mini|Harnwege des Mannes Der Urin (, ), auch Harn genannt, ist ein flüssiges bis pastöses Ausscheidungsprodukt der Wirbeltiere. Er entsteht in den Nieren und wird über die ableitenden Harnwege nach außen geleitet. Die Ausscheidung des Urins dient der Regulation des Flüssigkeits- und Elektrolythaushalts sowie der Beseitigung von Stoffwechselabbauprodukten (Metaboliten), insbesondere der beim Abbau von Proteinen und Nukleotiden entstehenden Stickstoffverbindungen. Die wichtigsten sind Harnstoff, Harnsäure und Kreatinin. Man bezeichnet sie auch als harnpflichtige Stoffe. Die Gesamtheit der im Harn nachweisbaren Metaboliten wird als Urin-Metabolom bezeichnet.Urin metabolomic database

Menschlicher Urin ist eine zumeist gelbe Flüssigkeit. Zahlreiche Krankheiten wirken sich auf seine genaue Zusammensetzung aus, über die eine Urinuntersuchung Aufschluss gibt.

Die natürliche Harnentleerung wird in der Medizin Miktion genannt.Miktion. Duden online. In der Allgemeinsprache existieren neben „Urinieren“ und „Wasserlassen“ viele weitere Synonyme.Eine Auswahl der fachsprachlichen Synonyme findet sich bei Duden online unter urinieren.

Etymologie Das Wort Urin geht auf zurück.Urin. Duden online. Mit der Bedeutung ‚Harn‘ ging das lateinische Wort, nachdem die Medizinschule von Salerno im Hochmittelalter die Harnuntersuchung als diagnostische Methode entwickelt hatte, aus der Sprache der Ärzte in viele europäische Sprachen über.Siehe Eintrag Altfranzösisch ist bereits im 12. Jahrhundert belegt, im Englischen erst um 1325 ( in der Bedeutung ‚Gefäß für Harnuntersuchungen‘ hier jedoch schon um 1275). Im Deutschen wurde der Begriff erstmals im 15. Jahrhundert – also im Frühneuhochdeutschen – verwendet. Seither hat das Wort die älteren deutschen Bezeichnungen zunehmend verdrängt.

Das ältere deutsche Wort Harn (im Mittelalter gelegentlich harmVgl. etwa Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 398.Vgl. auch Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben. Niemeyer, Tübingen 2003 (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50), ISBN 3-484-36050-X, S. 388 (harmen ‚harnen‘). oder harm-brunneMatthias Lexer: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. 38. Auflage. neubearbeitet von Ulrich Pretzel. Salomon Hirzel Verlag, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1992, ISBN 3-7776-0493-3, S. 82.) ist seit dem Althochdeutschen bezeugt und unverändert in Gebrauch, allerdings nur im Hochdeutschen. Andere regionale Bezeichnungen sind häufig tabuisiert oder gelten gemeinsprachlich oft als anstößig. Dazu zählen die oberdeutschen Ausdrücke Brunz (vgl. auch Brunnen als Euphemismus im 16. Jahrhundert für HarnKarl Ludwig Sailer: Die Gesundheitsfürsorge im alten Bamberg. Dissertation, Erlangen 1970, S. 51.) und Seich,Vgl. etwa (hirzseich: Urin vom Hirsch). das ursprünglich niederdeutsche Wort Pisse (auch im mittelhochdeutschen Verb pissenVgl. etwa Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben. Niemeyer, Tübingen 2003 (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50), ISBN 3-484-36050-X, S. 395. für ‚harnen‘) oder kindersprachlich Pipi, ebenso SchiffeSchiffe. In: Duden online. (Verb: schiffen) und (österreichisch) kindersprachlich Lulu.Lulu. In: Duden online.

Geschichte Um die Wende vom 6. zum 7. Jahrhundert verfasste Alexander von Tralleis eine Abhandlung über den Urin.Malte Stoffregen: Eine frühmittelalterliche lateinische Übersetzung des byzantinischen Puls- und Urintraktats des Alexandros. Text, Übersetzung, Kommentar. Medizinische Dissertation FU Berlin 1977. Petrus Pomarius Valentinus veröffentlichte 1476 sein Buch Articella mit fünf Kapiteln, darunter der Aufsatz Liber de urinis (‚Buch vom Urin‘; wörtlich: ‚Buch über die Urine‘) von Theophilus Protospatharius (7. Jahrhundert).Petrus Pomarius Valentinus: Articella nuperrime impressa cum complurimis tractatibus pristine impressioni superadditis, ut patet in pagina sequenti. 1476; 18. Auflage 1534, Druck von Antonius du Ry, Lyon 1525.

