mini|300px|Emblem der NSK (1984)
Neue Slowenische Kunst (NSK) ist ein politisches Kunstkollektiv aus Slowenien. Die Bewegung, die diesen deutschsprachigen Namen gewählt hat, wurde 1984 in Ljubljana gegründet, als Slowenien noch Teil Jugoslawiens war.
Die Hauptgruppen der NSK waren/sind die Band Laibach,Darko Pokorn (Hrsg.): Neue Slowenische Kunst. Graficki zavod Hrvatske (Zagreb) in Kollaboration mit Amok Books (Los Angeles), Zagreb 1991, S. 15 ff. das Malerkollektiv IRWIN,Darko Pokorn (Hrsg.): Neue Slowenische Kunst. Grafički zavod Hrvatske (Zagreb) in Kollaboration mit Amok Books (Los Angeles), Zagreb 1991, S. 79 ff. die Theatergruppe NOORDUNG (vormals Gledališče Sester Scipion Nasice / Theater der Schwestern Scipion Nasice),Darko Pokorn (Hrsg.): Neue Slowenische Kunst. Grafički zavod Hrvatske (Zagreb) in Kollaboration mit Amok Books (Los Angeles), Zagreb 1991, S. 161 ff. das Grafik- und Designstudio Novi Kolektivizem (NK)Darko Pokorn (Hrsg.): Neue Slowenische Kunst. Grafički zavod Hrvatske (Zagreb) in Kollaboration mit Amok Books (Los Angeles), Zagreb 1991, S. 267 ff. und die Abteilung für reine und angewandte Philosophie.Darko Pokorn (Hrsg.): Neue Slowenische Kunst. Grafički zavod Hrvatske (Zagreb) in Kollaboration mit Amok Books (Los Angeles), Zagreb 1991, S. 211 ff.
Konzept und Stil der Neuen Slowenischen Kunst (NSK) werden allgemein als „Retroavantgarde“ bezeichnet.
Gründung und Aufbau mini|300px|Die NSK-Organisationsstruktur im Jahr 1984
Im Jahr 1984 schlossen sich die drei Künstlergruppen Laibach, IRWIN und Gledališče Sester Scipion Nasice (später: NOORDUNG) zu dem Kunstkollektiv „Neue Slowenische Kunst“ zusammen. Im weiteren Verlauf wurden anlassbezogen und häufig auch nur temporär weitere (Unter-)Gruppen gebildet, wobei die drei vorgenannten gemeinsam mit der Abteilung für reine und angewandte Philosophie und dem Designstudio Novi Kolektivizem die hauptsächlich treibenden Kräfte innerhalb des Kollektivs waren.
Daneben existierten zumindest temporär folgende Gruppen: Kozmokinetično Gledališče „Rdeči Pilot“ / Kosmokinetisches Theater „Roter Pilot“ (Theater)Darko Pokorn (Hrsg.): Neue Slowenische Kunst. Grafički zavod Hrvatske (Zagreb) in Kollaboration mit Amok Books (Los Angeles), Zagreb 1991, S. 185 ff. Retrovizija (Film)Darko Pokorn (Hrsg.): Neue Slowenische Kunst. Grafički zavod Hrvatske (Zagreb) in Kollaboration mit Amok Books (Los Angeles), Zagreb 1991, S. 227 ff. Graditelji / Die Erbauer (Architektur, Städtebau und Möbeldesign)Darko Pokorn (Hrsg.): Neue Slowenische Kunst. Grafički zavod Hrvatske (Zagreb) in Kollaboration mit Amok Books (Los Angeles), Zagreb 1991, S. 249 ff.
Gemäß ihrem künstlerischen Ansatz, „totaler als der Totalitarismus“ zu sein,Boris Groys: The Irwin Group: More total than Totalitarianism. In: IRWIN: Kapital (Ausstellungskatalog). Ljubljana 1991. gab sich die NSK in ihren programmatischen Texten und ihrem gesamten äußeren Erscheinungsbild stets stark hierarchische, streng organisierte und kollektive/staatsähnliche Formen. Die NSK negierte bewusst den Künstler als Individuum:
Mit diesem künstlerischen Ansatz setzte sich die NSK bewusst von der übrigen Subkultur der frühen 1980er Jahre in Jugoslawien ab, welche eher durch alternative und vom Punk beeinflusste Gruppen geprägt war.
