mini|Jeremy Bentham
Jeremy Bentham (* Vor 1752 wurde in England der Julianische Kalender genutzt und das neue Jahr am 25. Märzjul. begonnen, nicht am 1. Januar. in Spitalfields, London; † 6. Juni 1832 ebenda) war ein englischer Jurist, Philosoph und Sozialreformer.
Bentham gilt als Begründer des klassischen Utilitarismus. Er war einer der wichtigsten Sozialreformer Englands im 19. Jahrhundert und ein Vordenker des modernen Wohlfahrtsstaats. Er forderte allgemeine Wahlen, das Frauenstimmrecht, die Abschaffung der Todesstrafe, Tierrechte, die Legalisierung jeglicher sexuellen Präferenz (Homosexualität, Päderastie, Sodomie)James Steintrager: Bentham (Political Thinkers Volume V). London 2004, S. 12 f. und die Pressefreiheit. Er gilt als Vordenker des Feminismus, als Vorkämpfer der Demokratie, des Liberalismus und des Rechtsstaats. Bentham ist aber auch bekannt für seine scharfe Kritik an der französischen Menschenrechtserklärung und sein Eintreten für Wucherzinsen. Auch lieferte er Argumente für einen legitimen Einsatz der Folter und entwickelte mit dem Panoptikum ein Modell-Gefängnis, anhand dessen Michel Foucault im Zuge seiner Analyse der Disziplinarmacht moderne Techniken und Formen der Überwachung untersuchte.Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1977, S. 251–292.
Biografie Jeremy Bentham wurde 1748 als Sohn eines vermögenden Rechtsanwalts in der Nähe von London geboren. In seiner Jugend galt er als Wunderkind. Im Alter von nur zwölf Jahren begann er sein Studium der Rechtswissenschaften und Philosophie in Oxford. Das Studium des undurchsichtigen common law entsprach jedoch nicht seinem geistigen Temperament. Viel eher imponierten ihm die exakten Wissenschaften. Isaac Newton, Joseph Priestley und Carl von Linné wurden zu seinen intellektuellen Vorbildern. Neben den Naturwissenschaften prägten vor allem zeitgenössische Aufklärungsphilosophen wie Voltaire, David Hume, Cesare Beccaria und insbesondere Claude Adrien Helvétius Benthams Denken.
mini|hochkant|Bentham, 1760–1762 Bentham ließ sich zwar als Anwalt ausbilden, brach aber seine praktische juristische Laufbahn sehr schnell ab und widmete sich der Wissenschaft und der politischen Reform. Anfänglich wurde er vor allem in seinem Heimatland von der Öffentlichkeit kaum beachtet. Eine erste Ehrbezeichnung erhielt Bentham aus dem postrevolutionären Frankreich, wo ihm 1792 gemeinsam mit George Washington, Friedrich Schiller und Johann Heinrich Pestalozzi die französische Ehrenstaatsbürgerschaft zuerkannt wurde. In England selbst wuchs Benthams Bekanntheitsgrad erst Anfang des 19. Jahrhunderts.
Bentham war der Kopf der englischen radicals, des politischen Arms des philosophischen Utilitarismus, der die englische Innenpolitik nachhaltig beeinflusste und später in der Liberal Party aufging. Durch seine Anhänger – darunter James Mill und dessen Sohn John Stuart Mill, David Ricardo und John Austin – hatten seine Lehren großen politischen Einfluss.Vgl. William Thomas, The Philosophical Radicals. Nine Studies in Theory and Practice 1817–1841, Oxford 1979, S. 446 ff.
Gegner schuf sich Bentham vor allem in Deutschland. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stand Benthams radikaler Atheismus, Materialismus und Demokratismus quer zum romantisch-idealistischen Zeitgeist. Aber auch in der idealistisch und historistisch geprägten Philosophie konnte sich Benthams utilitaristische Ethik nur sehr schwer durchsetzen. Profanes Glücksstreben und Nützlichkeitskalküle standen im Widerspruch zum Zeitgeist des Klassizismus und des Biedermeier.
