Ausbeutung (selten auch Exploitation von / „exploitation“) ist eine Bezeichnung für Ausnutzung oder Aufbrauchung jeglicher Art, wobei der Begriff besonders auf die Ausbeutung von Menschen durch Menschen bezogen wird. Genauer bestimmt wurde er in marxistischen Theorien als Aneignung fremder Arbeit. Oftmals wurde und wird auch die rücksichtslose Ausnutzung von Menschen als Arbeitskräfte, Ausnutzung von Frauen durch Männer, von Entwicklungsländern durch Industriestaaten oder von natürlichen Ressourcen durch Profitgier als Ausbeutung thematisiert. Der Ausdruck kommt auch im deutschen Recht im Zusammenhang mit Wucher vor.
Begriffsgeschichte Heute meint das Wort Beute „etwas, was jemand erbeutet hat“ oder „Opfer“. Beute im Sinne von „das durch Plünderung Erworbene, Gewinn“ geht auf das mittelniederdeutsche Verb bǖten zurück. Das Verb bedeutete „Tauschhandel treiben, verteilen, wegnehmen, erbeuten“. Darauf beruht das spätmittelhochdeutsche Verb biuten „rauben, erbeuten, austeilen“. Von bǖten ist das mittelniederdeutsche Substantiv bǖte abgeleitet und meinte „was zur Verteilung kommt“. Das Substantiv drang als Wort des Handels („Tausch, Verteilung“) und des Kriegswesens („Verteilung des Erworbenen, Anteil, Kriegsbeute“) ins Mittelhochdeutsche ein, wie das spätmittelhochdeutsche biute belegt. Ebenso wurde es in andere Sprachen entlehnt: altnordisch bȳti „Schuldforderung“; schwedisch byte, niederländisch buit, französisch butin „Beute“.
Für das Verb ausbeuten gibt der Duden heute verschiedene Bedeutungen an: 1. (a) „wirtschaftlich nutzen, abbauen“ bzw. (b) „systematisch nutzen, ausschöpfen“; 2. (a) „skrupellos für sich ausnutzen“, (b) das aus dem marxistischen Gebrauch stammende „sich als Eigentümer von Produktionsmitteln das von den Arbeitnehmern erzeugte Arbeitsprodukt aneignen“ und schließlich (c) „sich skrupellos zunutze machen“. Das Verb ausbeuten wurde im Kriegswesen des 15./16. Jahrhunderts genutzt und bedeutete „Beute machen“ oder „Beute, Gewinn verteilen“. Es entwickelte sich auf dieser Grundlage die Bedeutung ‘Gewinn, Nutzen ziehen, ausschöpfen’. Das bezog sich zuerst auf jegliche Naturschätze und galt auch für die gewinnbringende Ausschöpfung materieller und geistiger Werte.
Im Frühsozialismus des 19. Jahrhunderts wurde unter dem Wort exploitation, das französische und englische Frühsozialisten oft benutzten, schließlich die Ausnutzung des mittellosen Proletariats durch die Besitzer der Produktionsmittel begriffen, wie etwa in der berühmten Wendung des französischen Sozialisten Saint-Amand Bazard (1791–1832) l’exploitation de l’homme par l’homme (dt. Ausbeutung des einen durch den andern). Karl Marx und Friedrich Engels übernahmen in ihren wirtschaftlichen Schriften manchmal direkt das Wort Exploitation von Bazard, manchmal gaben sie es als Ausbeutung wieder. Im Manifest der kommunistischen Partei ist bspw. von „Exploitation des Weltmarktes“ die Rede und der „Exploitation des einen Individuums durch das andere“, die es aufzuheben gelte. Innerhalb dieses Bedeutungszusammenhangs entwickelten Karl Marx und Friedrich Engels ihre Theorie der Ausbeutung. Bazards Begriff „Exploiteur“ findet sich bei beiden so wie auch bei vielen anderen sozialistischen Theoretikern des 19. Jahrhunderts als Synonym für „Kapitalist“.
Das „Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache“ gibt relativ zum verwendeten DWDS-Korpus an, dass das Wort Ausbeutung vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des 20. Jahrhunderts häufiger benutzt wurde.
Ausbeutungstheorien Marcus Tullius Cicero sah in der Okkupation und Ausbeutung natürlicher und menschlicher Ressourcen den Ursprung des Eigentums und Reichtums.Marcus Tullius Cicero: De officiis. (um 44 v. u. Z.) Im Mittelalter war man der Überzeugung, die Zinsnahme sei die Erklärung für Ausbeutung. Diese Annahme vertraten in der frühen Neuzeit unter anderem auch die Reformatoren Luther und Melanchthon.Konrad Löw: Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. S. 114–120. Zwischen 1861 und 1863 verfasste Karl Marx die Mehrwerttheorie, die zentral für seine Darlegung der Ausbeutung in der kapitalistischen Produktion ist. Diese basierte auf einer Auseinandersetzung mit der klassischen politischen Ökonomie. Für Engels war die Erklärung der Ausbeutung der Arbeiterklasse im Kapitalismus neben der materialistischen Geschichtsauffassung Marx’ zweite große Entdeckung, die den Sozialismus zu einer Wissenschaft erhoben habe.
