mini|(1) Schildknorpel (2) Ligamentum cricothyroideum (3) Ringknorpel (4) Luftröhre (A) Lokalisation der Koniotomie (B) Lokalisation der Tracheotomie
Die Tracheotomie (lateinisch Tracheotomia; von griechisch von , ‚rau‘, ‚hart‘, und , ‚Schnitt‘)Die Wortbildung ist vom Femininum tracheia abgeleitet. oder der Luftröhrenschnitt ist ein seit dem Altertum geübterChristoph Weißer: Luftröhrenschnitt. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 869. chirurgischer Eingriff, bei dem durch die Halsweichteile ein Zugang zur Luftröhre (Tracheostoma) geschaffen wird. Indikationen zur Tracheotomie können beispielsweise die Notwendigkeit einer Langzeitbeatmung nach Unfällen oder Operationen, neurologische Erkrankungen mit Störungen des Schluckreflexes, Strahlenbehandlung am Kopf oder HalsVorsorge für den Fall des Anschwellens oder Kehlkopflähmungen sein. Auch Patienten nach kompletter Entfernung des Kehlkopfes (Laryngektomie) haben ein Tracheostoma.
Als Luftröhrenschnitt wird umgangssprachlich fälschlicherweise auch eine lebensrettende Maßnahme in der Notfallmedizin, die Koniotomie, verstanden, obwohl dabei die eigentliche Luftröhre nicht betroffen ist (eine sogenannte Nottracheotomie ist durch die schnelleren und sichereren Maßnahmen der endotrachealen Intubation bzw. der Koniotomie ersetztRainer Fritz Lick, Heinrich Schläfer: Unfallrettung. Medizin und Technik. Schattauer, Stuttgart / New York 1973, ISBN 978-3-7945-0326-1; 2., neubearbeitete und erweiterte Auflage, ebenda 1985, ISBN 3-7945-0626-X, S. 150 f.). Diese wird bei einer akut lebensbedrohlichen vollständigen Verlegung oder einem Verschluss der oberen Atemwege (durch Okklusion oder Obstruktion) als letztes Mittel durchgeführt, um den Patienten vor dem Ersticken zu bewahren.
Geschichte Schon in Abbildungen des Alten Ägypten wird vermutlich eine Tracheotomie gezeigt.
Als namentlich bekannter Erfinder der Tracheotomie gilt Asklepiades von Bithynien (um 95 v. Chr.).Ludwig Brandt, Michael Goerig: Die Geschichte der Tracheotomie. Teil 1. In: Der Anaesthesist. Band 35, 1986, S. 279–283. Eine Beschreibung des Luftröhrenschnitts im 2. Jahrhundert n. Chr. (von Antyllos) findet sich bei Oreibasios.Wolfgang Uwe Eckart: Byzanz. Hüter des Wissens. In: Medizin im Mittelalter. Zwischen Erfahrungswissen, Magie und Religion (= Spektrum der Wissenschaften. Spezial: Archäologie Geschichte Kultur. Band 2.19), 2019, S. 20–27, hier: S. 22. Bei lebensbedrohlichen Verschlüssen der Atemwege durch Fremdkörper empfiehlt Avicenna (gestorben 1037) die Tracheotomie.Heinrich Schipperges (†): Ibn Sīnā (= abū ʿAlī al-Ḥusain ibn ʿAbd Allāh ibn Sīnā al-Qānūnī = Avicenna). In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1334–1336, hier: S. 1335.
Erste konkrete Berichte zur Vornahme einer Tracheotomie finden sich in einer Arbeit des italienischen Chirurgen und Anatomen Giulio Cesare Casseri (Julius Casserius, 1552–1616).Lehrer von Adriaan van de SpiegelBurkhard Kramp, Steffen Dommerich1: Tracheostomy cannulas and voice prosthesis. In: GMS Curr Top Otorhinolaryngol Head Neck Surg. 10. März 2011, doi:10.3205/cto000057,
Im 17. Jahrhundert war die Praxis des Luftröhrenschnitts in Kriegsgebieten etabliert. Dabei wurde chirurgisches Erfahrungswissen in den theoretischen medizinischen Diskurs überführt. In Leiden hatte Frederik Dekkers zur Durchführung der Tracheotomie 1673 das erste Bronchotom entwickelt, dessen Modifikationen später auch von A. Bauchot oder August Gottlieb Richter verwendet wurden.Georg Fischer: Chirurgie vor 100 Jahren. Historische Studie. [Gewidmet der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie]. Verlag von F. C. W. Vogel, Leipzig 1876; Neudruck mit dem Untertitel Historische Studie über das 18. Jahrhundert aus dem Jahre 1876 und mit einem Vorwort von Rolf Winau: Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg/New York 1978, ISBN 3-540-08751-6, S. 495.
