mini|Theo van Doesburg: Sac à Main, um 1929, Centraal Museum Utrecht mini|Jo Niemeyer, Skulptur in der Kunsthalle Villa Kobe, 2003
Der Begriff Konkrete Kunst wurde 1924 von Theo van Doesburg eingeführt und 1930 in einem Manifest bei der Gründung der Gruppe Art concret programmatisch für eine Richtung der Kunst festgelegt, die im Idealfall auf mathematisch-geometrischen Grundlagen beruht. Sie ist im eigentlichen Sinne nicht abstrakt, da sie nichts in der materiellen Realität Vorhandenes abstrahiert, sondern im Gegenteil Geistiges materialisiert, keine symbolische Bedeutung besitzt und mehr oder weniger rein durch geometrische Konstruktion erzeugt ist. Richard Paul Lohse sprach eher von konstruktiver Kunst.Grosse Farbenfuge - zum 100. Geburtstag von Richard Paul Lohse. In: NZZ Online, 14. Dez. 2002. Vom Konstruktivismus und Abstrakter Kunst grenzt sich die Konkrete Kunst durch ihr wissenschaftliches Denken (speziell die Erforschung geometrischer Gesetzmäßigkeiten), ihre Konzentration auf das Zusammenspiel von Form und Farbe und ihr Interesse an der Erforschung der Farbe ab. Manche Experten betonen dabei den Stellenwert von einfachen geometrischen Grundformen.Op Art & Konkrete Kunst. In: fils fine arts, abgerufen am 30. Juli 2026. Allerdings ist die Verwendung solcher Elemente weder Alleinstellungsmerkmal noch notwendiger Bestandteil von Werken der Konkreten Kunst. Der Begriff wird historisch bedingt vor allem für Werke aus dem deutschsprachigen Kulturraum verwendet, obwohl es natürlich weltweit künstlerische Positionen gab und gibt, die der Konkreten Kunst entsprechen, namentlich in Italien, Frankreich, den Niederlanden, Tschechien und in Nordamerika. Diese werden aber üblicherweise meist unter anderen „Etiketten“ geführt.Beispiele für verwandte Kunstrichtungen:Neoplastizismus, Suprematismus, Konstruktivismus, Elementarismus, Abstraction-Création, Analytische Malerei, Minimalismus, Modernismus, Color field, Hard Edge, Op-Art, Geometrische Abstraktion Typisch für Künstler der konkreten Richtung ist, dass ihre Werke in der Regel vor ihrer Materialisierung zunächst im Kopf entstehen. Im Extremfall werden deren Entstehungsprinzipien so stringent im Kopf vorformuliert, dass sie sich fast wie mathematische Formeln darstellen ließen (siehe Zitate von R. P. Lohse). Die häufige Entstehung ganzer Werkserien wird dadurch gefördert. Einen wichtigen Beitrag zum theoretischen Überbau und zur Rezeption von Konkreter Kunst und Poesie vor allem in Deutschland leistete der Stuttgarter Philosoph Max Bense.
Zitate Theo van Doesburg „Das Kunstwerk muß(!) im Geist vollständig konzipiert und gestaltet sein, bevor es ausgeführt wird. Es darf nichts von den formalen Gegebenheiten der Natur, der Sinne und der Gefühle enthalten. Wir wollen Lyrismus, Dramatik, Symbolik usf. ausschalten. Das Bild muß(!) ausschließlich aus plastischen Elementen konstruiert werden, d. h. aus Flächen und Farben. Ein Bildelement hat keine andere Bedeutung als sich selbst. … Denn wir haben die Zeit des Suchens und der spekulativen Experimente hinter uns gelassen. Auf der Suche nach der Reinheit waren die Künstler gezwungen, die Naturform zu zerstören. Heute ist die Idee der Kunstform ebenso veraltet wie die Idee der Naturform. Wir sehen die Zeit der reinen Malerei voraus. Denn nichts ist konkreter, wirklicher, als eine Linie, eine Farbe, eine Oberfläche... Konkrete und nicht abstrakte Malerei. Denn der Geist hat den Zustand der Reife erreicht. Er braucht klare, intellektuelle Mittel, um sich auf konkrete Art zu manifestieren. … Die Farbe ist die Grundsubstanz der Malerei; sie bedeutet nur sich selbst. Die Malerei ist ein Mittel, um auf optische Weise den Gedanken zu verwirklichen: Jedes Bild ist ein Farbgedanke… Bevor das Werk in Materie umgesetzt wird, besteht es auf vollständige Art im Bewußtsein(!). Es ist auch nötig, daß(!) die Realisierung eine technische Perfektion aufweist, die der des geistigen Entwurfes ebenbürtig ist… Wir arbeiten mit den Größen der Mathematik - euklidisch oder nichteuklidisch - und der Wissenschaft, das heißt: mit den Mitteln des Denkens.“Willy Rotzler: Annäherung an das Konkrete. In: Peter Volkwein (Hrsg.): Museum für Konkrete Kunst Ingolstadt. 1993, S. 47f., ISBN 3-89466-045-7, erstmals veröffentlicht 1990 im Katalog: Konkrete Kunst - die Sammlung Gomringer, Ulmer Museum, Ulm. „Die Malerei ist ein Mittel, um auf optische Weise den Gedanken zu verwirklichen“.Konkrete Kunst. In: Kunsthaus Ketterer, abgerufen am 23. April 2019.