Theorien der Harnbereitung Die Theorien der HarnbereitungSo die Kapitelüberschrift im Inhaltsverzeichnis auf Seite 1 in: Franz Volhard: Die doppelseitigen hämatogenen Nierenerkrankungen. In: Gustav von Bergmann, Rudolf Staehelin (Hrsg.): Handbuch der inneren Medizin. 2. Auflage. 6. Band, 1. Teil. Verlag von Julius Springer, Berlin/Heidelberg 1931, S. V und 1.Franz Volhard, in: Handbuch der inneren Medizin. Julius Springer Verlag, 3. Band, 2. Teil: Mundhöhle und Speiseröhre, Magen, Darm, Peritoneum, Nieren, Nierenbecken und Harnleiter, Berlin/Heidelberg 1918, S. 187–1911, mit 245 teils farbigen Abbildungen und drei farbigen Tafeln, darin: Die doppelseitigen hämatogenen Nierenerkrankungen (Bright’sche Krankheit) von Franz Volhard, davon erschien 1918 ein Separatdruck, VIII, 576 Seiten, mit 24 meist farbigen und 8 farbigen Tafeln (Nachdruck: ISBN 978-3-662-42272-4). („Erklärung der Harnabsonderung“Carl Ludwig: Lehrbuch der Physiologie des Menschen. 2. Band: Aufbau und Verfall der Säfte und Gewebe. Thierische Wärme. 2. Auflage. C. F. Wintersche Verlagshandlung, Heidelberg 1861. Reprint: ISBN 978-0-282-31423-1, S. 425. und damit die Erklärungsversuche für Anurie, Oligurie und Polyurie) haben eine lange Geschichte.Johanna Bleker: Die Geschichte der Nierenkrankheiten. Boehringer Mannheim 1972.

Leonhart Fuchs (1501–1566) erkannte die paarige Niere als Sieb oder Filter. Andreas Vesalius (1514–1564) veröffentlichte 1543 in Basel in seinen sieben Büchern De humani corporis fabrica libri septem auf Seite 515 im fünften Buch eine offenbar symbolische Abbildung des Filters in der Niere (, horizontal über die gesamte Nierenbreite mit etwa 50 Löchern).In einer ähnlichen Abbildung hat das horizontale Sieb etwa 60 Löcher. Quelle: Carmen Thomas: Ein ganz besonderer Saft – Urin. Bertelsmann, Köln 1993, Abbildung S. 99. Irrtümlich wird die Zeichnung dem Aristoteles statt der Schrift De humani corporis fabrica libri septem von Andreas Vesalius zugeschrieben. – Auch Johanna Bleker verwendet auf Seite 53 diese Abbildungen (mit lateinischer Original-Erläuterung).Christian Mürner: Die Nieren zu beiden Seiten. In: Diatra. 31. Jahrgang, Nr. 1, 2021, S. 76–79.Andreas Vesalius: doi:10.3931/e-rara-20094 (2. Auflage ebenda 1555; Neudruck Brüssel 1970). Liber V Caput X Pagina 515: de renibus, S. 514–517. „Mit diesem Bild veranschaulicht Vesal die wegen ihrer anatomischen Unhaltbarkeit von ihm angegriffene These, daß die Niere durch ein Sieb in zwei Hälften getrennt sei.“Johanna Bleker: Die Geschichte der Nierenkrankheiten. Boehringer Mannheim 1972, S. 53. Oberhalb des symbolischen Siebes münden Vene und Arterie in einen Hohlraum, unterhalb des Siebes sammelt sich der Urin zum Abfluss in den Harnleiter.

