mini|R.E.M. 2003 Live in Padua
Die Bezeichnung Alternative Rock kam in den späten 1970er Jahren auf und bürgerte sich in den frühen 1990er Jahren ein als Oberbegriff für mehrere Varianten jenseits bis dahin üblicher Strukturen der Rock- und Popmusik. Dementsprechend ordnet sich Alternative Rock der Sammelbezeichnung Alternative unter. Gebraucht wird für viele entsprechende Interpreten heute auch der Begriff Indie-Rock (von , „unabhängig“), der allerdings ursprünglich dadurch abgegrenzt war, dass er sich auf Interpreten mit Verträgen bei Independent-Labels bezog, Alternative Rock dagegen auf Interpreten mit hoch dotierten Plattenverträgen und breiter Vermarktungsmöglichkeit. Allerdings richteten Major-Labels Subunternehmen ein oder kauften bestehende kleine Plattenlabels auf. Die Begriffe Independent und Indie-Rock verloren dadurch an Bedeutung und wurden durch den Begriff Alternative zuerst ergänzt, später nahezu ersetzt.Marcel Anders: Alternative wie lange noch? In: Deese, Hillenbach, Kaiser, Michatsch: Jugend und Jugendmacher. Originalausgabe: Metropolitan, München 1996, ISBN 3-89623-050-6, S. 55 ff. Daher gilt Indie-Rock heute zumeist als Unterform des Alternative Rock.
Vorgeschichte Dave Thompson benennt die Mitte der 1970er Jahre als den Ursprung des Alternative Rock und bezieht sich dabei auf die Veröffentlichungen von Lou Reeds Metal Machine Music und Patti Smiths Album Horses sowie die Gründung der Sex Pistols. Alle drei Ereignisse sollten eine popkulturelle Welle der Ereignisse nach sich ziehen, die sowohl die stetige Verquickung von Musikstilen beinhaltete als auch fortwährende subkulturelle Entwicklungen. Seinerzeit noch unter Begriffen wie New Musik, New Wave oder Independent bekannt, sollte der Begriff Alternative Rock für eben jene subkulturellen Musikstile ab dem Beginn der 1990er Jahre Fuß fassen.Dave Thompson: Alternative Rock: Third Ear – The Essential Listening Companion. Miller Freeman Books, 2000, ISBN 0-87930-607-6. mini|Patti Smith 1976 Live in Kopenhagen
Die Vermengung des ursprünglichen Punkrocks zur New Wave wurde durch Interpreten wie The Clash, The Police, Public Image Ltd., Siouxsie and the Banshees und The Damned begünstigt, die den einstigen Punk um Elemente aus Reggae, Glam Rock oder Funk und Roots-Reggae erweiterten.Barry Myers: New Wave ist der Rock ’n’ Roll von heute. In: Rolf Lindners: Punk Rock. 1981, ISBN 3-88215-043-2, S. 81
So experimentierten bereits früh einige Vertreter des Punk mit zuvor als inkompatibel angesehenen Stilrichtungen. Ab der Mitte der 1980er Jahre versuchten sich ebenso Vertreter des Hardcore Punk, selbst eine Radikalisierung des Punk, an der Verknüpfung ihrer Musik mit anderen Musikstilen. Ähnlich wie bereits zuvor im Punk ließen Interpreten wie Black Flag, Hüsker Dü und Agnostic Front Elemente aus Hip-Hop, Blues und Metal in ihre Musik einfließen. Diese Melange brachte eine Fülle heterogener subkulturell orientierter Rockmusik hervor, die sich sichtlich von Punk und Hardcore abhob. Neben der kommerziell erfolgreichem New Wave wurden auch Post-Punk und Post-Hardcore als Oberbegriffe für Musikstile jenseits des Mainstreams bekannt.Bettina Roccor: Heavy Metal. Die Bands. Die Fans. Die Gegner. C. H. Beck, München 1998, S. 76 ff. Andererseits begründeten sich auch die teilweise kommerziell erfolgreichen Musikstile Gothic Rock, Oi! oder Industrial aber auch Synthie-Pop auf jenen Entwicklungen, die sich seit der Mitte der 1970er Jahre vollzogen.
