mini|Der Berliner Admiralspalast mit Werbung des Kabarett-Theaters Distel (2011)
Das Kabarett-Theater Distel (Eigenschreibweise: Kabarett-Theater DISTEL) ist das derzeit größte Ensemble-Kabarett Deutschlands und hat deutschlandweit einen hohen Bekanntheitsgrad. Die Distel wurde 1953 als Ost-Berliner Gegenpol zu älteren West-Berliner Kabaretts gegründet. Das Theater befindet sich seitdem im Vorderhaus des Admiralspalastes direkt am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin-Mitte.
Es bietet tagesaktuelle Kabarettprogramme zu politischen und allgemein gesellschaftlichen Themen. Das Kabarett steht in der Tradition des klassischen Nummern-Kabaretts, das mit Sketchen, Parodien, Monologen, sarkastischen Liedern und Live-Musik temporeiche und unterhaltende Programme inszeniert.
Geschichte mini|hochkant|Leuchtreklame für Die Distel, 1954
„Hurra, Humor ist eingeplant“ – mit diesem Programm feierte Die Distel am 2. Oktober 1953 ihre erste Premiere. Ihre Gründung wurde am 19. März 1953 vom damaligen Ost-Berliner Magistrat von Groß-Berlin auf Wunsch „breitester Bevölkerungskreise“, wie es in einer Aktennotiz hieß, beschlossen. Die Gründung eines Kabaretts im Osten Berlins sollte vor allem ein politisches Gegengewicht zum RIAS-Rundfunkkabarett „Die Insulaner“ und den „Stachelschweinen“ in West-Berlin darstellen, die mit Vehemenz gegen den Osten lästerten.
Doch die Distel zielte aufs „Janze“ und wurde so bald zu einer bekannten und beliebten Gesamtberliner Adresse. Von den vielen Kabaretts, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland neu gebildet haben, ist die Distel eines der dienstältesten. Vor allem nach dem Bau der Berliner Mauer wurde der Distel oft vorgeworfen, nicht in genügendem Maße gegen den Klassenfeind im Westen mit satirischen Mitteln vorzugehen und zu viel ideologische Kritik am Sozialismus in der DDR zu üben.
Mehrmals wollten sich die Regierenden der DDR dieses kritische Kabarett nicht mehr bieten lassen. Direktoren wurden neu berufen und mussten gehen. 1965 drohte Walter Ulbricht auf dem bekannten 11. Plenum des ZK der SED: „Sie brauchen sich nicht zu wundern, wenn eines Tages ein Gewitter niedergeht über die Betreffenden […]. Sie dürfen doch nicht denken, dass wir uns weiter als Partei- und Arbeiterfunktionäre von jedem beliebigen Schreiber anspucken lassen. In Moskau gibt’s ja auch kein Kabarett.“ Erzürnt war Ulbricht vor allem noch über den Titel des 11. Programms von 1958 „Beim Barte des Proleten“. Kurzerhand wurde das Programm vor der Premiere in „Liebe und Raketenbasen“ umbenannt. Die Beliebtheit beim Publikum, die Kompromissbereitschaft der Direktoren, Autoren und des Ensembles bewahrte die Distel immer wieder vor dem Aus.
Da die Distel-Karten, die im Übrigen auch ein beliebtes Tauschobjekt im volkswirtschaftlichen Alltag waren, äußerst knapp waren, wurde 1976 eine zweite Spielstätte im ehemaligen Kino Venus in der Hohenschönhausener Degnerstraße eröffnet und das Ensemble wesentlich vergrößert. Bis 1990 spielten zwei Ensembles wechselseitig, nur am Wochenende stand man gemeinsam auf der Bühne.
Szenen, die das Publikum nie erlebte, füllen ganze Aktenordner. Eine staatliche Abnahmekommission prüfte vor jeder Premiere das Programm. Oft mussten Passagen gestrichen und Texte umgeschrieben werden. 1988 durfte ein ganzes Programm „Keine Mündigkeit vorschützen“ nicht zur Aufführung kommen. Das nächste Programm wieder zu verbieten, wurde nicht gewagt. Die Zeit des Umbruchs hatte auch für die Distel begonnen, und sie ging „Mit dem Kopf durch die Wende“. Nie zuvor war das Kabarett so dicht an den Problemen der Zeit: Texte, die morgens geschrieben wurden, waren abends schon nicht mehr aktuell.
