Ahlen (; plattdeutsch Aolen) ist eine Stadt im westfälischen Münsterland im Norden von Nordrhein-Westfalen. Sie ist eine mittlere kreisangehörige Stadt und die größte und wirtschaftlich bedeutendste Stadt des Kreises Warendorf im Regierungsbezirk Münster.
Geographie Nachbargemeinden Ahlen grenzt an Sendenhorst, Ennigerloh, Beckum, Lippetal, Hamm und Drensteinfurt. mini|Ortsteile von Ahlen sowie die alten Grenzen der Stadt Ahlen zu Neu- und Alt-Ahlen
Ortsteile Kernstadt Ahlen mit den Bauerschaften Borbein, Brockhausen, Ester und Oestrich (Gebiet der ehemaligen Gemeinde Altahlen) sowie den Bauerschaften Halene und Rosendahl (Gebiet der ehemaligen Gemeinde Neuahlen) Dolberg mit den Bauerschaften Gemmerich, Guissen, Henneberg, Ostdolberg Vorhelm mit Tönnishäuschen und den Bauerschaften Eickel, Bergeickel, Dorfbauerschaft, Isendorf
Geschichte Mittelalter Der Name der Stadt wird erstmals um 850 in der Vita Liudgeri II erwähnt. Seine Bedeutung und die auf den Namen Bezug nehmende Darstellung des Stadtwappens mit einem „geflügelten Aal“ sind nicht geklärt.
Als Ursprung der Stadtsiedlung wird ein Siedlungsansatz an einem Übergang über die Werse angenommen, der zum Schnittpunkt zweier wichtiger Straßen wurde und gleichzeitig Ausgangspunkt für eine dritte Straße war (Hamm–Ahlen–Warendorf, Beckum–Ahlen–Herbern, Ahlen–Münster). Die in den ersten Jahrhunderten langsam wachsende Siedlung bildete sich um einen bischöflichen Amtshof. Im Schutze dieser Kirchenburg ließen sich zunächst Handwerker und Händler nieder, um mit den Bauern und Bewohnern des Amtshofes Handel zu treiben. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts begann der Fernhandel in der Stadt, so tauchten die Namen Ahlener Kaufleute beispielsweise im 13. Jahrhundert in den Rechnungen Lübecker Kaufleute auf. Ahlen war Mitglied der Hanse. 1254 trat Ahlen dem Rheinischen Städtebund bei.Heribert Bohn: Ahlen. Kunstverlag Bühn, München 1980, S. 7.
In diese Zeit fällt auch die Errichtung einer Stadtmauer (1271) mit fünf Tortürmen. Die Beseitigung der Stadtbefestigungen begann 1765 und seit 1929 sind die letzten Reste davon verschwunden. mini|hochkant|Allee bei Haus Vorhelm (Foto: 2005) mini|hochkant|Kirche St. Bartholomäus in Ahlen (Foto: 2012) mini|hochkant|Marienkirche in Ahlen (Foto: 2014) alt=|mini|Kapelle St. Antonius in Tönnishäuschen (Foto: 2019) mini|Plakette zur Erinnerung an die Gründung der Zentrumspartei (Foto: 2005)
Die Stadt scheint sich im 13. Jahrhundert rasch entwickelt zu haben. Um 1285 war die Bevölkerung so weit angewachsen, dass man neben der „Alten Pfarre“ (St. Bartholomäus) eine „Neue Pfarre“ (St. Marien) gründete. Hierdurch entstanden ein Alt- und ein Neukirchspiel. Diese Entwicklung lässt den Schluss zu, dass Ahlen zu dieser Zeit zu den 18 größten Städten in Westfalen zählte. Das Wachstum der Stadt beruhte bei hoher Sterblichkeit, niedrigerer Geburtenquote als auf dem Lande und einem zeitweilig hohen Frauenüberschuss vor allem auf der ländlichen Zuwanderung. In der Neustadt bildete sich durch diese Zuwanderung eine Ackerbürgerschicht.
Das Aufblühen der Stadt wurde im 14. Jahrhundert durch die in ganz Europa wütende Pest gestoppt. Im Bürgerbuch des Jahres 1389 waren nur noch 63 Familien verzeichnet. Erst 1454 enthielt eine Bürgerliste wieder 212 Familien, woraus sich eine Einwohnerzahl von etwa 1300 errechnet. Zu diesem Zeitpunkt existierten in der Stadt vier Stadtviertel, die nach den jeweils benachbarten Stadttoren benannt waren und etwa gleiche Größen hatten. Die einzelnen Stadtviertel waren für die Verteidigung der Tore und Teile der Stadtmauern verantwortlich und bildeten darüber hinaus Hudegenossenschaften für die Hudenutzung der gemeinen Mark. Um 1454 lebten in Ahlen sieben Adelsfamilien sowie deren Bedienstete auf bischöflichen Burgmannshöfen.