John Andrée hatte 1782 erstmals bei Croup einen Luftröhrenschnitt vorgenommen. Mit Erfolg gelang das eventuell erst Thomas Chevalier im Jahr 1814. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Tracheotomie zur Notfallbehandlung bei Croup meist noch skeptisch beurteilt, wurde aber auch schon als verzweifeltes letztes, aber von dem Chirurgen John Charles Felix Caron (1745–1824)Jan Sosath: Die geschichtliche Entwicklung der Perkutanen Dilatativen Tracheotomieverfahren im historischen Kontext. 2007, S. 57. in Paris etwa auch als lebensrettendes, Mittel angesehen.Georg Fischer: Chirurgie vor 100 Jahren. Historische Studie. [Gewidmet der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie]. Verlag von F. C. W. Vogel, Leipzig 1876; Neudruck mit dem Untertitel Historische Studie über das 18. Jahrhundert aus dem Jahre 1876 und mit einem Vorwort von Rolf Winau: Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1978, ISBN 3-540-08751-6, S. 492–494. Als Erfinder der Tracheotomie wird auch Pierre Fidèle Bretonneau (1821) genannt.Karl Wurm, A. M. Walter: Infektionskrankheiten. In: Ludwig Heilmeyer (Hrsg.): Lehrbuch der Inneren Medizin. Springer-Verlag, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1955; 2. Auflage ebenda 1961, S. 9–223, hier: S. 87. Auch dessen französischer Landsmann Armand Trousseau führte Tracheotomien durch.Armand Trousseau: Du tubage de la glotte et de la trachéotomie. Paris 1851.
Über ein Tracheostoma führte der Brite John Snow 1858 erstmals eine Narkose über eine endotracheale Intubation mit einem weitläufigen Tubus und darüber verabreichtem ChloroformVgl. auch Trumpp: Chloroformnarkose ohne Maske mittels Kehlkopfkanüle. In: Münchner medizinische Wochenschrift. Band 10, 1902 (online). bei einem Kaninchen durch. Im Jahr 1871 narkotisierte der Deutsche Friedrich Trendelenburg auf die gleiche Weise einen Menschen, jedoch zur Verhinderung einer Aspiration von Blut mit einem Tubus mit aufblasbarer Manschette.H. Orth, I. Kis: Schmerzbekämpfung und Narkose. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 1–32, hier: S. 21.
Operationsmethoden Perkutane Punktions- und Dilatationstracheotomie Hierbei wird die Luftröhre mit einer Hohlnadel von außen punktiert und ein Führungsdraht vorgeschoben. Endoskopisch wird die korrekte Lage des Drahtes in der Luftröhre kontrolliert und anschließend über den Führungsdraht mit Plastikdilatatoren der Zugang aufgeweitet, bis eine Atemkanüle hineinpasst. Dieses einfache Verfahren wird oft auf Intensivstationen am beatmeten Patienten angewendet, wenn eine künstliche Beatmung über längere Zeit zu erwarten ist, aber die Aussicht besteht, dass nicht dauerhaft eine Atemkanüle getragen werden muss.
Chirurgische Tracheotomie Klassische (Plastische) Tracheotomie Bei dieser Methode wird im Operationssaal ein übersichtlicher chirurgischer Zugang zur Luftröhre geschaffen, oft werden hierbei auch Anteile der Schilddrüse durchtrennt und Blutgefäße unterbunden. Anschließend wird die Luftröhre geöffnet und der Trachealtubus von außen durch die Halsweichteile eingelegt.
Es kann eine Tracheostomia superior (mittels Tracheotomia superior, obere Tracheotomie) zwischen Ringknorpel und dem oberen Luftröhrenring von der Tracheostomia inferior (mittels Tracheotomia inferior, untere Tracheotomie mit höherem Risiko der Verletzung von Blutgefäßen) unterhalb des Isthmus der SchilddrüseDetlef Kießling, Sabine Stannat: Anatomie am Lebenden. Verlag Jungjohann, Heidelberg 1981, ISBN 3-88454-104-8, S. 41 und 126. unterschieden werden. mini|Tracheostoma bei einem Kleinkind
Das entstehende Tracheostoma ist größer und stabiler als bei der perkutanen Punktionstracheotomie und erlaubt auch den routinemäßigen Wechsel der Trachealkanüle. Das Tracheostoma ist aber nicht dauerhaft stabil: Wird für längere Zeit kein Tubus eingesetzt, schrumpft es und verschließt sich meist. Wenn zu erwarten ist, dass für lange Zeit eine künstliche Atemöffnung getragen werden muss, wird ein „plastisches Tracheostoma“ angelegt. Hierbei wird ein Teil der Trachea fensterflügelartig aufgeklappt und mit der Halshaut fest vernäht. Es entsteht ein stabiler Atemkanal ohne Wundfläche. Der Patient kann die Kanüle gefahrlos selbst wechseln. Ein solches plastisches Tracheostoma muss, wenn es nicht mehr benötigt wird, meist durch eine erneute Operation verschlossen werden.
