mini|330px|Das Abbasiden-Reich um 850

Das Abbasiden-Kalifat oder Abbasiden-Reich war ein islamisches Großreich unter der 749 begründeten Dynastie der Abbasiden (), die im Jahr 750 die Umayyaden in der Regierung des Kalifats ablösten. Das Kalifat der Abbasiden wurde wie das der Umayyaden und später der Osmanen von fast allen Sunniten anerkannt. Der Name der Abbasiden geht zurück auf al-ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muttalib, einen Onkel des Propheten Mohammed. Die Familie gehört zur Sippe der Haschimiten. Das Kalifat der Abbasiden in Bagdad wurde 1258 mit der Eroberung von Bagdad durch die Mongolen und der Hinrichtung des Kalifen al-Musta'sim beendet.

Die Dynastie der Abbasiden bestand durch Einsetzungen durch den mamlukischen Sultan Baibars I. fort. In der Folge existierte ein durch die Mamluken erhaltenes abbasidisches Ersatz-Kalifat in Kairo, welches die realpolitische Machtausübung an die Mamluken formal übertrug und unter Muslimen außerhalb des Herrschaftsgebietes nur noch geringere Anerkennung erhielt. Mit der Eroberung Kairos durch die Osmanen 1517 wurde die Dynastie der Abbasiden endgültig beendet. Nach mehreren Migrationsbewegungen leben Abbasiden heutzutage vorwiegend in Palästina.

Der Weg zum Kalifat: Die Abbasiden bis zu ihrer Machtergreifung Die Abbasiden nach dem Tode des Propheten mini|330px|Die Abbasiden (rötlich) innerhalb des quraischitischen Clans der Banū Hashim mit den rivalisierenden Aliden (grün)

Stammvater der Abbasiden war Mohammeds Onkel al-ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muttalib (gestorben 653). Er schloss sich seinem Neffen im Jahre 630 bei dessen Einnahme der Stadt Mekka an, und Mohammed bestätigte ihn in seinem ererbten Amt der siqāya, der Tränkung der Pilger. Al-ʿAbbās ließ sich in Medina nieder und schenkte dem Kalifen ʿUmar ibn al-Chattāb (regierte 634–644) einen Teil seines dortigen Hauses, um ihm eine Erweiterung der Prophetenmoschee zu ermöglichen. Das Verhältnis zu den drei ersten Kalifen war jedoch angespannt, und al-ʿAbbās wurde nie ein politisches Amt übertragen. Er hatte drei Töchter und neun Söhne, von denen ʿAbdallāh ibn al-ʿAbbās der bedeutendste war.Andreas Görke: “al-ʿAbbās b. ʿAbd al-Muṭṭalib”, in: Encyclopaedia of Islam, THREE. Edited by: Kate Fleet, Gudrun Krämer, Denis Matringe, John Nawas, Devin J. Stewart. .

ʿAbdallāh ibn ʿAbbās (gestorben 687/8) trat während der Herrschaft der ersten drei Kalifen nicht politisch in Erscheinung. Eine politische Rolle spielte er erst während des Kalifats von ʿAlī ibn Abī Tālib. So soll er bei der Kamelschlacht (656) und bei der Schlacht von Siffin (657) einige von ʿAlīs Truppen kommandiert haben. Im Winter 656/57 ernannte ihn ʿAlī außerdem zum Gouverneur von Basra. Nach ʿAlīs Ermordung im Jahre 661 begab sich ʿAbdallāh zuerst nach Mekka und ließ sich dann mit seiner Familie in at-Tā'if nieder, wo er sich vor allem als Koranexeget und Mufti betätigte. ʿAbdallāh hatte mehrere Kinder, darunter fünf Söhne.Claude Gilliot: “ʿAbdallāh b. ʿAbbās”, in: Encyclopaedia of Islam, THREE. Edited by: Kate Fleet, Gudrun Krämer, Denis Matringe, John Nawas, Devin J. Stewart. .

Nach ʿAbdallāhs Tod ging die Führung der Abbasiden-Familie auf seinen jüngsten Sohn ʿAlī (gestorben 735) über. Er stand mit Muhammad ibn al-Hanafīya in Kontakt und unterstützte während des Zweiten Bürgerkriegs (680–692) im Gegensatz zu seinem Bruder al-ʿAbbās, der für ʿAbdallāh ibn az-Zubair Partei ergriff, die Umayyaden. Deshalb siedelte er auch nach Syrien über, wo er sich mit dem späteren Kalifen al-Walīd (regierte 705–715) anfreundete, von dem er großzügige Dotationen erhielt. Mit diesen konnte ʿAlī ibn ʿAbdallāh ein großes Landgut in und um al-Humaima südöstlich des Toten Meeres erwerben. Später verlor er die Gunst des Kalifen, wurde öffentlich gedemütigt und auf eine Insel des Dahlak-Archipels verbannt. Erst 714 konnte er zu seiner Familie nach al-Humaima zurückkehren.Moshe Sharon: ʿAlī b. ʿAbdallāh b. ʿAbbās. In: Kate Fleet, Gudrun Krämer, Denis Matringe, John Nawas, Devin J. Stewart (Hrsg.): Encyclopaedia of Islam, THREE. .