Der 80-jährige Goethe beispielsweise bezeichnete den ungefähr gleichaltrigen Bentham am 17. März 1830 gegenüber Johann Peter Eckermann als „höchst radikalen Narren“ und bemerkte: „In seinem Alter so radikal zu sein, ist der Gipfel aller Tollheit.“zit. nach Eckermann, Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens, hrsg. von Christoph Michel: Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche, Band 12, Frankfurt am Main 1999, S. 715; http://www.zeno.org/nid/20004867432 Karl Marx fand für die Lehren Benthams nur drastische Worte: In Das Kapital. Band I schreibt Marx: „Wenn ich die Courage meines Freundes H. Heine hätte, würde ich Herrn Jeremias ein Genie in der bürgerlichen Dummheit nennen.“Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie (1867), in: Karl Marx/Friedrich Engels Gesamtausgabe, Band II/5, Berlin 1983, S. 492.; I. Band: Der Produktionsprozeß des Kapitals, Fußnote 870 http://www.zeno.org/nid/20009218653
Auto-Ikone mini|hochkant|Benthams Auto-Ikone
Nach seinem Tod wurde Bentham in der Anwesenheit von Anatomiestudenten und seinen engsten Vertrauten (u. a. von seinem Freund und gleichzeitig Arzt Dr. Southwood Smith) seziert. Gemäß seinem letzten Willen wurde sein Leichnam „auto-ikonisiert“. Durch die Auto-Ikonisierung wird der Leichnam – entweder ganz oder nur der Kopf – nach den Methoden der neuseeländischen mumifiziert, um ihn für die Nachwelt zu erhalten. Den Begriff der Auto-Ikone definiert Bentham als „a man who is his own image“.Bentham, Auto-Icon; or, Farther uses of the Dead to the Living, hrsg. von James E. Crimmins in: Ders., Bentham's Auto-Icon and Related Writings, Bristol 2002, S. 2. Durch die Auto-Ikonisierung sollte jeder Mensch über seinen Tod hinaus als Auto-Ikone sein eigenes, lebensechtes Monument bilden. Benthams Skelett wurde mit seinen Kleidern angezogen, die man mit Stroh ausstopfte. Jedoch wurde sein Kopf durch die Auto-Ikonisierung dermaßen verunstaltet, dass man für die Auto-Ikone ein Wachsmodell anfertigte. Mit dem Wachskopf und seinem Spazierstock in der Hand wurde Benthams Auto-Ikone in einer Vitrine des University College London auf einem Stuhl sitzend ausgestellt. Der mumifizierte Kopf wurde zunächst zu Füßen der Auto-Ikone mit in die Vitrine gelegt; heute wird er im College-Archiv aufbewahrt.UCL Bentham Project: Auto-Icon;
Ethik Das Grundprinzip Das größte Glück der größten Zahl (greatest-happiness-principle) ist das Leitprinzip von Benthams utilitaristischer Ethik. Eine Handlung bewertet sich demnach allein nach ihren sozialen Folgen: sie ist moralisch richtig, wenn sie der Allgemeinheit (bzw. der größten Zahl) nützt; sie erweist sich als moralisch falsch, wenn sie der Allgemeinheit schadet. In diesem Sinn ist die utilitaristische Ethik konsequentialistisch; d. h. innere Beweggründe spielen für die Bewertung einer Handlung keine selbstständige Rolle.
Das Prinzip des größten Glücks der größten Zahl beinhaltet die Forderung nach Gleichberechtigung, verstanden als gleiche Berücksichtigung des Glücks bei der Bewertung der Handlungsfolgen.
Tier- und Menschenrechte Jeremy Bentham ist einer der ersten Befürworter von Tierrechten, die er aus dem Menschen gleichen Schmerzempfinden von Tieren herleitet. Die Leidensfähigkeit war für ihn maßgebend, nicht der Besitz von Vernunft oder die Fähigkeit zu denken. Sonst dürfte man ja auch viele Menschen, zum Beispiel Säuglinge und Menschen mit schwerer geistiger Behinderung, misshandeln.
Rechtslehre mini|hochkant|Defence of usury, 1788
Bentham war der erste Vertreter eines systematischen Rechtspositivismus, der vor allem durch seinen Schüler John Austin, später aber auch durch Hans Kelsen und H. L. A. Hart großen Einfluss auf das moderne Verständnis des Rechts ausübte. Bentham entwickelte eine klare begriffliche Trennung von Moral und Recht und lehnte sowohl die Vorstellung des Naturrechts als auch die Vorstellung natürlicher Rechte vehement ab. Berühmt ist seine Einschätzung der französischen Menschenrechtserklärung als „Unsinn auf Stelzen“ (nonsense upon stilts).Nonsense upon Stilts, or Pandora's Box Opened (1795), in: Rights, Representation and Reform. Nonsense Upon Stilts and Other Writings on the French Revolution, hrsg. von Philip Schofield, Catherine Pease-Watkin und Cyprian Blamires (The Collected Works of Jeremy Bentham), Oxford 2002, S. 317–434, Art. 2, S. 330.
