mini|300px|Rüthen vom Wasserturm aus gesehen mini|300px|Luftbildaufnahme Rüthen 2014, Blick in Richtung Südwest Rüthen (Mitte des 19. Jahrhunderts noch offiziell RüdenJosef Bender: Geschichte der Stadt Rüden. Verlag der Stein’schen Buchhandlung, Werl 1848) ist eine Stadt im Kreis Soest in Nordrhein-Westfalen (Deutschland). Die Stadt Rüthen erhielt im Jahr 1200 die Stadtrechte. Im Mittelalter hatte Rüthen zeitweise erhebliche Bedeutung als administrativer Mittelpunkt des Herzogtums Westfalen und als Hansestadt. Seit dem Spätmittelalter entwickelte sie sich immer mehr zu einer Ackerbürgerstadt. Die heutige Stadt ging aus dem Zusammenschluss der Kernstadt mit 14 bisher eigenständigen Gemeinden hervor. Statistisch gilt Rüthen heute als Große Landgemeinde. (PDF; 220 kB)
Geographie Lage Rüthen wird in Ost-West-Richtung von der Möhne, dem größten Fluss des Stadtgebietes, durchflossen. Sie tritt bei Heidberg auf in das Stadtgebiet ein und verlässt es bei Drewer-Heide auf wieder. Die Kernstadt liegt etwa mittig im Stadtgebiet auf einer Anhöhe nördlich der Möhne.
Südlich der Möhne erhebt sich der Arnsberger Wald, in dem die Ortschaft Kallenhardt liegt. Im Arnsberger Wald erreicht das Stadtgebiet am Wehberg eine Höhe von . Der nordöstlich des Wehbergs liegende Lange Berg ist 486,2 m hoch. Innerhalb des zum Naturpark Arnsberger Wald gehörenden Gebietes fließen Biber und Glenne in nordwestlicher Richtung. Naturräumlich gehört dieser Teil des Stadtgebietes zum Nordsauerländer Oberland.
Nördlich der Möhne liegen die übrigen Ortschaften Rüthens. Bis zum Haarstrang steigt das Gelände bis auf rund 380 Meter an. Der Haarstrang bildet die Wasserscheide zwischen Ruhr und Lippe. Die nördlich des Haarstrangs fließenden Bäche entwässern sich über die Lippe. Nach Norden fällt das Gelände sacht in Richtung Soester Börde. Nördlich von Westereiden liegt auf die niedrigste Stelle des Stadtgebietes am Bachlauf der Pöppelsche. Es dominiert landwirtschaftlich genutztes Offenland. Naturräumlich gehört der nördliche Teil des Stadtgebietes zu den Hellwegbörden der Westfälischen Bucht.
Ausdehnung des Stadtgebiets Rüthen erstreckt sich heute über rund 22 km in Nord-Süd-Richtung und 11 km in West-Ost-Richtung. Mit 158 km² ist Rüthen die flächenmäßig größte Gemeinde im Kreis Soest. Von diesen sind 94,15 km² (59,6 %) landwirtschaftliche Nutzflächen, 49,31 km² (31,2 %) und 13,17 km² (8,3 %) Siedlungs- und Verkehrsflächen. Sonstige Flächen machen 1 % aus.
Nachbargemeinden Der Ort liegt im Osten des Kreises Soest. Im Möhnetal grenzt er an den Hochsauerlandkreis. Die Nachbargemeinden von Norden im Uhrzeigersinn: Erwitte, Geseke, Büren, Brilon, Olsberg, Bestwig, Warstein, Anröchte. Die Stadtgrenze zwischen Brilon und Rüthen wird durch den Hengelsbach gebildet.
