mini|Heckrind-Bulle, Kuh und Kalb mini|Vergleich des rekonstruierten Aussehens des Auerochsen (oben) mit einem durchschnittlichen Heckrind (unten) Das Heckrind, oft unzutreffend als „Auerochse“ oder als eine „Rückzüchtung“ desselben bezeichnet, ist eine in den 1920er Jahren entstandene Hausrinderrasse. Es ist nach den Brüdern Heinz und Lutz Heck benannt, die den Versuch der Abbildzüchtung aus verschiedenen Hausrindrassen unternahmen. Heckrinder werden häufig in Zoos, landwirtschaftlichen Betrieben und Beweidungsprojekten eingesetzt. Der größte Bestand lebt im heutigen Oostvaardersplassen unter nahezu wilden Bedingungen. Es ist eines von mehreren auerochsenähnlichen Rindern.Marleen Felius: Cattle Breeds: An Encyclopedia. 2007.
Einstufung Das Heckrind ist wie die meisten Hausrinder ein Abkömmling des im Jahre 1627 ausgestorbenen Auerochsen. Die aus diesem Wildrind domestizierten Rinder werden mit dem Auerochsen in eine Art gestellt und konnten vermutlich fertile Nachkommen mit ihm zeugen. Beim Heckrind handelt es sich nicht, wie oft fälschlich behauptet, um ein Wildtier, sondern um eine Hausrindrasse (Rasseschlüssel AO 85), die durch Kreuzungszucht anderer Hausrinder entstand. So schreibt Poettinger (2011):
Geschichte mini|Das Korsische Rind hinterließ eine deutliche Spur im Heckrind. mini|Das ungarische Steppenrind vererbte dem Heckrind ebenfalls etliche Merkmale. mini|Heckrinder mit Watussi-Einfluss in Steinberg. Entstehung und Hintergrund Die Brüder Heinz und Lutz Heck (damals jeweils Leiter der Tiergärten in Berlin und München) kreuzten in den 1920er Jahren mehrere europäische Rinderrassen in der Hoffnung, durch Zuchtwahl ein Abbild des ausgerotteten Auerochsen zu erhalten. Einerseits war es den beiden Zoologen ein Anliegen, durch lebende Tiere einen Eindruck vom Aussehen des Auerochsen zu vermitteln – insbesondere, da der Auerochse seit seinem Verschwinden zusehends mit dem Wisent verwechselt oder gleichgesetzt wurde. Andererseits hofften die Hecks jedoch auch, durch eine Wiedererschaffung des Auerochsen einen Beitrag zur Arterhaltung zu leisten. Heinz Heck äußerte sich dazu wie folgt:
Heinz und Lutz Heck verwendeten teilweise verschiedene Ausgangsrassen, und ihre Zuchtresultate waren einander auch nur bedingt ähnlich. Da die Berliner Zuchtlinie den Zweiten Weltkrieg nicht überlebte, sind die von Lutz Heck verwendeten Rassen (u. a. spanisches Kampfrind) nur dann von Relevanz, falls die Brüder untereinander Zuchttiere austauschten. In dieser Hinsicht sind die Aufzeichnungen jedoch nicht eindeutig. Heinz Heck verwendete, anders als sein Bruder, eher weniger die ursprünglichen Rassen aus Südeuropa als hochgezüchtete Zweinutzungsrassen, wie das Angler Rind, Schwarzbuntes Niederungsrind, Braunvieh und Murnau-Werdenfelser-Rind. Auch wurden Steppenrinder, Schottisches Hochlandrind und Korsisches Rind in großem Umfang verwendet; diese vier letztgenannten Rassen dürften den größten Einfluss auf das Heckrind gehabt haben. Das „erste Heckrind“ war ein 1932 geborener Stier namens „Glachl“, welcher zu 75 % Korsisches Rind und zu 25 % eine Kreuzung von Niederungsbulle, Anglerrind, Steppenrind und Hochlandrind war. Von denselben Eltern wurde daraufhin auch eine Kuh geboren. Diese beiden Individuen waren, wie auch ihr Großvater (ein Halb-Steppenrind), maßgeblich für die weitere Entwicklung der Heck’schen Zucht. H. Heck kreuzte diese weiter mit Hochlandrindern, Steppenrindern, Braunvieh und Murnau-Werdenfelser, um Masse hinzuzufügen.
Da die Brüder Heck kein genaues Bild vom Auerochsen hatten, hielten sie ihr Rind mit annähernder Wildfarbe und längeren Hörnern bereits für einen „rückgezüchteten Auerochsen“ und proklamierten die Wiederauferstehung des Urrindes. Jedoch war und ist das Heckrind von dem Ziel, dem Auerochsen möglichst zu entsprechen, weit entfernt.