mini|170px|NSK State GeneratorInstallation der Gruppe IRWINRetroprincip, Berlin (2003)
Die nach außen demonstrierten strengen und staatsähnlichen Strukturen waren dabei in weiten Teilen rein symbolisch und dienten lediglich der Verdeutlichung dieses künstlerischen Ansatzes. So zeigte das einem schematisch dargestellten Regierungsapparat nicht unähnliche NSK-Organigramm neben den tatsächlich existenten Gruppen stets auch „virtuelle“ Organisationseinheiten wie z. B. an der Spitze der Gesamtorganisation den „immanenten konsistenten Geist“, lenkende und kontrollierende Gremien wie einen „Konvent“ und einen „Generalrat“ oder an der Basis der Strukturen ein angebliches „Operationsforschungs-Büro“, welchem unter anderem eine „vollziehende Gewalt (technische Grundlage)“ sowie ein „Gericht ohne Entscheidungsbefugnis“ unterstellt sein sollten.Organisations- und Funktionsprinzip der Neuen Slowenischen Kunst. In: Inke Arns: NSK – Eine Analyse ihrer künstlerischen Strategien im Kontext der 1980er Jahre in Jugoslawien. Museum Ostdeutsche Galerie, Regensburg 2002, S. 21.
Dieses staatsähnliche Prinzip setzt sich fort in dem anonymen und zum Teil uniformierten Auftreten der Künstler sowie der Tatsache, dass die Gruppe nach außen hin ausschließlich in Form vorgefertigter Manifeste und Statements kommunizierte:Inke Arns: NSK – Eine Analyse ihrer künstlerischen Strategien im Kontext der 1980er Jahre in Jugoslawien. Museum Ostdeutsche Galerie, Regensburg 2002, S. 23 ff.
Das Streben nach einer totalitären Außenwirkung erklärt auch den deutschsprachigen Namen „Neue Slowenische Kunst“ und die verbreitete Nutzung der deutschen Sprache in allen ihren künstlerischen Bereichen (vgl. Laibach).Inke Arns: NSK – Eine Analyse ihrer künstlerischen Strategien im Kontext der 1980er Jahre in Jugoslawien. Museum Ostdeutsche Galerie, Regensburg 2002, S. 18 ff.
Konzeption und künstlerisches Selbstverständnis Das Prinzip „Retroavantgarde“ Das künstlerische Prinzip der NSK wird heute zumeist als Retroavantgarde bezeichnet, wobei die unterschiedlichen Gruppen zum Teil leicht differierende und erweiterte Formulierungen verwenden. So sprechen Laibach aufgrund ihres stark politisch geprägten Ansatzes von Monumental-Retro-Avantgarde, wohingegen IRWIN ihre eher ästhetisch-geschichtlich orientierte Arbeitsweise als Retroprinzip bezeichnen und im Zusammenhang mit dem religiös-psychologischen Ansatz des Gledališče Sester Scipion Nasice (heute: NOORDUNG) zumeist von Retrogarde gesprochen wird.Interview mit Miran Mohar (IRWIN), zitiert nach Inke Arns: NSK – Eine Analyse ihrer künstlerischen Strategien im Kontext der 1980er Jahre in Jugoslawien, Museum Ostdeutsche Galerie, Regensburg 2002, S. 17, FN 24.
mini|200px|BUY VICTORYPlakat Laibachkunst (1987)
Die Werke der NSK sind diesem Konzept folgend geprägt durch die Verwendung von Symbolen, Zeichen, Zitaten, Schlagworten, Musikstücken, Bildern und Ikonen aus unterschiedlichsten künstlerischen und politisch-historischen Kontexten, insbesondere der totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts. Diese werden in vordergründig oft widersprüchlich erscheinender Weise miteinander verknüpft. Durch die damit einhergehende völlige Aufhebung eines greifbaren Kontextes soll der Betrachter zur Reflexion über die Wirkung auf ihn selbst, die unterbewusst transportierten Inhalte und seinen eigenen Standpunkt dazu angeregt werden.
Die von der NSK zitierten Elemente entstammen dabei hauptsächlich der russischen Avantgarde, dem Suprematismus Kasimir Malewitschs sowie dem sozialistischen Realismus, christlicher Ikonographie, slowenischem Kulturerbe, faschistischer und stalinistischer Kunst und Propaganda bis hin zu Elementen von moderner und postmoderner westlicher Warenästhetik und Kitsch.
Massiver Eklektizismus Die beschriebene Arbeitsweise der NSK setzt ein rücksichtsloses Aneignen von Material unterschiedlichster Herkunft und dessen Verarbeitung zu eigenen Zwecken, mithin das künstlerische Readymade im Sinne Marcel Duchamps und Joseph Beuys’ voraus. Die NSK rechtfertigt dies als naturgemäße Arbeitsweise von Künstlern kleiner Nationen unter Hinweis darauf, dass es eine spezifisch slowenische Kunst ohnehin nie gegeben habe und der planmäßige Rückgriff auf andere Kunstformen daher unausweichlich sei. Auch über diesen spezifisch nationalen Kontext hinaus liegt dem Eklektizismus der NSK aber auch die künstlerische Haltung zugrunde, dass ein Kunstwerk nicht vorrangig als individueller Ausdruck des Künstlers, sondern immer auch in Abhängigkeit zu früheren Kunstwerken zu verstehen ist und somit „nur einen Punkt in einem unendlichen Netzwerk historischer Bezüge darstellt“.Peter Weibel: Probleme der Neo-Moderne. Zitiert nach: Inke Arns: NSK – Eine Analyse ihrer künstlerischen Stragien im Kontext der 1980er Jahre in Jugoslawien. Museum Ostdeutsche Galerie, Regensburg 2002, S. 103f.
