Horus (auch als Horos oder Hor transkribiert) war ein Hauptgott der Mythologie des Alten Ägyptens. Er ist, gemeinsam mit Seth, Bat und Neith, die älteste Gottheit der ägyptischen Geschichte und bereits auf Artefakten der protodynastischen Epochen um 3.400 v. Chr. zu finden. Er wurde fast durchweg als Falke dargestellt und ist deshalb heute gemeinhin als „Falkengott“ bekannt.
Horus war der Gott des Himmels und des Horizonts, er galt als Schutzpatron der Pharaonen und Kinder. Der ägyptischen Mythologie zufolge überspannten seine Flügel den gesamten Himmel und seine wachsamen Augen waren Sonne und Mond. Er galt in früher Zeit als gleichberechtigter Zwillingsbruder des Seth, als Sohn der Hathor (später wahlweise auch der Isis) und ab dem späten Alten Reich als Beschützer des Sonnengottes Re. Ab dem Mittleren Reich erlangte er durch seine in Fabeln überlieferte Fehde mit Seth Berühmtheit, der nun als sein neidischer Onkel präsentiert wurde.
Im Mittleren Reich wird Horus als Gottheit des ersten und elften oberägyptischen Gaues (Ta-seti und Seth-Tier-Gau) aufgeführt, in der griechisch-römischen Zeit dagegen als Gott des 16. oberägyptischen und 14. unterägyptischen Gaues.Christian Leitz u. a.: LGG. Leuven 2002, S. 233.
Zum Namen Etymologie Der heute gebräuchliche Name „Horus“ ist die latinisierte Form des altägyptischen Wortes Ḥr.w, was sehr wahrscheinlich schlicht „Falke“ bedeutet. Die ursprüngliche und tatsächliche Aussprache ist bis heute nicht vollumfänglich aufgeklärt. Der Grund hierfür ist der Umstand, dass Horus' Name bis in die 4. Dynastie während des Alten Reiches nur mit der Falkenhieroglyphe (Gardiner-Zeichen G5) geschrieben wurde. Da erst ab der 5. Dynastie der Falkenhieroglyphe komplementäre Schriftzeichen beigefügt wurden, ist nur die ungefähre Transkribierung ab dieser Zeit überliefert, sie lautet gemäß neueren Rekonstruktionen ˈħaːɾuw. Daraus wurde im Koptischen ħoːɾ und schließlich die gräzisierte Form Hóros, lateinisch eben Horus.Edmund S. Meltzer: Horus. New York 2002, S. 164.
Bedeutung Was der Eigenname „Haru“ bedeutet, ist wiederum Gegenstand von divergierenden Auslegungen und Interpretationen. Die komplementären Schriftzeichen erlauben eine Deutung als „fern“, „weit“ und „hoch oben“, sodass sein Name in etwa mit „der in Ferne ist“ oder „der in der Höhe ist“ übersetzt werden kann. Dies geht vermutlich auf die Flugkünste echter Falken zurück, die in luftigen Himmelshöhen sogar verharren (siehe Rüttelflug) und so scheinbar das ganze Land überblicken können.
Beinamen „Der östliche Horus“ „Horus, der in Schenut ist“ „Horus-Anubis“ „Horus von Hierakonpolis“ „Horus, der Große / Horus der Alte“ „Horus von Buto“ „Der nördliche Horus“ „Der vollkommene Horus“
Darstellung Horus als Vogel Die Grundgestalt von Horus ist ein Falke. Es ist allerdings nicht möglich, sich auf eine bestimmte Art festzulegen, weil bereits die frühdynastischen Ägypter mindestens vier Arten von Falken kannten und verehrten. Möglicherweise betrieben sie sogar die Falknerei. Zu den vier favorisierten Falkenarten, die als Inspiration für die Darstellung von Horus in Frage kommen, sind: Wanderfalke (Falco peregrinus): wird von Ägyptologen und Ornithologen besonders favorisiert. Als Grund wird angegeben, dass diese Falkenart nur saisonweise in Ägypten verkehrt und seine zuverlässige Rückkehr als Zeichen des Glücks gedeutet wurde. Eleonorenfalke (Falco eleonorae): steht an zweiter Stelle, weil seine Gesichtsmusterung besonders kontrastreich und damit den Darstellungen des Horusfalken am ähnlichsten ist. Baumfalke (Falco subbuteo): von ihm werden bis heute regelmäßig Falkenmumien ausgegraben, er erfuhr demnach kultische Verehrung wie die beiden vorgenannten Arten. Lannerfalke (Falco biarmicus): auch von ihm werden regelmäßig Mumien ausgegraben. Allen Falkenarten gemein ist die markante Gesichtsmusterung mit der gebogenen „Tränenspur“ unter den Augen. Erschwert wird eine genaue Zuordnung dadurch, dass der Horusfalke auf frühdynastischen Objekten (wie zum Beispiel Elfenbeintäfelchen, Gefäßinschriften und Grabstelen) nur als Zeichnung, ohne Farben erscheint. Auf vordynastischen Objekten wird er außerdem ohne detaillierte Gesichtsmusterung dargestellt. Auch aus dem Alten Reich ist keine farbige Darstellung überliefert. Die späteren Darstellungen ab der Ramessidenzeit weichen farblich voneinander ab. Möglicherweise waren mehrere Falkenarten schon früh künstlerisch miteinander verschmolzen, eben weil die Ägypter mehrere Arten gleichzeitig verehrten.Patrick F. Houlihan, Steven M. Goodman: The Birds of Ancient Egypt. Oxford (UK) 2023, S. 46–48.
