Unter Inspiration ( ‚Beseelung‘, ‚Einhauchen‘, aus in ‚hinein‘ und spirare ‚hauchen‘, ‚atmen‘; vgl. spiritus ‚Atem‘, ‚Seele‘, ‚Geist‘) versteht man allgemeinsprachlich eine Eingebung, etwa einen unerwarteten Einfall oder einen Ausgangspunkt künstlerischer Kreativität. Begriffsgeschichtlich liegt die Vorstellung zugrunde, dass Wände Werke von Künstlern, andererseits religiöse Überlieferungen Eingebungen des (nicht notwendig personal verstandenen) Göttlichen seien – eine Vorstellung, die sich sowohl in vorderorientalischen Religionen als auch bei vorsokratischen Philosophen findet und dann eine breite Wirkungsgeschichte entfaltet.
Begriffsgeschichte Hesiod und Demokrit haben sich als Empfänger göttlicher Eingebungen verstanden. Demokrit etwa formuliert: „Was auch immer ein Dichter mit Enthusiasmus (wörtlich: Eingottung, Einwohnung des Göttlichen) schreibt und mit göttlichem Anhauch bzw. Geist (met' enthousiasmou kai hierou pneumatos), das ist gewiss schön.“Demokrit, Fragment B18 in: Diels/Kranz: Die Fragmente der Vorsokratiker.
Marcus Tullius Cicero verwendet den lateinischen Ausdruck afflatus im poetischen wie im religiösen Sinne für „Inspiration“ oder „göttliche Eingebung“.Z. B. De divinatione I,18f.67; II,57 u. ö.; De natura deorum II, 66; Pro Archia 8.
Künstlerische Inspiration mini|300px|Die Äolsharfe als Sinnbild für den Poeten beruht auf dem Begriff des Afflatus.
In der Poesie versinnbildlichen die Begriffe Inspiration bzw. Afflatus das „Einwehen, Einhauchen von etwas“ durch einen göttlichen Wind. Cicero spricht oft von der Idee als einem unerwarteten Hauch (vgl. Pneuma), der den Poeten ereilt – eine mächtige Gewalt, deren Wesen der Poet hilflos und unbewusst ausgesetzt sei.
In dieser literarischen Form wird „Afflatus“ vor allem in der englischen, seltener in der deutschen und anderen europäischen Sprachen, als Synonym zu „Inspiration“ verwendet. Allgemein bezieht es sich nicht auf einen gewöhnlichen plötzlichen, unerwarteten, originellen Einfall, sondern die Überwältigung einer neuen Idee in einem wankenden Moment – eine Idee, deren Entstehung dem Empfänger meist unerklärlich bleibt.
Bereits bei Platon setzt eine kritische Reflexion des sich auf die göttliche Eingabe berufenden Selbstverständnisses von Dichtern ein (im Phaidros). Doch berufen sich Marsilio Ficino und andere Dichter der Renaissance bei ihren Versuchen, die Idee der Göttlichkeit der Poesie wieder zu beleben, weniger auf Platons Kritik am dichterischen Enthusiasmus als vielmehr auf seine enthusiastische Beschreibung. Im Klassizismus und der Genieperiode des 18. Jahrhunderts verschiebt sich die Quelle der Inspiration: Es sind die Dichter früherer Zeiten, von deren Werk man ergriffen und inspiriert ist (so bei J. J. Winckelmann).
In der Literatur der Aufklärung und der Romantik wurde die Verwendung des Afflatusbegriffs vereinzelt als mystische Form der poetischen Inspiration durch den literarischen Genius wiederbelebt. Die häufige Verwendung der Äolsharfe als Sinnbild für den Poeten ist eine Anspielung auf den zu neuem Leben erweckten Gebrauch des Afflatus.
Seit dem späten 19. Jahrhundert wurde die Inspirationsästhetik vor allem in Frankreich verworfen: Charles Baudelaire bezeichnet Edgar Allan Poes Stil als ein von Logik geknüpftes Gesetz, Paul Valéry schreibt über Edgar Degas, dessen Gemälde seien eine Folge von Rechenoperationen.
Friedrich Nietzsche bezeichnete einerseits alle großen Künstler als große Arbeiter. Er schildert aber andererseits in Ecce Homo auch die Erfahrung und die Idee der Inspiration, wie im 20. Jahrhundert dann auch Rainer Maria Rilke, Stefan George sowie Künstler des Surrealismus wie André Breton und Max Ernst, der betont, der Künstler sei kein Schöpfer, sondern wohne als reiner „Zuschauer“ der Entstehung seines durch Traum inspirierten Werkes nur bei.Stichwort „Inspiration“ in: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 4, Basel 1976, Sp. 404–406.
