mini|Zwei 25-ml-Proben einer Frau. Links Vordermilch, die bei voller Brust fließt, rechts Nachmilch, die bei sich leerender Brust fließt.

Muttermilch oder Frauenmilch wird von Frauen insbesondere als Säuglingsnahrung gebildet. Es handelt sich um gelblich-weißes Sekret der Milchdrüsen in der weiblichen Brust. Von bestimmten Inhaltsstoffen abgesehen entspricht die Zusammensetzung von Muttermilch weitgehend der Milch anderer Säugetiere.

Die Muttermilch wird etwa 24 bis 48 Stunden nach der Geburt vermehrt gebildet (Laktation). Die Ernährung des menschlichen Säuglings mit der Brust während der Stillperiode wird als Stillen oder Brusternährung bezeichnet, die Beendigung als Abstillen oder „Entwöhnung“. Bei Tieren werden dieselben Vorgänge als Säugen und Absetzen bezeichnet.

Der Begriff mini|Ein Säugling wird an der Mutterbrust gestillt.

Das Wort Muttermilch (lac maternum) kam erst im Zusammenhang mit Stillkampagnen des 18. Jahrhunderts allgemein in Gebrauch, um die Mütter anzuregen, ihre Kinder selbst zu stillen, statt sie einer Amme zu übergeben. Muttermilch ist dem Begriff „Frauenmilch“ (von mittelhochdeutsch vrouwenmilch,Jürgen Martin: Die ‚Ulmer Wundarznei‘. Einleitung – Text – Glossar zu einem Denkmal deutscher Fachprosa des 15. Jahrhunderts. Königshausen & Neumann, Würzburg 1991 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 52), ISBN 3-88479-801-4 (zugleich Medizinische Dissertation Würzburg 1990), S. 187. Lehnübersetzung von mittellateinisch lac mulierisGundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 383 (frawenmilch).) untergeordnet, der auch für die Milch fremder Mütter steht. Historisch wurde auch das Wort „Weibermilch“ (lac muliebre) verwendet.Barbara Duden: Geschichte in Geschichten: Ein historisches Lesebuch.

Physiologische Aspekte Der Milcheinschuss kann etwas schmerzhaft sein. Ein mögliches Problem stellt Milchstau dar, der durch Entspannung und Ruhe, häufiges Stillen und auch Ausstreichen, Abpumpen oder Quark-Kühlung gemindert werden kann. In den ersten Wochen nach der Geburt reagiert die Gebärmutter (Uterus) mit Nachwehen auf den Stillvorgang. Diese sind anfangs schmerzhaft, jedoch weit weniger als Geburtswehen. Sie unterstützen die Gebärmutter dabei, sich zusammenzuziehen und damit zurückzubilden.

Inhaltsstoffe Muttermilch enthält im Vergleich zu Kuhmilch deutlich weniger Eiweiß mehr Kohlenhydrate (Laktose), häufig in Form von spezifischen Oligosacchariden Antikörper und abwehrfördernde Enzyme (siehe folgenden Abschnitt) fettspaltende Enzyme (Gallensalz-aktivierte Lipase), die dem Kind bei der Fettverdauung helfen mehr Kupfer, deutlich weniger Phosphor mehr Vitamine A/C/E weniger B-Vitamine, Vitamin K viel weniger bis etwas mehr (Prohormon) Vitamin D die Omega-3-Fettsäure Docosahexaensäure (DHA)

Inhaltsstoffe/100 mlB. Koletzko: Kinder- und Jugendmedizin. 13. Auflage. Heidelberg 2007, S. 107. Mensch Kuh Schaf Ziege Pferd Wasser [g] 87,2 87,5 82,7 86,6 90,1 Eiweiß [g] 1–1,5 3,5 4,6 4,2 2,1 Fett [g] 4,0 3,5–4,0 5,3 3,7 1,5 Spurenelemente [g] 0,3 0,7 0,9 0,8 0,4 Kalium [mg] 47 141 182 181 64 Natrium [mg] 14 45 30 30 11,9 Verhältnis Kalium zu Natrium 3,4 3,0 6,1 6,0 5,4 Calcium [mg] 33 116 183 127 110 Magnesium [mg] 3 12 11 14 9 Verhältnis Calcium zu Magnesium 11 10 16,6 9,1 12,2 Eisen [µg] 58 59 100 50 65 Phosphor [mg] 15 92 115 109 54 Kohlenhydrate [g] 7,0 4,7 6,3 3,9 5,9# Brennwert [kJ] 294 268–285 361 273 180 Brennwert [kcal] 70 64–68 86 65 43

Mit gezielter Ernährung lassen sich viele potenziell wertvolle Inhaltsstoffe (z. B. Omega-Fettsäuren, CLA, Mineralstoffe (Selen), Vitamine (Folsäure)), die Milchmenge und Milcheigenschaften (z. B. Färbung) beeinflussen.