1467 wurde auf Anregung der Fraterherren hin an der seither so genannten Klosterstraße das Kloster Maria Rosa gegründet, dessen Schwestern nach der Augustinusregel lebten.Paul Röschenbleck: Ahlen. Weidlich, Frankfurt am Main 1974, ISBN 3-8035-0467-8, S. 12–13.
Frühe Neuzeit Zu Beginn der Neuzeit entbrannte ein Jahrzehnte andauernder Erbstreit um die in und um Ahlen gelegenen, sagenumwobenen Mechelnschen Güter. Die Familie von Mecheln wird erstmals 1246 mit Konrad von Mecheln erwähnt. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts starb mit einem anderen Konrad von Mecheln der letzte derer von Mecheln aus dieser Linie; er hinterließ die Güter seiner Mutter, Gysela von der Sünger, verwitwete von Mecheln, geb. von Gimpte. Diese verkaufte die Güter, deren Besitzungen und Gerechtigkeiten von Ahlen über Vorhelm bis nach Hoetmar und Oelde reichten, 1491 an Lambert von Oer zu Kakesbeck. Es kam zu einem Erbstreit zwischen den Familien von Oer und von Ascheberg, der erst nach einer blutigen Fehde am 1. Mai 1528 durch einen Vergleich zwischen Berndt von Oer und Gottfried von Harmen zu Horne beendet wurde. Lambert von Oer übertrug die Mechelnschen Güter 1519 seinem Sohn Hermann von Oer zu Bruch. Von diesem Geschlecht zeugt noch heute der Oershof, in dem sich das Heimatmuseum der Stadt befindet.
Im selben Zeitraum wurde die Stadt durch drei Pestepidemien (1505, 1551 und 1592) dezimiert. Auch die Lepra raffte viele Menschen dahin. Im Jahr 1571 sahen sich Bürgermeister und Rat veranlasst, ein besonderes Leprosen-Hospital zu bauen. Verheerende Stadtbrände (1483, 1668 und 1744) verhinderten ein weiteres Aufblühen der Stadt. Schwer getroffen wurde Ahlen auch im Truchsessischen Krieg, als das Münsterland 1587 zum Kriegsschauplatz wurde.Paul Röschenbleck: Ahlen. Weidlich, Frankfurt am Main 1974, ISBN 3-8035-0467-8, S. 16 und 49.
Von 1574 bis 1652 sind für die Stadt Ahlen Dokumente zu rund 20 Hexenprozessen erhalten geblieben.Liste der Opfer der Hexenprozesse in Ahlen (PDF; 21 kB), abgerufen am 9. Mai 2016. Die Hexenverfolgungen begannen 1574 mit dem Tod von vier Frauen. 1615 wurde Peter Kleikamp als Werwolf angeklagt, gefoltert und lebendig auf dem Scheiterhaufen verbrannt. 1616 wurde Christian zum Loe, wegen Hexerei angeklagt, im Gefängnis wahnsinnig und starb. Der letzte bekannte Prozess fand 1652 gegen Anna Sadelers statt. Sie wurde gefoltert, enthauptet und auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Übergang an Preußen 1815 Bei der ersten Erfassung des Bevölkerungsstandes durch die preußische Verwaltung im Jahr 1803 wurden 1.854 Personen registriert. Zu diesem Zeitpunkt waren die Stadtbefestigungen aufgrund der veränderten Kriegsmethoden bereits wirkungslos und teilweise beseitigt. 1803 fiel die Stadt mit dem Hochstift Münster erstmals an Preußen. Mit dem endgültigen Übergang an Preußen 1815 setzte für sie eine neue Entwicklung ein, die zu einem raschen Bevölkerungswachstum führte. Aus der Ackerbürgerstadt, in der 1871 nur 3.535 Menschen wohnten, war bis 1964 eine mittelgroße Industriestadt mit 44.203 Einwohnern geworden. Hierzu trugen mehrere technisch-wirtschaftliche Entwicklungen bei, die für die Stadt von besonderer Bedeutung waren: In den Jahren 1846/1847 wurde die Cöln-Mindener Eisenbahn durch Ahlen gebaut. Hierdurch erhielt die Stadt gegenüber anderen Städten ihrer Umgebung einen erheblichen Standort- und Mobilitätsvorteil. Auch der Bau der Eisenbahn selbst trug durch die vielen zugewanderten Eisenbahnarbeiter, vor allem aus dem südlichen Westfalen und der Eifel, vorübergehend zu einer Belebung der Stadt bei; belegt sind infolgedessen aber auch soziale Konflikte. Nach der Fertigstellung der Eisenbahnstrecke blieben nur wenige zugewanderte Arbeiter in der Stadt, unter ihnen auffallend viele aus dem Ravensberger Land. Der Synagogenbezirk Ahlen entstand 1847.