Inspiration in den Religionen Christentum Im Kontext der christlichen Theologie wird je nach Auslegung von vielen christlichen Kirchen gelehrt, dass die Bibel in besonderer Weise von Gottes Geist eingegeben,Dei Verbum n. 13 inspiriert sei (lat. divinitus inspirata, gr. θεόπνευστος theópneustos, wörtlich „gottgehaucht“). Deswegen wird die Bibel auch Wort Gottes genannt.
Übersicht Diese Inspirationslehre wird im Detail unterschiedlich interpretiert: Gemäß der Annahme einer Verbalinspiration wird der Wortlaut der Bibel selbst als von Gott inspiriert angesehen. Dadurch wird der Bibel Widerspruchs- und Irrtumslosigkeit zugeschrieben. Bereits während der Reformation sahen Theologen sich genötigt, die Inspirationslehre zu definieren, da im Streit zwischen Protestanten und der römisch-katholischen Kirche die Frage nach der Quelle der protestantischen Rechtfertigungslehre geklärt werden musste. Martin Luther bedurfte der Verbalinspiration nicht mehr, da er das Wort Christi in den Mittelpunkt rückte. Calvin hielt hingegen weitgehend an ihr und damit am Postulat der Irrtumsfreiheit der Schrift fest. Die nach der Aufklärung einsetzende wissenschaftlich-kritische Forschung führte zu einem weiteren Abrücken von der Verbalinspirationslehre und zur Auffassung, dass nicht alle Aussagen der Bibel das gleiche Gewicht haben.Stichwort „Inspiration“ in: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 4, Basel 1976, Sp. 401–403. So finden sich im Alten Testament selbst nur sehr selten Hinweise darauf, dass Gott die Propheten angewiesen habe, seine Botschaft aufzuschreiben.Z.B. Jeremia 36, 1-2 Auch wäre zu klären, welcher Text angesichts einer komplizierten Urheberschaft der meisten biblischen Bücher und ihrer drei verschiedenen Ursprachen (Hebräisch, Aramäisch und Griechisch) wirklich die original inspirierte Version ist. Aus Sicht der Vertreter der die Verbalinspirationsthese ablösenden Annahme einer „Realinspiration“ wurden in der Bibel offenbarte (göttliche) Sachverhalte oder Geschehnisse (zum Beispiel eine Prophetie oder eine Gotteserfahrung) in menschliche Worte gefasst, ohne dass sie wörtlich diktiert wurde. Für den evangelischen Theologen Friedrich Schleiermacher (1768–1834) waren die Apostel als ursprüngliche Nachfolger Christi in besonderer Weise Träger des von ihm ausgehenden Geistes; insofern seien sie als Personen inspiriert, ihre Gedankenerzeugung sei vom Heiligen Geist eingegeben gewesen. Dieses Verständnis lässt sich als „Personal-Inspiration“ bezeichnen.O. Weber: II. Inspiration der hl. Schrift, dogmengeschichtlich. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart Band 3 1959, S. 775–779, 778. Die katholische Inspirationslehre wird nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil im dritten Kapitel der Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei verbum beschrieben. Demnach hat Gott Zur Abfassung der Heiligen Bücher … Menschen erwählt, die ihm durch den Gebrauch ihrer eigenen Fähigkeiten und Kräfte dazu dienen sollten, all das und nur das, was er … geschrieben haben wollte, als echte Verfasser schriftlich zu überliefern. Von den Büchern der Schrift ist zu bekennen, daß sie sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte (DV 11). Ein weiteres Verständnis von Inspiration fasst Offenbarung nicht im Sinne der Mitteilung einer wörtlichen Rede oder eines Sachverhaltes auf, sondern vielmehr im Sinne einer Selbstoffenbarung Gottes. Demnach besteht die Inspiration der Heiligen Schrift darin, dass der Leser (oder Hörer) durch sie die Erfahrung machen kann, dass Gott ihn persönlich anspricht und in ihm religiösen Glauben weckt. Dies ist auch bei anderen Texten möglich; die besondere Stellung der Bibel ergibt sich dieser Ansicht nach daraus, dass sie zugleich das ursprüngliche Zeugnis von Gottes Handeln an den Menschen (besonders in der Person Jesu Christi) darstelle. Für heutige sogenannte „Bibeltreue“, die sich zu dem reformierten Bekenntnis der „Verbalinspiration“ halten, ist die Bibel die einzige vollkommene und zuverlässige Gottesoffenbarung. Andere mögliche Offenbarungen wie das „Zungenreden“, das nicht von allen „Bibeltreuen“ als gottgemäße Offenbarung angesehen wird, müssen am Maßstab der Bibel gemessen und beurteilt werden. Für diejenigen, die an die „Verbalinspiration“ glauben, gelten die Originalmanuskripte der Bibel in jedem Wort als völlig unfehlbares Gotteswort, was die Bibel für sie zur höchsten Autorität macht.