Die Zusammensetzung und Menge der Muttermilch vieler Säugetiere und wohl auch des Menschen unterscheidet sich, je nachdem ob das Neugeborene männlich oder weiblich ist.

Antikörper und abwehrfördernde Enzyme Muttermilch enthält auch: Antikörper (Immunglobuline, speziell Immunglobulin A = IgA), die dem Kind zusammen mit Immunglobulinen, die vor der Geburt über den Mutterkuchen übertragen wurden (IgG), bei der spezifischen Abwehr von Krankheitserregern helfen. Diese Antikörper in der Muttermilch sind für einen ausreichenden Schutz impfpräventabler Krankheiten (Nestschutz) unzureichend, die Übertragung mütterlicher Antikörper in der Schwangerschaft ist deutlich relevanter. Sie können aber das Immunsystem des Kindes unterstützen. abwehrfördernde Enzyme wie Lysozym, welches von in der Muttermilch enthaltenen Makrophagen (Zellen der Immunabwehr) gebildet wird Besonders hoch ist deren Anteil im Kolostrum:

+ Antikörper und Abwehr-Enzymein Kolostrum und MuttermilchHelmuth Vorherr: Human Lactation and Breast Feeding. In: Bruce L. Larson (Hrsg.): The Mammary Gland / Human Lactation. A Comprehensive Treatise. Band 4: The Mammary Gland, Human Lactation, Milk Synthesis. Academic Press, New York, 1978, ISBN 0-12-436704-6, S. 227. Inhaltsstoff in 100 ml Kolostrum in 100 ml reifer Muttermilch Immunglobulin A 600 mg 80 mg Immunglobulin G 80 mg 30 mg Immunglobulin M 125 mg 30 mg Lysozym 370 mg 240 mgNach einigen Quellen steigt die Lysozym-Konzentration mit der Zeit im Gegenteil an. G. M. Hendricks, M. Guo: Bioactive components in human milk. In: Mingruo Guo (Hrsg.): Human Milk Biochemistry and Infant Formula Manufacturing Technology. Elsevier, 2014, ISBN 978-1-84569-724-2, S. 37, S. 33–54. Lactoferrin 580 mg 200 mg

Die Enzyme Lysozym und Lactoferrin werden heute auch manchen Flaschennahrungen zugesetzt.G. M. Hendricks, M. Guo: Bioactive components in human milk. In: Mingruo Guo (Hrsg.): Human Milk Biochemistry and Infant Formula Manufacturing Technology. Elsevier, 2014, ISBN 978-1-84569-724-2, S. 37, S. 33–54; Esmat Aly, Gaspar Ros, Carmen Frontela: Structure and Functions of Lactoferrin as Ingredient in Infant Formulas. In: Journal of Food Research. Band 2, Heft 4, 2013 (Abstract). Die Menge der Leukozyten, die im Kolostrum gemessen werden, schwankt von Studie zu Studie stark und beträgt etwa 2000–3200 Makrophagen und 200–300 Lymphozyten pro mm³.C. W. Smith, A. S. Goldman: The Cells of Human Colostrum. In: Pediatric Research. Band 2, 1968, S. 103–109 (Abstract); Swarma Rekha Bhat: Nutrition. Normal Nutrition and Malnutrition. In: Swarma Rekha Bhat (Hrsg.): Achar’s Textbook of Pediatrics. 4. Auflage. Universities Press, Hyderabad 2009, S. 37; F. C. Ho, R. L. Wong, J. W. Lawton: Human colostral and breast milk cells. A light and electron microscopic study. In: Acta Paediatr Scand. Band 68, Heft 3, Mai 1979, S. 389–396, PMID 443039. Im Verlaufe der ersten Stillwochen nimmt der Anteil der Leukozyten signifikant ab; nach 3 Monaten werden noch etwa 40 % der ursprünglichen Konzentration gemessen.P. Bhaskaram, V. Reddy: Bactericidal activity of human milk leukocytes. In: Acta Paediatr Scand. Band 70, Heft 1, Januar 1981, S. 87–90, PMID 7211381.

