mini|Seite aus der Münchner Handschrift (München, BSB, Cgm 25, fol. 5r) mini|Berliner Fragment Der Heliand ist ein frühmittelalterliches altsächsisches Großepos. In fast sechstausend (5983) stabreimenden Langzeilen wird das Leben Jesu Christi in der Form einer Evangelienharmonie nacherzählt. Den Titel Heliand erhielt das Werk von Johann Andreas Schmeller, der 1830 die erste wissenschaftliche Textausgabe veröffentlichte. Das Wort Heliand kommt im Text mehrfach vor (z. B. Vers 266) und wird als altniederdeutsche Lehnübertragung von lateinisch salvator („Erlöser“, „Heiland“) gewertet.

Das Epos ist nach dem Liber evangeliorum des Otfrid von Weißenburg das umfangreichste volkssprachige literarische Werk der Karolingerzeit und damit ein wichtiges Glied im Kontext der Entstehung der niederdeutschen Sprache, aber auch der deutschen Sprache und Literatur.Veit Valentin: Geschichte der Deutschen. Kiepenheuer und Witsch, 1979, S. 28.

Um den niederdeutschen Lesern/Hörern der Evangeliendichtung ein intuitives Nachvollziehen und Verstehen des übertragenen Textes zu ermöglichen, reicherte der unbekannte Verfasser verschiedene Handlungselemente mit Bezügen zur frühmittelalterlichen sächsischen Lebenswelt an. Der Heliand wird daher oft als Musterbeispiel für Inkulturation angeführt.

Entstehung mini|Otto Behaghels Textzusammenstellung Die Zeit der Niederschrift ist die 1. Hälfte des 9. Jahrhunderts, einige Forscher datieren sie etwa auf das Jahr 830. Der altsächsische Text ist in karolingischen Minuskeln wiedergegeben. In der Schreibung mancher Buchstaben zeigen sich jedoch – je nach Handschrift mehr oder weniger deutlich – Einflüsse angelsächsischer Schreibtradition.

Neben dem Tatian benutzte der Helianddichter die Vulgata und verschiedene Evangelienkommentare. Die Auswahl der Texte und ihre poetische Überformung bestimmt das Textkonzept. Fraglich ist, inwiefern apokryphe Überlieferung Eingang in den Heliand gefunden hat.

Zur Lokalisierung existieren zwei maßgebliche Theorien: Ein geistesgeschichtlich orientierter Ansatz postuliert die Entstehung im Kloster Fulda, wohingegen gerade sprachwissenschaftliche und paläographische Analysen ergaben, dass es möglich erscheint, eine Entstehung im niederdeutschen Kloster Werden an der Ruhr anzunehmen.

Unklar ist ferner die soziale Stellung des Dichters. Die ältere Forschungsliteratur versuchte bis in die 1940er Jahre die Aussage im lateinischen Vorwort des Heliand zu belegen, ein „sangeskundiger“ Sachse sei mit der Abfassung beauftragt worden. Falls dies zutrifft, hätte der Dichter den Rang eines kontinentalgermanischen Skalden (scop). Neuere Forschungsansätze, die den theologischen und kulturhistorischen Gehalt der Evangeliendichtung herausstellen, sehen in dem Dichter jedoch einen geschulten Mönch.vgl. Stephan Müller/Heike Sahm, Das Erbe der ‚Germanen‘?, in: Holger Kempkens/Christiane Ruhmann (Hg.), Corvey und das Erbe der Antike (Ausstellungskatalog), Petersberg 2024, S. 399 ff. (403 ff.).

Handschriften und Fragmente Erhalten ist das Werk in zwei fast vollständigen Handschriften und kleineren Fragmenten, die in der Heliand-Forschung meist nur mit ihren Siglen (im Folgenden fett), sonst meist ihren Signaturen zitiert werden:

Die Münchener Handschrift M wird in der Bayerischen Staatsbibliothek in München aufbewahrt (Signatur: Cgm 25). Dorthin gelangte die Handschrift im Zuge der Säkularisation 1804 aus der Bamberger Dombibliothek. Die Handschrift wurde vermutlich von zwei Schreibern um 850 im Kloster Corvey niedergeschrieben.Stephan Müller/Heike Sahm, Das Erbe der ‚Germanen‘?, in: Holger Kempkens/Christiane Ruhmann (Hg.), Corvey und das Erbe der Antike (Ausstellungskatalog), Petersberg 2024, S. 399 ff. (403). Die dialektale Färbung der Handschrift wird von Wolfgang Haubrichs als ostwestfälisch gedeutet. Der Text ist mit zahlreichen Initialen, Akzenten und Anmerkungen sowie Neumen aus dem 10. Jahrhundert für freien bzw. musikalischen Vortrag bearbeitet.