In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre kam die Bezeichnung New Wave allmählich außer Gebrauch. Zu dieser Zeit beherrschten Hi-NRG und Eurodisco sowie schlichte Pop-Interpreten die Charts, darunter auch Bands und Solokünstler, die anfangs selbst dem New Wave zugerechnet wurden und sich im Laufe der Zeit stufenweise von ihren Punk- und Post-Punk-Wurzeln entfernt hatten. Musiksender wie MTV widmeten sich verstärkt dem Metal- und Sleaze-Rock-Umfeld.
Mitte der 1980er aktuelle Independentstile wie Noise-Rock, Shoegazing, Jazzcore, Madchester, Psychobilly oder auch Indie-Rock erzielten nur regionale bis nationale Erfolge und konnten sich noch nicht international etablieren. Bis letztendlich Hardcore, Post-Punk und Post-Hardcore schrittweise populär wurde.Martin Büsser: If the Kids are united. 2010, ISBN 3-930559-48-X, S. 135
Martin Büsser beschreibt diese Entwicklung aus der Sicht des Ende der 1980er Jahre populär werdenden Hardcore:
Hype Ende der 1980er Jahre entdeckte auch die Musikindustrie das kommerzielle Potential der Spielarten des Post-Punk- und Post-Hardcore-Spektrums für sich und begann bisherige Independent-Bands und -Label zu vereinnahmen. Die ersten Erfolge dieser Neuorientierung stellten sich spätestens mit dem großen Grunge- und Crossoverboom zum Beginn der 1990er Jahre ein.
mini|Nirvana 1992 Live bei den MTV Video Music Awards
Crossover und Grunge betitelten jedoch nur zwei Begriffe der unter den Terminus Alternative Rock zusammengefassten Musikstile. Gemeinsam war allen Stilen und Interpreten die Verknüpfung von Hard Rock, Punk oder Hardcore mit anderen Musikstilen, die durchaus auch dem Mainstream entsprechen konnten. Jene Stile, die Elemente aus populären Musikformen wie Hip-Hop, Funk, Folk Rock oder Popmusik übernahmen, erreichten eine größere Zielgruppe, ließen sich somit besser verkaufen und wurden daher verstärkt durch große Plattenfirmen und das Musikfernsehen gefördert.Genrebeschreibung auf [ allmusic.com]
Andererseits wurde der Hype um Grunge und Nirvana für andere weniger Rock- oder Metalorientierte Stile im Bereich Alternative und Independent zum Verhängnis. Robyn Hitchcock erläuterte den Wandel, nachdem Nirvana ihn von der Spitze der amerikanischen Alternative Charts verdrängt hatten.
Etablierung in der Musikindustrie mini|Nick Cave 1986 Live in Deinze
Nachdem sich Alternative Rock und Alternative Metal im Verlauf der 1990er etabliert hatten, wurden sie als moderne Variante der Independent- und Metalszene selbst zu einem popkulturellen Phänomen.Alternative Metal auf [ allmusic.com] Heavy Rotation im Musikfernsehen und -radio verdrängten weite Teile des bisherigen Rock- und Metalmainstreams. Grunge und Crossover eröffneten weiteren Stilen eine potentielle Hörerschaft, so dass die Musik jenseits des Mainstream immer weiter in den Fokus der Öffentlichkeit geriet. Der amerikanische Musiksender MTV richtete 1992 mit Alternative Nation neben dem wöchentlichen 120Minutes ein zweites tägliches Sendeformat für den Bereich des Alternative Rock und Alternative Metal ein. Diese anhaltende Vermengung von Medien, Kunst und Kommerz führte letztlich auch zur kommerziellen Nutzung des Alternative Rock zu Werbezwecken.
Die folgende Liste bezieht sich auf die in der Hochphase der 1990er Jahre populären Interpreten und Stile. Zum Teil existieren keine eigenen Stilbezeichnungen jenseits des Alternative Rock und grobe Überschneidungen zum Alternative Metal lassen sich in vielen Bereichen ausmachen.
