Der Begriff Reich Gottes, auch Königreich Gottes, Königsherrschaft Gottes, Himmelreich oder Gottesherrschaft (,„Königtum, Königsherrschaft, Regierung“. Ein Abstraktbegriff, der von „König“ abgeleitet wurde, vgl. Gesenius. 18. Aufl. 2013, S. 687. Siehe auch Georg Baudler: Jesus im Spiegel seiner Gleichnisse. Calwer/Kösel, Stuttgart/München 1986, ISBN 3-7668-0804-4, S. 28. ), bezeichnet in der Bibel das dynamische Wirken JHWHs, des Gottes der Israeliten, in der Welt und den räumlichen Herrschaftsbereich, in dem sich sein Wille durchsetzt.Martin Karrer: "Die Gottesherrschaft." In: Jesus Christus im Neuen Testament, Göttingen 1998, ISBN 3-525-51380-1, S. 224; Gerd Theißen, Annette Merz: Der historische Jesus. 4. Auflage, Göttingen 2011, S. 222, Fn. 3

Der Begriff knüpft an den Titel JHWHs als König im Tanach an und drückt zum einen den Glauben daran aus, dass Gott von Anfang an über die ganze Schöpfung herrsche, sowie zum anderen daran, dass Gottes Heilswille in der Endzeit universal gegen alle Widerstände durchgesetzt sein werde. Die biblische Prophetie und Apokalyptik verbindet den Begriff daher mit verschiedenen Vorstellungen, darunter der universalen Durchsetzung der Tora, der Befreiung aller Israeliten von Fremdherrschaft und aller Völker von Gewaltherrschaft, mit Gottes Kommen zum Endgericht und einer umstürzenden Verwandlung der Schöpfung, die alles Böse überwinden, alle Schuld vergeben, alles Leid, Schmerz und Tod beenden werde.

Jesus von Nazaret hat nach dem Neuen Testament dieses Reich Gottes als „nahe herbeigekommen“ () verkündet und vielfältig veranschaulicht: etwa durch Heilungswunder, erzählerische Gleichnisse und Lehrreden wie die Bergpredigt. Für das Urchristentum sind Wirken, Tod und Auferstehung Jesu Christi der Einbruch dieses Reiches in die gottfeindliche Welt, mit denen er die Zukunftsverheißungen der biblischen Propheten (z. B. ) ultimativ bekräftigt und zu erfüllen begonnen hat (z. B. ).

Gottes Reich begrenzt, relativiert und kritisiert laut der Bibel alle menschliche Machtausübung und alle irdischen Herrschaftssysteme als ihre endgültige Zukunft.Hans-Joachim Kraus: Reich Gottes – Reich der Freiheit. Grundriß systematischer Theologie. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1975, ISBN 3-7887-0441-1, S. 16. Der Begriff spielt daher im Millenarismus, Messianismus und in der politischen Theologie eine bedeutende Rolle.

Tanach JHWH als König Der Begriff „Königsherrschaft Gottes“ beruht auf dem Titel „König“ () für JHWH. Dieser Titel wurde in der Geschichte des Volkes Israel seit der Königszeit (ab etwa 1000 v. Chr.) üblich, besonders im Jerusalemer Tempelkult. Er stammt aus der vorisraelitischen Religion Kanaans, die laut Textfunden aus Ugarit den „höchsten Gott“ (El ʿÄljon) als thronenden, den Gott Ba’al als neu eingesetzten „König“ bezeichnete. Das Judentum übernahm den Titel und verschmolz beide Aspekte („Gott ist/wird König“) miteinander.Werner H. Schmidt: Königtum Gottes in Ugarit und Israel: Zur Herkunft der Königsprädikation Jahwes. Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft, A. Töpelmann, 1961

Der Tanach redet nur an wenigen Stellen von einem „Königtum“ JHWHs. Im Pentateuch werden diese verstreuten Belege zudem einer späteren Bearbeitungsschicht zugewiesen (; ; ). Als vermutlich ältester Beleg gilt (vor 722 v. Chr.). Andererseits gibt es für biblische Aussagen etwa einer Thronbesteigung Gottes, Ehrung durch einen himmlischen „Hofstaat“ und Huldigung durch „Göttersöhne“ bzw. Fremdgötter (; u. a.) bis in den Wortlaut hinein Parallelen auf Tontafelfunden von Ugarit. Auch Bilder eines königlichen Gottesberges Zaphon, auf dem der Wetter- und Fruchtbarkeitsgott Ba’al throne, ähneln biblischen Aussagen (z. B. ).

