mini|PSM V44 D647 Einritzungen auf Geweihstücken aus La Madeleine

Die Urgeschichte (Synonyme Vorgeschichte und Prähistorie) ist ein Teilgebiet der Ur- und Frühgeschichte. Sie bezeichnet den ältesten Zeitabschnitt der Geschichte des Menschen, aus dem keine schriftlichen Überlieferungen vorliegen. Die Erforschung der prähistorischen Epochen anhand archaischer Artefakte und deren Befunde ist Aufgabe der Archäologie und ihrer Hilfswissenschaften wie der Paläoanthropologie.

Die Urgeschichte erstreckt sich vom Auftreten der ersten Steinwerkzeuge vor etwa 2,6 Millionen Jahren (vgl. Stammesgeschichte des Menschen) bis zum regional sehr unterschiedlich datierten Auftreten von Schriftzeugnissen.

Die nachfolgende Frühgeschichte ist die Periode, in der zumeist indirekte Schriftquellen und archäologische Quellen gleichwertig zur Rekonstruktion des Geschichtsbildes Verwendung finden. Auf diese folgt die Geschichte im engeren Sinne, in der Erkenntnisse vor allem durch Auswertung schriftlicher Quellen erlangt werden und die materielle Kultur zusätzlich archäologisch erschlossen wird (Mittelalterarchäologie und Historische Archäologie).

Gliederung der Vorgeschichte

Die Urgeschichte bzw. Vorgeschichte wurde 1836 erstmals von dem dänischen Archäologen Christian Jürgensen Thomsen in einem publizierten Dreiperiodensystem in Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit gegliedert. Seine auf Dänisch verfasste Schrift Ledetraad til nordisk Oldkyndighed erschien 1837 in deutscher Übersetzung als Leitfaden zur nordischen Alterthumskunde.Christian Jürgensen Thomsen: Leitfaden zur nordischen Alterthumskunde, Die Gesellschaft, Kopenhagen 1837, S. 35, 45 f., 53, vor allem S. 58–61, wo nach dem Übersetzer auf das „Stein-Zeitalter“ das „Bronze-Zeitalter“ folgte, diesem das „Eisen-Zeitalter“. Dabei entwickelt der Autor im Anschluss eine relative Chronologie anhand der besagten Werkstoffe, aber auch der „Zierathen“, denen er sich auf S. 61–64 widmet (Digitalisat). Diese bis heute gültige Periodisierung bezieht sich auf die Alte Welt. Die historische Zeit beginnt beispielsweise in Nordamerika nicht vor der Entdeckung durch die Spanier.

Der älteste Abschnitt, die Steinzeit, wird in die Altsteinzeit und die mit der Entstehung der Landwirtschaft beginnende Jungsteinzeit gegliedert. Nur in Mittel- und Nordeuropa liegt dazwischen die Epoche der Mittelsteinzeit, die dem jüngeren Epipaläolithikum des Mittelmeerraumes entspricht. Erdgeschichtlich fällt die Altsteinzeit mit dem Pleistozän (Eiszeitalter) zusammen, die folgenden Epochen entsprechen dem Holozän. Das Ende des Pleistozäns bzw. der letzten Eiszeit (Würm III) fand vor etwa zehn Jahrtausenden statt. Ein weiterer tiefer Einschnitt war die Entdeckung der Metallurgie (Kupferzeit). In den meisten Regionen kam es zunächst zur Verarbeitung von Gold und Kupfer und erst später zur Legierung von Bronze (Bronzezeit) und danach zur Eisenverhüttung (Eisenzeit). Durch die Fähigkeit, Metalle mit höheren Schmelzpunkten zu verarbeiten, konnten leistungsstärkere Werkzeuge und Waffen erzeugt werden, was den produzierenden Regionen erhebliche Vorteile verschaffte. Mit der Entwicklung der städtischen Hochkulturen und der Schrift, erstmals in Vorderasien (Sumer), vollzog sich regional der Übergang von der Ur- zur Frühgeschichte.

Steinzeit

Die Steinzeit ist die früheste Epoche der Menschheitsgeschichte und durch die dominierende Überlieferung von Steinwerkzeugen gekennzeichnet. Sie begann – nach heutigem Kenntnisstand – mit den ältesten gefundenen Werkzeugen vor etwa 2,6 Millionen Jahren in Afrika.

Altsteinzeit

Die Altsteinzeit – fachsprachlich Paläolithikum, von ‚alt‘, ‚Stein‘ und ‚-isch‘ – war die erste und längste Periode der Urgeschichte und bezeichnet in Afrika, Europa und Asien jeweils den ältesten Abschnitt der Steinzeit.

Geröllgeräte: Homo rudolfensis und Homo habilis

Die Menschheitsgeschichte begann in Afrika vor ca. 6 Millionen Jahren, als Pongide wie Ardipithecus ramidus den aufrechten Gang entwickelten. Die nachfolgenden Australopithecinen verfeinerten diese Fortbewegungsweise und gelten als Hominoide; aus ihnen gingen schließlich die ersten Vertreter der Gattung Homo hervor: Homo rudolfensis und Homo habilis. Als Kriterium, sie der Gattung Homo zuzurechnen, gilt neben anatomischen Unterschieden zu den Australopithecinen vor allem, dass sie vermutlich schon vor 2,6 Millionen Jahren einfache Steinwerkzeuge (Geröllgerät, sogenannte Choppers und Chopping tools) benutzten. Diese ersten Steinwerkzeuge gehören der Kulturstufe des Oldowan an. Der Zeitabschnitt wird zumeist als Frühpaläolithikum bezeichnet.

Faustkeile: Homo erectus

Homo erectus lebte in jener Kultur, die als Altpaläolithikum (Existenz von Faustkeilen) bezeichnet wird. Schon für seine frühesten Vertreter ist der Gebrauch von Steingeräten nachgewiesen; spätere Individuen nutzten auch das Feuer, wie die 790.000 Jahre alte Fundstelle Gesher Benot Ya’aqov – die älteste sicher datierte – im heutigen Israel belegt.Naama Goren-Inbar et al.: Evidence of Hominin Control of Fire at Gesher Benot Ya'aqov, Israel. In: Science. Band 304, 2004, S. 725–727, doi:10.1126/science.1095443. Vor etwa 1,5 Millionen Jahren wurde in Afrika die Stufe des Acheuléen erreicht. Vor etwa 500.000 Jahren kam diese Technik auch nach Europa. Sie zeichnet sich durch beidseitig zugeschlagene Artefakte aus, die sehr sorgfältig gefertigt wurden.

Homo erectus war so anpassungsfähig, dass er sich von Afrika über Vorderasien einerseits nach Indien, ins heutige China (Peking-Mensch) und nach Südostasien (Java-Mensch) ausbreiten konnte, andererseits nach Süd- und Mitteleuropa (Out-of-Africa-Theorie). Die späten Vertreter von Homo erectus – sie werden häufig zu Homo heidelbergensis gestellt – können bereits als Jäger und Sammler bezeichnet werden, da im Braunkohletagebau Schöningen in Niedersachsen acht hölzerne, mindestens 290.000 Jahre alte Wurfspeere (die Schöninger Speere) entdeckt wurden.

Abschlaggeräte: Homo neanderthalensis

In Europa entwickelte sich aus Homo erectus über die Homo heidelbergensis und Homo steinheimensis genannten Zwischenstufen der Neandertaler, eine an die spezifischen Umweltbedingungen der Eiszeit hervorragend angepasste Art der Gattung Homo. Die Neandertaler stellen sich heute (entgegen früheren Annahmen) als kulturell entwickelt dar: Bei ihnen sind in Mitteleuropa zum ersten Mal kultische Praktiken nachweisbar, so sind unter anderem Bestattungen mit Grabbeigaben belegt (z. B. La Ferrassie). Die Neandertaler entwickelten eine Technik der Steinbearbeitung, bei der nicht mehr nur Kerne aus Feuerstein, Quarzit oder anderen Gesteinen zu Werkzeugen modifiziert wurden, sondern auch die scharfkantigen Abschläge weiterbearbeitet wurden (Breitklingenkulturen). Ein spezieller Fall der Bearbeitung sogenannter „präformierter“ Kerne ist die Levalloistechnik. Worauf das Verschwinden der Neandertaler zurückzuführen ist, ist ungeklärt. Er dürfte langsam von Mitteleuropa nach Westeuropa verdrängt worden sein. Die jüngsten bzw. letzten Neandertalfundstellen befinden sich auf der Iberischen Halbinsel.

Höhlenmalerei, figürliche Kunst und Musik: Homo sapiens

Nicht aus den nach Europa und Asien ausgewanderten, sondern aus den in Afrika verbliebenen Populationen von Homo erectus entwickelte sich in Afrika – zur gleichen Zeit, in der sich in Europa die Entwicklung von Homo erectus zum Neandertaler vollzog – eine neue Menschenform, genannt Homo sapiens. Sie breitete sich, beginnend vor ca. 100.000 Jahren, in einer zweiten Auswanderungswelle der Gattung Homo ebenfalls nach Asien und Europa aus und entwickelte sich zum Menschen der Gegenwart fort. Anhaltspunkte für eine aggressive Verdrängung des Neandertalers durch Homo sapiens sind nicht nachweisbar. In Europa könnten sich die beiden Arten noch vor rund 40.000 Jahren begegnet sein.