Wichtiger EinflussGenrebezeichnung falls vorhandenWichtige Interpreten im Alternative RockBritish InvasionBritpopOasis · Blur · Pulp · The VerveClassic RockAlternative Rock später Post-Grunge Bush · Live · Foo FightersFolk RockAlternative Rock · Folk RockAlanis Morissette · R.E.M. · Heather Nova ·Counting CrowsFunkAcid JazzJamiroquai · Incognito · GallianoFunk · RapFunk Metal · CrossoverRed Hot Chili Peppers · Jane’s Addiction · Living Colour · ExtremeFusionPost-HardcoreHelmet · Rollins BandHardcore PunkAlternative Rock Life of Agony · Therapy?Hard RockGrunge Pearl Jam · Nirvana · Alice in Chains · SoundgardenNeue Deutsche WelleHamburger Schule Tocotronic · Die Sterne · BlumfeldNew Wave Alternative Rock Placebo · Garbage · Therapy?Noise-RockNoise-Rock · Alternative Rock The Jesus Lizard · Fugazi · Dinosaur Jr.PopmusikPower PopThe La’s · WeezerPost-IndustrialIndustrial RockRevolting Cocks · Nine Inch NailsPunkrockPop-PunkThe Offspring · Green Day · Sum 41Singer-SongwriterAlternative Rock PJ Harvey · Beck · Tori AmosSpace RockStoner RockMonster Magnet · Kyuss · Fu Manchu
Entwicklung in die Gegenwart mini|Franz Ferdinand 2006 Live in Dundee
Aus dieser Fülle unterschiedlicher Musikstile entwickelten sich erneut eigene Derivate und Abwandlungen, die in den 2000er Jahren aufgekommenen Rockstile wie Post-Grunge, Dark Rock, New Prog, Indie-Rock- und Post-Punk-Revival nähren sich aus den Erfolgen des Alternative Rock. Die in den 1990er Jahren gewonnene Aufmerksamkeit etablierte das Spektrum des Alternative Rock als festen Bestandteil der Musikindustrie. Bisheriger Mainstream und Alternative Rock ergänzen sich seither gegenseitig. Die Formel "Alternative ist Rockmusik mit durchaus innovativen Stilelementen die ordentlich losrockt."Alternative Rock auf kennzeichnet auch die Schwierigkeit den überaus umfassenden Begriff zu fassen. Die Idee der innovativen Stilelemente will Alternative Rock in Abgrenzung zu dem in den 1970er und 1980er Jahren entstandenen Mainstream Rock Stilen wie Classic Rock, Sleaze Rock und Pop-Rock setzen, schränkt Alternative Rock jedoch auch nicht ein. Gegenwärtige Rockmusik wird somit seither durch den Alternative Rock dominiert, Musikfernsehen, Radio und Zeitschriften rezipieren überwiegend neue und alte Interpreten des Alternative Rock.Alternative Rock auf Bis in die Gegenwart hielten sich abwechselnd verschiedene Stile des Alternative Rock populär. Künstler aus dem Alternative Rock gelten neben Pop und modernem R ’n’ B als lukrativer Faktor in der Musikindustrie. Titel von Interpreten wie Stiltskin, Babylon Zoo, Caesars, Franz Ferdinand, The Killers, Mando Diao wurden spätestens seit der Mitte der 1990er Jahre massiv in der Werbung eingesetzt. Darüber hinaus wurde mit dem Hype um Nirvana Alternative Rock zunehmend in Kinofilmen, Musikfernsehen und -radio protegiert.
Kritik mini|Pearl Jam 2006 Live in Berlin
Alternative Rock gilt bei Kritikern als allgegenwärtiger Begriff, welcher der Musik und den Vertretern nicht gerecht wird. Durch die breite Etablierung unterschiedlicher Musikstile und Interpreten des Alternative Rock im musikalischen Mainstream höhlte sich der Begriff Alternative demnach selbständig aus. Im Jahr 2000 hinterfragte Dave Thompson den Titel Alternative, ohne eine adäquate Antwort auf seine Frage zu wissen. Er stellte dabei nicht allein den Erfolg der Alternative-Rock-Bands als Kritikpunkt heraus, sondern hinterfragte die grundsätzliche Anwendung des Begriffs.
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Stilrichtung der Rockmusik