Das Kamasutra (Sanskrit: कामसूत्र, IAST: kāmasūtra; wörtlich Liebesfaden; häufig interpretiert als Leitfaden der Liebeskunst; etwas freier übersetzt als Verse des Verlangens), genannt auch Kamasutram, wurde vermutlich zwischen 200 und 300 n. Chr. von Vatsyayana Mallanaga verfasst,Der moderne indische Autor Vanamali Gunturu gibt als Lebenszeit Vatsyayanas „aller Wahrscheinlichkeit nach um das 3. Jahrhundert n. Chr.“ an. Nach Rekonstruktionen des historischen Kontext kommt nach seiner Auffassung jedoch auch eine Lebenszeit „zwischen dem 2. Jahrhundert v. Chr. und dem 5. Jahrhundert n. Chr. in Frage.“ (Vanamali Gunturu: Der Kamasutra Ratgeber, Atmosphären Verlag, München 2004, S. 8 und 10). über dessen Leben keine weiteren Kenntnisse vorliegen. Der vollständige Titel lautet Vatsyayana Kamasutra. Das Werk gehört zur indischen Tradition der Lehrwerke über Erotik (Kamashastra). In der westlichen Rezeption beeindruckte das Werk vor allem durch Beschreibungen von Positionen beim Sex, es lehrt jedoch in vielen Differenzierungen den Umgang von Männern mit Frauen und umgekehrt – „wie vor 1800 Jahren“ von der ersten Annäherung bis zum Ende einer Beziehung. mini|hochkant=1.5|Darstellung einer erotischen Szene in einer Kamasutra-Ausgabe aus dem 19. Jh.

Etymologie mini|Ob die erotischen Darstellungen des 10. und 11. Jh. in den Tempeln von Khajuraho ihre Inspirationsquellen im Kamasutra haben, ist umstritten. Das Wort Kamasutra ist aus den Wörtern Kama und Sutra zusammengesetzt:Martin Mittwede: Spirituelles Wörterbuch Sanskrit – Deutsch. Sathya Sai Vereinigung, Dietzenbach 1999, Lemma kāmasūtra. Kāma (Sanskrit काम) bezeichnet das sinnliche Verlangen und seine Wunscherfüllung als eine Kraft der Evolution Sūtra (Sanskrit सूत्र) ist die Versform indischer Lehrtexte. Kama zählt im Hinduismus zu den vier Lebenszielen des Menschen (purushartha). Die anderen drei Ziele sind Artha: Wohlstand Dharma: Rechtschaffenheit Moksha: Erlösung.Martin Mittwede: Spirituelles Wörterbuch Sanskrit – Deutsch. Sathya Sai Vereinigung, Dietzenbach 1999, Lemma purushārtha.

Vanamali Gunturu nennt als Reihenfolge der Bedeutung: Dharma, Artha, Kama und Moksha. Diese vier Werte bilden die vier Bereiche des Wissens oder der Wissenschaften, die śāstras des traditionellen Indiens. Bereits in der vorchristlichen Zeit wurden Lehrbücher verfasst, ebenfalls śāstras genannt. „In der Gattung der Kāmaśāstras, der Lehrbücher über die Sexualität, gibt es heute kein älteres als das Buch Vātsyāyanas.“Vanamali Gunturu: Der Kamasutra-Ratgeber. Atmosphären Verlag, München 2004, ISBN 3-86533-004-5, S. 7 f.

Autor und Zeitphase Über Herkunft und Leben Vatsyayanas ist wenig bekannt. „Wahrscheinlich ist Vātsyāyana der Sippenname gotra und er hieß Mallanāga mit Vornamen. Inder haben ihn Muni, den 'Schweigsamen' genannt. Im Altertum gaben Inder bedeutenden Personen, für die sie Respekt empfanden und die sie verehrten, diesen Beinamen.“ Nach indischer Auffassung sprechen Menschen, die ernsthaft suchen, nicht viel oder schweigen gar um der Wahrheit willen. Vatsyayana lebte „wahrscheinlich zwischen dem 2. Jahrhundert v. Chr. und dem 5. Jahrhundert n. Chr. Er schrieb sein Werk zu einer Zeit, in der in Indien eine städtische Kultur entstanden war.“

Über sich selbst sagte er, „er habe das Kamasutra in strenger Enthaltsamkeit und höchster (meditativer) Konzentration geschrieben.“ Und er habe es „für den Fortbestand der Welt geschrieben und nicht für die blinde Leidenschaft. (VII. 2. 57).“Vanamali Gunturu: Der Kamasutra-Ratgeber. 2004, S. 9 f.

Yashodhara, der im 13. Jahrhundert einen Kommentar zum Kamasutra verfasste, gab an, Vatsyayana habe das Werk in der damaligen Stadt Pataliputra, dem heutigen Patna im Bundesstaat Bihar im Nordosten Indiens am Südufer des Ganges geschrieben.Kamasutra. Übersetzung von Robin Cackett. Wagenbach, Berlin 2004, S. 13f.