Erste Industrialisierung Die erste Industrialisierungsphase setzte mit dem Strontianitbergbau um 1880 und der Begründung der metallverarbeitenden Industrie (Blechschmiede und Verzinnerei der Gebrüder Kerkmann, 1863) ein. Vor allem der Strontianitbergbau, der jedoch lediglich etwa zehn Jahre blühte, bescherte den Ahlenern eine äußerst bewegte Zeit, die „Strunz“-Zeit. Die zahlreichen Arbeiter (ca. 650), die der Bergbau nach Ahlen gelockt hatte, kehrten überwiegend in ihre Heimat – auch hier wieder viele in die Eifel – zurück oder fanden in der aufblühenden metallverarbeitenden Industrie Arbeit. Durch die Anwerbung tüchtiger Fachkräfte aus dem Rheinland, aus Sachsen, dem Vogtland, Thüringen, dem Harz, Böhmen, Schlesien, der Oberpfalz, Franken und Oberbayern gelang es der metallverarbeitenden Industrie, sich auf die Herstellung emaillierter Geschirre zu spezialisieren und so eine Stanz- und Emailleindustrie aufzubauen, die schließlich den Ruf der Stadt bestimmte. Im Jahr 1892 waren es bereits fünf Werke und 1968 bereits 20 Werke. Die Arbeit in diesen „Pöttkesfabriken“ wurde überwiegend von Arbeitern aus der zugewanderten Landbevölkerung verrichtet. Neben der Emailleindustrie etablierten sich aber auch Maschinen- und Werkzeugfabriken, Schuhfabriken und holzverarbeitende Betriebe. Aufgrund der aus verschiedenen Wanderungswellen entstandenen Beziehungen zur Eifel entwickelte sich ein reger Handel mit Emaillegeschirren aus den Ahlener Werken, der von ehemaligen Wanderarbeitern aus der Eifel getragen wurde.
1904 erhielt die „Neue Pfarre“ einen neuen Kirchenbau im neugotischen Stil. Die Marienkirche ist noch heute die größte Kirche in Ahlen und mit ihrem fast 75 m hohen Westturm ein Wahrzeichen der Stadt. Historisch bedeutend sind das romanische Südportal sowie der Taufbrunnen und das Pestkreuz aus dem Kloster Maria Rose.
Zweite Industrialisierung Die zweite Industrialisierungsphase begann mit der Erschließung der Kohlevorkommen am östlichen Rand des Ruhrgebiets durch die „Bergwerksgesellschaft Westfalen“ und war für die Entwicklung der Stadt von prägender Bedeutung. Der Grunderwerb für die erforderlichen Flächen wurde im Jahr 1907 getätigt. mini|Altes Rathaus, heute Volkshochschule (Foto: 2005) mini|hochkant|Statue eines Bergmanns (Foto: 2012) mini|hochkant|„Pöttkespresse“ in der Nähe des Bahnhofs, Formpresse zur Herstellung von Töpfen (Foto: 2005) mini|hochkant|Wasserturm (Foto: 2005) mini|hochkant|Ahlener Gedenkstele zur Erinnerung an die Opfer des Holocaust im Dritten Reich (Foto: 2005)
Nachdem 1909 die Zechenbahn fertiggestellt war, begannen die eigentlichen Abteufarbeiten für eine Doppelschachtanlage, die 1913 beendet wurden. Gleichzeitig wurden Werkssiedlungen wie die denkmalgeschützte Zechensiedlung Neustadt, (auch „Kolonie“ oder „Zechensiedlung“ genannt) für die zugewanderten Arbeiter gebaut. Allein in den Jahren 1912 und 1913 verzeichnete die Stadt einen Wanderungsgewinn von knapp 5000 Personen. Die Belegschaft der Zeche Westfalen bestand aus ca. 1200 Beschäftigten. Ihre Herkunft war sehr breit gestreut; zu 36 % stammten sie aus Westdeutschland mit dem Schwerpunkt Westfalen, zu 31 % aus Ostdeutschland und zu 19 % aus dem Ausland. Nur ein geringer Teil stammte aus Nord-, Mittel- und Süddeutschland; zu den Hauptherkunftsgebieten gehörte die Provinz Posen.Alois Mayr: Ahlen in Westfalen. Schöningh Verlag, Paderborn 1968, S. 36.
Unter den Ausländern fanden sich vor allem Polen, Tschechen, Slowenen, Kroaten, Ungarn, Italiener und Niederländer. Während des Ersten Weltkriegs wurden darüber hinaus auch 410 Kriegsgefangene im Bergbau eingesetzt. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Zeche zu einem wirtschaftlichen Magneten für die Stadt; verschiedene Erweiterungen ihres Betriebes hatten weitere Zuwanderungen zur Folge. In den Jahren 1936 und 1937 wurde ein dritter Schacht in Dolberg errichtet. Der Wanderungsgewinn führte bis 1939 zur Ansiedlung von insgesamt 8298 Personen aus allen Teilen Deutschlands und 21 anderen Ländern. Unter ihnen entwickelte insbesondere die starke Gruppe der Polen ein kulturelles Eigenleben.