Homo sapiens verfeinerte die Methoden der Steinbearbeitung (Schmalklingenkulturen). Bemerkenswert sind die ersten Zeugnisse abstrakten (symbolischen) Denkens, das sich am prägnantesten in den ersten figürlichen Kunstwerken der Menschheit, die in Höhlen der Schwäbischen Alb gefunden wurden und auf etwa 40.000 Jahre datiert sind, zeigt, darunter ist mit dem Löwenmenschen ein Fabelwesen mit menschlichem Körper und dem Kopf eines Höhlenlöwen. Aus derselben Zeit stammen Flöten aus Schwanenknochen, die die Fähigkeit zu musizieren belegen. Weitere Belege für das Kunstschaffen des Homo sapiens im Aurignacien sind die etwas jüngeren Höhlenmalereien, deren älteste auf etwa 35.000 Jahre datiert wurden. Die ältesten bekannten künstlerischen Erzeugnisse sind mit Gravuren verzierte Knochenobjekte aus der Blombos-Höhle in Südafrika, deren älteste auf etwa 77.000 Jahre datiert wurden.Christopher S. Henshilwood et al.: Emergence of Modern Human Behavior: Middle Stone Age Engravings from South Africa. In Science. Band 295, 2002, S. 1278–1280, doi:10.1126/science.1067575. Siehe dazu auch die Abbildung in The Japan Times vom 13. Januar 2002.

Jungsteinzeit

Durch das Ende der letzten Eiszeit verschoben sich die Klimagürtel der Erde nach Norden; sodass sich die Lebensbedingungen in einigen Gebieten deutlich verbesserten und vor allem im Gebiet des Fruchtbaren Halbmonds in Vorderasien eine weitgehend sesshafte Lebensweise ermöglichten. Ein letztmaliges Absinken der Temperaturen in der jüngeren Dryaszeit verschlechterte das Nahrungsangebot wieder und zwang die Menschen, die nicht mehr zur nomadisierenden Lebensweise zurückkehren konnten oder wollten, nach Alternativen zu suchen. Dieser Umstand war die Ursache für die Entstehung der Landwirtschaft. Erste Anfänge liegen bereits im sogenannten Proto-Neolithikum vor 14.000 Jahren. Ab 9500 v. Chr. setzte die organisierte Domestikation von Tieren und Pflanzen ein. Die Entwicklung der produzierenden Wirtschaftsweise brachte tiefgreifende sozioökonomische Veränderungen mit sich, weshalb auch seit dem Archäologen Vere Gordon Childe von der „Neolithischen Revolution“ gesprochen wird. Es gab einige weitere unabhängige Entstehungszentren der Landwirtschaft (zum Beispiel Südchina, Südamerika). Von diesen Zentren breiteten sich die Neuerungen mehr oder weniger schnell aus (nach Mitteleuropa gelangten sie vor ca. 7000 Jahren). Weitere Merkmale der Jungsteinzeit sind die Sesshaftigkeit und die Herstellung von Keramik. Auch in der Steintechnologie gab es Neuerungen; man entdeckte den Schliff von Stein. Die wichtigsten sozialen Auswirkungen der Landwirtschaft sind darin zu sehen, dass durch die höhere Produktivität nicht nur die in der Landwirtschaft tätigen Menschen ernährt werden konnten. Es kam zur Spezialisierung der verschiedensten Berufsgruppen (horizontale Differenzierung) und zur Entstehung von Herrschaft, zunächst in Häuptlingsreichen, dann in Staaten (vertikale Differenzierung).

Kupfersteinzeit

Der Zeitabschnitt zwischen der Jungsteinzeit und der frühen Bronzezeit, in dem Menschen mit dem Kupferbergbau begannen und grundlegende Techniken der Metallurgie erfanden, wird Kupfersteinzeit, Chalkolithikum oder Äneolithikum genannt. Kupfer blieb jedoch knapp und Steinwerkzeuge herrschten weiterhin vor. Ötzi, die Leiche des Mannes vom Tisenjoch, stammt aus der mitteleuropäischen Kupfersteinzeit. Er hatte ein Beil bei sich, dessen Klinge zu 99 % aus Kupfer aus dem Salzburger Land besteht.

Bronzezeit

Bronze, eine metallurgische Legierung von 90 % Kupfer mit 10 % Zinn, wurde Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. erfunden. Sie ist weitaus härter und schnitthaltiger als Kupfer und gibt der Epoche ihren Namen. In Israel ist Bronze ab 3300 v. Chr. belegt. Die Bronzezeit endet in Kleinasien ab 1700 v. Chr. und im Mittelmeerraum spätestens um 1200 v. Chr. mit dem Gebrauch verhütteten Eisens. In Mitteleuropa beginnt die Bronzezeit erst ab 2200 v. Chr. und reicht noch bis 800 v. Chr. Die Hebräer hatten vor allem Bronzewaffen und eroberten Kanaan und die griechischstämmigen Pelischti an der Küste des später nach ihnen benannten historischen Palästina, welche vor allem Eisenwaffen hatten.