Stadtgliederung Rüthen besteht aus folgenden Stadtteilen:Stadt Rüthen: Bevölkerungsstatistik zum 31. Dezember 2021, abgerufen am 20. Februar 2022. Rüthen (4752 Einwohner) Altenrüthen (489 Einwohner) Drewer (729 Einwohner) Hemmern (169 Einwohner) Hoinkhausen (170 Einwohner) Kallenhardt (1627 Einwohner) Kellinghausen (83 Einwohner) Kneblinghausen (258 Einwohner) Langenstraße-Heddinghausen (460 Einwohner) Meiste (343 Einwohner) Menzel (361 Einwohner) Nettelstädt (106 Einwohner) Oestereiden (829 Einwohner) Weickede (38 Einwohner) Westereiden (510 Einwohner)mini|hochkant=1.2|Ortsteile von Rüthen
Geschichte Älteste Spuren, Rentierjäger mini|Durchlochter Eckzahn eines Wolfes oder Hundes, entdeckt in Rüthen-Kallenhardt, Hohler Stein. Der einstige Bestandteil eines Schmuckstückes ließ sich auf die Zeit zwischen 10.800 und 9.600 v. Chr. datieren und befindet sich heute im Archäologiemuseum Herne 2,5 km südwestlich von Kallenhardt befindet sich am linken Ufer des südwärts verlaufenden Lörmecke-Bachs eine 40 m lange Kuppe mit einer Höhlung, dem „Hohlen Stein“. Dieser gilt neben dem Kartstein in der Nordeifel und Remouchamps in den belgischen Ardennen als wichtigster Fundplatz der Ahrensburger Kultur im nördlichen Mittelgebirgsraum. Neben wenigen Artefakten aus der Mittelsteinzeit fanden sich vor allem Überreste aus der Zeit um 10.000 v. Chr., die der besagten Kultur zugeordnet werden, einer Kultur von Rentierjägern in einer Phase wiederkehrender Kälte. Rentierherden zogen durch das Tal des besagten Baches, was sich an zahlreichen Zähnen ablesen lässt. Im westfälischen Bergland kamen die Jungtiere zur Welt. Die durchziehenden Herden wurden an der Engstelle unterhalb des „Hohlen Steins“ von Menschen mit Pfeil und Bogen bejagt, die Knochen der Beutetiere weisen Schnittspuren und Hinweise auf die Gewinnung von Knochenmark auf.Michael Baales: Der „Hohle Stein“ bei Kallenhardt, Stadt Rüthen, Kreis Soest, in: Heinz G. Horn (Hrsg.): Neandertaler + Co. Eiszeitjägern auf der Spur – Streifzüge durch die Urgeschichte Nordrhein-Westfalens. Führer zu archäologischen Denkmälern im Rheinland, 4, Mainz 2006, S. 204–206 (online, PDF).
Römer, Germanen, Frühmittelalter (1. bis 8. Jahrhundert) Im Ortsteil Kneblinghausen entstand um die Zeitenwende, vielleicht auch gegen Ende des 1. Jahrhunderts ein Römerlager, das 1901 entdeckt wurde. Seither wurden dort mehrere Grabungen durchgeführt. Das erste Lager maß etwa 450 × 245 m, in einer zweiten Bauphase verkürzte man den Bau im Osten um ungefähr 130 m. Vermutlich wurde eine ältere germanische Siedlung durch den Bau des Lagers zerstört, vielleicht imitierten die Germanen aber auch römische Befestigungstechnik. Innerhalb des Lagers herrscht Fundleere.Bernhard Rudnick: Das Römerlager Kneblinghausen, Stadt Rüthen, Kreis Soest (= Römerlager in Westfalen, 1), Münster 2008. Das Gebiet der heutigen Stadt Rüthen lag im Grenzgebiet zwischen den Cheruskern im Osten, den Marsen im Süden und den Brukterern im Norden. Im 3. und 4. Jahrhundert sickerten auch Franken in das obere Möhnegebiet ein, wie Scherbenfunde belegen. Zwischen 600 und 700 dominierten die Sachsen. Die etwa vier Hektar umfassende Befestigung auf den Schafsköppen an der Glenne dürfte aus dieser Zeit stammen.
Das Frankenreich unter Karl dem Großen eroberte Sachsen, und der an Rüthen vorbeiführende Haarweg wurde Königsweg (via regia) genannt. Bodenfunde belegen, dass die meisten geschlossenen Dorfsiedlungen an denselben Stellen entstanden, wo sie sich noch heute befinden. Vermutlich war Altenrüthen, das frühere Rüthen (Ruden), von Beginn an die bedeutendste Siedlung. Die Ansiedlung wird erstmals im 2. Drittel des 12. Jahrhunderts in den Urbaren der Abtei Werden und in den Corveyer Traditionen aufgeführt. Altenrüthen ist die älteste Pfarre in diesem Gebiet und war sehr wahrscheinlich schon in karolingischer Zeit Gau- und Marktkirche für den Raum Kallenhardt, Warstein, Belecke, Drewer, Effeln, Langenstraße, Meiste. Die Pfarrkirche in Altenrüthen wurde zwar erst in den Jahren 1664 bis 1667 erbaut, doch stammt ihr Turm aus der Zeit um 1000, wie eine Inschrift besagt. Der mit dem Neubau beauftragte Architekt Nikolaus Tendel wies nach, dass die alte Kirche durch Umbau eines sächsischen Edelsitzes geschaffen worden war. Unter dem Turm der Pfarrkirche wurden 1664 auch Reste eines Opferaltars gefunden, so dass angenommen wurde, dass die Kirche über einer heidnischen Opferstätte errichtet worden war. So war diese Pfarre womöglich die Keimzelle der Christianisierung. Nach dem Kirchenhistoriker Beda hat der heilige Suitbert als erster den Brukterern gepredigt. Er soll auf dem 16 km entfernten Borberg bei Brilon um 700 die erste Kapelle errichtet haben.