Marxistische Theorie Nach Marx besteht die Ausbeutung des Arbeiters nicht etwa darin, dass der Arbeiter „zu wenig Lohn“ bekommt. Im ersten Band seines Hauptwerks Das Kapital legt Marx vielmehr dar, dass im Kapitalismus der Lohnarbeiter grundsätzlich einen gerechten Lohn bekommt, und zwar einen Lohn der dem Gegenwert (dem Preis) der Arbeitskraft des Arbeiters entspricht. Dieser Gegenwert ist gleich den Produktions- bzw. Reproduktionskosten der Arbeitskraft. „Ausbeutung“ bedeutet nach Marx also nicht, dass der Arbeiter um einen Teil des ihm zustehenden Lohnes betrogen wird. „Ausbeutung“ bedeutet vielmehr, dass im Kapitalismus der Arbeiter gezwungen wird, Mehrarbeit zu leisten, ohne dass er selbst oder seine Klasse von dieser Mehrarbeit profitieren. Die von den Arbeitern im Kapitalismus geleistete Mehrarbeit dient vielmehr ausschließlich der Produktion von Mehrwert, der entweder von den Kapitalisten als deren Einkommen vereinnahmt wird, oder der reinvestiert (akkumuliert) wird, nur um in der nächsten Runde mehr Mehrwert zu produzieren. Somit ist sein Begriff der Ausbeutung kein moralischer Begriff. Marx beanspruchte nicht, Werturteile zu fällen, wenn er behauptete, der Kapitalist beute den Arbeiter aus. Im Vorwort der ersten Auflage des ersten Bandes schrieb er explizit, er wolle den Einzelnen nicht „verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial“ bleibe. Im Zusammenhang der Fabrikgesetzgebung hielt Marx ausdrücklich fest, dass der Kapitalist den Arbeiter möglichst ausbeuten müsse, um sich in der Konkurrenz als Kapitalist erhalten zu können, und dass dieses nicht etwa an dem „bösen Willen“ des Kapitalisten liege.
Marx beabsichtigte keine idealistische Kritik, die die bürgerlichen Verhältnisse etwa an der Idee der Gerechtigkeit misst. Dass der Kapitalist den Arbeiter ausbeutet, sei kein Unrecht. Es verletzt nach Marx nicht das Wertgesetz des Warentausches. Marx war auch später sehr skeptisch gegenüber der Vorstellung, dass der Arbeiter in einer kommunistischen Gesellschaft, die auf genossenschaftlicher Produktion beruht, einfach sein ganzes Arbeitsprodukt erhalten solle. In „Kritik des Gothaer Programms“ kritisierte er bürgerliche wie auch sozialistische Vorstellungen einer gerechten Verteilung. Das betraf vor allem Ferdinand Lassalles Forderung nach einem unverkürzten Arbeitsertrag.
Ferner meinte Marx auch nicht, dass Ausbeutung immer bedeuten müsste, dass der Ausgebeutete einen niedrigen Arbeitslohn bzw. Lebensstandard hat. Dieser könne in Zeiten erhöhter Nachfrage nach Arbeitskräften steigen.
Im Sinne der marxistischen Geschichts- und Gesellschaftstheorie bezeichnet Ausbeutung ein Klassenverhältnis bzw. die unvergütete Aneignung jener fremden Arbeitskraft und fremder Arbeitsprodukte, welche über die notwendige Arbeit zur Erhaltung der Arbeitskraft hinausgeht. Ausbeutung ist demnach die Aneignung der Mehrarbeit und des daraus entstehenden Mehrprodukts. Wenn beispielsweise 6 Arbeitsstunden täglich zum Erhalt des Arbeiters und seiner Arbeitskraft notwendig sind, er aber 8 Stunden arbeitet, so hat er 2 Stunden Mehrarbeit geleistet. Wird das Produkt dieser Mehrarbeit von einer anderen Person abgepresst, wurde der Arbeiter in diesem Sinne ausgebeutet.