Bis 1991 war die Distel eine Einrichtung des Magistrats bzw. dann des Senats von Berlin. Zur Umsetzung der Bestimmungen des Einigungsvertrages hatten Senat und Magistrat von Berlin gemeinsam mit Wirkung vom 15. Dezember 1990 u. a. beschlossen, dass bestimmte Einrichtungen nicht überführt, sondern abgewickelt werden. Die damals 60 Mitarbeiter der Distel bekamen einen Brief, in dem u. a. stand: „Sie sind in einer Einrichtung beschäftigt, die der Abwicklung unterliegt“. Senat und Magistrat beabsichtigten nicht, das Kabarett zu schließen, sondern forderten eine neue Wirtschaftsform. Die Gründung einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung wurde empfohlen. 40 Mitarbeiter wurden für sechs Monate befristet vom Senat übernommen. In dieser Zeit wurde von der Leitung der Distel die Gründung einer GmbH vorbereitet und die zweite Spielstätte aufgegeben. Seit 1. August 1991 arbeitet die Distel nur noch im Stammhaus in der Friedrichstraße mit noch 20 festangestellten Mitarbeitern ohne jegliche städtische oder staatliche Subventionen. Darüber hinaus macht sie neben durchschnittlich 340 Vorstellungen pro Jahr in Berlin ca. 80–100 auswärtige Gastspiele im Jahr. Diese finden in zirka 180 deutschen und ausländischen Orten (unter anderem Schweiz, Österreich, England, Frankreich, Namibia, Ungarn und in den USA) statt und steigern somit den Bekanntheitsgrad des Hauses. Die Distel hat ständig drei bis zu sechs Programme im Repertoire, die von zwei Gruppen gespielt werden. Einmal jährlich stehen alle Schauspieler gemeinsam auf der Bühne.
Vor den Premieren neuer Programme werden von der Distel sogenannte Offene Proben bei ermäßigtem Eintritt angeboten.
Im Frühjahr 2012 eröffnete die Distel als zweite Bühne das Distel-Studio im ersten Stockwerk. Dort finden Gastspiele, Improvisationstheater und Programme des Jungen Kabaretts statt. Häufig spielten dort beispielsweise Melanie Haupt, Tilman Lucke, Benjamin Eisenberg, Andreas Krenzke, Roger Stein oder Christin Henkel. Diese Bühne wurde nach der Corona-Zeit jedoch wieder geschlossen und alle Stücke werden heute im großen Saal gezeigt.
Jährlich unterhält die Distel bis zu 150.000 Besucher in Berlin und auf Tourneen.
Direktoren und künstlerische Leiter Gründer und erster Direktor der Distel von 1953 bis 1958 war Erich Brehm. Von 1958 bis 1963 wurde das Theater von Hans Krause geleitet, der als Distel-Gründungsmitglied von 1953 bis 1955 als Schauspieler am Haus war, von 1963 bis 1968 von Georg Honigmann und von 1968 bis 1989 vom Österreicher Otto Stark, der dem Ensemble seit 1959 angehörte. Norbert Dahnke leitete die Distel von 1990 bis 2008 als Geschäftsführer. Einer der prominentesten Kabarettisten war Peter Ensikat, der von 1974 bis Mitte der 80er Jahre als Autor an der Distel wirkte und von 1999 bis 2004 die künstlerische Leitung übernahm, nachdem sich das Ensemble von Gisela Oechelhaeuser wegen ihrer zeitweiligen Tätigkeit als inoffizielle Mitarbeiterin des Ministeriums für Staatssicherheit trennte, die von 1989 bis 1999 die Intendanz innehatte. Von 2006 bis 2008 war Frank Lüdecke künstlerischer Leiter, von 2009 bis 2014 war es Martin Maier-Bode. Seit Anfang 2015 leitet Dominik Paetzholdt das Haus künstlerisch. Die Geschäftsführung lag von 2010 bis 2015 bei Dirk Neldner und von Mai 2015 bis Dezember 2021 bei Astrid Brenk. Von Januar 2022 bis 2025 oblag die Geschäftsführung Evangelia Epanomeritakis. Seit 2025 amtiert Frank Voigtmann als künstlerischer Leiter und seit 2026 ist Sophia Michailidis Geschäftsführerin.