Der Codex Cottonianus Caligula, kurz C, liegt in der British Library in London (Signatur: Cotton Caligula A. VII). Er stammt vermutlich aus der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts und wurde in Südengland von einem Schreiber mit kontinentaler Herkunft niedergeschrieben. Die Sprache weist niederfränkischen Einfluss auf. Das Fragment S wird ebenso wie M in der Bayerischen Staatsbibliothek aufbewahrt (Signatur Cgm 8840). Es handelt sich hierbei um ein Textfragment, das an unbekanntem Ort um 850 verfasst worden ist. Die Pergamente fanden sich als Einband einer Schedelschen Weltchronik in der Bibliothek des Johannes-Turmair-Gymnasiums in Straubing. Die Sprache dieser Textversion weist starke nordseegermanische dialektale Einflüsse auf.

P ist ein Textfragment, das 1888 in der Universitätsbibliothek Prag als Einbanddecke für ein im Jahr 1598 in Rostock gedrucktes Buch entdeckt wurde. Klement Gottwald schenkte das Fragment 1952 Wilhelm Pieck bei einem Staatsbesuch in der CSSR. Pieck übergab das Fragment 1956 an das Museum für Deutsche Geschichte. Es wird heute im Deutschen Historischen Museum in Berlin aufbewahrt (Signatur: R 56/2537).

V aus der Apostolischen Bibliothek in der Vatikanstadt (Signatur: Pal. lat. 1447) ist ein Fragment aus einer astronomischen Sammelhandschrift des frühen 9. Jahrhunderts aus Mainz. Das Fragment (heute fol. 27r und 32v) enthält die Verse 1279–1358 (Auszüge aus der Bergpredigt).

Im Frühjahr 2006 wurde ein weiteres Fragment L aus dem 9. Jahrhundert in der Bibliotheca Albertina in Leipzig entdeckt. Mitteldeutsche Zeitung, 18. Mai 2006

Die Handschriften lassen sich zu zwei Gruppen ordnen: MS und PLC. Das Fragment V geht wahrscheinlich auf die Urschrift zurück. Das ebenfalls als Einband verwendete Leipziger Fragment L entstammt nach dem paläographischen Befund der gleichen Handschrift, aus der auch das Fragment P stammt und die Martin Luther in Leipzig benutzt hat.

Leseprobe Vers 4537–4549 aus dem Abendmahl (â, ê, î, ô, û sind Langvokale, đ ein stimmhaftes (ð), ƀ wie w mit beiden Lippen, uu wie englisches w): „Themu gi folgon sculun an sô huilike gardos, sô gi ina gangan gisehat, ia gi than themu hêrron, the thie hoƀos êgi, selƀon seggiad, that ik iu sende tharod te gigaruuuenne mîna gôma. Than tôgid he iu ên gôdlîc hûs, hôhan soleri, the is bihangen al fagarun fratahun. Thar gi frummien sculun uuerdscepi mînan. Thar bium ik uuiskumo selƀo mid mînun gesîđun." Thô uurđun sân aftar thiu thar te Hierusalem iungaron Kristes forđuuard an ferdi, fundun all sô he sprak uuordtêcan uuâr: ni uuas thes giuuand ênig.“„Diesem sollt ihr folgen an die Stätte, zu der er gehen wird. Geht dann zu dem Herren, dem der Hof gehört, und sagt ihm selbst, dass ich euch sende, mein Gastmahl zu richten. Dann wird er euch in ein herrliches Haus bringen, eine hohe Halle, die allüber behangen ist mit reichen Teppichen. Dort sollt ihr bereitet haben meine Bewirtung. Dorthin werde ich wohlweislich selbst kommen mit meinen Gefährten. So machten sie sich auf nach Jerusalem, die Jünger Christi, sofort auf die Reise und fanden alles so vor, wie er es erklärte, seine Worte waren wahr: niemals musste gezweifelt werden.“

Sprachliche Merkmale Versstil und Lexik entsprechen der germanisch-sächsischen Dichtungstradition. Inwieweit ein Einfluss der altenglischen Dichtung anzunehmen ist, bleibt aber weitgehend unklar. Der Heliand steht nicht in unmittelbarer Abhängigkeit zur angelsächsischen Dichtung. Die vorhandenen Parallelen zur altenglischen Geistlichenepik können durch die angelsächsische Mission begründet sein, aber möglicherweise auch durch ein niedersächsisch-angelsächsisches Kulturkontinuum.