Kultureller Hintergrund Während europäische Autoren die Zeit der Abfassung des Kamasutra mit dem 3. Jahrhundert n. Chr. annehmen, datiert Gunturu vorsichtiger und legt die Entstehung in Gleichzeitigkeit mit der Blütezeit des Hellenismus bis hin zur Römischen Kaiserzeit. Im gesamten zeitlichen Rahmen existierten damit Fernhandelsbeziehungen mit dem mittelmeerisch-vorderasiatischen und dem indischen Raum über die Seeroute zum Roten Meer.

Gunturu charakterisiert die indische Gesellschaft:

Intentionen der Lehre Für Vatsyayana fügen sich die Menschen nicht passiv ihrem Schicksal, dem Karma, sondern beeinflussen ihre Lebensumstände. Neben rationalen Methoden zählt auch die Magie zur Erfolgshilfe. Die heutige naturwissenschaftlich dominierte Einstellung, so Gunturu, spezialisiere und reduziere Sexualität auf abgesonderte Bereiche – „Vātsyāyana dagegen betrachtet die ganze Welt von der Warte der Sexualität aus. […] Umgekehrt beeinflusst jeder Lebensbereich die Sexualität. […] Daher ist es die erste Aufgabe des Kāmasūtra, die Komponenten zu benennen und zu erläutern, die die erotische Anziehungskraft eines Mannes und einer Frau ausmachen.“ Einen hohen Wert für Männer misst Vatsyayana „der Erzählkunst und der Sprache“ bei. Für beide die Deutung von Zeichen – wie Sie Signale gibt, einen Mann anblickt, wo oder wie sie steht, die Fähigkeit zur genauen Einschätzung ihrer Erfolgschancen – und „nicht nur darum, wie eine Frau den Mann in ihren Bann zieht, sondern auch darum, mit welchem psychologischen oder diplomatischen Geschick sie ihn wieder loswerden kann.“

„Vātsyāyana vertritt nicht die Ansicht, dass diese Komponenten, die die Persönlichkeit eines erotischen Menschen ausmachen, angeboren sind. Sie werden erworben, […] sind eine Sache des Wissens und des Könnens.“ Von Schönheit spricht er dabei selten, sie ist zu sehr eine Laune der Natur. Alle Künste und auch Körperstellungen sind der „Weg, wie der Partnerin oder dem Partner eine Freude zu machen ist. […] Wie Konflikte und Verletzungen mit Takt zu lösen oder zu vermeiden sind.“ Prostituierte sind in allem einbezogen – auch in den „Jahrhunderten danach war Prostitution kein Tabu in Indien.“

Vatsyayana „misst dem Kastensystem keine allzu große Bedeutung bei [… er] denkt nicht daran, das Sexualverhalten von Angehörigen verschiedener Kasten zu erwähnen.“ Philosophisch könnte Vatsyayana durch seinen Gegenwartsbezug dem Materialismus (Lokayata) nahe stehen, doch findet sich bei ihm keine Aussage zur Existenz Gottes, der Unsterblichkeit der Seele oder zur Wiedergeburt. „Er nimmt schlichtweg keine Stellung zu diesen metaphysischen Fragen.“ Ethisches Ansinnen ist ihm hingegen nicht fremd, so „bezeichnet er die sogenannte Liebesheirat, Gāndharvavivāha als die beste.“ Gängige Moral – auch seiner eigenen Zeit – ordnet er jedoch unter, etwa wenn er „der Kunst, verheiratete Frauen zu verführen, einen der sieben Hauptteile seines Werkes (widmet).“V. Gunturu: Kamasutra-Ratgeber. S. 11 bis 20.

Geschichte mini|Seite einer in Nepal erhaltenen Schrift „Vātsyāyana stand bereits in einer langen Tradition der Sexualwissenschaften – um das 3. Jahrhundert n. Chr. […] (lag) ihre Blütezeit, mit der zugehörigen ‚Spezialisierung‘, […] bereits zurück.“

Tradition

mini|Illustration aus einer arabischen Kamasutra-Ausgabe aus dem 19. Jh. Nandi, „wahrscheinlich eine mythische Figur“, verfasste über die Sexualität ein Werk mit 1000 Kapiteln, Śvetaketu fasste dieses in 500 Kapitel zusammen, das er Kamasastra nannte, Bhabhravya machte daraus ein Werk von 150 Kapiteln in sieben Teilen. Dieses letzte Werk bewirkte eine Phase der Spezialisierung anhand der sieben Teile, deren Bücher alle verloren gingen. Sie müssen jedoch noch bis ins 10. Jahrhundert bekannt gewesen sein.

