mini|Lage der Provinz mini|Raetia (gelb) auf einer Historischen Karte. Droysens Historischer Handatlas, 1886

Raetia (auch Rätien oder Rhätia) war eine römische Provinz, benannt nach den Rätern. Sie umfasste das nördliche Alpenvorland zwischen südöstlichem Schwarzwald, Donau und Inn und reichte im Süden von den Tessiner Alpen („Lepontinische Alpen“) über Graubünden und einen Teil Nordtirols zu einem oberen Teil des Eisacktals.imperiumroman.com nach Zeitweise reichte sie bis etwa Schwäbisch Gmünd zum rätischen Limes nordwestlich über die obere Donau hinaus. Die römische Provinz wurde Jahrzehnte nach der militärischen Eroberung im ersten Jahrhundert n. Chr. eingerichtet und im vierten in die Raetia prima im Süden (Churrätien) und die Raetia secunda im Norden (Vindelicien) unterteilt. Deren Hauptstädte waren zunächst mit hoher Wahrscheinlichkeit Cambodunum (Kempten (Allgäu)), später Curia Raetorum (Chur) und Augusta Vindelicum (Augsburg).

Ihr Gebiet überdeckte sich nur zum Teil mit dem ursprünglichen Siedlungsgebiet der Räter. Seit dem 3. Jahrhundert bildete sich in ihrem nordwestlichen Bereich der germanische Stamm der Alamannen. Im früheren 6. Jahrhundert unterstand sie den Ostgoten; in der Folge entstand unter weiterem Eindringen der Alamannen in ihrem östlichen Bereich der Stamm der Bajuwaren.

Geografie Die Nordgrenze der Provinz war gleichzeitig die Grenze des römischen Reichs zum nicht eroberten Teil Germaniens, der Germania magna genannt wurde. Im Westen grenzte Raetia zunächst an die Reichsprovinz Gallia Belgica, seit deren Teilung unter Domitian (81–96) an Germania superior, im 4. Jahrhundert stattdessen Sequana bzw. Maxima Sequanorum. Weiter südwestlich grenzte Vallis Poenina bzw. die Alpes Graiae an. Noricum war die östliche Nachbarprovinz. Im Süden lag gleich das Kernland Italien, das erst ab 300 n. Chr. (Diokletian) in die Provinzteilung einbezogen wurde (Gallia transpadana, Venetia et Histria).

Die Grenzen verliefen so:

mini|Karte des obergermanisch-raetischen Limes mit Hinterland.

Die Nordgrenze und Verteidigungslinie bildete zwischen Castra Batava (Passau) und dem Kastell Eining bei Kelheim der Danuvius (Donau). Westlich davon wurde sie bis etwa 95 n. Chr. durch die obere Donau und danach von dem 166 km langen rätischen Limes markiert, der sich vom Kastell Celeusum (Markt Pförring) in nordwestlicher Richtung nach Gunzenhausen (Altmühl), von dort weiter in südwestlicher Richtung nach Lorch (bei Schwäbisch Gmünd) zog, wo Raetia an Germania superior grenzte und der Limes sich als obergermanischer nach Norden fortsetzte (→ ORL: Streckenverlauf). Im 3. Jahrhundert wurde er aufgegeben, fortan bildeten (von West nach Ost) der Hochrhein, der Bodensee, die Iller und ab der Illermündung die Donau die nördliche Grenze der Provinz zur Germania magna. Vom östlichen Bodensee zur Iller und von dort nach Norden entlang der Iller bis zur Donau wurde die neue befestigte Grenzlinie des Donau-Iller-Rhein-Limes geschaffen. Die Westgrenze verlief südwärts vom Ausfluss des Untersees des Bodensees über Ad Fines (Pfyn) ins Gebiet zwischen Zürichsee und Walensee zum Oberalppass, wobei das Tal der Linth (Glarus) sicher und dasjenige der Reuss (Uri) inklusive Ursern sowie das Haslital wahrscheinlich zu Rätien gehörten.Handbuch der Schweizer Geschichte. Band 1. Zürich 1972, S. 68. Vgl. auch die ausführliche, wenn auch ältere Diskussion in: Richard Heuberger: Die Westgrenze Rätiens, in: Praehistorische Zeitschrift XXXIV, Band V, 1949/50, S. 47–57. . und über den Furkapass (vielleicht) zum Fletschhorn. Von dort zog sich die Südgrenze über den Splügen- und den Malojapass durchs Vinschgau bis Brixen (Zusammenfluss von Rienz und Eisack). Die Grenze zu Noricum verlief nordwärts durchs Zillertal und dann den Inn (Aenus, Oenus) entlang zur Donau. Der Verlauf der südlichen Grenze Rätiens im heutigen Tessin und südlichen Graubünden ist in der Forschung umstritten. Die eine Seite legt den Grenzverlauf auf den Alpenhauptkamm, weil die spätere Ausdehnung der Bistümer Mailand, Como und Novara die Zugehörigkeit des ganzen heutigen Kantons Tessin und des Misox sowie des Bergell und des Veltlins zu drei Stadtgemeinden bereits in römischer Zeit wahrscheinlich mache. Die andere Seite rechnet das Gebiet der Lepontier zu Rätien und legt die Grenze südlich einer Linie zwischen Domodossola–Locarno und Bellinzona.Sie argumentieren mit einer Stelle bei Ammian 15, 4, 1 «imperator…in Raetias camposque venit Caninos», wobei gemäß Sidonius Apollinaris, carm. 5, 373ff. und Gregor von Tours, hist. Franc. 10,3 die Campi Canini ein Gebiet südlich der Alpen um Bellinzona waren. Auch nennt Plinius n. h. 3, 133f. die Lepontier nicht bei der Aufzählung der Völker, die einer italischen Stadtgemeinde zugeteilt waren. Staehlin, Die Römer in der Schweiz, S. 111. Stählin verweist insbesondere auf die Arbeiten Heubergers und Oechslis (Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft Zürich (MAGZ), 26, 1 69). Das Bergell und das Veltlin inklusive Valposchiavo und Bormio werden im Allgemeinen jedoch eher zu Italien gerechnet. Keine Seite konnte jedoch bis heute entscheidende Argumente oder archäologische Belege beibringen.Handbuch der Schweizer Geschichte. Bd. 1, S. 68. Für den vollständigen Literaturüberblick siehe hier.