Regulierung der Milchproduktion Die Milchbildung reguliert sich ausschließlich über die Nachfrage, welche der Körper über die Reizung der Brustwarzen wahrnimmt (Saugen an der Brustwarze führt zur Ausschüttung von Oxytocin aus dem Hypophysenhinterlappen). Angebliche Mittel zur Steigerung bzw. Senkung haben höchstens einen Effekt auf den Milchflussreflex, nicht aber auf die Menge der produzierten Milch.

Kolostrum

Die Zusammensetzung der Muttermilch ist in den ersten Tagen und Wochen anders als später, entsprechend den altersabhängigen Bedürfnissen des Säuglings. Auf die Verzögerung von 1 bis 2 Tagen nach der Geburt ist der Organismus eines Neugeborenen eingerichtet. Das häufige Anlegen ist in den ersten Tagen sehr wichtig, da es die Milchbildung anregt. Das Neugeborene trinkt in dieser Zeit die erste Milch, das Kolostrum, das noch wenig nach Milch aussieht, sondern gelb und dickflüssiger ist. Diese Milch ist besonders reich an Stoffen, die die Immunabwehr fördern, und schützt das Neugeborene somit vor Krankheiten. Die gelbe Farbe kommt durch den hohen Anteil an Carotinen zustande.

Gesundheit Frische Muttermilch ist insbesondere für die Ernährung von Frühgeborenen wichtig, da deren Organismus selbst häufig nicht genügend Antioxidantien für das Abfangen von freien Radikalen bereitstellen kann. Erhöhtes Aufkommen von freien Radikalen rührt von der bei Frühgeborenen notwendigen intravenösen Ernährung und den Bluttransfusionen her und macht sie anfälliger für Infektionen.

Das in der Muttermilch enthaltene Calcium ist für die Bildung von Knochen und des Zahnmaterials wichtig.

Manche der Aromastoffe, die von der Mutter durch die Nahrung aufgenommen wurden, gehen in die Muttermilch über.

Alternativen zur Muttermilch Zu verschiedenen Zeiten entwickelte sich die Vorstellung, dass entweder nur das Kolostrum oder Muttermilch im Allgemeinen weniger förderlich für die Entwicklung des Säuglings seien, als Tiermilch, Breie oder künstlich hergestellte Babynahrung. Das Stillen wurde als unangenehm, zu kräftezehrend, zeitraubend oder als nicht standesgemäß angesehen.

Mit der Entwicklung von Säuglingsfertignahrung aus Milchpulver begannen die Hersteller, insbesondere Nestlé, Säuglingsfertigmilch (englisch Formula) mit Aussagen zu bewerben, die die Produkte als die modernere und gesündere Ernährungsweise für Kleinstkinder erscheinen ließen. Insbesondere in Entwicklungsländern, in denen das zur Anmischung von Flaschennahrung aus Milchpulver erforderliche Trinkwasser häufig von schlechter Qualität war, konnte die Ernährung mit Fertignahrung zu schweren Erkrankungen der Säuglinge führen.Monica Kalt: (RTF).

Säuglingsfertignahrung enthält zwar im Allgemeinen die mengenmäßig wichtigsten Nährstoffe (Makronährstoffe) in ausreichender Menge, speziell Säuglingsanfangsnahrung kann jedoch nur einen Teil der Funktionen von Muttermilch erfüllen. Muttermilch enthält eine Vielzahl von Botenstoffen (z. B. verschiedene Stoffwechsel-regulierende Hormone) und Mikronährstoffen (z. B. besondere Fettsäuren), die bisher nicht entsprechend in künstlichen Säuglingsnahrungs-Produkten zugesetzt werden.Übersicht der in Muttermilch und Fertignahrung enthaltenen Inhaltsstoffe Was ist eigentlich in Muttermilch? - Was ist eigentlich in Formula?, Hebammenforum 6/2014.

Haltbarkeit Abgepumpte Muttermilch sollte bei Raumtemperatur innerhalb von 6 Stunden verbraucht werden. Gekühlt ist sie wie jegliche nicht-pasteurisierte Frischmilch maximal 5 Tage im Kühlschrank (bei 4 °C) haltbar, da die Keimbelastung bei steigender Lagerdauer zunimmt. Sie kann bei −20 °C eingefroren werden, verliert dabei jedoch einen Großteil ihrer Antioxidantien.