Dieser bewusste Prozess des ständigen Wiederholens und Neuverarbeitens zeigt neben dem exorzistischen das psychoanalytische Element der Arbeitsweise der NSK.
Affirmative Über-Identifizierung Das Prinzip der „Retroavantgarde“ beschreibt den grundsätzlichen Ansatz, durch die Herauslösung dieser künstlerischen und ideologischen Elemente aus ihrem angestammten Kontext ein verändertes, ent- oder rekontextualisiertes Produkt zu erschaffen. Dies geschieht bei den Werken der NSK jedoch nicht mit dem Ziel der Ironie, Satire, Übertreibung oder kritischer Distanz, sondern – ganz im Gegenteil – mit dem Ziel einer „affirmativen Überidentifizierung“. Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek, dessen slowenische Jacques-Lacan-Schule im Hinblick auf ihre Deutung des Symbolischen sowie ihrer Ideen zu Ideologie und Postmoderne für die NSK inspirierend wirkte,Inke Arns: NSK – Eine Analyse ihrer künstlerischen Stragien im Kontext der 1980er Jahre in Jugoslawien. Museum Ostdeutsche Galerie, Regensburg 2002, S. 85 ff. umschrieb diese außergewöhnliche, exorzistisch anmutende Herangehensweise als „das Phantasma durchqueren“.Inke Arns: NSK – Eine Analyse ihrer künstlerischen Stragien im Kontext der 1980er Jahre in Jugoslawien. Museum Ostdeutsche Galerie, Regensburg 2002.
Die NSK übernahm also gerade nicht den üblichen freiheitlichen Ansatz der historischen Avantgardebewegungen, sondern simulierte in ihren Werken ganz bewusst deren Korrumpierung durch totalitäre Systeme:
mini|200px|Laibach (1983)
Die radikale und ambivalente Vorgehensweise der „Über-Identifizierung“ gipfelt in der totalitären, unkommunikativen und zum Teil martialischen Inszenierung der Kunstwerke, insbesondere durch die Gruppe LAIBACH und dem damit einhergehenden nach außen vertretenen Absolutheitsanspruch, welcher wiederum eine symbolische Aneignung der Funktionsweise totalitärer Ideologien und Regime darstellt:
Der Rezipient soll durch die übersteigerte Wirkung überwältigt werden – um im Anschluss umso intensiver die Erfahrung zu machen, dass das Gezeigte zwar letztlich ein „Nichts“, eine dysfunktionale Ideologie, ein Widerspruch in sich selbst ist, um so die gedankliche Auseinandersetzung mit dem Gezeigten zu fördern. Mit Ausnahme des durch die NSK gesetzten künstlerischen Kontexts bleiben leere Versatzstücke und Ideologiesplitter zurück, welche in der „völligen Stumpfsinnigkeit ihrer materiellen Präsenz“ erfahrbar werden. (Žižek):Inke Arns: NSK – Eine Analyse ihrer künstlerischen Stragien im Kontext der 1980er Jahre in Jugoslawien. Museum Ostdeutsche Galerie, Regensburg 2002, S. 166.
200px|mini|Laibach (2003)
Die beschriebene Strategie gilt dabei nicht nur für die Kunstwerke selbst. Die Künstler der NSK spielten ihre Rollen innerhalb des von ihnen erschaffenen Gebildes konsequent zu Ende und ließen den Rezipienten über das zugrunde liegende Konzept vollständig im Unklaren:
Das Ziel der NSK ist ungeachtet ihrer Dekonstruktion und Demontage des Ausgangsmaterials dennoch nicht als totale Kritik und Ablehnung zu verstehen. Ihre Werke sollen die herrschenden Systeme und Ideologien nicht kritisieren oder anklagen, sondern durch Über-Affirmation vielmehr deren versteckte Mechanismen und Prämissen aufzeigen, welche einer „herkömmlichen“ Kritik nicht zugänglich sind:
Der „NSK-Staat“ mini|280px|NSK-PassportPassdokumente des virtuellen NSK-Staates (1992)
Im Jahr 1992 erklärte die NSK ihre Umwandlung von einem Kollektiv in einen Staat („Staat in der Zeit“). Dieser Staat sollte „keine Grenzen und kein Territorium“ haben, sondern als „abstrakter Organismus und suprematistischer Körper“ aufgefasst werden.Inke Arns: IRWIN RETROPRINCIP (Ausstellungskatalog), Revolver/Archiv für aktuelle Kunst, Frankfurt 2003, S. 52 ff.