Horus als Hieroglyphe Die Horusfalken-Hieroglyphe ist bereits seit der Prädynastik überliefert und als Gardiner-Zeichen G5 mit der Transkribierung Ḥr registriert. Wird Horus als Hieroglyphe oder Ideogramm dargestellt, erscheint er als sitzender Falke in Seitenansicht. Es gibt zahlreiche Variationen dieser Hieroglyphe, zum Beispiel als Falke mit Krone auf dem Kopf, als Falke mit Königsflegel, der aus dem Rücken zu ragen scheint, oder als Falke auf einer Standarte. Auch als ruhender Falke oder Falkenmumie kann er erscheinen.
Horus als Gottheit Als Gottheit erscheint Horus entweder als Falke, oder anthropomorph, das heißt, mit dem Körper eines Menschen und mit dem Kopf eines Falken. Er ist dann als athletisch-schlanker Mann zu sehen, dessen Körper in Frontansicht dargestellt wird, während das Gesicht stets zur Seite blickt. Statuen hingegen zeigen ihn vollständig von vorn. Meist wird er in schreitender Pose gezeigt, aber auch Sitzstatuen sind erhalten. Eher selten sind Statuen, die ihn kniend präsentieren. Ab der Ramessidenzeit wurden aber auch Statuen geschaffen, die Horus als komplett menschengestaltiges Kind mit Jugendlöckchen zeigen, meist sitzt er im Schoß seiner Mutter Isis oder Hathor. In der griechisch-römischen Zeit erfolgte die Darstellung des Gottes häufig als Legionär. Auch das Motiv der den Horusknaben stillenden Isis findet sich gelegentlich auf römischen Münzen mit dem Porträt von Kaiserinnen. Dabei handelt es sich nicht nur um in Alexandria geprägte Münzen für die römische Provinz Ägypten, sondern auch um reichsrömische Münzen, die in Ägypten nicht umliefen.Ursula Kampmann: Die Münzen der römischen Kaiserzeit. 1. Auflage, Battenberg 2004, München / Gietl, Regenstauf 2004, ISBN 3-89441-549-5, S. 215 Nr. 50.38.
Geschichtliche Entwicklung Überblick Horus hat in der geschichtlichen Entwicklung der ägyptischen Mythologie zahlreiche Veränderungen erfahren: Es entstanden unterschiedliche Wesensformen in Falkengestalt, die jeweils in einen eigenen Mythos eingebettet sind und deswegen unterschiedliche Eigenschaften und Kultorte haben. Der gesamte Mythos um Horus ist deshalb sehr vielschichtig und erscheint zuweilen sehr kompliziert.
Das älteste Wesen des Gottes Horus war jedoch das eines Himmelsgottes. Die beiden Himmelskörper Sonne und Mond galten als die Augen des Gottes, wobei das rechte Auge das sogenannte Sonnenauge und das linke das Mondauge ist. Um beide Augen ranken sich verschiedene Mythen. Die Flügelspitzen des Gottes berührten die Grenzen der Erde. Ein aus der Frühzeit stammendes Bildsymbol, das ein Flügelpaar, die von Re stammende Sonnenbarke und einen darüber sitzenden Falken zeigt, wird als Kontamination verschiedener Himmelsbilder angesehen. Diese Darstellung gilt als Vorläufer des später häufig auftauchenden Symbols der Flügelsonne (Behedeti).Wolfgang Helck, Eberhard Otto: Kleines Lexikon der Ägyptologie. Wiesbaden 1999, S. 127.
In seiner Bedeutung als Emblem eines siegreichen Volkes avancierte Horus zum Kriegsgott und zum kriegsbringenden Führer,Veronica Ions: Die Götter und Mythen Ägyptens. Klagenfurt 1988, S. 66. wodurch der Glaube entstand, der König (Pharao) sei dessen irdische Verkörperung. Seit dieser Zeit trugen die Könige Ägyptens den Falkengott Horus in ihrer Königs-Titulatur. Die Bedeutung von Horus als Himmels- und Königsgott wird als gleich alt beziehungsweise zeitgleich angesehen.
