Alfred Peter Friedrich Tirpitz, ab 1900 von Tirpitz (* 19. März 1849 in Küstrin; † 6. März 1930 in Ebenhausen in Oberbayern), war ein deutscher Großadmiral. Von 1897 bis 1916 war er Staatssekretär des Reichsmarineamtes und später Politiker der Deutschnationalen Volkspartei. mini|Alfred von Tirpitz (1916)

Leben Familie mini|hochkant|Alfred von Tirpitz beim Verlassen des Reichsmarineamts mini|hochkant|Alfred von Tirpitz, Gemälde von Lovis Corinth (1917) mini|hochkant|Alfred von Tirpitz als Admiral mit Zweispitz Tirpitz war der Sohn des königlich preußischen Geheimen Justizrats Rudolf Tirpitz (1811–1905) und dessen Ehefrau Malwine geb. Hartmann (1815–1890). Er heiratete am 18. November 1884 in Berlin Marie Auguste Lipke (1860–1948), Tochter des liberalen Politikers Gustav Lipke (1819–1889). Das Paar hatte vier Kinder, darunter Wolfgang von Tirpitz (1887–1968), welcher nach der Versenkung der Mainz in britische Kriegsgefangenschaft geriet, und Ilse, die 1912 den späteren Diplomaten und Widerständler Ulrich von Hassell heiratete. Alfred von Tirpitz wurde am 12. Juni 1900 in Bad Homburg vor der Höhe in den preußischen Adelsstand erhoben.A. Freiherr von Houwald: Brandenburg-Preußische Standeserhebungen und Gnadenakte für die Zeit 1873-1918. Görlitz 1939, S. 120. Tirpitz war Mitglied im Bund der Freimaurer (Loge: Zum aufrichtigen Herzen) in Frankfurt (Oder).Eugen Lennhoff, Oskar Posner, Dieter A. Binder: Internationales Freimaurerlexikon. Überarbeitete und erweiterte Neuauflage der Ausgabe von 1932, München 2003, ISBN 3-7766-2161-3.

Militärische Laufbahn Alfred Tirpitz begann seine militärische Laufbahn am 24. April 1865 in der Preußischen Marine im Range eines Kadetten. Die vorhergehenden schulischen Leistungen waren schlecht. Am 24. Juni 1866 wurde er zum Seekadetten ernannt, und am 1. August 1866 begann er seine seemännische Ausbildung auf dem Segelschulschiff Musquito, das nach einer Fahrt von Kiel ins westliche Mittelmeer im Juni 1867 zurückkehrte. Nachdem aus der Preußischen Marine die Marine des Norddeutschen Bundes geworden war, wurde Tirpitz am 22. September 1869 zum Unterleutnant zur See befördert; es folgten am 25. Mai 1872 der Leutnant zur See und am 18. November 1875 der Kapitänleutnant. Von Anfang Mai 1878 bis August 1880 war er mit Unterbrechungen durch die Außerdienststellungen Kommandant der Zieten. Zwischenzeitlich war er mit der Indienststellung Ende 1878 Kommandant der Blücher. Am 17. September 1881 wurde er Korvettenkapitän und schließlich am 24. November 1888 Kapitän zur See. Von Anfang Mai 1890 bis September 1890 war er Kommandant der Württemberg. Am 13. Mai 1895 erreichte er den Rang des Contreadmiral (1899 eingedeutscht zu Konteradmiral). Von Mitte Juni 1896 bis Mitte April 1897 war er Chefs des Ostasiengeschwaders. Am 5. Dezember 1899 wurde er zum Vizeadmiral ernannt, am 14. November 1903 zum Admiral befördert.

Mit dem Umbau der Strukturen innerhalb der kaiserlichen Marine übernahm Tirpitz 1897 die Leitung des Reichsmarineamtes. Damit verfügte er über eine politisch-militärische Institution, die er von Beginn an zu seinem Instrument, persönliche Machtansprüche verwirklichen zu können, ausbaute. Das betraf vor allem den von ihm beeinflussten Umbau der Marineführung ab 1899, sein Ringen um das auf seine Person fixierte Informationsmonopol innerhalb der Marine, die seit dem Ersten Flottengesetz verfolgte und organisierte Kriegspropaganda sowie die von ihm zu verantwortende Bildungspolitik gegenüber dem Marineoffizierskorps.Vgl. dazu: Wilhelm Deist, Flottenpolitik und Flottenpropaganda, Verlagsanstalten Stuttgart 1976, siehe auch: Marcus König, Agitation-Zensur-Propaganda, indem Verlag Stuttgart, 2014, sowie: Michael Epkenhans, Die wilhelminische Flottenrüstung 1908–1914, Oldenbourg Verlag München 1991 „Keiner hat mir reinzureden“ war dabei seine bereits 1895 postulierte Forderung.Gesprächsnotizen für den Vortrag bei Kaiser Wilhelm II. im Dezember 1895, in: V.Berghahn, W.Deist, Rüstung im Zeichen der wilhelminischen Wehrpolitik - grundlegende Dokumente 1890–1914, Düsseldorf 1988, S. 109; mehrfach wiederholte er diesen Grundsatz Vgl. Punkt 5, Punkt 9, Punkt 10, Punkt 15 - diese Forderung bezog sich auch auf sein geplantes Wirken im Reichsmarineamt

