Günzburg ist eine Große Kreisstadt im schwäbischen Landkreis Günzburg im Freistaat Bayern. Die Stadt ist Verwaltungssitz des gleichnamigen Landkreises sowie Gerichtssitz des Amtsgerichts Günzburg.

Geografie Günzburg liegt an den Mündungen der Günz und der Nau in die Donau auf einer Höhe von 440–517 Metern. Die Stadt ist Teil des Schwäbischen Barockwinkels und Ober- bzw. Mittelschwabens. Naturräumlich gehört sie zum Alpenvorland bzw. zur Donau-Iller-Lech-Platte; nördlich der Stadt beginnen das Donauried bzw. das Donaumoos.

mini|Marktplatz mit Blick auf das Untere Tor, vorne eine moderne Darstellung der Göttin Guntia im Brunnen Es gibt 8 Gemeindeteile (in Klammern ist der Siedlungstyp angegeben):

Alle Gemeindeteile waren vor der Gebietsreform der 1970er Jahre selbständige Gemeinden.

Geschichte Namensherkunft und erste schriftliche Erwähnungen Die „Stadt an der Günz“ liegt an der Mündung dieses Flusses in die Donau. Der Namensteil „Burg“ benennt hier keine Festung, sondern steht, nachdem die Germanen in spätantiker Zeit kein Wort für eine „Stadt“ zu eigen hatten, für eben eine größere, befestigte Siedlung (nach dem gleichen Muster siehe auch Augsburg oder Regensburg). Der Name der Günz soll sich aus dem indogermanischen *gheu für „gießen“, im Sinne von „wasserreicher Fluss“ herleiten.

mini|hochkant|Eine moderne Adaption der Göttin Guntia in der Dillinger Straße Die keltische und römische Bezeichnung für Fluss und Stadt lautet Guntia bzw. Gontia. Vermutlich entstammt es auch der Glaubensvorstellung der Kelten, dass in dem Fluss die Göttin Gôntia wohnt. Der Kult wurde von den Römern übernommen. Es fand sich eine Inschrift auf einem Weihestein mit dem Text Gontiae sacr(um) – „der Gontia geweiht“.

Die ersten schriftlichen Erwähnungen fanden statt:

um 77/78: Bauinschrift des flavischen Kastells (gefunden um 1910, ohne Nennung des Ortsnamens) 2./3. Jh.: Weihestein für die Göttin Gôntia (gefunden 1929) Anfang des 3. Jahrhunderts: Erwähnung im Straßenverzeichnis Itinerarium Antonini als Guntia um 297: in einer Lobrede auf den Kaiser Constantius I. (Panegyricus VIII. Incipit quartus,2,1): „[…] usque ad Danubii transitum Guntiensem […]“) um 430: Erwähnung der Militäreinheit „Milites Ursariensis“ in Guntiae in der Notitia dignitatum um 802: In „castellum Guntionis“ wurden laut den Annalen des Klosters Sankt Emmeram „Cadaloc, Goterhammus und die vielen übrigen ermordet“. 1065: König Heinrich IV. besiegelte „ze Gunceburch“ eine Urkunde.

Vorgeschichte und Antike In der Umgebung finden sich viele Spuren keltischer und anderer vor- und frühgeschichtlichen Siedlungen und Bestattungsplätze (insbesondere Hügelgräber und Viereckschanzen). Der Burghügel des Gemeindeteils Reisensburg ist bereits ab der Jungsteinzeit immer wieder besiedelt worden und gilt als „Schwäbische Akropolis“. In Leipheim deutet ein aufgefundenes Wagengrab auf das Vorhandensein eines hallstattzeitlichen Fürstensitzes im Umkreis hin. mini|hochkant|Schematische Darstellung des römischen Günzburgs (Gontia) auf der Kartenbasis des Kolleffel-Plans von 1750 mini|hochkant|Ansicht von Guntia (erste von links in der letzten Reihe) in einer mittelalterlichen Abschrift (Münchner Codex) der Notitia Dignitatum mini|hochkant|Überlieferte Schildbemalung der Milites Ursarienses aus der Notitia Dignitatum Günzburg selbst, das römische Guntia, wurde als Kastell von den Römern zur Verteidigung der Donaugrenze gegründet. Es bestanden vermutlich vier zeitlich aufeinanderfolgende Kastelle:Sophie Hüdepohl: Das spätrömische Guntia/Günzburg – Kastell und Gräberfelder. Michael Lassleben, Kallmünz 2022, ISBN 978-3-7847-5415-4.

