewahrt und zur Verfügung gestellt worden war.Aborigines: 50.000 Jahre „heimatverbunden“. DNA-Analyse bestätigt einzigartige Bindung der australischen Ureinwohner an ihr Land. 8. März 2017, www.shh.mpg.de: (online) Es bestätigte sich darin, dass die Einwanderung vor circa 50.000 Jahren von Asien her begann. Die Ausbreitungswege, so Cooper et al., erfolgten über den gemeinsamen Kontinent Sahul sowohl entlang der Ostküste als auch der Westküste Australiens.Echoes of an ancient time in Australia. 14. März 2017 pangea.unsw.edu.au: (online) Dabei bildeten die immigrierenden menschlichen Gruppen einzelne lokale und beständige Gemeinschaften aus. Diese Vermutung wird durch die Untersuchungen einiger Linguisten belegt, da sich viele australische Sprachen isoliert entwickelten.Genetik: Die Besiedlung Australiens. Spektrum der Wissenschaft 5.17, S. 9, (online)