Richard Paul Lohse „Die Zahl ersetzt das Individuelle, Themen übernehmen die expressive Funktion des Elements“ -…- „Die entscheidende Aufgabe besteht nun darin, den systematisch-logischen Ablauf derart zu aktivieren, daß(!) eine dynamische künstlerische Formulierung entsteht und die Ordnungsprinzipien sich als Mittel dieser Absicht einordnen.“zitiert nach Eugen Gomringer: Serie und Modul in den neuen Arbeiten von Richard Paul Lohse. In: Das Werk – Architektur und Kunst, Heft 11, Seiten 739 bis 743, Band 55, 1968. (e-periodica.ch, abgerufen am 27. April 2019)
Max Bill Als Ziel der Konkreten Kunst formuliert Max Bill 1949 in seiner Einleitung zum Katalog der Ausstellung Zürcher konkrete Kunst: „... das ziel der konkreten kunst ist es, gegenstände für den geistigen gebrauch zu entwickeln, ähnlich wie der mensch sich gegenstände schafft für den materiellen gebrauch. […] konkrete kunst ist in ihrer letzten konsequenz der reine ausdruck von harmonischem maß und gesetz. sie ordnet systeme und gibt mit künstlerischen mitteln diesen ordnungen das leben.“
Einführungstext der Website des Museums für Konkrete Kunst in Ingolstadt „… Konkrete Kunst (ist) eine unmittelbare, auf sinnliches Erleben angelegte Kunstrichtung, die auch ohne jedes Vorwissen, aber notwendigerweise auch ohne Vorurteile, erfassbar ist. Es ist eine ungegenständliche Kunst in Malerei, Plastik, Film oder Installationen, die nicht die sichtbare Welt abbilden möchte. Daher kommen den Farben, Formen, der Linie und erweitert auch den Materialien eine besondere Bedeutung zu. (...) Erst 1930 setzte sich der Begriff der „Konkreten Kunst“ durch einen Text des Künstlers Theo van Doesburg für verschiedene ungegenständliche und geometrische Positionen durch. (...) Speziell durch die Reduktion auf die Rezeption in der Schweiz, den sogenannten „Zürcher Konkreten“, wurde die Konkrete Kunst sehr eng definiert. (...) Doch auch die logische Malerei von Richard Paul Lohse will mehr als nur mathematische Gesetze zu bebildern. Gerade Lohse hatte große gesellschaftliche Ziele und wollte mittels seiner Kunst Systeme und Strukturen sichtbar und dadurch reformierbar machen. (...) Die Künstlergeneration, die in den 1970er Jahren geboren ist, würde sich niemals mit dem Etikett „Konkrete Kunst“ bezeichnen lassen. Der Begriff ist historisch geworden, die Inhalte sind jedoch so aktuell wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts.“
Wegbereiter der Konkreten Kunst Um 1903 herum begann eine große Wende in der Kunst. Malerei und Plastik entfernten sich zusehends von der sichtbaren Wirklichkeit. Henri Matisse sagte, dass man beim Betrachten eines Bildes völlig vergessen müsse, was es darstelle. Es ist Kunst, die Form, Farbe und Bildgestaltung weitgehende Autonomie von Gegenständlichem zugesteht. Diese Absatzbewegung von der Welt des Sichtbaren wurde Abstraktion genannt. Es geht um die Konzentration auf das Wesentliche, das Notwendige.
Ab 1910 tauchte eine Kunst auf, die den Weg der Abstraktion konsequent weiterführte. Jeder Rest von Darstellung, bildlich oder figürlich, wurde abgelehnt. Wassily Kandinsky äußerte, die Kunst folge nur noch ihren eigenen, kunstimmanenten Gesetzmäßigkeiten. Es sei eine Kunst der reinen Gegenstandslosigkeit. Der belgische Maler, Bildhauer und Architekt Georges Vantongerloo initiierte 1931 in Paris die Gründung der kosmopolitischen Künstlervereinigung Abstraction-Création, um der Abstrakten Kunst eine Plattform zu geben. Die Gruppe, die Mitglieder wie Hans Arp, Piet Mondrian und Sophie Taeuber-Arp umfasste, wurde zum geistigen und organisatorischen Zentrum sowie Sammelpunkt für die Anliegen der Vertreter der konkreten, konstruktivistischen und geometrischen Kunstrichtungen. Die inhaltliche und öffentlichkeitswirksame Arbeit von „Abstraction-Création“ und ihre Ausstellungen trugen erheblich zur Steigerung der gesellschaftlichen Anerkennung der abstrakten Kunst bei. Als letzte große Künstlervereinigung vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden wichtige Impulse für die weitere Entwicklung in der Schweiz, in England und den USA gegeben. Strömungen der Konkreten Kunst, das Arbeiten im Seriellen und Minimal Art gehen im Kern auf Konzepte und Grundsätze zurück, welche in „Abstraction-Création“ entwickelt und durchdacht wurden. Zu selben Zeit kam es in der Schweiz zur Gründung der Zürcher Schule der Konkreten; zum Kern der Gruppe gehörten Max Bill, Camille Graeser, Verena Loewensberg und Richard Paul Lohse.