Hoch- und Spätmittelalter Namensgeber der heutigen Stadt war das ca. zwei Kilometer westlich gelegene Dorf Altenrüthen, das bis 1200 Ruothino (varia) hieß. Die dortige Pfarrei St. Gervasius und Protasius ist die älteste im Umkreis und wurde in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts als Stammpfarre von der Urpfarre Erwitte aus eingerichtet. Im Jahr 1072 übertrug Erzbischof Anno II. ihre Einkünfte an das neu gegründete Kloster Grafschaft. In Altenrüthen lag ein erzbischöflich kölnischer Haupthof. Diesen hatten die Herren von Rüdenberg zu Lehen.
Im Gebiet des heutigen Rüthen erwarben die Erzbischöfe von Köln ab 1180 als Herzöge von Westfalen zunächst umfangreiches Grundeigentum. Aber auch die Arnsberger Grafen hatten dort erheblichen Besitz.
Am 29. September 1200 wurde Rüthen durch den Kölner Erzbischof Adolf I., der als Herzog von Westfalen das Befestigungsrecht hatte, zur Stadt erhoben und danach kontinuierlich mit Mauern und Gräben befestigt. Offenbar wurde eine bereits vorhandene ältere Höfesiedlung der Grafen von Arnsberg in die Neugründung mit einbezogen. Die planmäßige neue kölnische Stadtanlage zeichnet sich noch heute durch den deutlich sichtbaren Unterschied zwischen dem unregelmäßigen Straßensystem um St. Nikolaus (mit der dort zu vermutenden Villikation) und den regelmäßig und parallel verlaufenden Straßen um St. Johannes (vermutlicher Gründungskern von 1200) ab. Neben dem ältesten schriftlich überlieferten Stadtrecht aus dem späten 13. Jahrhundert behielten aber zunächst die Grafen von Arnsberg nach der Gründung über einige Jahrzehnte noch eine Mitbeteiligung an den Stadteinkünften aus der älteren Höfesiedlung. Diese Privilegierung schwand aber gegen Ende des 13. Jahrhunderts.
Rüthen lag strategisch günstig über dem nördlichen Ufer der Möhne auf einem 38 ha großen Bergvorsprung. Die Gründung der Stadt gehörte zur expandierenden Territorialpolitik der Kölner Erzbischöfe, ihre Position in Westfalen nach der Übertragung des Titels eines Herzogs von Westfalen auszubauen. Die Stadt richtete sich strategisch gegen die Bischöfe von Paderborn, die Grafen von Arnsberg und die Edelherren von Büren. Gesichert werden sollte auch die Verbindung zur größten kölnischen Stadt Westfalens, Soest. Zudem sollte von der neuen Stadt aus insbesondere das Gebiet des Arnsberger Waldes vereinnahmt werden. Anfangs diente der Ort sogar bis in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts als Sitz des Marschalls von Westfalen als Vertreter des Erzbischofs und war damit zeitweise das kölnische Machtzentrum in Westfalen. Der Stadt im Westen vorgelagert wurde daher Anfang des 13. Jahrhunderts eine großflächige Burganlage als Landesburg mit einer beträchtlichen Besatzung erbaut. Die Burgmannschaft bestand aus bis zu 12 Lehnsnehmern des Landesherrn. Bereits in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts spielte die Burg allerdings für die Erzbischöfe keine wichtige strategische Rolle mehr und verfiel. Auf ihrem Gelände entstand seit 1826 der neue Friedhof der Stadt.Cornelia Kneppe: Burgen und Städte als Kristallisationspunkte von Herrschaft zwischen 1100 und 1300. In: Harm Klueting (Hrsg.): Das Herzogtum Westfalen, Bd. 1: Das Herzogtum Westfalen: Das kurkölnische Westfalen von den Anfängen kölnischer Herrschaft im südlichen Westfalen bis zu Säkularisation 1803. Münster 2009, S. 218f.