Deshalb gehen Alttestamentler meist davon aus, dass der biblische Motivkomplex der Königsherrschaft JHWHs den Israeliten in der polytheistischen Religion Kanaans vorgegeben war. Dessen Bewohner lebten in monarchisch beherrschten Stadtstaaten und pflegten Kulte eines hierarchischen Pantheons mit dem Gott El an der Spitze: Dieser wurde mit dem Königstitel als Oberhaupt der Götterversammlung, über ihr thronend und von den übrigen Göttern Ehrerbietung fordernd dargestellt. Baal, sein „Sohn“, wird in kanaanäischen Göttermythen eine Königsherrschaft von unbegrenzter Dauer zugesagt (vgl. ). Beider Züge wurden von den Israeliten auf den aus der Wüste mitgebrachten Gott JHWH übertragen, um die ansässigen Götter zu entmachten.

Der Alttestamentler Werner H. Schmidt fasst den Befund wie folgt zusammen:Werner H. Schmidt: Alttestamentlicher Glaube in seiner Geschichte, 4. Auflage 1982, ISBN 3-7887-2081-6, S. 154.

Schmidt nimmt ferner an, dieser Prozess habe mit der Wahl Jerusalems als Hauptstadt des Großreichs Gesamtisrael unter König David zu tun gehabt, sei aber auch schon in älteren Kultorten wie Schilo denkbar gewesen, da dort bereits die von David nach Jerusalem gebrachte vorstaatliche Bundeslade als Thron JHWHs aufgefasst worden sei.

Königspsalmen Das Abstraktum „Königsherrschaft JHWHs“ (hebr. malchuth) kommt im Tanach nur sechsmal vor (; ; ; ). Alle diese Stellen gelten als nachexilisch. Für sich stehend findet sich malchuth ferner in den apokalyptischen oder apokryphen Texten Obd 21 und Dan 2,44; 7,13.27. Weitaus häufiger sind Aussagen, die JHWH als König und sein königliches Herrschen bildhaft veranschaulichen.

Als deren Ursprung gilt die aus kanaanäischen Kulten übernommene Aussage „JHWH ist König (geworden)“. Dieses Bekenntnis findet sich oft in den sogenannten Königspsalmen, darunter , –. In heißt es etwa:

Dies wird mit dem Hinweis auf die Schöpfung näher erläutert:

Die geforderte Anerkennung (Proskynese) des Götterkönigs schließt an die kanaanäische Vorstellung des höchsten Gottes im Götterbereich an, begründet seine Macht aber nicht mit einem Sieg nach mythischen Götterkampf, sondern mit seiner Herrschaft über die ganze Erde, die sich dem erwählten Gottesvolk durch dessen wunderbare Führung bis zur Landnahme gezeigt hat:

Daraus folgt die Bitte:

Gottes universale Königswürde ist hier mit der besonderen Erwählung Israels begründet. Die Entmachtung der Fremdgötter zielt auf die Mahnung an Israel, Gottes Recht zu verwirklichen; die Tora-Offenbarung ist also vorausgesetzt. Zusätzlich betont der Psalm 99 den vorbildlichen Gehorsam Israels und seiner Führer.

Königswürde Gottes und gesicherte Existenz des Volkes im „gelobten Land“, Tempelkult und Abgrenzung von anderen Göttern bilden hier eine motivische Einheit (vgl. , , ).

In der Aussage JHWH ist König über die ganze Erde ist seine Herrschaft über alle Völker mitgedacht (z. B. , , ). Entgegen älteren religionsgeschichtlichen Hypothesen, wonach JHWH schon von den semitischen Nomaden als Volkskönig verehrt und nach der Landnahme zum Weltherrscher geworden sei, war dieser Universalismus schon in Kanaans Religion angelegt. Er wurde aber in Israel entfaltet und gesteigert (z. B. in ; ). Dabei seien, so Werner H. Schmidt, eventuell Mythen vom Götterkampf zum Völkerkampf umgeprägt worden.Werner H. Schmidt: Alttestamentlicher Glaube in seiner Geschichte, S. 155 Zugleich wurde aber anders als in kanaanäischen Parallelen der personale Bezug des Königtums Gottes auf den Einzelnen und das Volk bewahrt (, , , , ).

Prophetie In Texten, die nach dem babylonischen Exil entstanden sind, wird die Königsherrschaft Gottes immer mehr von einer gegenwärtigen Zustandsbeschreibung zur Zukunftsverheißung: so besonders bei Deuterojesaja (z. B. ), in der kleinen Apokalypse (), in der Jesaja-Apokalypse (–), in sowie in mehreren außerkanonischen Texten der apokalyptischen Tradition des Judentums.

