mini|hochkant|Joan Miró, Barcelona, 1935. Fotoporträt von Carl Van Vechten rechts|rahmenlos
Joan Miró i Ferrà [] (* 20. April 1893 in Barcelona, Katalonien, Spanien; † 25. Dezember 1983 in Palma) war ein spanisch-katalanischer Maler, Grafiker, Bildhauer und Keramiker.
Seine frühen Werke weisen, aufbauend auf der katalanischen Volkskunst, Einflüsse des Kubismus und des Fauvismus auf. Von Anfang bis Mitte der 1920er Jahre vollzog er in Paris, beeinflusst von den dort herrschenden Kunstströmungen des Dadaismus und Surrealismus, den grundlegenden Stilwechsel, der ihn von der Gegenständlichkeit wegführte. Miró gehört als Vertreter der Klassischen Moderne mit seinen fantasievollen Bildmotiven zu den populärsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Seine magischen Symbole für Mond, Sterne, Vogel, Auge und Frau zählen zu den bekanntesten Elementen seiner Kunst. Das verstörende Spätwerk, wie beispielsweise die Serie Toiles brûlées („Verbrannte Leinwände“) war eine inszenierte Zerstörung, ein Protest gegen die Kommerzialisierung der Kunst und ein Ausdruck seiner Forderung, die „Malerei zu ermorden“. Im öffentlichen Raum schmücken beispielsweise seine Keramikwände das UNESCO-Gebäude in Paris und das Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen am Rhein, Monumentalskulpturen von ihm sind unter anderem auf Plätzen in Barcelona und Chicago aufgestellt.
Leben Kindheit und Ausbildung mini|Joan Miró (rechts) mit den Eltern und der um vier Jahre jüngeren Schwester Dolors, Foto um 1903
Joan Miró wurde 1893 als Sohn des Goldschmieds und Uhrmachers Miquel Miró i Adzerias aus Cornudella de Montsant und seiner Frau Dolors Ferrà di Oromí, Tochter eines Kunsttischlers aus Palma, in Barcelona geboren. Sein Geburtshaus lag in der Passatge del Credit 4 in der Altstadt Barcelonas, wo sein Vater ein Geschäft für Goldschmiedekunst und Uhren betrieb.Ortrud Westheider: Joan Miró. Ein Leben unter Dichtern. In: Marion Ackermann (Vorw.): Miró. Malerei als Poesie. Bucerius Kunst Forum, Hamburg, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf (Hrsg.), Hirmer, München 2015, ISBN 978-3-7774-2396-8, S. 216. mini|hochkant|links|Plakette an Mirós Geburtshaus in Barcelona, Passatge del Crèdit 4 Als Kind begann er zu zeichnen – die frühesten erhaltenen Zeichnungen stammen aus dem Jahr 1901 – und stieß damit auf Ablehnung des kleinbürgerlich gesinnten Vaters, der für diese Beschäftigung kein Verständnis aufbrachte. Nachdem er 1907 wegen schlechter Zensuren das Gymnasium hatte verlassen müssen, begann Miró auf Wunsch des Vaters eine kaufmännische Ausbildung, nahm jedoch bis 1910 zusätzlich Kunstunterricht an der Kunstakademie „La Llotja“ in Barcelona, an der Pablo Picassos Vater José Ruiz Blasco Picasso gelehrt hatte und Pablo Picasso selbst neun Jahre zuvor Schüler gewesen war. Seine Lehrer dort waren Modest Urgell und Josep Pascó.Janis Mink: Joan Miró. Taschen, Köln 2006, S. 10.
Von 1910 bis 1911 arbeitete Miró zunächst als Buchhalter in der Drogerie Dalmau Oliveras S.A. Nach einem Nervenzusammenbruch und einer Typhuserkrankung gab er den kaufmännischen Beruf auf und zog zur Genesung in den neu erworbenen Bauernhof seiner Familie nach Mont-roig del Camp bei Tarragona. Der Widerstand gegen eine künstlerische Ausbildung schwand, und Miro durfte sich an der privaten Kunstschule „Escola d’Art“ von Francesc Galí einschreiben, die er von 1912 bis 1915 besuchte. Galí hielt seinen Schüler für hochbegabt, wie er dem Vater bei einem seiner wöchentlichen Besuche erklärte.Hans Platschek: Joan Miró. Rowohlt, Reinbek 1993, S. 12–15. Galí führte seine Schüler in die moderne französische Kunst ein und in die Architektur des Antoni Gaudí, Barcelonas berühmten Künstler des Modernisme.