Dadurch, dass die Könige zur selben Zeit den Gott Re verehrten, kam es zu einer Identifizierung des Horus mit der Sonne. Der zur Staatsreligion gegensätzlichen Vorstellung des Volkes zufolge war Horus jedoch zwischenzeitlich mit dem Sohn des Osiris gleichgesetzt worden. Die so entstandenen Wechselbeziehungen beider Identifizierungen eines Gottes führten zu einer verschiedenen Mythenbildung. Trotz der Unterschiede dieser beiden Horus-Götter verschmolzen die Ägypter den Sonnen-Horus in späterer Zeit mit dem gleichnamigen Gott des Osiriskultes zu einem Gott Horus. Allerdings führte dieser Verschmelzungsprozess (Synkretismus) in verschiedenen Kultzentren zu unterschiedlichen Ergebnissen, so dass es schließlich fünfzehn verschiedene Horus-Götter gab.
Trotz dieser vielen Sonderformen kann durch die Abstammungsgeschichte, die Horus im Mythos zugeschrieben wurde, eine grobe Einteilung vorgenommen werden:
Als Sohn von Atum oder Re, von Geb oder Nut gehört Horus zum Sonnenkult. Als Sohn der Isis und des Osiris gehört er zum Osirismythos.Veronica Ions: Die Götter und Mythen Ägyptens. Klagenfurt 1988, S. 67.
Weitere Formen des Gottes Horus NameDarstellung in HieroglyphenTranskriptionkurze Beschreibung/BedeutungNamensvariante Behdeti F18:D46-X1:O49 Bḥdtj „Der von Edfu“. Ursprünglich aus dem 4./5. unterägyptischen Gau. Harachte G5--N27:X1*Z4 Ḥr-3ḫtj „Der horizontische Horus“, „Horus der beiden Horizonte“. Gott der Morgensonne. Eine Unterform des Gottes Horus. Hor-Achti Harmachis G5-Aa15:N27-O1 Ḥr-m-3ḫt „Horus im Horizont“. Personifikation der aufgehenden Sonne. Berühmteste Darstellung: Große Sphinx von Gizeh. Houroun (französisch) Haroeris G5-G36:D21-A40 Ḥr-wr „Horus der Große“ oder „Horus der Alte“. Her-ur Harpare G5:Z1-p:N6 Ḥr-Rʿ „Horus, die Sonne“. Der Gott schützt den König vor Krankheit und Unheil. Hor-Re, Re-Hor Harsiese G5-G39-Q1-X1:H8 Ḥr-s3-3st „Horus, Sohn der Isis“. Bezeichnung für den Gott Horus in seiner Eigenschaft als Sohn. Harsiesis Hor-Behdeti G5-F18:D46-X1:O49 Ḥr-Bḥdtj „Horus des südlichen Edfu“. Horus Iunmutef G5 O28-G14 X1:I9 Ḥr-Jwn-mw.t=f „Horus, der Pfeiler seiner Mutter“. Bezeichnung für den Gott Horus in seiner Eigenschaft als familiäre Stütze und Beschützer der Isis. Harsomtus G5-F36-M13-T3 Ḥr-sm3-t3wj „Horus, der die beiden Länder vereint“. Hor-Semataui
Bedeutung für das Königtum mini|hochkant|Horus-Name von Wadji im Serech
Horus war der Königsgott. Der Falke selbst stellte in vorgeschichtlicher Zeit ein Totem dar, das von den Nomadenstämmen im oberägyptischen Bereich als späteres Gauzeichen verehrt wurde. Der König wurde bereits seit Beginn der Vor- und Frühdynastischer Zeit mit dem Himmelsgott gleichgesetzt:Manfred Lurker: Lexikon der Götter und Symbole der Alten Ägypter. Bern u. a. 1998, S. 101. Horus offenbarte sich in der Person des Königs; der lebende König war Horus.
Horus im Königstitel Für alle Könige Ägyptens war die Herrschaft des Horus Vorbild. Sie nahmen den Titel „Lebender Horus“ an, und so ist der Horusname der älteste ägyptische Königstitel. Er ist z. B. bereits für die Könige Hat Hor und Skorpion I. belegt. Der Titel wird durch einen Falken symbolisiert, der auf einem Rechteck, dem Serech, sitzt. Dieses enthält im unteren Teil die sogenannte Palastfassade und darüber den Namen des Königs. Auf der sogenannten Narmer-Palette, die in die 0. Dynastie datiert, ist ein Falke abgebildet, der als Horus bezeichnet wird. Bis in die 4. Dynastie war der Horusname der einzige Name des Königs (Pharaos), es kam aber noch in derselben Dynastie der Goldhorusname (auch Goldname) als weiterer Königstitel hinzu.
Der Horus-Thron