In Klassengesellschaften verfügen die Mitglieder der ausbeutenden Klasse über die Arbeitskraft der Ausgebeuteten und die wesentlichen gesellschaftlichen Produktionsmittel. Damit sich eine Klasse bilden kann, deren Mitglieder sich das Mehrprodukt einer anderen Klasse dauerhaft und sicher aneignen können, muss eine gewisse gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeit erreicht worden sein; ansonsten wird die Existenz der Ausgebeuteten gefährdet.Marx: Das Kapital, MEW 23: 534. „Braucht der Arbeiter alle seine Zeit, um die zur Erhaltung seiner selbst und seiner Race nötigen Lebensmittel zu produzieren, so bleibt ihm keine Zeit, um unentgeltlich für dritte Personen zu arbeiten. Ohne einen gewissen Produktivitätsgrad der Arbeit keine solche disponible Zeit für den Arbeiter, ohne solche überschüssige Zeit keine Mehrarbeit und daher keine Kapitalisten, aber auch keine Sklavenhalter, keine Feudalbarone, in einem Wort keine Großbesitzerklasse.“ Je nach gesellschaftlicher Produktionsweise unterscheiden sich die Produktionsverhältnisse, durch die das Mehrprodukt angeeignet wird, von „unmittelbarer Zwangsarbeit“ wie in der Sklaverei bis zur „vermittelten Zwangsarbeit“ wie in der Lohnarbeit.Marx: Das Kapital, MEW 23: 231. „Nur die Form, worin diese Mehrarbeit dem unmittelbaren Produzenten, dem Arbeiter, abgepreßt wird, unterscheidet die ökonomischen Gesellschaftsformationen, beispielsweise die Gesellschaft der Sklaverei von der der Lohnarbeit.“
Sklaverei, Feudalismus & Übergang in die kapitalistische Produktion Urkommunistische Stammesgesellschaften gingen Klassengesellschaften voraus. Die ersten bedeutenden Steigerungen der Produktivität zogen nach Engels „unter den gegebnen geschichtlichen Gesamtbedingungen, die Sklaverei mit Notwendigkeit nach sich. Aus der ersten großen gesellschaftlichen Arbeitsteilung entsprang die erste große Spaltung der Gesellschaft in zwei Klassen: Herren und Sklaven, Ausbeuter und Ausgebeutete.“Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, MEW 21: 157. Die erste Möglichkeit bot sich, als Stämme gegeneinander Krieg führten und Mitglieder fremder Stämme raubten, die sie versklaven konnten. Zwar sei Sklaverei „die erste, der antiken Welt eigentümliche Form der Ausbeutung“ und erlebte dort ihre Blütezeit, aber sie blieb nicht darauf beschränkt.Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, MEW 21: 170. „Die Sklaverei ist die erste, der antiken Welt eigentümliche Form der Ausbeutung: ihr folgt die Leibeigenschaft im Mittelalter, die Lohnarbeit in der neueren Zeit. Es sind dies die drei großen Formen der Knechtschaft, wie sie für die drei großen Epochen der Zivilisation charakteristisch sind; offne, und neuerdings verkleidete, Sklaverei geht stets danebenher.“ Sie dauerte vielmehr die ganze „zivilisierte Periode“ an und war auch im Zuge der Herausbildung des Kapitalismus in Form des Kolonialismus ein bedeutendes Moment.
Im Mittelalter sei die Festsetzung der Volksmassen „an den Boden die Grundlage des feudalen Drucks“ gewesen. Die Bauern seien als Leibeigne oder Hörige an einen bestimmten Boden gebunden gewesen und hätten dem Grundherrn Produkte oder Dienste leisten müssen.
Den Wandel zur kapitalistischen Ausbeutungsweise schilderte Marx im 24. Kapitel des ersten Bandes von „Das Kapital“ unter dem Stichwort ursprüngliche Akkumulation. Darunter fasst Marx jenen Prozess, der zwei besondere Klassen hervorbrachte: die Eigentümer von Geld, Produktions- und Lebensmitteln, die diese durch Ankauf fremder Arbeitskraft verwerten, und die lohnabhängigen Arbeiter, die ihre Arbeitskraft an erstere verkaufen müssen. Der Prozess sei nichts anderes „als der historische Scheidungsprozeß von Produzent und Produktionsmittel.“Marx: Das Kapital, MEW 23: 742 Am Beispiel Englands zeigte Marx, wie Grundherren die Bauern vom Land vertrieben, um Schafzucht zu betreiben; der Staat half den Grundherren mit Gewalt und zwang die enteigneten Bauern in kapitalistische Fabriken und deren Disziplin. Der Prozess basiere also entgegen der Annahme der klassischen politischen Ökonomie nicht in erster Linie auf der Sparsamkeit und dem Fleiß Einzelner. Vielmehr gründe der Prozess auf „Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt“. Ähnliche Prozesse können sich weltweit wiederholen, wo sich die kapitalistische Produktionsweise ausbreitet.