Metrik und Stil Verskunst und Stil wurden vom Autor aus der angelsächsischen christlichen Epik übernommen und weitergebildet. Nach dem Germanisten Andreas Heusler war es das Werk eines „begnadeten Stilisten und größten Sprachmeisters unter den schreibenden Stabreimdichtern“. Der Heliand sei nicht der tastende Anfang einer altsächsischen Literatur, sondern der krönende Abschluss und höchste Reife der Kunst.

Stilistische Parallelen finden sich besonders in der angelsächsischen stabreimenden Geistlichenepik, dem Beowulf-Epos und in zeitlich vergleichbarer althochdeutscher Literatur, zum Beispiel im Muspilli. Ähnlichkeiten im Stil des Helianddichters mit der altenglischen Dichtung zeigen sich nicht nur in der verwendeten stabreimenden Langzeile, sondern auch in der Verwendung von appositional gefügten Beiwörtern und Syntagmen, den sogenannten Variationen:

sende tharod / te gigaruuuenne mîna gôma. Than tôgid he iu ên gôdlîc hûs, / hôhan soleri, the is bihangen al / fagarun fratahun. (dass ich euch sende, mein Gastmahl zu richten. Dann wird er euch in ein herrliches Haus bringen, eine hohe Halle, die allüber behangen ist mit reichen Teppichen.)

Eine weitere Parallele zur altenglischen Dichtung sind Verse, die über die Versgrenze hinaus erst in der nächsten enden (sogenannter Hakenstil). Dadurch wird der Sinneinschnitt jeweils in die Versmitte zwischen An- und Abvers der Langzeile verlegt. Der Stabreim bleibt erhalten, er verteilt sich aber mitunter im gleichen Vers auf verschiedene Sätze:

Thô uurđun sân aftar thiu / thar te Hierusalem iungaron Kristes / forđuuard an ferdi, fundun all sô he sprak / uuordtêcan uuâr: ni uuas thes giuuand ênig. (So machten sie sich auf nach Jerusalem, die Jünger Christi, sofort auf die Reise und fanden alles so vor, wie er es erklärte, seine Worte waren wahr: niemals musste gezweifelt werden.)

Ein weiteres Merkmal des altsächsischen Bibeldichtung, das im Heliand kultiviert wird, ist der Schwellvers. Das heißt, innerhalb einer Langzeile, die metrisch grundsätzlich füllungsfrei ist, können sehr viele prosodisch unmarkierte Silben akkumuliert werden, wodurch der durch den Stab gebundene Vers „aufschwillt“. Insgesamt zeichnet sich somit der Stil des Helianddichters durch epische Breite aus.

Thuomas gimâlda – uuas im githungan mann, / diurlîc drohtines thegan –: 'ne sculun uui im thia dâd lahan,' quathie (Thomas sprach – er war ihm ein trefflicher Mann, ein teurer Diener seines Herrn –: wir sollten ihn nicht wegen dieser Tat tadeln)

Lexik Der Heliand weist klare altsächsische und teilweise althochdeutsche Eigenheiten in der Lexik auf. Charakteristisch für die nur bedingten angelsächsischen Ausstrahlungen im Heliand ist das Fehlen von Missionswörtern wie beispielsweise ōstarūn für Ostern. Der Verfasser verwendete den in der Kölner Kirchenprovinz – und somit auch das sächsische Gebiet umfassenden – Begriff pāsche, altsächsisch pāske, für das Pessachfest.Haubrichs (1998), S. 298 f. Daneben finden sich altsächsisch herro (Herr) oder das rheinländische, aus dem keltischen stammende Wort ley (Fels), die als fränkische Lehnwörter bezeichnet werden können, neben altenglischen Begriffen wie (ađal-) ordfrumo (Gott). Solche lexikalischen Befunde zeigen an, dass der Heliand als Frucht von innergermanischen Kulturkontakten im religiösen Zusammenhang gelten kann.

Analogien zur germanischen Vorstellungswelt Die Verratsszene im Garten Gethsemane (Vers 4824–4838 und 4865–4881):