Mit Allerhöchster Kabinettsorder (AKO) wurde Alfred von Tirpitz am 27. Januar 1911 Rang und Titel eines Großadmirals verliehen. Dies war als Auszeichnung für seine Verdienste beim Aufbau der Marine gedacht; die vollen Insignien eines Großadmirals blieben ihm jedoch aufgrund der Tatsache verwehrt, dass er nie ein Seekommando als Flottenbefehlshaber geführt hatte. Ihm wurde kein Großadmiralstab verliehen und er durfte auf den Schulterstücken nicht die gekreuzten Marschallstäbe, sondern stattdessen vier Rangsterne tragen.Ernst Dietrich von Mirbach: Prinz Heinrich von Preußen, Köln/Weimar u. a. 2013, S. 311. Seine militärische Karriere musste er mit dem am 15. März 1916 erzwungenen Eintritt in den Ruhestand beenden:

Sein Nachfolger wurde Eduard von Capelle.

Großadmiral Alfred von Tirpitz gilt als Begründer der deutschen Hochseeflotte. Ziel war es, eine Flotte zu schaffen, die zwar die Stärke der britischen Flotte nicht erreichen, jedoch für die Seemacht Großbritannien zumindest eine Risikodrohung im Falle eines Krieges gegen das Deutsche Reich darstellen sollte. So kam es zum Deutsch-Britischen Wettrüsten. Die so geschaffene Flotte wird auch gelegentlich als Risikoflotte bezeichnet, deren Existenz in der imperialistischen Rivalität im Vorfeld des Ersten Weltkriegs von Großbritannien immerhin als Bedrohung aufgefasst wurde.

Seine Versuche, während des Krieges mit eigenwilligen Vorstellungen in die Politik Preußens einzugreifen und die in der Flottenfrage entstandenen Meinungsverschiedenheiten mit Wilhelm II. über den Einsatz der Flotte im Krieg nach seinem Willen zu lösen, führten zum Ausscheiden des Großadmirals aus dem militärischen Dienst. Wilhelm II. selbst berichtet, er habe in der kritischen Situation 1916 seine Entscheidungsmacht wieder herstellen müssen, habe die Entlassung aber nicht selbst vollziehen wollen, da ihn eine persönliche Nähe mit dem Großadmiral verband. Er überließ Reichskanzler von Bethmann Hollweg daher die Entlassung des Großadmirals.Wilhelm II.: Ereignisse und Gestalten 1878-1918. Verlag K.F. Koehler, Leipzig/Berlin 1922, S. 205. Uneinsichtig und selbstherrlich bemühte von Tirpitz sich bis zu seinem Tod, dabei Unwahrheiten und Intrigen nutzend, seine Reputation wiederherzustellen.Alfred von Tirpitz: Erinnerungen, erschienen 1919, Vgl. auch. Derselbe: Der Ausbau der politischen Weltmacht, erschienen 1924. Genügend Anlässe dafür suchte und fand er unter den politisch schwierigen Bedingungen in den ersten Jahren der Weimarer Republik.Vgl. dazu u. a. Georg Alexander von Müller, Meine Stellungnahme zu den Tirpitz-Erinnerungen, in Deutsche Politik, Heft 47 vom 21. November 1919, S. 653, aber auch: der Gleiche, Zu dem neuen Tirpitz-Buch, in: Germania. Nr. 290 vom 21. Oktober 1926.

Tirpitz-Plan Gemeinsam mit der Berufung von Bernhard von Bülow zum Staatssekretär des Äußeren wurde Alfred Tirpitz 1897 als Nachfolger von Friedrich von Hollmann zum Staatssekretär des Reichsmarineamtes ernannt, um als Entscheidungsträger im Bereich der deutschen Außenpolitik das Lieblingsprojekt Wilhelms II., den Ausbau der deutschen Hochseeflotte, verwirklichen zu helfen. Dieses Vorhaben wird Tirpitz-Plan genannt. Tirpitz’ Propagandachef wurde Ernst Levy von Halle.

Die Seerüstung war keine spezifisch deutsche Angelegenheit. Großbritannien hatte seine Flotte nach der Naval Defence Act 1889 mit großen Schiffen massiv verstärkt. Das neue Paradigma des Two-Power-Standard ging auf Alfred Thayer Mahan und sein epochales Buch The Influence of Sea Power upon History von 1890 zurück. Das „Denken in Schlachtschiffen“ begann.Michael Salewski, Jürgen Elvert, Stefan Lippert: Die Deutschen und die See. Studien zur deutschen Marinegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Steiner, Stuttgart 1998, ISBN 3-515-07319-1, S. 272.