Römisch-katholische Inspirationslehre seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil Die Inspirationslehre der römisch-katholischen Kirche wurde durch das Zweite Vatikanische Konzil insbesondere in der Dogmatischen Konstitution Dei verbum (1965) (im Folgenden: DV) neu gefasst.Vgl. Gerhard Ludwig Müller: Katholische Dogmatik. Für Studium und Praxis der Theologie. 2. Auflage. Herder, Freiburg i. Br. / Basel / Wien 1995, ISBN 3-451-23334-7, S. 62: „Neufassung der Inspirationslehre“. Die dortigen Ausführungen sind knapp gehalten. Die vorgenommenen Neuakzentuierungen sind vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung der Inspirationslehre (dazu siehe unten) und der innerkonziliaren Diskussionsentwicklung zu sehen. Die in Dei Verbum enthaltenen Aussagen werden im Katechismus der Katholischen Kirche (KKK), insbesondere in den Nummern 105–108 (lesbarer) wiedergegeben.
Urheberschaft Gottes Gott ist der „Urheber“ (lateinisch: auctor) der Heiligen Schrift (DV 11). Gott wird ein „wahrer Einfluß auf die Hagiographen zugeschrieben“. Dies ist mehr als der Einfluss durch die allgemeine Vorsehung (Providenz). Gott wird nicht als auctor litterarius im eigentlichen Sinne bezeichnet. DV 11 betont den „Anteil der Hagiographen […] stärker“ und anerkennt ihre „Verschiedenheiten und Begrenztheiten“:
Das Wie der Inspiration Auf das genaue Wie der Inspiration geht das Zweite Vatikanische Konzil nicht ein und „verzichtet auf eine psychologisierende Deutung der Inspiration“. Als klassische Darstellung gilt die vom Thomas von Aquin in der Summa theologica II-II, q. 171-174.So Gerhard Ludwig Müller: Katholische Dogmatik. Für Studium und Praxis der Theologie. 2. Auflage. Herder, Freiburg i. Br. / Basel / Wien 1995, ISBN 3-451-23334-7, S. 61; kritischer : „[…] die Rolle der Individualität des Verfassers weniger berücksichtigt“ Danach ist Gott der auctor primarius, der Hagiograph der auctor secundarius. Gott lässt alles niederschreiben, was er will. Die inspirierten Verfasser sind aber nicht passive Werkzeuge, sondern handeln ihrer Natur gemäß: „nämlich in Geist und Freiheit nach Maßgabe seiner persönlichen Begabung und im Horizont seiner geistigen und kulturellen Umwelt“.So Gerhard Ludwig Müller: Katholische Dogmatik. Für Studium und Praxis der Theologie. 2. Auflage. Herder, Freiburg i. Br. / Basel / Wien 1995, ISBN 3-451-23334-7, S. 61 f.
Die Kontroverse zwischen den Vertretern der Verbalinspiration und der Realinspiration gilt als überholt bzw. verfehlt.Vgl. Gerhard Ludwig Müller: Katholische Dogmatik. Für Studium und Praxis der Theologie. 2. Auflage. Herder, Freiburg i. Br. / Basel / Wien 1995, ISBN 3-451-23334-7, S. 62. Weder habe der Heilige Geist der Hagiographien den Text „diktiert“ (Verbalinspiration), noch sei sie „einfach das Ergebnis einer Realinspiration, die den Wortlaut der Schrift außer Acht lassen könnte und einen vor- oder außersprachlichen Sinn meint. Es geht um den ganzen Text in seiner Bedeutungsfülle, nicht um eine ‚Sache hinter dem Wort‘.“So Peter Hofmann: Katholische Dogmatik. Schöningh, Paderborn 2008 (UTB basics; 3098), ISBN 978-3-506-76572-7, S. 145.
Die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift Das Zweite Vatikanische Konzil hat in Dei Verbum die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift (Inerranz) bejaht, diesen Anspruch jedoch für eine differenzierte Betrachtung geöffnet: