Die Internationale Missionsgesellschaft der Siebenten-Tags-Adventisten, Reformationsbewegung (kurz: IMG; englisch: International Missionary Society, Seventh-day Adventist Church, Reform Movement) ist eine protestantische Freikirche, die aus der Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten (heute „Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten“) entstand. Ihre Mitglieder werden üblicherweise als Reformadventisten bezeichnet. Internationaler Sitz ist Cedartown in Georgia (USA).

Geschichte

Beginn Zu Beginn des Ersten Weltkriegs forderte die deutsche Leitung der Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten, heute offiziell als Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten bezeichnet, ihre männlichen Mitglieder auf, sich als kämpfende Soldaten zur Verfügung zu stellen und auch am Sabbat, dem von den Adventisten geheiligten biblischen Ruhetag, zu kämpfen. Diese Entscheidung wurde als Grundsatz deklariertDresdner Neue Nachrichten vom 12. April 1918 und bereits vier Tage nach Kriegsbeginn dem Kriegsministerium in schriftlicher FormBundesarchiv Berlin, R 43 II, Nr. 179/62 unaufgefordert mitgeteilt. Bei vielen Mitgliedern der Gemeinschaft führte diese Änderung zu Unruhen.Johannes Hartlapp, Siebenten-Tags-Adventisten in Nationalsozialismus. V&R unipress, Göttingen 2008, ISBN 978-3-89971-504-0, S. 95 2000–3000 Gemeindemitglieder,Oskar Kramer: Mein Leben, S. 14 Manuskript, Eigenverlag die diese Änderung nicht akzeptierten, von der Gemeinschaft offiziell als „unnüchterne Elemente mit törichten Ideen“Dresdner Neue Nachrichten vom 12. April 1918 und als „Betrüger“Dresdner Neue Nachrichten vom 12. April 1918 bezeichnet, wurden „auf Grund ihres unchristlichen Verhaltens“Dresdner Neue Nachrichten vom 12. April 1918 und „als Bedroher des inneren und äußeren Friedens“Berliner Lokalanzeiger vom 24. August 1918 ausgeschlossen. Verschiedene Zeitungen in ganz Deutschland – Köln,Kölner Zeitung vom 21. September 1915 Dresden,Dresdner Neue Nachrichten vom 12. April 1918 StuttgartStuttgarter Neues Tagblatt vom 26. September 1918 und BerlinBerliner Lokalanzeiger vom 24. August 1918 – berichteten, teilweise als Presseerklärung der Gemeinschaft, über diese Ausweisungen von Gemeindegliedern. Weitere Ausschlüsse ließ sich die Leitung der Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten sogar notariell5. April 1917 beim Notariat Berlin-Charlottenburg (Notariatsregister No.107) beglaubigen. Bis kurz vor Kriegsende wurden die kriegsablehnenden Gemeindemitglieder aus der Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten ausgeschlossen und offiziell als „Landesverräter“,Schreiben Senator und Polizeiherr an den Hamburger Hohen Senat vom 7. Dezember 1917 „Agitatoren“Stuttgarter Neues Tagblatt vom 26. September 1918 und „als Bedroher der inneren und äußeren Sicherheit“Stuttgarter Neues Tagblatt vom 26. September 1918 bezeichnet. Wenige Jahre später wurden die ehemals Ausgeschlossenen als „abtrünnige Adventisten“Bayerischer Kurier, 7. Januar 1925 S. 6 tituliert. Diese Ausschlüsse von nicht kriegsbefürwortenden Gemeindemitgliedern werden heute als „Reinigungsaktionen“Johannes Hartlapp, Siebenten-Tags-Adventisten in Nationalsozialismus. V&R unipress, Göttingen 2008, ISBN 978-3-89971-504-0, S. 103 bezeichnet.

Gründung der Gemeinschaft

Die ehemaligen Mitglieder schlossen sich nach den Wirren zur Zeit des Krieges und in der Folgezeit zusammen:

