mini|hochkant=0.8|Ursula K. Le Guin (1995) Ursula Kroeber Le Guin [] (* 21. Oktober 1929 in Berkeley, Kalifornien als Ursula Kroeber; † 22. Januar 2018 in Portland, Oregon) war eine US-amerikanische Autorin hauptsächlich phantastischer Literatur, aber auch politischer Utopien. Bekannt ist sie vor allem durch die Science-Fiction-Romane des Hainish-Zyklus und die Fantasy-Romane der Erdsee-Welt.
Leben Ursula Kroeber war die Tochter der Schriftstellerin und Anthropologin Theodora Kroeber, Autorin von Ishi in Two Worlds, der Biografie des letzten Überlebenden der Yahi-Indigenen, und des Professors für Anthropologie Alfred Louis Kroeber. Väterlicherseits stammte die Familie aus Kröbern in Thüringen. Die Vorfahren der Mutter, deren Geburtsname Kracaw war, waren Anfang des 19. Jahrhunderts in die USA eingewandert.Theodora Kroeber: Alfred Kroeber: A Personal Configuration. University of California Press, Berkeley 1970, ISBN 0-520-01598-3, S. 5, 121. Während der Schulzeit wohnte die Familie in der Nähe des Campus der University of California, Berkeley, wo Kroeber die Berkeley High School besuchte. Die Sommermonate verbrachte die Familie in ihrem Anwesen „Kishamish“ im Napa Valley.
Sie begann schon früh zu schreiben. In einem ihrer wenigen autobiographischen Essays schreibt sie über den Eindruck, den Lord Dunsanys A Dreamer’s Tale auf die kindliche Leserin machte, wie sie mit acht Jahren ihre erste Geschichte von einem Mann schrieb, der von übelwollenden Elfen verfolgt wird, und wie sie mit 11 Jahren eine erste Zeitreisegeschichte an Amazing Stories sandte, die abgelehnt wurde. Sie las viel; es gab ein Haus voller Bücher und eine gute öffentliche Bibliothek. Science-Fiction las sie aber für lange Zeit nicht mehr – „I was busy with Tolstoy and things“, außerdem gab es immer nur die Geschichten von den Raumschiffkapitänen mit kantigen Gesichtern und seltsamen Waffen – es war die goldene Zeit der Space Operas – erst 1960 oder 1961 auf Anregung eines Freundes rezipierte sie eine Erzählung von Cordwainer Smith, die sie davon überzeugte, dass man es machen könne, das heißt, dass es Science-Fiction von Interesse gibt und dass man dergleichen auch schreiben könnte.Ursula K. Le Guin: A Citizen of Mondath. In: Susan Wood (Hrsg.): The Language of the Night : Essays on Fantasy and Science Fiction. New York 1993, S. 20–23.
Zunächst kamen aber Schule und Studium. Nach der High School ging Kroeber an die Ostküste und studierte Literatur am Radcliffe College in Cambridge, wo sie 1951 den Bachelor erwarbUrsula Kroeber: The metaphor of the rose as an illustration of the "carpe diem" theme in French and Italian poetry of the Renaissance. Thesis, Radcliffe College 1951, . und mit einer Mitgliedschaft bei Phi Beta Kappa ausgezeichnet wurde. Anschließend setzte sie ihre Studien der italienischen und französischen Renaissance an der Columbia University in New York fort, wo sie Faculty Fellow war und mit einer Arbeit über Pierre de Ronsard 1952 mit dem Master abschloss.Ursula Kroeber: Aspects of death in Ronsard's poetry. Columbia University, 1952, . Den Hintergrund der mediterranen Renaissance-Welt verwendete sie später in ihren Geschichten aus Orsinien und in Malafrena. Mehrere Fulbright-Stipendien erlaubten ihr Forschungsaufenthalte in Paris (1953–1954) und London (1968–69 und 1975–76). In Frankreich lernte sie 1953 ihren späteren Ehemann kennen, den Professor für Geschichte Charles A. Le Guin. Im Dezember 1953 heirateten Kroeber und Le Guin. Mit ihrem Mann hatte sie zwei Töchter (geb. 1957 und 1959) und einen Sohn (geb. 1964).
Le Guin unterrichtete in den folgenden Jahren Französisch an der Mercer University in Macon, Georgia und an der University of Idaho in Moscow. 1955 war sie Department Secretary (stellvertretende Fachbereichsleiterin) an der Emory University in Atlanta. Die Familie ließ sich schließlich 1958 an der Westküste in Portland, Oregon nieder, wo ihr Mann an der Portland State University unterrichtete.