Übersicht der Programme mini|Ticket für das 138. Programm Einmal Deutschland für alle! des Kabarett-Theaters Distel (2015)
Die Programme des Kabarett-Theaters Distel auf einen Blick:
Auszeichnungen 28. Oktober 1961: Nationalpreis der DDR III. Klasse für Kunst und Literatur 1973: Vaterländischer Verdienstorden der DDR in Silber 2019: Eddi
Literatur Auswahl von Buchquellen Dietmar Jacobs: Untersuchungen zum DDR-Berufskabarett der Ära Honecker. Kölner Studien zur Literaturwissenschaft. Frankfurter a. M. 1996 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.): Spaß beiseite. Humor und Politik in Deutschland. Leipzig 2010 Brigitte Riemann: Das Kabarett der DDR: „… eine Untergrundorganisation mit hohen staatlichen Auszeichnungen …“?. Gratwanderung zwischen sozialistischem Ideal und Alltag (1949–1999). In: Zeit und Text, Band 17, 2000 Heinrich Goertz: Frischer Wind im Haus Vaterland 1948. In: Die Horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik, 40, 1995 Volker Kühn: Das Kabarett der frühen Jahre – Ein freches Musenkind macht erste Schritte. Weinheim, Berlin (West) 1984 Manfred Jäger: So lacht man in der DDR. In: Pardon, 14, 1975 Klaus Budzinski: Pfeffer ins Getriebe. Ein Streifzug durch 100 Jahre Kabarett. München 1984 Frank Wilhelm: Literarische Satire in der SBZ, DDR 1945–1961 – Autoren, institutionelle Rahmenbedingungen und kulturpolitische Leitlinien. Hamburg 1998 Hans H. Krause: Greif zur Frohkost, Kumpel! Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1962 Hans-Dieter Schütt: Das halbstarke Lachen Gespräche mit Gisela Oechelshaeuser. Dietz Verlag, Berlin 1997
Erich Brehm: Die Distel blüht zum Spaße. Eulenspiegel Verlag, Berlin Peter Ensikat: Ab jetzt geb’ ich nichts mehr zu. Nachrichten aus der neuen Ostprovinz. Peter Ensikat: Wo der Spaß aufhört. Satiren aus 20 Jahren. Peter Ensikat: Meine ganzen Halbwahrheiten. Peter Ensikat, Wolfgang Schaller: Bürger, schützt eure Anlagen oder Wem die Mütze passt, Satirische Sätze aus dem Nachlass vom Roten Paul. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1983 Erich Brehm: Die erfrischende Trompete, Taten und Untaten der Satire. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1964 Hans Krause: Ich war eine Distel. Erinnerungen eines Sairikers. Eulenspiegel-Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-359-02305-0. Lutz Stückrath: Gute Seiten, schlechte Seiten. Geschichten die das Leben schrieb. Eulenspiegel-Verlag, Berlin 2005, ISBN 978-3-359-01661-8. Rudolf Hösch: Kabarett von Gestern und Heute Alexander Schäfer – über seinen Vater Gerd E. Schäfer
Auswahl von Zeitungsberichten nach 1990 Reinhard Wengierek: Ost-Satire: Aus dem Regen in die Einheit. In: Die Welt, 21. Juni 1995 Claudia Petzold, Reinhard Wengierek: Mein Gott, ham wir gelacht. In: Neue Zeit, 4. September 1993 Reinhard Kasselt: Es wird mir wahrscheinlich nie gelingen, einen Staat zu lieben. In: Sächsische Zeitung, 29. Mai 1992; Interview Annett Urbaczka: Eine feste Burg in unsre Mark. In: Rheinische Post, 18. November 1991 Constanze Pollatschek: Unkraut vergeht nicht. In: Wochenpost, 1991; Interview Roland Mischke: Fall in die Freiheit. In: FAZ, 20. November 1990 Heinz Kersten: Grabgesang und Hochzeitsständchen. In: Frankfurter Rundschau, 5. Oktober 1990 Ost-Berliner Porträts – Gisela Oechelshaeuser. In: Der Tagesspiegel, 26. Juli 1990 Karin Freitag: Das Fahrrad nicht neu erfinden, sondern einfach hervorheben. In: Neues Deutschland, 30. November 1990
Weblinks
distel-berlin.de Archivbestände des Kabaretts im Deutschen Rundfunkarchiv
Einzelnachweise
Distel Distel Kategorie:Berlin-Mitte Kategorie:Friedrichstraße (Berlin) Kategorie:Kleinkunstbühne Kategorie:Theater (DDR) Kategorie:Träger des Vaterländischen Verdienstordens in Silber Kategorie:Nationalpreisträger (DDR)