Aufbau einer Daʿwa-Organisation Schon lange vor dem Tod von ʿAlī ibn ʿAbdallāh im Jahre 735 ging die Führung der Abbasiden-Familie auf seinen nur 14 Jahre jüngeren Sohn Muhammad (gestorben 743) über, der mit Abū Hāschim, dem Sohn von Muhammad ibn al-Hanafīya, befreundet war. Nach Berichten, deren Historizität heute teilweise in Zweifel gezogen wird, besuchte Abū Hāschim, der als Imam der Hāschimīya, einer Untersekte der Kaisānīya, fungierte, kurz vor seinem Tod Muhammad ibn ʿAlī in al-Humaima und übertrug ihm dieses Amt. Nach einem Bericht, der bei at-Tabarī überliefert wird, begann Muhammad ibn ʿAlī darauf im Jahre 100 der Hidschra (= 618/19 n. Chr.) mit dem Aufbau einer Daʿwa-Organisation in Chorasan, wobei der kufische Maulā Bukair ibn Māhan als Mittelsmann fungierte. Bukair oder Muhammad ibn ʿAlī selbst entsandte den kufischen Prediger Abū ʿIkrima Ziyād ibn Dirham nach Chorasan, der dort für die Abbasiden Werbung machte, Lebensmittel und Geld unter der Bevölkerung verteilte und sich auch Dispute mit anderen Predigern lieferte, die Propaganda für die Familie von Abū Tālib ibn ʿAbd al-Muttalib machten. Abū ʿIkrima zog allerdings die Aufmerksamkeit umaiyadischer Agenten auf sich und wurde 727/28 hingerichtet. Ein zweiter Propagandist namens Chidāsch, der 736/37 entweder von Bukair oder Muhammad ibn ʿAlī nach Chorasan entsandt wurde, sagte sich von den Abbasiden los, wechselte die Seiten und warb für einen Imam aus der Reihe der Aliden. Er wurde 737/38 vom umaiyadischen Gouverneur hingerichtet.Elton L. Daniel: “ʿAbbāsid Revolution”, in: Encyclopaedia of Islam, THREE. Edited by: Kate Fleet, Gudrun Krämer, Denis Matringe, John Nawas, Devin J. Stewart. .

Nach der Hinrichtung Chidāschs ging die Führung der Daʿwa in Chorasan, oder zumindest eines Teils von ihr, auf Sulaimān ibn Kathīr über. Er bemühte sich, die Beziehung zu Muhammad ibn ʿAlī wieder zu festigen. Nach den Aḫbār al-ʿAbbās, einer anonymen Geschichte der Bewegung, die die Abbasiden an die Macht brachte, nahm die abbasidische Daʿwa nun festere Formen an. Die zentrale Führung befand sich in Merw und bestand aus zwölf Vorstehern (nuqabāʾ) sowie 58 Missionaren (duʿāt). Es gab vier Missionare für Merw, sieben für Abiward, sechs für Nasā, zwei für Balch, sowie jeweils einen für Marw ar-Rūdh, Choresm und Amol, daneben 36 Ober-Missionare (duʿāt ad-duʿāt). Die Namen der einzelnen Amtsinhaber, die in den Aḫbār al-ʿAbbās aufgelistet werden, deuten darauf hin, dass es sich um eine breite soziale Bewegung handelte.

Nach dem Tod von Muhammad ibn ʿAlī im Jahre 743 reiste Bukair ibn Māhan nach Chorasan, um die Unterstützung der dortigen Daʿwa-Führung für Muhammads Sohn Ibrāhīm als neuen Imam zu sichern. Dieser Ibrāhīm ibn Muhammad rief wie sein Vater seine Anhänger in Chorasan zur Zurückhaltung auf, erlaubte ihnen jedoch das Zeigen schwarzer Banner, die später zum Symbol ihres Aufstands wurden. Als Bukair ibn Māhan im Jahre 744/45 starb, ging die Führung der kufischen Zelle der Daʿwa auf Abū Salama Hafs ibn Sulaimān über.