John Blackall (1771–1860) hielt die Nieren für Drüsen mit einer elektiven Kraft, „die in der Lage ist, was immer dem Blute schädlich ist, davon abzutrennen.“John Blackall: Observations on the Nature and Cure of Dropsies, and particularly on the Presence of the Coagulable Part of the Blood in Dropsical Urine. London 1813, S. 271.Johanna Bleker: Die Geschichte der Nierenkrankheiten. Boehringer Mannheim, Mannheim 1972, S. 83.Gustav von Bergmann, Walter Frey, Herbert Schwiegk (Hrsg.): Handbuch der inneren Medizin. 4. Auflage. 8. Band, Nieren und ableitende Harnwege: Die hämatogenen Nierenerkrankungen, die ein- und beidseitig auftretenden Nierenkrankheiten, Erkrankungen der Blase, der Prostata, der Hoden und Nebenhoden, der Samenblasen. Funktionelle Sexualstörungen. Bearbeitet von Walter Frey und Friedrich Suter. Springer-Verlag, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1951, S. 11 f. Der österreichische Anatom Josef Hyrtl (1810–1894) bezeichnete eine Niere analog als Seihe („seyhe“, Seiher) oder Sieb. Friedrich August Walter sprach im Jahr 1800 allgemein vom „Absonderungsgeschäft der Niere“ beziehungsweise vom „Absonderungsgeschäft des Harns“.Friedrich August Walter: Einige Krankheiten der Nieren und Harnblase untersucht und durch Leichen-Oeffnungen bestätigt. Matzdorff Verlag, Berlin 1800, S. 18 f. (Digitalisat).

William Bowman (1816–1892) behauptete noch 1842 irrtümlich, die glomerulären Kapillargefäße scheiden Wasser aus, welches die von den Tubuli sezernierten festen Stoffe wegspüle.Theodor Fahr: Pathologische Anatomie des Morbus Brightii. In: Friedrich Henke, Otto Lubarsch (Hrsg.): Handbuch der speziellen pathologischen Anatomie und Histologie. 6. Band (Harnorgane, männliche Geschlechtsorgane), 1. Teil (Niere); bearbeitet von Thomas Fahr, Georg B. Gruber, Max Koch, Otto Lubarsch und O. Stoerk. Verlag von Julius Springer, Berlin 1925, S. 156–472, Zitat S. 161.Heinz Valtin: Funktion der Niere. Schattauer Verlag, Stuttgart / New York 1978, ISBN 3-7945-0556-5, S. 6.William Bowman: On the structure and use of the malpighian bodies of the kidney, and observations on the circulation through that gland. In: Philosophical Transactions of the Royal Society. Band 132, (London) 1842, S. 57. August Pütter stellte 1926 seine „Dreidrüsentheorie der Harnbereitung“ vor;August Pütter: Dreidrüsentheorie der Harnbereitung. Verlag von Julius Springer, Berlin 1926. Zitiert und erklärt in: August Pütter: Die Sekretionsmechanismen der Niere. Walter de Gruyter Verlag, Berlin / Leipzig 1929. er postulierte die Existenz von Stickstoffdrüsen, Salzdrüsen und Wasserdrüsen ohne Übereinstimmung mit der glomerulären Filtration, der tubulären Sekretion und der tubulären Rückresorption.Ferdinand Lebermann: Der Wasserversuch und seine klinische Bedeutung. In: Ergebnisse der inneren Medizin und Kinderheilkunde. 38. Band. Verlag von Julius Springer, Berlin 1930, S. 355–436, Zitat S. 374. Vielmehr findet nach August Pütter der Stoffaustausch in der Niere durch Invasion, Resorption, Evasion und Exkretion oder Sekretion statt.Franz Volhard: Die doppelseitigen hämatogen Nierenerkrankungen. In: Gustav von Bergmann, Rudolf Staehelin (Hrsg.): Handbuch der inneren Medizin. 2. Auflage. 6. Band, 1. Teil. Verlag von Julius Springer, Berlin / Heidelberg 1931, Kapitel: „Pütters Dreidrüsentheorie.“ S. 40–45, Zitat S. 41. Nach der Lehre des Moskauer Mediziners K. Buinewitsch werden Wasser und Kochsalz durch die Tubuli und die übrigen Harnbestandteile durch die Glomeruli ausgeschieden.Ferdinand Lebermann: Der Wasserversuch und seine klinische Bedeutung. In: Ergebnisse der inneren Medizin und Kinderheilkunde. 38. Band. Verlag von Julius Springer, Berlin 1930, S. 355–436, Zitat S. 374.Kasimir-Adam Buinewitsch: Zur Frage der chloropriven Azotämie. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift, 60. Jahrgang, Nummer 43, 26. Oktober 1934, S. 1651. doi:10.1055/s-0028-1130244.