Neues Testament

Evangelien

Im NT erscheint der Begriff βασιλεία τοῦ Θεοῦ (basileia tou theou, Reich Gottes) an 122 Stellen, davon allein 99 mal in den synoptischen EvangelienBenedikt XVI.: Jesus von Nazareth. Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung, Herder, 2007, S. 77, ISBN 3-451-29861-9 und einmal im Johannesevangelium (). Im Matthäusevangelium wird er häufig ersetzt durch das gleichbedeutende βασιλεία τῶν ουρανῶν (basileia ton ouranon ‚Reich der Himmel‘'). Bei der Szene der Kindersegnung Jesu in den synoptischen Evangelien spielt die Demutshaltung der Kindschaft, die Haltung des Geschöpfs zum Schöpfer eine wichtige Rolle, um Einlass in das Reich Gottes zu erhalten .

Vor dem Hintergrund des hebräischen und aramäischen Sprachgebrauchs ist dabei nicht so sehr an einen geografischen Herrschaftsbereich gedacht, sondern eher an die dynamische Ausübung der „Gottesherrschaft“ oder „Königsherrschaft Gottes“.Wolfgang Stegemann: Jesus und seine Zeit. Stuttgart 2010, S. 312–314. In diesem Sinne wird vom „Reich Gottes“ auch als dem zukünftigen Ort der Geretteten gesprochen.Franz Graf-Stuhlhofer: Basis predigen. Grundlagen des christlichen Glaubens in Predigten, dazu eine didaktische Homiletik für Fortgeschrittene. VTR, Nürnberg 2010, S. 29–38: „Die himmlische Erlebniswelt“.

Im NT beginnt Jesus im Anschluss an Johannes den Täufer sein öffentliches Auftreten mit der Botschaft ():

Diese Stelle ist eng mit Sprache und gesamtem Kontext des Markusevangeliums verwoben, so dass ein Rückschluss auf den historischen Jesus hypothetisch bleibt. Dennoch wird der Begriff aufgrund seiner Häufigkeit in den synoptischen Evangelien allgemein als zentral für Jesus angesehen.Wolfgang Stegemann: Jesus und seine Zeit. Stuttgart 2010, S. 299 f., 309 f.

In präsentischen Zusagen dieses Reiches für die Armen und Gewalt Erleidenden () und in Jesu eigenem heilvollen Handeln () beginne sich dieses Reich auf Erden bereits zu verwirklichen. Nach ist es „mitten unter euch“, könne aber nicht „hier“ oder „dort“ oder an „äußeren Zeichen“ erkannt werden. Im apokryphen Thomasevangelium heißt es in Logion 113:

In den Äußerungen Jesu besteht eine Spannung zwischen einer auf die Zukunft bezogenen Erwartung der Gottesherrschaft und einer „sich realisierenden Eschatologie“ (Werner Georg Kümmel). Letztere betont – auch in der ethischen Tradition jüdischer Apokalyptik – spirituelle Unterscheidung und moralische Verantwortung besonders für die Ausgegrenzten, da die Zeit dafür reif sei. Auf jeden Fall dachte Jesus praxisbezogen, ihm lag eine Jenseits-Vertröstung fern. Er träumte nicht von einer anderen Welt der Ideen und dachte „mehr wie Aristoteles als wie Plato“.James H. Charlesworth: The Historical Jesus, An Essential Guide, Abingdon, Nashville 2008, S. 99, 104. ISBN 978-0-687-02167-3

Jesus war kein „systematischer Theologe“. Er erwähnte, dass einige seiner Anhänger noch zu Lebzeiten das Reich Gottes „in Macht“ erleben werden (), betonte aber auch, nur Gott wisse den Zeitpunkt ().James H. Charlesworth: The Historical Jesus, 2008, S. 100f, ISBN 978-0-687-02167-3 In dieser Form vielleicht authentisch ist jedoch die Bekräftigung Jesu am Vorabend seines Todes, dass es noch ausstehe und erst mit seiner Wiederkunft endgültig da sein werde ().

Apostelgeschichte Die Apostelgeschichte nimmt die Rede vom Königreich Gottes aus dem Lukasevangelium auf. Auch hier hat der Begriff sowohl eine präsentische Bedeutung in Bezug auf die Herrschaft Gottes, die immer dann erfahrbar wird, wenn Menschen aus dem Vertrauen in das Evangelium gemäß dem Liebesgebot leben, als auch eine eschatologische Bedeutung im Blick auf die Vollendung dieses Reiches bei der Wiederkunft Christi,Zu Apg 14,22 „Der Weg der Glaubenstreue führt durch das wegen der Zugehörigkeit zu Jesus durchgestandene Leiden ins Reich Gottes, die. h. in die jenseitige und ewige Herrlichkeit der vollendeten Gottesgemeinschaft.“ wobei beide Bedeutungen eng miteinander verbunden sind.„Daß er dabei· die Zeit des Gottesreiches und die Zeit· der Kirche einander angenähert hat (Apg 1,6), ohne sie einfach miteinander identifizieren zu wollen (Vers 7), ist deutlich.“

Paulinische Briefe