Der Aufstand des Abū Muslim und die Ausrufung eines abbasidischen Kalifen Der Übergang von der verdeckten Propaganda hin zum bewaffneten Aufstand ist mit dem Erscheinen von Abū Muslim als neuem, charismatischen Anführer der chorasanischen Daʿwa-Organisation verbunden. Abū Muslims Abstammung und Herkunft sind unklar. Es wird berichtet, dass er 743 oder 744 bei der Wallfahrt in Mekka mit Ibrāhīm ibn Muhammad zusammentraf und mit ihm einen Pakt schloss. Dieser sah vor, dass Abū Muslim in den iranischen Gebieten einen großangelegten Aufstand gegen die Umaiyaden in Gang bringen sollte, um die Abbasiden an die Macht zu bringen. In dem neuen Staat sollten dann alle Gebiete östlich des Tigris an Abū Muslim und die Gebiete westlich davon an die Umaiyaden fallen. Im Herbst 746 reiste er als Abgesandter des abbasidischen Imams nach Chorasan. Dort ließ er sich in Merw, dem Zentrum der haschimitischen Daʿwa-Organisation, nieder und brachte diese Organisation innerhalb von kurzer Zeit unter seine Kontrolle. Aus den Quellen geht hervor, dass das bisherige Oberhaupt der Organisation, Sulaimān ibn Kathīr, heftig gegen die Machtübernahme durch Abū Muslim protestierte, allerdings vergeblich. Abū Muslim hatte wie Chidāsch vor ihm die Fähigkeit, innerhalb kurzer Zeit große Menschenmassen für seine Bewegung zu mobilisieren, darunter auch viele Mawālī und Nicht-Muslime. Im Juni 747 rief er einen Aufstand gegen die umaiyadische Herrschaft aus und belagerte Merw. Schon im Januar 748 gelang ihm der triumphale Einzug in dieser Provinzhauptstadt. Der umaiyadische Gouverneur von Chorasan Nasr ibn Saiyār musste sich nach Westen zurückziehen, verfolgt von einer Armee von Aufständischen unter dem Kommando von Qahtaba bin Schabīb.

mini|In den Jahren 748/49 drang das Heer von Abū Muslim von Ostiran nach Westen in den Irak vor, was schließlich den Untergang des Umaiyaden-Reiches und die Machtergreifung der Abbasiden herbeiführte. Während Abū Muslim in den östlichen Provinzen seine Herrschaft festigte, zog Qahtabas Armee westwärts und zerstörte, was von der umaiyadischen Macht noch übrig geblieben war. Im August 748 nahm die Armee der Aufständischen Dschurdschān ein, im Oktober 748 Raiy. Nach der Zerstörung der Armee von Ibn Dubāra bei Dschābaliq im März 749 besetzten die Musaiwida, die Kämpfer mit den schwarzen Bannern, im August 749 Kufa.

Das eigentliche Ziel der Daʿwa-Bewegung, die Installation eines abbasidischen Kalifen, verlief aber alles andere als glatt, weil mehrere Hauptakteure überraschend ausfielen. Nasr ibn Saiyār hatte inzwischen herausgefunden, dass Ibrāhīm ibn Muhammad der Kopf der Aufstandsbewegung war, und dafür gesorgt, dass er in al-Humaima verhaftet wurde. Er wurde im August 749 in Harran im Gefängnis ermordet.F. Omar: “Ibrāhīm b. Muḥammad” in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. III, S. 988. Qahtaba, der das Oberkommando der Rebellenarmee innegehabt hatte, ertrank noch vor der Einnahme von Kufa beim Überqueren des Euphrats. Die Anführer der Rebellenarmee legten deshalb die Aufgabe, einen geeigneten Imam beizubringen, in die Hand von Abū Salama, dem Oberhaupt der kufischen Daʿwa. Er zögerte die Entscheidung hinaus und korrespondierte auch mit verschiedenen Aliden, denen er das Kalifat antrug, was darauf hindeutet, dass er sich nicht ausschließlich den Abbasiden verpflichtet fühlte. Am 28. November 749, während Abū Salama noch damit beschäftigt war, eine Schūrā-Sitzung zur Suche eines geeigneten Thronkandidaten aus dem Kreis der Banū Hāschim zu leiten, führten die Musauwida-Truppen Abū Muslims einen Putsch gegen ihn durch und installierten den jüngsten und schwächsten Bruder von Ibrāhīm ibn Muhammad, Abū l-ʿAbbās as-Saffāh, als Kalifen.Saleh Said Agha: “Abū Muslim al-Khurāsānī”, in: Encyclopaedia of Islam, THREE. Edited by: Kate Fleet, Gudrun Krämer, Denis Matringe, John Nawas, Devin J. Stewart. So mündete die sogenannte „abbasidische Revolution“ in der völlig überraschenden Einsetzung eines Herrschers, von dem wahrscheinlich vorher keiner der Akteure der Daʿwa-Bewegung jemals etwas vorher gehört hatte.

Das abbasidische Kalifat Machtkonsolidierung und Aufstandsbewegungen Im Januar 750 brach eine Armee unter dem Kommando des Abbasiden ʿAbdallāh ibn ʿAlī in der Schlacht vom Großen Zab in Nordirak den letzten Widerstand der Umayyaden unter Kalif Marwan II. Dem folgenden Massaker an den Umayyaden entkam ein einziger Umayyaden-Prinz nach al-Andalus, wo er 756 als Abd ar-Rahman I. das Emirat von Córdoba gründete. Während ihnen die iberische Halbinsel damit entglitt, konnten die Abbasiden 751 in der Schlacht am Talas das gerade erst erworbene Transoxanien gegen die Chinesen behaupten.