Im September 1962 erschien im SF-Magazin Fantastic Stories of Imagination eine erste Erzählung, April in Paris. Ihr erster Roman, Rocannon’s World, erschien 1966. Die folgenden Jahre bis 1974 waren die schriftstellerisch produktivsten, in denen die meisten ihrer bekanntesten Werke, vor allem der Großteil der Romane aus den Hainish- und Erdsee-Zyklen erschienen. Bald schon folgte auch Anerkennung, sie gewann Preise, ihre Bücher wurden enthusiastisch besprochen und ihre Kurzgeschichten fanden den Weg in wichtige Anthologien.
mini|Le Guin mit Harlan Ellison auf der Westcon 1984 Neben ihren belletristischen Werken verfasste sie eine Reihe von literaturkritischen und theoretischen Arbeiten und war immer wieder Dozentin in Lehrveranstaltungen und Workshops für Kreatives Schreiben, unter anderem an der Pacific University, Forest Grove, Oregon (1971), University of Washington, Seattle (1971–1973), Portland State University, Oregon (1974, 1977, 1979), in Melbourne, Australien (1975), an der University of Reading in England (1976), der Indiana Writers Conference in Bloomington (1978, 1983), am Beloit College (1991–1992), an der University of California in San Diego (1979) und über viele Jahre an der Portland State University.
Im Januar 2018 starb Le Guin im Alter von 88 Jahren in ihrem Heim in Portland.
Werk
Le Guin beschrieb ihre Arbeitsweise einmal folgendermaßen als eine Art visionären Prozess bzw. visionäre Aufgabe:
Das heißt, die bestimmenden Elemente in Le Guins Werken sind die Protagonisten als Teil und in Beziehung zu der sie umgebenden Welt. Dementsprechend lassen sich ihre Erzählungen in vier Hauptgruppen einteilen, entsprechend den vier fiktiven Welten Le Guins, denen ein Großteil ihrer Werke zugeordnet werden kann. Diese sind die Science-Fiction-Welt des Hainish-Zyklus, die Fantasy-Welt der Erdsee-Romane, das fiktive, zentraleuropäische Land Orsinien und mini|hochkant|Ursula K. Le Guin (2008)die amerikanische Westküste, in einer nahen, nicht näher bestimmten Zukunft.
Le Guin hatte wenig übrig für die Aufteilungen und Abgrenzungen, die mit den Genrebegriffen der Science-Fiction verbunden sind, wie sie in ihrem Essay Genre: A Word Only the French Could Love formulierte.Genre: A Word Only the French Could Love. In: Pat Murphy, Karen Joy Fowler, Debbie Notkin, Jeffrey D. Smith (Hrsg.): The James Tiptree Award Anthology 1. Tachyon Publications, 2005, ISBN 1-892391-19-8, S. 61–71. Deutsch als: Genre: ein Wort, das eigentlich nur etwas für Franzosen ist. In: Hannes Riffel (Hrsg.): Pandora. Frühjahr 2007. Shayol, ISBN 978-3-926126-69-6. Dabei beanstandet sie vor allem Genre-Zuordnungen, wenn sie als Merkmal literarischer Qualität missbraucht werden:
Ansonsten hält sie Genre-Zuordnung in vielen Fällen für durchaus nützlich, vor allem für den Leser. Aber:
Dennoch exemplifizierte sie die Genre-Unterscheidungen in ihren vier Welten geradezu schulbuchmäßig, etwa entsprechend Samuel R. Delanys Definition, nach der ein Bericht schildert, was geschehen ist, ein realistischer Roman etwas, was hätte geschehen können, die Science-Fiction das, was nicht geschehen ist (aber geschehen könnte), und die Fantasy schließlich das, was nicht geschehen könnte – außer, wenn alles geschehen kann.Vgl. Samuel R. Delany: About Five Thousand One Hundred and Seventy Five Words. In: Thomas D. Clareson (Hrsg.): SF: The Other Side of Realism. Bowling Green University Popular Press, Bowling Green, OH 1971, S. 141.
Neben Romanen und Kurzgeschichten schrieb Le Guin mehrere Kinderbücher, zahlreiche Essays, Literaturrezensionen und übersetzte Lao Zis Daodejing.