Drittes Reich Lutz Hecks Bemühungen wurden später von Hermann Göring gefördert, der den Auerochsen wieder „auferstehen“ und auswildern lassen wollte. Im Herbst 1938 wurden die ersten Tiere in der Schorfheide sowie in Görings Jagdrevier Rominter Heide ausgesetzt. Weitere wurden 1941 in Białowieża in Nordostpolen angesiedelt, nachdem Göring den Urwald und umliegende Wälder auf einer Gesamtfläche von 260.000 ha zu einem „germanischen Urwald“ mit „urdeutschen“ Jagdtieren erklärt hatte. Die Bewohner hatte Göring gewaltsam vertreiben und viele töten lassen. Letztlich verhinderte der weitere Kriegsverlauf Görings Pläne.Danny Kringiel: Hermann Görings bizarres Zuchtexperiment – Die Überkuh der Nazis auf spiegelonline.de, abgerufen am 12. September 2018.C. Driessen und J. Lorimer: Back-breeding the aurochs: the Heck brothers, National Socialism and imagined geographies for nonhuman Lebensraum. In: P. Giaccaria and C. Minca, Hitler’s Geographies. University of Chicago Press, Chicago 2016. researchgate.net: PDF-Version, insbesondere S. 12–14.
Nach 1945 Den Zweiten Weltkrieg überlebten 39 Tiere, die wohl ausschließlich aus der Münchner Linie stammen. Da lange keine einheitlichen, verbindlichen Zuchtziele festgelegt wurden und kein rigoroser, koordinierter Selektionszuchtprozess stattfand, entwickelte sich eine sehr heterogene Population, in der auch immer wieder Exemplare mit ungewollten Eigenschaften auftreten. Vereinzelt wurden weitere Rassen eingekreuzt, etwa das Rote Höhenvieh und immer wieder Steppenrinder. Im Zoo Duisburg wurde in den 1950ern ein Watussi-Rind eingekreuzt. Heute haben viele großhörnige Heckrinder, darunter die Herde im Wildgehege Neandertal oder die Wörth/Steinberg-Zuchtlinie, noch Anteile dieser Kreuzung.Internationales Zuchtbuch für Heckrinder. 1985. An einigen Standorten wird versucht, durch Einkreuzung großer, robuster Rassen mit entsprechenden Eigenschaften Heckrinder optisch an den Auerochsen anzunähern (siehe Taurusrind).
Aussehen und Eigenschaften mini|Heckstier im niederländischen Oostvaardersplassen mini|Ein Vergleich von Heckrindern aus verschiedenen Standorten verdeutlicht die Heterogenität der Rasse Der „Verein zur Förderung der Auerochsenzucht (VFA) e.V.“ hat zwar Zuchtziele für das Heckrind aufgestellt, die an den morphologischen Charakteristika des Auerochsen ausgerichtet sind,Verein zur Förderung der Auerochsenzucht (VFA) e. V.: „Zuchtziele für Heckrinder.“ Letzte Überarbeitung Ende 2000. Abgerufen am 14. Februar 2014. in der Realität jedoch weicht das Heckrind von diesen Zielen und damit vom vermuteten Aussehen des Auerochsen meist mehr oder weniger weit ab.
Größe und Proportionen Ein typischer Heckbulle weist durchschnittlich etwa 140 cm und eine Kuh etwa 130 cm Widerristhöhe auf, bei einem Gewicht von etwa 600 kg. Massige Bullen wiegen bis zu 900 kg. Damit ist das Heckrind geringfügig kleiner als moderne Milch- und Fleischrassen aus intensiver Landwirtschaft und wesentlich kleiner als der Auerochse, welcher im Mittel eine Widerristhöhe von 160–180 cm bei Bullen und 150 cm bei Kühen aufwies.René Kysely: Aurochs and potential crossbreeding with domestic cattle in Central Europe in the Eneolithic period. A metric analysis of bones from the archaeological site of Kutná Hora-Denemark (Czech Republic). 2008. Auch in den Körperproportionen zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Heckrind und Auerochse. Bei letzterem entsprach die Widerristhöhe in etwa der Rumpflänge, was durch die langen Beine zustande kam. Beim Heckrind sind die Beine meist um einiges kürzer und der Rumpf länglicher als beim Auerochsen. Weiterhin erzeugte stark ausgeprägte Schulter- und Nackenmuskulatur beim Auerochsen eine geschwungene Rückenlinie. Das Wildrind hatte vermutlich eine athletische Statur. Das Heckrind hat allerdings meist einen für Hausrinder typischen tonnenförmigen Rumpf und keine sonderlich ausgeprägte Nacken- und Schulterpartie.