Vatsyayana: „Cārāyana schrieb ein selbstständiges Werk über das Allgemeine, Survanābha über den Geschlechtsverkehr, Ghotakamukha über die Jungfrauen, Gonardīya über die Ehefrauen, Gonikāputra über die Frauen anderer Männer und Kucumāra über die Geheimmittel.“ Eingeleitet worden war diese Spezialisierung „vom Lehrmeister Dattaka, den die Prostituierten der Stadt Pātalīputra beauftragt hatten, aus dem sechsten Teil des Kāmasūtra über die Kurtisanen ein selbstständiges und ausführliches Werk zu verfassen.“ Er „zitiert in seinem Werk zuerst ihre Meinungen zu verschiedenen Fragen, bevor er seine eigenen Ansichten formuliert. […] Nachdem Bhābhravyas 150 Kapitel langes Werk zu verschiedenen eigenständigen Büchern verarbeitet worden war […], lief die originale Quelle Gefahr, verloren zu gehen. Um dies abzuwenden, fasste Vātsyāyana alle sieben nachträglich entstandenen Werke in einer kleineren Schrift zusammen und nannte sie Kāmasūtra.“V. Gunturu: Der Kamasutra-Ratgeber. 2004, S. 8 f.

Die sieben selbstständigen Bücher waren: I. Buch – Charayana: Die Erotik und das gesellschaftliche Leben (Über das Allgemeine) II. Buch – Suvarnanabha: Die Liebestechniken (Über den Geschlechtsverkehr) III. Buch – Ghotakamukha: Die Jungfrauen (Über die Jungfrauen) IV. Buch – Gonardiya: Ehefrauen und Rivalinnen (Über die Ehefrauen) V. Buch – Gonikaputra: Die Frauen anderer Männer (Über die Frauen anderer Männer) VI. Buch – Dattaka: Die Kurtisanen (Über die Kurtisanen) VII. Buch – Kuchumara: Ungewöhnliche und geheime Mittel zur Steigerung der Liebeskraft und der Sexualität (Über die geheimen Mittel)Bezeichnung und Titel nach Gunturu, S. 5 f., der quellennäher arbeitet – in Klammern hier wie auch im Folgenden die Titelung der westlichen Übersetzer, die sich in den Übertragungen am angenommenen Verständnis ihrer Leserschaft orientierten. Nach Gunturu waren die Autoren der ‚spezialisierten‘ Bücher „historische Personen“.

Diese Autoren, die Vatsyayana als Lehrer oder Gelehrte bezeichnet, stellen für ihn auch die Traditionalisten dar: Es sind diejenigen, die eine andere, auch entgegengesetzte Meinung vertreten, es sind – im logischen und chronologischen Sinne – die Opponenten (purvapakshin).Martin Mittwede: Spirituelles Wörterbuch Sanskrit – Deutsch. Sathya Sai Vereinigung, Dietzenbach 1999, Lemma purvapakshin.

„Vātsyāyana führte jedoch das Sexualwissen weiter und erweiterte die Grundlagen der Sexualität.“V. Gunturu: Kamasutra-Ratgeber. S. 9.

Aus dem 13. Jahrhundert stammt der Kommentar (Jayamangala) des Yashodhara, der von seinem Guru den Namen Indrapada erhalten hatte. Dieser Kommentar übertrifft an Textlänge die des Kamasutra um ein Vielfaches.Kamasutra. Übersetzung von Robin Cackett. Wagenbach, Berlin 2004, S. 44–48. Einen Kommentar in Hindi, der 1964 veröffentlicht wurde, verfasste Davadatte Shastri (1912–1982), der als moderner Traditionalist eine Verknüpfung von spiritueller Philosophie und Sozialwissenschaft herstellte.

mini|Titel der Ausgabe 1883 ohne Nennung der Herausgeber Europäische Veröffentlichungen In Europa erschien das Kamasutra erstmals im Jahr 1883 in einer Bearbeitung der Orientalisten Sir Richard Francis Burton und Forster Fitzgerald Arbuthnot. Die Übersetzung aus dem Sanskrit ins Englische hatten allerdings die beiden indischen Gelehrten Bhagavanlal Indrajit und Shivaram Parashuram Bhide besorgt, die ungenannt blieben. Burton übernahm hauptsächlich die Lektoratsarbeiten; Arbuthnot verfasste die Einleitung und das Vorwort. Das Verdienst der beiden Herausgeber bestand in dem Mut, die englische Zensur trickreich zu umgehen und das Werk in Europa zum ersten Mal zu veröffentlichen.Kamasutra. Übersetzung von Robin Cackett. Wagenbach, Berlin 2004, S. 49f.

In Deutschland veröffentlichte Richard Schmidt im Jahr 1897 eine eigenständige und vollständige deutsche Übersetzung, die auch die Kommentare von Yashodhara umfasste. Die Ausgabe hatte mehrere Neuauflagen und gilt als beste europäische Übersetzung des Kamasutra. Klaus Mylius übersetzte das Kamasutra nochmals aus dem Sanskrit ins Deutsche, wobei er an Stelle der Kommentare von Yashodhara eigene Anmerkungen machte. Diese Ausgabe kam im Jahr 1987 in der DDR auf den Markt.