Claudisch-Neronisches Kastell erbaut etwa 45 bis 50. Dieses Kastell wurde archäologisch bisher nicht nachgewiesen, seine Existenz erscheint aber durch Einordnung in ein Bauprogramm, infolgedessen auch diverse Nachbarkastelle errichtet wurden, schlüssig. Mittels Strontiumisotopenanalyse ausgewertete Grabfunde und weitere archäologische Fundstücke deuten in der fraglichen Zeit auf eine Zuwanderungswelle insbesondere aus den Bereich Vindonissa hin – was als Verlegung von Teilen dort stationierter Einheiten interpretiert wird. Flavisches Kastell erbaut etwa 77. Sein Standort lässt sich anhand archäologischer Funde, darunter einer Bauinschrift, ungefähr im Bereich des heutigen Friedhofs verorten. Stationiert war hier die Ala II Flavia, eine 1000 Mann starke römische Reitereinheit (später wurde die Einheit nach Heidenheim, dann nach Aalen verlegt). Tetrachisches Kastell erbaut nach Rücknahme der Grenze vom Rätischen Limes zur Donau infolge der Alamanneneinfälle um das Jahr 300. Vermutlich lag es nördlich der Kirche Sankt Martin und wurde durch eine Donau-Überschwemmung zerstört. Stationiert könnte eine Vexillation der Legio III Italica gewesen sein. Theodosianisches Kastell erbaut um 380 bis 400. Das Kastell befand sich im Bereich südwestlich der Kirche. Diese Festung ist in mehrerer Hinsicht singulär. Zum einen stellt sie die spätestbekannte größere militärische Baumaßnahme der Römer in Rätien dar. Zum anderen ist die Stärke ihrer Grundmauern (ein etwa 5,30 bis 5,90 Meter breites Gussmauerwerk aus Opus caementicium) einzigartig nördlich der Alpen. Auch ihre Größe übertrifft jene benachbarter Kastelle bei weitem – mit Ausnahme des Legionslagers Regensburg. Kalktuff-Quader der spätantiken Festung wurden später für den Bau des mittelalterlichen Kirchturms verwendet, ebenfalls finden sich solche Steine im Bau der heutigen Günzbrücke. Die Festung war mit den „Milites Ursariensis“ besetzt („die Bärenfänger“). Die Einheit stand unter dem Kommando des Dux Raetiae. Wahrscheinlich war ein Gutteil der Soldaten germanischer Herkunft (Foederaten).

Die Kastelle dienten der Sicherung eines wichtigen Donauüberganges. Vermutlich war dieser Übergang der letzte in römischer Hand nach dem Alamannensturm – es scheint ein feststehender, bekannter geographischer Begriff in der römischen Welt gewesen zu sein und wird als „Transitus Guntiensis“ in einer Lobrede auf Constantius I. erwähnt. Der Übergang befand sich ungefähr in der Verlängerung der Brunnengasse nördlich der Zankerstraße (im Bereich nördlich dieser Straße wird das Südufer der römerzeitlichen Donau vermutet). Hier kamen diverse Fundamente, Quader und Spolien ans Tageslicht. Der Übergang könnte aus einem befestigten Brückenkopf am Nordufer sowie einer Pontonbrücke bestanden haben.

Es wird angenommen, dass Guntia auch ein Stützpunkt der römischen Donauflotte war – an der Günzmündung im Bereich des „Kappenzipfels“ fanden sich Überreste von Baracken und weitere militärische Funde.

2013 wurde bei Ausgrabungen ein mächtiges auf das Jahr 90 n. Chr. datiertes Lagerhaus (Horreum) entdeckt, dessen Fundamente aus Eichenholz bestanden – es wird als Nachschublager der Armee interpretiert.

Neben den Garnisons-Einrichtungen entwickelte sich eine größere, zeitweise recht wohlhabende Zivilsiedlung (Vicus) mit guter Einbindung in das römische Fernstraßennetz. Die Funde lassen auf weitreichende Handelsbeziehungen schließen. Im Bereich Birketstr. befand sich eine römische Ziegelei. Auch eine Töpferei wurde nachgewiesen. An der Günz betrieben Müller ihr Handwerk, welche dem Gott Neptun für die Wasserkraft mit der Weihe eines Altars dankten, welcher sich erhalten hat – „Neptu(no) sacr(um) molin(arii)“. Diverse Gutshöfe (villae rusticae) und kleinere Siedlungen erschlossen das Umland agrarisch. Ein Brandhorizont deutet auf eine Zerstörung des Ortes im 3. Jahrhundert hin, jedoch erfolgte ein Wiederaufbau.