Römische Herrschaft Ursprüngliche Bewohner Die Namen der Provinz, ihrer späteren Teilprovinzen, ihrer Verwaltungssitze (Raetia, Vindelicia, Augusta Vindelicorum etc.) beziehen sich auf die Volksgruppen der Räter und der Vindeliker, die römischen Quellen zufolge den größten Teil der Provinz bewohnten oder bis zu ihrer Eroberung durch Rom bewohnt hatten; deren wiederholte Angriffe auf Nachbargebiete sollen auch Anlass für den entscheidenden Feldzug von 15 v. Chr. gewesen sein. Auf seinem Zug über die Alpenpässe traf Drusus auf viele Stämme, die in der Inschrift auf dem Tropaeum Alpium vermerkt wurden.

In den Alpen nördlich der Linie Como–VeronaStrabon Geographie IV, 6, 8 sollen die Räter gesiedelt haben. Verschiedene Autoren seit der Antike hielten sie für mit den Etruskern verwandt. Neuere linguistische Analysen rätischer und etruskischer Inschriften stützen diese Vermutung; jedenfalls wird das Volk heute als nicht keltisch und nicht indogermanisch angesehen. Römische Autoren beschrieben die Räter als „kriegerisch“, zu Raubzügen gegen Nachbarvölker neigend – was anderen als übertreibender Vorwand für römische Feldzüge in die Alpen erschien. Eventuell als rätisch einzuordnen sind dabei die auf dem Tropaeum Alpium genannten Vennoneten, Venosten, Isarken, Breonen und Genaunen.

Ein Großteil der besiegten Stämme Raetias wird im Allgemeinen als keltisch angesehen. Die Vindeliker, denen vermutlich mehrere auf dem Tropaeum Alpium aufgezählte Stämme zuzuordnen sind, siedelten zumindest im heutigen Vorarlberg und Allgäu und von dort vielleicht bis hin zu Inn und Donau. Unter dem Abschnitt Geographie stellt der Artikel über die Vindeliker die Schwierigkeiten dar, aus den Quellen auf die Zusammenhänge bzw. Unterschiede zwischen den aufgeführten Bevölkerungsteilen zu schließen.

Daneben mag es auch noch nicht-rätische und nicht-keltische Bewohner gegeben haben, zu denen möglicherweise die Fokunaten gehörten.

Römischer Vorstoß zur Donau seit 25 v. Chr. Seit 25 v. Chr. wurde die Nordgrenze der früheren Provinz Gallia cisalpina Norditaliens in das rätische Siedlungsgebiet verschoben, etwa ins Veltlin (Addatal) und im Etschtal bis über das heutige Bozen hinaus.Richard Heuberger: Tirol in der Römerzeit. In: Hermann Wopfner, Franz Huter (Hrsg.): Jahrbuch für Geschichte und Volkskunde, XX. Band, Tyrolia, Innsbruck / Wien 1956, S. 133–138. Der römische Feldherr Drusus (Stiefsohn des Augustus) zog 15 v. Chr. mit einem Heer über den Brennerpass sowie flankierend über den Reschenpass in das Gebiet nördlich der Alpen. Via Claudia Augusta. Zuvor hatte er oberhalb Trients heftigen Widerstand der Isarken (Eisacktal) zu brechen. Römische Invasion. Im gleichen Jahr eroberte sein Bruder Tiberius, der spätere Kaiser, das Gebiet weiter westlich und erreichte über das Rheintal den Bodensee, wo sich das Gebiet der Vindeliker befand. Laut StrabonStrabon Geographie VII, 1, 5 – betreffender Satz benutzte er eine Insel auf dem See als Basis für den Kampf gegen die Vindeliker.

Gaius Iulius Caesar hatte bis 51 v. Chr. den Rhein als Grenze des römischen Imperiums etabliert. Zwischen 35 und 28 v. Chr. erweiterten Octavian und Marcus Licinius Crassus das römische Herrschaftsgebiet auf dem Balkan an der unteren Donau. Im folgenden Jahr 27 wurde Octavian zum Augustus. Er fasste den Plan, die Lücke zwischen dem Rhein und der unteren Donau zu schließen und Italien bereits an Rhein und Donau gegen germanische Einfälle zu verteidigen.Kritisch hierzu Vindeliker: Geschichte Der Feldzug von 15 v. Chr. unterwarf auch das keltische Königreich Noricum östlich Raetias; Drusus und Tiberius eroberten 12 und 9 v. Chr. zuletzt das dem Noricum benachbarte Pannonien. So waren die Römer insgesamt an die Donau gelangt. Dieser größere Zusammenhang blieb über die nächsten Jahrhunderte bestimmend (vgl. Markomannen und Augusteische Alpenfeldzüge).

Errichtung und Ausdehnung der Provinz (1./2. Jahrhundert) mini|Die römischen Provinzen im Alpenraum nach dem Tod des Augustus 14 n. Chr. mini|Die römischen Provinzen im Alpenraum und das römische Straßennetz ca. 150 n. Chr., eigentlich erst nach ca. 160 Unter den Kaisern Tiberius (14–37 n. Chr.) oder Claudius (41–54 n. Chr.) wurden die Gebiete des heutigen Graubünden, Vorarlberg, Südbayern und Oberschwaben zwischen dem westlichen Bodensee, der Donau und dem Inn sowie des nördlichen Tirols zur Provinz (zuerst Militärbezirk) Raetia et Vindelicia zusammengefasst – bald nur noch Raetia genannt. Unter Kaiser Claudius wurde zur Absicherung der Donaulinie eine vom Donauursprung bis kurz vor Regensburg führende, die Donau nahe ihrem Südufer begleitende, mit Kastellen bewehrte Militärstraße gebaut. Diese Straße wird heute unter Historikern Donausüdstraße genannt. Sie war durch die Via Claudia Augusta direkt mit Augsburg und Oberitalien verbunden. Das zunächst ebenfalls Raetien zugehörige Wallis wurde um 43 n. Chr. abgetrennt und als Vallis Poenina (oder Alpes Poeninae) eigenständige Provinz oderZum Anlass Die Schweiz in römischer Zeit; zur Unsicherheit („oder“) Geschichte des Wallis. mit Alpes Graiae zusammengelegt.

In den weiteren Jahren wuchs Raetia nordwestlich über die Donau hinaus. Seit Domitian (81–96) wurde die Errichtung des rätischen Limes in Angriff genommen, einer baulichen Kennzeichnung und Sicherung der Grenze des von Rom beanspruchten Gebiets, die sich nicht an Gewässern oder vergleichbaren geografischen Merkmalen orientierte. Um 90 n. Chr. wurde der nördlichste Punkt Gunzenhausen erreicht. Als Bauwerk wurde der Limes unter Antoninus Pius (138–161) vollendet (→ ORL: Baugeschichte).

Damit griff „Raetia“ nicht nur um das Gebiet der Vindeliker und weiter nach Norden über das vermutliche Siedlungsgebiet der Räter hinaus, vielmehr wurde noch deren Siedlungsgebiet südlich des Inntals dem Kerngebiet Italiens zugeschlagen (frühere Gallia cisalpina, römisches Bürgerrecht). So gehörte das Veltlin zur späteren Provinz Gallia transpadana und die heutige Region Trentino-Südtirol zu Venetia et Histria.Vgl. Tirol; suche „Isarco“ (Pons Drusi statio = Bozen) bzw. „fiume Adda“ auf Diese waren die bereits vor der nordwärtigen Durchschreitung der Alpen 15 v. Chr. erworbenen Gebiete gewesen. Die Provinz Raetien umfasste in ihrer mittleren Ausdehnung etwa 80.000 Quadratkilometer.