Bentham ging in seiner Rechtslehre von einem extrem individualistischen Menschenbild aus. Der Mensch war für Bentham ein Nutzenmaximierer, der ohne jede Rücksicht auf seine Mitmenschen seine eigenen Interessen verfolgt. Das Gesetz habe daher die gesellschaftliche Funktion, die Bürger zur Allgemeindienlichkeit zu zwingen. Den Schlüssel für das größte Glück der größten Zahl bildet eine nach rationalen Kriterien entworfene, systematische Strafgesetzgebung, die den Bürgern ihre gesetzlichen Pflichten und die drohenden Sanktionen vor Augen halten soll. Der Begriff Kodifikation ist – wie der Begriff international – eine Wortschöpfung Benthams. Einer im vorgenannten Sinne systematisch aufgebauten Kodifikation verlangt Bentham ab, dass sie dauernd hält und Anpassungen regelmäßig nur aus Gründen des Wandels der Umgangssprache erfolgen.Helmut Coing: Europäisches Privatrecht 1800–1914. München 1989, ISBN 3-406-30688-8. § 1 III, S. 8.
Benthams – eng an Beccaria angelehnte – Theorie des Strafrechts ist geprägt vom Gedanken der Prävention. Wie später Paul Johann Anselm von Feuerbach glaubte Bentham, durch gesetzliche Strafdrohungen lasse sich der Bürger weitgehend von Rechtsbrüchen abhalten (sogenannte Theorie vom psychologischen Zwang). Sowohl das Strafgesetz als auch die Strafe selbst sollen abschrecken und ein höchstes Maß an gesellschaftlicher Konformität bewirken. Bentham sprach sich gegen das Schuldstrafrecht aus und befürwortete relative Strafzwecke: Die Strafe soll nicht den Ausgleich begangenen Unrechts bezwecken, sondern allein die Verhinderung künftigen Unrechts. Ein wichtiges Anliegen Benthams war auch die Reform des Strafvollzugs. In diesem Zusammenhang entwarf er – auf die in Russland erprobten Einrichtungen seines Bruders Samuel Bentham zurückgreifend – den Plan einer total überwachten Strafanstalt, das Panopticon.
Zum Panopticon baugleich sollten auch Lager für die Armen errichtet werden. In diesen sollten Arme unter Zwang so lange festgehalten werden, bis es diesen möglich war ihr persönliches „Selbstbefreiungskonto“ auszugleichen, das Leben in einer dieser privat geführten Einrichtungen sollte laut Bentham auf keinen Fall wünschenswerter sein, als das des Ärmsten im restlichen Land. Diese Einrichtung würde seiner Ansicht nach eine zivilisierende Funktion erfüllen.
Verfassungslehre In seinem Constitutional Code von 1831 entwickelt Bentham ein auf Volkssouveränität, allgemeinen Wahlen, weitestgehender Regierungstransparenz und der Meinungs- und Pressefreiheit basierendes Demokratiemodell, das gemeinsam mit den Werken von James Madison und James Mill eine der klassischen Grundlagen der heutigen liberaldemokratischen Verfassungstheorie bildet.Vgl. Held, Models of Democracy, 3. A. Cambridge/Malden 2006, S. 75 ff. Ausgangspunkt für seine Verfassungslehre ist der Gedanke, dass jede Form von politischer Macht die Gefahr des Machtmissbrauchs und der politischen Korruption birgt. Der Zweck der Verfassung besteht daher darin, die politischen Machthaber (Minister, Parlamentarier, Richter und Verwaltungsbeamte) durch verfassungsrechtliche KontrollmechanismenFür die Bindung des Richters an die einfachen Regeln eines Gesetzes sah Bentham im Anschluss an das Gesetz einen offiziellen Kommentar vor; siehe Helmut Coing: Europäisches Privatrecht 1800–1914. München 1989, ISBN 3-406-30688-8. § 1 III, S. 9. konsequent an die Interessen der Bevölkerung zu binden. Im Unterschied zu der an Montesquieu anlehnenden klassischen Dreiteilung unterschied Bentham vier staatliche Gewalten: Neben der Legislative, der Exekutive und der Judikative führte er das Volk als Konstitutive als oberste Gewalt an.Bentham, Constitutional Code: For the Use of All Nations and All Governments Professing Liberal Opinions Vol. I, hrsg. von Frederick Rosen / J.H. Burns (The Collected Works of Jeremy Bentham), Oxford 1983, ch. IV Art. 1, S. 26. Die englische Wahlrechtsreform von 1832 – der sogenannte Reform Act – wurde maßgeblich von Bentham und seinen Mitstreitern in die Wege geleitet.