1921 erfolgte die Namensänderung zum bis heute weltweit benutzten Namen Internationale Missionsgesellschaft der Siebenten-Tags-Adventisten, Reformationsbewegung (IMG).„Während der Unionskonferenz vom 4.–7. August 1921 wurde beschlossen, den Namen der Gemeinschaft zu ändern. Der Zusatz ‚Reformationsbewegung‘ ersetzte die Bezeichnung ‚alte, seit 1844 stehengebliebene Richtung‘.“ Gustavo Castellanos: 100 Jahre Deutsche Union mit Zuversicht in die Zukunft. In: Der Sabbatwächter. Zeitschrift für Erweckung und Reformation. Jg. 94 (2019), Nr. 4, S. 4–9, hier S. 7. Abgerufen unter https://drive.google.com/file/d/1wK3q_BCFq1OGjK7kh_45H4o441NsTvM0/view am 22. April 2021. Die ersten Kontakte mit anderen, teilweise ebenfalls ausgeschlossenen Adventisten in osteuropäischen Ländern wurden geknüpft und mit den Bezeichnungen Donau-Union Sofia, Skandinavische Union Kopenhagen und Baltische Union Reval (heute Tallinn) organisatorisch eingegliedert. Die ersten Pastoren besuchten diese Länder. Die Missionsgesellschaft kam vom 14. bis 20. Juli 1925 zur ersten eigenen Generalkonferenz (umgangssprachlich Weltsynode) in Gotha zusammen. Hier wurden unter anderem die „Glaubensgrundsätze“ und die „Gemeindeordnung“ der Gemeinschaft in einer „Kurzgefassten Darstellung“ verabschiedet.Die Glaubensgrundsätze der Gemeinschaft, Gotha, 1925 umgangssprachlich auch „Blaues Grundsatzheft“ genannt.

Für die Missionsarbeit gründete die IMG den im gleichen Haus untergebrachten „Missionsverlag für Glaubens- und Gewissensfreiheit“.Dieser gemeinschaftseigene Verlag wurde von Kurt Hutten in Seher. Grübler. Enthusiasten. Sekten und religiöse Sondergemeinschaften der Gegenwart, Stuttgart, 11., erneut überarbeitete und erweiterte Auflage 1968, fälschlicherweise als Abspaltung der IMG bezeichnet. In der dortigen gemeindeeigenen Druckerei wurde interne Literatur sowie teilweise wöchentlich neue Schriften und Broschüren für die Buchevangelisten und deren Missionsarbeit von Haus zu Haus hergestellt. Bis zur endgültigen Schließung der Geschäftsräume durch die Gestapo am 10. November 1936 versorgte der Missionsverlag die IMG mit Druckprodukten.

Die Gemeinschaft im Nationalsozialismus Die Verfolgung der Reformadventisten wurde durch ein bei Heinrich Himmler vom Leiter der deutschen Adventisten (STA), Emil Gugel, am 26. Januar 1934 persönlich abgegebenes Schreiben eingeleitet. Darin wird erwähnt, dass die Reformationsbewegung „eine falsche Einstellung zu Staat und Obrigkeit“ habe. Dieses Schreiben wurde am 2. Februar 1934 im Namen Heinrich Himmlers an den Sicherheitsdienst SD unter Leitung von Reinhard Heydrich gesandt.BA Berlin, RKM, 23387, 282

Am 29. April 1936 verboten die Nationalsozialisten durch Reinhard Heydrich die Gemeinschaft mit der Begründung, sie verfolge „Ziele, die der Weltanschauung des Nationalsozialismus zuwiderlaufen“.Bundesarchiv Berlin R58/405 fol.41 Das Eigentum der Gemeinschaft wurde beschlagnahmt und ging bis auf eine Schreibmaschine vollständig verloren. Im Geheimen abgehaltene Gottesdienste im Wald (Mannheim, Lahr, Leipzig, Chemnitz) und auf dem Friedhof (Düren) in dieser Verbotszeit (1936–1945) wurden von der Gestapo mit Spitzeln überwacht, die Teilnehmer angezeigt und verurteilt. Ganze Gemeinden (Aachen, Bielefeld, Chemnitz, Dresden, Essen, Frankfurt,Internationale Missionsgesellschaft der STA/Reformationsbewegung e. V. – Deutsche Union (Hrsg.): Du sammelst meine Tränen – Glaubenszeugen im Nationalsozialismus. Edelsteinverlag, 2014, ISBN 978-3-933032-59-1, S. 114 und 145–160 Hannover, Kattowitz, Lahr, Leipzig, Mannheim, Memmingen, München, Pforzheim, Schwerin, Stettin, Solingen, Wuppertal) saßen gemeinsam auf der Anklagebank der NS-Sondergerichte und wurden im Schnellverfahren (Dauer teilweise 30–45 Minuten) abgeurteilt. Die Teilnahme an zwei Abendandachten bedeutete in Mannheim sechs Wochen Gefängnis, die Teilnahme am Abendmahl in Frankfurt eine Geldstrafe in Höhe eines Monatslohns.Internationale Missionsgesellschaft der STA/Reformationsbewegung e. V. – Deutsche Union (Hrsg.): Du sammelst meine Tränen – Glaubenszeugen im Nationalsozialismus. Edelsteinverlag, 2014, ISBN 978-3-933032-59-1, S. 114 In Bielefeld bedeutete die Mitgliedschaft und die Teilnahme an einem Waldspaziergang vier Monate Gefängnis. In Wuppertal wurden Gemeindeglieder wegen der Teilnahme am Gottesdienst zu Strafen verurteilt, die bis zu zehn Monatseinkommen ausmachten. Gefängnisstrafen wurden für die Dauer von einem Monat bis zwei Jahren verhängt. Jeder dieser Verurteilten galt fortan als vorbestraft. Viele Gemeindemitglieder unterlagen der Postüberwachung und die Pastoren wurden steckbrieflich gesucht. Kinder wurden ihren Eltern entzogen und in nationalsozialistischen Familien untergebracht.Ausgehend von einem Berufungsverfahren vor dem Reichsgericht Leipzig vom 17. Februar 1938 forderte Oberstaatsanwalt Klemm die Unterbringung von Kindern von Reformadventisten in NS-konformen Familien an. Diese Entziehung konnte bis Kriegsende dauern. Pfälzische Presse vom 1. Juni 1938 Von Kindesmisshandlungen in diesen Pflegefamilien wird berichtet. Im Falle Pietz wurde das Kind in einem Kinderheim in Bayern erst im Jahre 1947 vom Suchdienst des Roten Kreuz gefunden.

Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden Kriegsdienstverweigerer in den Reihen dieser Gemeinschaft zum Tode verurteilt und hingerichtet.Hans Fleschutz: Und folget ihrem Glauben nach – Gedenkbuch für die Blutzeugen der Siebenten-Tags-Adventisten Reformationsbewegung; Zeugnisse der Treue und Standhaftigkeit aus Deutschlands dunklen Tagen. Eigenverlag, Jagsthausen 1973 Andere Reformadventisten wurden, teilweise aus dem Gefängnis heraus, in sog. Schutzhaft genommen und in KZs eingeliefert. Berichte von Überlebenden im KZ Sachsenhausen (Friedrich Bradtka, Eugen Bidlingmaier, Arnold Seelbach) und von zu Tode Gekommenen (Johann Hanselmann) liegen vor. Die Gemeinschaft war bereits ab 1935 eine verfolgte Untergrundkirche. Wegen der Postüberwachung konnten die wenigen Kontakte untereinander nur noch mündlich gepflegt werden. Teilweise überbrachten Kinder (Gemeinde Aachen/Alsdorf) Informationen, denn die Erwachsenen waren überwacht. Ein regelmäßiger Gemeindebetrieb sowie Seelsorge war bis zum Ende der NS-Herrschaft unmöglich. Der Kontakt der Mitglieder untereinander brach unter anderem wegen der Postüberwachung und der „Vorstrafen“ fast völlig zusammen. Verbindungen mit Reformadventisten im Ausland waren unterbunden, denn die NS-Behörden vermuteten eine Steuerung dieser „staatsfeindlichen“ Organisation aus dem Ausland.Sondergericht Halle/Saale vom 24. Oktober 1940 gegen 11 Reformadventisten.

Unter den protestantischen Freikirchen weisen die Reformadventisten im Dritten Reich die höchste Zahl sowohl von Märtyrern als auch von Kriegsdienstverweigerern auf.Harald Schultze, Andreas Kurschat, Claudia Bendick: Ihr Ende schaut an … – evangelische Märtyrer des 20. Jahrhunderts. Leipzig, Evangelische Verlagsanstalt 2006, S. 92, ISBN 978-3-374-02370-7 Pazifisten in den Reihen der Reformadventisten, die ihre Überzeugung mit dem Leben bezahlten, waren unter anderem Anton Brugger, Johann Hanselmann, Gottlieb Metzner, Alfred Münch, Viktor Pacha, Ludwig Pfältzer, Herbert Philipp, Günter E. Pietz, Gustav Przyrembel, Julius Ranacher, Leander ZrennerTodesurteil Bundesarchiv Militärarchiv Pers15/113146; Helmut Kurz: In Gottes Wahrheit leben – Religiöse Kriegsdienstverweigerer aus den Zweiten Weltkrieg, Donat-Verlag, Bremen 2021, ISBN 978-3-943425-98-7 und Willy Thaumann.Sabbatwächter, Sonderausgabe, Jahrgang 91, 2016, Edelsteinverlag, S. 22 f. Die Gemeinschaft stellte 37 % aller religiös motivierten Kriegsdienstverweigerer, die nicht den Zeugen Jehovas zuzuordnen waren.Marcus Herrberger: Denn es steht geschrieben: „Du sollst nicht töten!“ Verlag Österreich, Wien 2005, S. 42, ISBN 3-7046-4671-7

Neubeginn in der Nachkriegszeit