Zu den Wegbereitern bzw. Pionieren der Konkreten Kunst gehören
Josef Albers Hans Arp Max Bill Sonia Delaunay Theo van Doesburg Piet Mondrian Sophie Taeuber-Arp Georges Vantongerloo
Künstler der Konkreten Kunst / Konstruktiven Kunst (nach 1945) Karl-Heinz Adler Joachim Albrecht Josef Bauer Marcel-Louis Baugniet Olle Bærtling Horst Bartnig Ulrich Behl Jakob Bill Gerhard Jürgen Blum-Kwiatkowski Arvid Boecker Hartmut Böhm Regine Bonke Andreas Brandt Max Burchartz Andreas Christen Bernd Damke Walter Dexel Axel Dick Inge Dick Edgar Diehl Karl Duschek Ulrich Erben Rita Ernst André Evard Günter Fruhtrunk Rupprecht Geiger Hans Gekeler Karl Gerstner Fritz Glarner Hans Jörg Glattfelder Hermann Glöckner Camille Graeser Alan Green Ulla Grigat Jon Groom Edgar Gutbub Heijo Hangen Hans Herbert Hartwieg Franziska Haslinger Hasso von Henninges Auguste Herbin Carmen Herrera Gisela Hoffmann Gottfried Honegger Robert Jacobsen Hildegard Joos Peter Kalkhof Christiane Kaufmann Thomas P. Kausel Ute Köngeter Wolfgang Körber Friedrich Kracht Carl Krasberg Eric Kressnig Werner Krieglstein Josef Linschinger Manfred Luther Thilo Maatsch Alberto Magnelli Brice Marden Joseph Marioni Agnes Martin Almir Mavignier Manfred Mohr François Morellet Richard Mortensen Olivier Mosset Jürg Nänni Günter Neusel Jo Niemeyer Andrzej Nowacki Rudolf Ortner Antoine Pevsner Georg Karl Pfahler Helga Philipp Michael Post Marek Radke Rolf Rappaz Ad Reinhardt Otto Reitsperger Ivo Ringe Christian Roeckenschuss Axel Rohlfs Karl Peter Röhl Sigurd Rompza Reinhard Roy Nelly Rudin Robert Ryman Diet Sayler Alexander Schadow Helmut Schmidt Rhen Irene Schramm-Biermann Helmut Senf Peter Staechelin Anton Stankowski Klaus Staudt Helmut Sundhaußen Zdeněk Sýkora Kurt Teuscher Heiner Thiel Norbert Thomas Niele Toroni Günter Umberg Reinhard Voigt Friedrich Vordemberge-Gildewart Hermann Waibel Ludwig Wilding Achim Zeman
Bildhauer der Konkreten Kunst Ulrich Behl Max Bill Regine Bonke Utz Brocksieper Hellmut Bruch Christoph Freimann Ingo Glass Edgar Gutbub Erwin Heerich Gottfried Honegger Ingrid Hornef Maria C. P. Huls Robert Jacobsen Fritz Klingbeil Diethelm Koch Wolfgang Körber Norbert Kricke Carlernst KürtenSusanne Buckesfeld: Carlernst Kürten. Wider die Einsamkeit der konkreten Plastik. Interaktive Aspekte der Edelstahlskulpturen von Carlernst Kürten. In: Katalog I – K. G. Schmidt, Carlernst Kürten und Weggefährten. Verlag Kettler, Dortmund 2014, ISBN 978-3-86206-415-1, S. 90–98. (hrsg. im Rahmen des Projekts „Hellweg Konkret – Eine Region im Fokus der Konkreten Kunst“) Horst Kuhnert Norvin Leineweber Riki Mijling François Morellet Norbert Müller-Everling Ben Muthofer Wolfgang Nestler Josef Neuhaus Ansgar Nierhoff Roland Phleps Heinz-Günter Prager David Rabinowitch Ulrich Rückriem HD Schrader Heiner Thiel Jan de Weryha-Wysoczański
Konkrete Fotografie
Konkrete Poesie
Jeremy Adler Bob Cobbing Reinhard Döhl