Fiktive Welten
Welt der Ökumene (Hainish-Zyklus)
Die „Ökumene“ (im Original Ekumen) ist ein relativ loser Verbund von bewohnten Welten, die vor langer Zeit von den Humanoiden der Welt Hain besiedelt wurden. Zu diesen Welten gehört auch Terra, die Erde, die Menschen sind also Nachfahren hainischer Kolonisten. Der Kontakt ging mit dem Niedergang der hainischen Zivilisation verloren und wurde erst wiederhergestellt, als interstellare Raumfahrt erneut möglich wurde. Es gibt allerdings keinen überlichtschnellen Antrieb, weshalb Reisen und auch der Austausch von Nachrichten zunächst Jahre dauern, auch wenn aufgrund der Zeitdilatation den Reisenden selbst die Zeit wesentlich kürzer erscheint. Erst durch die Erfindung des Ansible, eines interstellaren Kommunikators, der den Austausch von Nachrichten ohne Zeitverzögerung möglich macht – der Hintergrund der Erfindung wird im Roman The Dispossessed geschildert – wird eine engere Zusammenarbeit und ein Austausch und damit die Ökumene als Zusammenschluss der bewohnten Welten erst möglich.
Es handelt sich bei den Erzählungen aus dem Ekumen-Universum also um Science-Fiction im klassischen Sinn: Akzeptiert man die Voraussetzungen (also etwa die Möglichkeit instantaner Kommunikation über interstellare Entfernungen oder von Telepathie), so folgt alles Weitere durchaus den Linien des realistischen Romans.
Erdsee
Weniger klar verhält es sich mit der Welt der Erdsee. Zwar gibt es Zauberer und Drachen, also zwei klassische Elemente der Fantasy. Es kann allerdings nicht in jedem Augenblick alles passieren, vielmehr unterliegt die Magie Regeln, die – entsprechende Begabung vorausgesetzt – erlernt werden können, und zwar in der Schule der Magier auf der Insel Rok. Zentral für deren Studium ist die Kenntnis der wahren Namen der Dinge, die der wahren, ursprünglichen und einzigen Sprache entstammen. Diese magische Sprache ist zugleich die Muttersprache der Drachen, die dadurch magische Geschöpfe schlechthin sind. Das Inselreich der Erdsee wird von verschiedenen Völkern bewohnt, mit von Insel zu Insel verschiedenen Sitten und Gebräuchen. Es gibt Rok als kulturelles Zentrum und den jährlichen Langtanz als auf fast allen Inseln geübtes Ritual, doch diese kulturelle Klammer ist relativ lose. Weiterhin gibt es eine nicht im Einzelnen ausgeführte, aber immer wieder angedeutete Geschichte des Inselreichs und es gibt ein Königtum, das allerdings zu dem Zeitpunkt, als Der Magier der Erdsee beginnt, schon lange erloschen ist. Der Magier der Erdsee ist der erste Band der für den Erdsee-Zyklus zentralen Trilogie, die weiteren Bände sind Die Gräber von Atuan und Das ferne Ufer. Der Protagonist dieser drei Romane ist Ged, genannt Sperber, und die Romane schildern die Laufbahn Geds vom Ziegenhirten auf der Berginsel Gont bis zum Erzmagier der Erdsee.
Man hat also eine konsistente Welt, deren Grundvoraussetzungen ganz andere sind als die der uns bekannten Welt. Allerdings gibt es ja durchaus zahlreiche menschliche Gemeinschaften und Kulturen, in denen Magie für eine existierende, wirkende Macht gehalten wird. In der Le Guinschen Erdsee kommt zu einer derartigen Weltsicht dann das offensichtlich, sehr handgreifliche „Funktionieren“ solcher Magie.
Ein zentrales Thema der Fantasy ist der Einbruch des völlig Unbekannten, des Namenlosen, in die geordnete, benannte Welt der High Fantasy. Diese Konfrontation ist Thema in Der Magier der Erdsee, wo Ged als Student der Magie unbeabsichtigt ein finsteres, namenloses Wesen heraufbeschwört, das ihn fortan verfolgt und seine gesamte Existenz zu verschlingen droht, und ebenso im dritten Roman Das ferne Ufer, wo die Magie insgesamt bedroht ist und zu verlöschen droht, und damit auch die Kultur des Inselreichs vor dem Untergang steht. Der Einbruch des Unbekannten ist hier buchstäblich Folge einer Grenzüberschreitung, indem nämlich die Grenze zwischen dem Ort der Lebenden und dem Reich des unumkehrbaren, unwiderruflichen Todes durchbrochen wird. Durch die so entstandene Bresche blutet die Welt der Magie aus und Ged gelingt es nur unter Aufbietung seiner sämtlichen Kräfte und mit Hilfe des künftigen Königs, die Lücke wieder zu schließen und die Welt der Magie zu restituieren.
Die Westküste
Orsinien
Auszeichnungen