Im Jahr 1912 besuchte er eine Ausstellung kubistischer Malerei in der Galerie Dalmau in seiner Heimatstadt, wo er die Werke von Marcel Duchamp, Albert Gleizes, Juan Gris, Marie Laurencin, Fernand Léger und Jean Metzinger kennenlernte. Von 1913 bis 1918 besuchte Miró die freie Zeichenakademie des „Cercle Artístic de Sant Lluc“. Diese forderte die Abkehr vom Modernisme und Rückkehr zum Klassizismus unter Berücksichtigung des mediterranen Erbes; Avantgarde-Künstler wurden nur bedingt akzeptiert.Janis Mink: Joan Miró, S. 14 f.
Erster Weltkrieg – Mirós erste Einzelausstellung 1918 mini|Katalog zu Mirós erster Einzelausstellung, 1918 Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs musste Miró ab 1915 Militärdienst leisten. Wer es sich leisten konnte, pflegte sich damals vom Militärdienst freizukaufen; der Vater zahlte jedoch nur einen relativ geringen Betrag, der immerhin ausreichte, den Wehrdienst des Sohnes auf insgesamt zehn Monate, verteilt auf mehrere Jahre, zu verkürzen. Miró verzweifelte gelegentlich an seiner Arbeit: „Ich verfügte nicht über die bildnerischen Mittel, um mich auszudrücken und fühlte mich deshalb elend. Manchmal schlug ich, verzweifelt wie ich war, den Kopf gegen die Wand“, zitierte ihn später Michel Leiris.Michel Leiris: Joan Miró. In Documents, 5. Oktober 1929; zitiert nach Hans Platschek: Joan Miró, S. 19. Im selben Jahr richtete Miró sich gemeinsam mit E. C. Ricart in der Calle Baja de San Pedro 51 in Barcelona ein erstes Atelier ein. 1916 lernte er den Kunsthändler Josep Dalmau kennen, der nunmehr sein Förderer wurde,Thomas Krens (Vorwort): Rendezvous. Masterpieces from the Centre Georges Pompidou and the Guggenheim Museums. Guggenheim Museum Publications, New York 1998, S. 671. und ein Jahr später Maurice Raynal sowie Francis Picabia, dessen 1917 gegründetes Magazin 391 Miró mit dem Dadaismus vertraut machte. Noch im selben Jahr begann er sich für moderne Dichtung zu interessieren. In der von Pierre Reverdy herausgegebenen Literaturzeitschrift Nord-Sud sah er erstmals die Bildgedichte von Guillaume Apollinaire, der 1917 zum ersten Mal den Begriff Surrealismus prägte. Mirós Schaffen war in den folgenden Jahren zudem stark von den Fauves und den französischen Kubisten beeinflusst. Im Februar 1918 fand in den Galerías Dalmau in Barcelona Mirós erste Einzelausstellung statt, die 60 Landschaftsgemälde und Stillleben umfasste. Im selben Jahr gründete er zusammen mit Ricart, J. F. Ràfols, Francesc Domingo, Rafael Sala – später kam Josep Llorens i Artigas dazu – die Gruppe Courbet (Agrupació Courbet), benannt nach Gustave Courbet, dessen Radikalität sie bewunderten. Der Name stand für den Wunsch, als progressive Künstler innerhalb Barcelonas zu gelten und die katalanische klassizistische Kunstströmung des Noucentisme zu überwinden. Ihre gemeinsamen Ausstellungen lebendiger, farbenfroher Werke verliefen jedoch wenig erfolgreich.Janis Mink: Joan Miró, S. 18–20.
Aufenthalte in Paris und Mont-roig del Camp mini|Mas Miró, das Haus der Familie Miró in Mont-roig del Camp. Das Foto zeigt das Gebäude aus der Perspektive des Gemäldes Der Bauernhof, geschaffen 1921/22. Im März 1919Uwe M. Schneede: Die Kunst des Surrealismus: Dichtung, Malerei, Skulptur, Fotografie, Film. C. H. Beck, München 2006, ISBN 978-3-406-54683-9. S. 87 und Platschek, S. 46 (Mehrere Quellen geben auch das Jahr 1920 als das Jahr des ersten Parisbesuchs an). reiste Miró das erste Mal für einige Monate nach Paris, wo er Pablo Picasso in dessen Atelier aufsuchte. Letzterer erwarb von seinem jüngeren Landsmann ein in diesem Jahr gemaltes Selbstbildnis. Für die Zeitschrift L’Instant entstand sein erstes Plakat, viele weitere sollten folgen. Ende 1920 bezog er in der rue Blomet 45 in Paris ein Atelier; mit seinem Nachbarn, André Masson, schloss er bald Freundschaft. Sie lebten in kärglichen Verhältnissen, doch im Gegensatz zu Masson kleidete sich Miró bürgerlich, wählte zum Ausgehen weiße Gamaschen und trug ein Monokel, als ob er die Firma seines Vaters übernommen hätte.Hans Platschek: Joan Miró, S. 46 ff. Die Kunstmetropole zog ihn an, gleichwohl blieb er seiner katalanischen Heimat stets verbunden. Daher lebte Miró abwechselnd im Sommer in Mont-roig del Camp, Spanien, und im Winter in Paris, wo er sich den Dichtern Max Jacob, Pierre Reverdy und Tristan Tzara zugesellte und an Dada-Aktivitäten teilnahm.