Die Ergebnisse diverser Ausgrabungen römischer Bestattungsplätze sind im Heimatmuseum zu besichtigen. Es handelt sich dabei um eines der größten ausgegrabenen römischen Gräberfelder nördlich der Alpen (mehrere tausend Bestattungen). Die Münzreihe der Günzburger Ausgrabungen reicht von Kaiser Augustus bis Anastasius. Durch die wiederkehrenden Donauhochwässer und Flussbettverlagerungen sowie die 2000 Jahre kontinuierlich andauernde stetige Überbauung großer Teile der Siedlung konnte sich die Wissenschaft bisher nur ein unvollständiges Bild der Bedeutung des römischen Günzburgs erschließen.

Zeit der Völkerwanderung Noch für das Jahr 433 sind Kämpfe zwischen den nördlich der Donau siedelnden Juthungen und der römischen Armee belegt. Der Sieg der Römer unter ihrem begabten Heermeister Flavius Aëtius dürfte dem Land eine Atempause verschafft haben. Danach fehlen schriftliche Zeugnisse aus dem Gebiet – wobei Rom seinen Herrschaftsanspruch über Raetien nie aufgab, aber spätestens mit dem Tode des Aetius (454) und einem letzten nachweisbaren Feldzug Kaiser Majorians in Raetien (457) kaum mehr die Kraft gehabt haben dürfte, der Zentralmacht effektiv Geltung zu verschaffen. Für Günzburg selbst wird eine Siedlungskontinuität als wahrscheinlich angenommen. Vorstellbar wäre ein mehr oder weniger pragmatisches Einvernehmen zwischen der geschrumpften römisch-keltischen Zivilbevölkerung, den schlecht besoldeten, germanisch geprägten Hilfstruppen, einheimischer Milizeinheiten, germanischer und anderer Zuwanderer sowie den nördlich der Donau siedelnden Alemannen – bei abnehmenden Fernhandelskontakten, Leben von der Substanz, Verfall von Straßen und öffentlichen Bauten und gelegentlich aufflammenden kriegerischen Konflikten, Übergriffen und Schutzgeldforderungen seitens der Germanen. Dieser Zustand dürfte unter den letzten weströmischen Kaisern und bis zum Ende der Regentschaft des Patricius Odoaker angedauert haben.

mini|links|Die Reisensburg Mittlerweile gilt es in der Geschichtswissenschaft als Stand der Forschung, dass um das Jahr 490/500 die Ostgoten unter Theoderich dem Großen Raetien bis zur Donau und etwas später wahrscheinlich das Gebiet der Alemannen, welches sich damals grob über das heutige Gebiet Baden-Württembergs erstreckte, unter ihre Kontrolle gebracht haben. Theoderich siedelte nach der Schlacht bei Straßburg (506) Alemannen, welche vor den Franken aus dem Mittelrheingebiet weichen mussten, in Raetien und damit auch im Landkreis Günzburg an, was endgültig zu einer germanischen Prägung dieses Gebietes führte. Es wird angenommen, dass die Gründung vieler „-ingen“-Orte in Schwaben und Altbayern auf diese Ereignisse zurückgeht – hier sind es die Stadtteile Denzingen und Deffingen. Eine Vermischung der diversen Volkssplitter ist anzunehmen. Unter Berufung auf Athanarid, einen Ostgoten aus dem engeren Gefolge Theoderichs, nennt der Geograph von Ravenna „Rizinis“, also die Reisensburg, als einen wichtigen Ort im gotischen Raetien/Alemannien.

Früh- und Hochmittelalter Im Jahr 536 mussten die Ostgoten das Gebiet an die Franken abtreten. Das Patrozinium der Pfarrkirche (St. Martin – der Reichsheilige des Frankenstaats), welche auf dem Areal der römischen Festung liegt, deutet auf eine Weiternutzung dieses Platzes durch die Franken hin. Im fränkischen Gausystem war Günzburg vermutlich ein Teil des Duria-Gaus. Vermutlich erst 743 wird Günzburg und insgesamt das heutige Bayerisch-Schwaben von Raetien bzw. dessen Nachfolgeterritorium, dem Herzogtum Baiern, abgetrennt und an Alemannien angeschlossen.Wilhelm Störmer: Augsburg zwischen Antike und Mittelalter. Überlegungen zur Frage eines herzoglichen Zentralortes im 6. Jahrhundert und eines vorbonifatianischen Bistums. In: Andreas Bihrer, Mathias Kälble, Heinz Krieg (Hrsg.): Adel und Königtum im mittelalterlichen Schwaben. Festschrift für Thomas Zotz zum 65. Geburtstag. Stuttgart 2009, S. 71–85, bes. S. 82.