Schädel und Hörner Der Schädel des Heckrinds entspricht in relativer Größe und Bau dem anderer Hausrinder mit einer eher kurzen Schnauze. Auerochsen hatten allerdings einen großen, länglich gebauten Schädel mit einer vergleichsweise langen Schnauze. Aufgrund von u. a. Hochlandrind und Steppenrind als Ausgangsrassen zeigen Heckrinder oft relativ lange Hörner. Dennoch kann die Horngröße abhängig von Individuum und Zuchtlinie stark variieren. Die Hörner sind sehr formvariabel und erinnern teilweise noch stark an die der Ausgangsrassen. Sie sind meist von heller bis weißer Farbe mit dunkler Spitze. Die typische Hornform des Auerochsen in Bezug auf Krümmung, Dicke und Länge ist jedoch nur bei wenigen Heckrindern zu sehen (etwa einige auf der Insel Wörth). Die meisten Heckrinder haben Hörner, welche sich in diesen Aspekten vom Auerochsen mehr oder weniger unterscheiden und zu weit nach oben und/oder außen zeigen und entweder zu kurz oder zu dünn sind.
Fellfarbe mini|Heckrind mit deutlich ausgeprägtem Aalstrich Wie bei anderen annähernd wildfarbenen Rinderrassen werden die Kälber braun geboren und färben sich in den ersten Lebensmonaten um. Die Stiere sind meist schwarz oder dunkelbraun mit hellem Aalstrich auf dem Rücken (welcher auch abwesend sein kann) und zeigen nicht selten einen heller gefärbten sogenannten Farbsattel auf dem Rücken, welcher beim europäischen Auerochsen wahrscheinlich nicht vorkam. Auch kommen helle, rötlich-beige bis graue Bullen vor. Ähnlich gefärbt sind die Kühe, deren Palette von schwarz bis rötlichbraun, bei einigen auch beige oder gräulich, reicht. Beide Geschlechter verfügen über ein meist weißbehaartes Maul, das sich je nach Ausprägung vom schwarzen Kopfhaar abhebt. Viele Heckrinder haben blonde Stirnfransen oder -locken. Die Tiere schützen sich im Winter durch ein dichtes, stumpfes Winterfell. Graue oder gräuliche Tiere, welche an Steppenrinder erinnern, treten immer wieder auf. Bei beige gefärbten Kühen oder hellen Bullen kommen oft auch dunkle Augenflecken vor. Das Sommerkleid ist meist kurz und glänzend. Mitunter treten Exemplare mit weißer Fleckenzeichnung auf der Bauchseite oder auf der Stirn auf. Einzelne Exemplare, etwa in Oostvaardersplassen, können sogar ähnlich dem Schwarzbunten Niederungsrind gänzlich gescheckt sein.
Geschlechtsdimorphismus mini|Dunkle Heckkuh Der Auerochse hatte einen ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus in Bezug auf Körperbau, Hörner und vor allem Fellfarbe. Dieser ist bei Heckrindern wie auch einigen anderen Rindern zwar teilweise vorhanden, aber weniger stark ausgeprägt als beim Auerochsen.Cis van Vuure: Retracing the Aurochs – History, Morphology and Ecology of an extinct wild Ox. 2005, ISBN 954-642-235-5. Bullen sind in der Regel schwerer und meist dunkler gefärbt, doch es können auch hellere Bullen sowie gänzlich schwarze Kühe auftreten. Allerdings sind in der inhomogenen Rasse mitunter auch Exemplare zu finden, welche durchaus einen deutlichen Geschlechtsdimorphismus bezüglich der Fellfarbe zeigen, sowie Linien, bei denen farblicher Geschlechtsdimorphismus gänzlich fehlt. Folglich ist der farbliche Geschlechtsdimorphismus bei Heckrindern oft eher unklar und der bezüglich der Körpergröße nur schwach ausgeprägt.
Heterogenität Heckrinder sind keineswegs einheitlich, sondern weisen eine beachtliche Heterogenität in ihrem Aussehen auf. Nicht nur variieren sie in Bezug auf die Ähnlichkeit zum Ur, auch zeigen immer wieder vorkommende Individuen deutliche Ähnlichkeit zu den Ausgangsrassen, aus denen das Heckrind gezüchtet wurde. Merkmale dieser Individuen können etwa eine beige oder graue Fellfarbe, eine hausrindertypische Fleckenzeichnung, kurze oder steppenrindartige Hörner, große Euter und andere unerwünschte Charakteristika sein. In Oostvaardersplassen, wo keine selektive Zucht stattfindet, zeigt sich diese Heterogenität noch stärker. In einzelnen Zuchtlinien wurden die hellen Tiere ausselektiert und ein vergleichsweise stabiles Äußeres erzielt.
Robustheit mini|Heckstier und -kuh in den Rieselfeldern Münster