Um dieses Projekt, für das Tirpitz 20 Jahre veranschlagt hatte, auf Dauer umsetzen zu können, setzte Bülow zunächst durchweg auf die Erhaltung des Friedens. Für den Flottenbau schien vorläufig Ruhe erforderlich. Denn es kam darauf an, „eine weltpolitische Gefahrenzone möglichst ungestört zu durchqueren, bis Deutschland mit dem in aller Stille geschärften Schwert in der Hand hervortreten konnte“Klaus Hildebrand: Das vergangene Reich. Deutsche Außenpolitik von Bismarck bis Hitler 1871–1945. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2008, ISBN 978-3-486-58605-3, S. 200.. Bülow sorgte dafür, dass die Rahmenbedingungen geschaffen wurden, damit sich Tirpitz’ Forderung nach erheblichem Ausbau der Flotte verwirklichen ließ.

Der Flottenbau sollte eine Art von Bündnisersatz sein und den Ausbruch aus der kontinentalen Enge fördern; er sollte gleichzeitig die Lösung für die propagandistisch oft als die großen Probleme der Zeit bezeichneten Phänomene des stetigen Bevölkerungswachstums und der Notwendigkeit der Schaffung neuer Märkte zur Ermöglichung einer stetig fortschreitenden Industrieexpansion bieten; darüber hinaus sollte er die bei vielen Kreisen im Lande vorherrschende und publizistisch oft vertretene Prestigesucht befriedigen. Er sollte die außenpolitische Unabhängigkeit sichern und zu weltpolitischer Größe verhelfen, die ihrerseits dann auch die innenpolitischen Verhältnisse dauerhaft konsolidieren würden.

Tirpitz glaubte, dass sein Flottenbauplan auch den Effekt haben würde, durch eine erfolgreiche Außenpolitik eine Parlamentarisierung und Demokratisierung des preußisch-deutschen Konstitutionalismus zu verhindern. Dabei sollten Industrielle, Agrarier und Militärs auf der Grundlage gemeinsamer Interessen zur Basis für die Politik des Reiches werden. Die Sammlung dieser „staatserhaltenden Kräfte“ sollte vor allem gegen die Bedrohung durch die Sozialdemokratie gerichtet sein. Es galt, den Arbeiter für ein wirtschaftlich und außenpolitisch erfolgreiches Kaisertum zu gewinnen, indem man an seine nationalen Gefühle appellierte, wobei sich die Krone selbst letztlich als der entscheidende Integrationsfaktor verstand. Daher vollzog sich auch die gleichzeitig mit dem Flottenbau einsetzende Wandlung zum persönlichen Regiment des Kaisers mit seinen bonapartistischen Zügen nicht zufällig. Wilhelm II., der um die Jahrhundertwende noch glaubte, die Sozialdemokratie sei nur eine vorübergehende Erscheinung, wurde spätestens durch das Wahlergebnis von 1903 belehrt, dass diese Annahme falsch war und die Strukturkrise des Reiches keinerlei Besserung erfahren hatte. Es wurde deutlich, dass Flottenpolitik und Kaisertum nie die breite Machtbasis erringen konnten, die sie anstrebten.

Die deutsche Machtbegründung zur See sollte über die kleinliche Parteizerklüftung, über die kleinen wirtschaftlichen Sorgen hinweg, eine das ganze Volk erfassende und einigende Politik großen Stils sein. Sie sollte im Bewusstsein des Volkes eine Stellung einnehmen wie vor 1870 die Einheit des Deutschen Reiches und aus der Flottenbewegung sollte ein auf der freudigen Zustimmung aller Deutschen beruhender Gesamtwille des Volkes erwachsen.Wolfgang Marienfeld: Wissenschaft und Schlachtflottenbau in Deutschland 1997-1906. Beiheft 2 der Marine-Rundschau April 1957, S. 101.

Zu Anfang des Flottenbauprogramms schwankte der Kaiser in der Frage der Realisierung des Flottenbauprogramms noch zwischen zwei bautechnischen Alternativen: Sollte er eine Kreuzerflotte (Aufklärungsschiffe) bauen lassen, die zum Schutze der Kolonien deutsche Präsenz auf allen Weltmeeren demonstrieren konnte, oder sollte er sich für eine Schlachtflotte entschließen, die in der Nordsee gegen Großbritannien zu stationieren war?

Zu dieser Frage arbeitete Admiral von Tirpitz ein Memorandum mit dem unscheinbaren Titel Allgemeine Gesichtspunkte bei der Feststellung unserer Flotte nach Schiffsklassen und Schiffstypen aus.