mini|links|Die Einsiedelei Sant Ramon auf dem Berg Mare de Déu de la Roca bei Mont-roig del Camp, ein Ort, den Miró oft aufsuchte, um zu malen. mini|Die Eingangsseite vom Mas Miró
Im Jahr 1921 organisierte Josep Dalmau Mirós erste Einzelausstellung in Paris, die in der „Galerie la Licorne“ gezeigt wurde. Da sie erfolglos verlief, konnten seine materiellen Schwierigkeiten nicht abgewendet werden. Zwei Jahre später machte er Bekanntschaft mit Henry Miller, dessen Buch The Smile at the Foot of the Ladder er später illustrieren sollte, sowie mit Ernest Hemingway, der sich ebenso wie Miller zu dieser Zeit in Paris aufhielt; Hemingway lieh sich Geld, um 1925 Mirós Gemälde Der Bauernhof (1921/22) zu erwerben.Zitiert nach der Biografie der Miró-Stiftung, Barcelona. 1923 war er mit einigen seiner Werke an der Ausstellung im Salon d’Automne beteiligt. Durch André Masson lernte Miró im Jahr 1924 die Surrealisten Louis Aragon, André Breton und Michel Leiris kennen und schloss sich als Mitglied der Surrealistengruppe an, blieb jedoch unter ihnen ein stiller Außenseiter. An Michel Leiris schrieb er in einer Korrespondenz am 10. August 1924, dass er sich nun von alten Bildkonventionen löse. Er proklamierte dort in einem Dreischritt reine Linie, reine Farbe, dazwischen Nuancen, die er als Charme und Musik der Farbe charakterisierte. 1925 fand seine zweite Einzelausstellung in Paris statt, die von der „Galerie Pierre“ ausgerichtet wurde. Im selben Jahr war Miró zudem an der ersten Surrealistenausstellung dieser Galerie beteiligt. 1926 arbeiteten Miró und Max Ernst am Bühnenbild und an den Kostümen für Djagilews Ballett Romeo and Juliet, Musik von Constant Lambert, das von den Ballets Russes aufgeführt wurde. Diese Mitarbeit rief den Protest der Surrealistengruppe hervor. Im selben Jahr starb sein Vater in Mont-roig. mini|hochkant|links|Pilar Juncosa Iglesias, 1977 mini|hochkant|Atelierhaus Les Fusains am Montmartre, 22, rue Tourlaque, Paris. Foto aus dem Jahr 2009 1927 bezog Miró ein Atelier in Les Fusains in der rue Tourlaque 22 am Montmartre und hatte unter anderem Hans Arp, Paul Éluard, Max Ernst und René Magritte als Nachbarn. 1928 lernte er die Bildhauer Constantin Brâncuși, Alberto GiacomettiEvelyn Bennesch/Ingried Brugger (Hrsg.): Miró. Später Rebell, S. 186. und Alexander Calder kennen; mit den beiden letztgenannten verband ihn eine lebenslange Freundschaft, die sich in Mirós und Calders Werken widerspiegelt – so schufen beide Künstler in den 1940er Jahren mit Constellationen betitelte Serien, wobei Calder Holz und Metall und Miró die Gouache nutzte. Miró besuchte in diesem Jahr die Niederlande und begann, inspiriert von den niederländischen Meistern, mit einer Serie von Bildern, den Intérieurs hollandais. 1929 schloss sich Salvador Dalí auf Anregung von Joan Miró der Gruppe der Surrealisten in Paris an. Im Oktober 1929 heiratete Miró die aus Palma de Mallorca stammende Pilar Juncosa Iglesias (1904–1995) in Palma. Das Paar nahm sich eine Wohnung in der rue François Mouton in Paris. 1930 wurde seine Tochter Maria Dolors in Barcelona geboren. Aufgrund der Weltwirtschaftskrise konnte Mirós Kunsthändler Pierre Loeb seine Bilder nicht mehr kaufen, sodass ihn ab 1932 der Kunsthändler Pierre Matisse in New York unter Vertrag nahm.
Spanischer Bürgerkrieg – Zweiter Weltkrieg mini|Joan Miró, 1935 porträtiert von Carl Van Vechten