mini|Lage der Trachealkanüle, Blick von der Seite auf Kehlkopf und Luftröhre: 1. Stimmlippen (lateinisch Plicae vocalis) 2. Schildknorpel (lateinisch Cartilago thyreoidea) 3. Ringknorpel (lateinisch Cartilago cricoidea) 4. Trachealringe (lateinisch Cartilagines tracheales) 5. Manschette (englisch Cuff) der eingesetzten Trachealkanüle
Tracheostomie bei Laryngektomie Nach einer kompletten Entfernung des Kehlkopfes (Laryngektomie) wird die unten vom Kehlkopf abgetrennte Luftröhre dauerhaft nach außen verlagert und in die Halshaut eingenäht. Medizinisch korrekt heißt dieser Eingriff Tracheostomie. Da der Kehlkopf entfernt wird, kann der Eingriff nicht rückgängig gemacht werden. Laryngektomierte Menschen haben keine Stimmbänder mehr und müssen im Zuge einer logopädischen Behandlung eine Ersatzstimme erlernen. Diese kann unter anderem durch Hilfsmittel wie einer elektronischen Sprechhilfe oder einer sogenannten Stimmprothese erreicht werden. Letztere wird meist standardmäßig während der Kehlkopfoperation zwischen der Luftröhre und Speiseröhre eingesetzt.
Vorteile der Tracheotomie gegenüber der Intubation Bei Langzeitbeatmung ist die Gefahr der Schädigung von Stimmbändern und Luftröhre minimiert. Durch das Ausschalten der oberen Atemwege und der dadurch resultierenden Verringerung des „Atemtotraumes“ wird das Atmen für den Patienten leichter und damit die Entwöhnung vom Beatmungsgerät erleichtert oder überhaupt erst möglich. Die Mundpflege und -hygiene werden erheblich erleichtert. Der Patient hat nicht mehr das Gefühl, permanent einen Fremdkörper im Mund zu haben. Im Vergleich zur Intubation benötigt der Patient erheblich weniger bis gar keine Analgosedierung.LK Eberhardt: Die dilatative Tracheotomie auf der anästhesiologischen Intensivstation.
Eine Nahrungsaufnahme über den Mund ist möglich.
Nachteile der Tracheotomie gegenüber der normalen Atmung über Mund und Nase Nach einer Tracheotomie strömt die Luft nicht mehr durch die oberen Atemwege, sondern direkt in die Luftröhre und die Lunge. Die Atemluft wird nicht mehr in der Nase befeuchtet und erreicht nicht mehr die Riechnerven, d. h. tracheotomierte Menschen können nicht mehr riechen und daher auch nur noch eingeschränkt schmecken.
Die Reinigungsfunktion der oberen Atemwege ist ausgeschaltet. Erhöhte Sekretbildung durch Reizung der Trachea (Fremdkörperreiz durch die Kanüle).
Alle hier genannten Nachteile gelten selbstverständlich auch für die normale orotracheale Intubation. Sie können also nicht bei der Abwägung Tracheotomie versus Intubation helfen.
Um einigen dieser Nachteile entgegenzuwirken, werden „künstliche Nasen“ verwendet. Dabei handelt es sich um einen HME (Abkürzung für: „Heat and Moisture Exchanger“, englisch für Wärme- und Feuchtigkeitaustauscher). Das ist ein Kunststofffilter, in dem sich wasserbindendes Material befindet. Der Filter wird auf den Tubus oder die Trachealkanüle gesetzt. Er sorgt dafür, dass ein Großteil der vorhandenen Atemluftfeuchtigkeit in den Atemwegen verbleibt und die eingeatmete Luft befeuchtet und erwärmt wird. Eine der ersten künstlichen Nasen zur Flüssigkeits- und Wärmekonservierung stammte von Erich Rügheimer.Herbert Grimm, Thomas Pasch: Erich Rügheimer zum 60. Geburtstag. In: Anästhesie Intensivtherapie Notfallmedizin. Band 21, Nr. 1, 1986, S. 40–41, hier: S. 40.
Atemkanülen 250px|mini|Blockbare Trachealkanüle aus PVC mit Innenkanüle und Führungsstab