Osjorsk ( für „Stadt am See“), (1938–1946 Angerapp, , ), ist eine Kleinstadt im Süden der russischen Oblast Kaliningrad.

Die Stadt ist das administrative Zentrum des Rajons Osjorsk und Verwaltungssitz der kommunalen Selbstverwaltungseinheit Stadtkreis Osjorsk.

Geographische Lage Die Stadt liegt in der historischen Region Ostpreußen, am Fluss Angerapp (Angrapa), etwa 30 Kilometer südöstlich der Stadt Insterburg (Tschernjachowsk).

Geschichte mini|Darkehmen ostsüdöstlich der Stadt Königsberg i. Pr. und südöstlich der Stadt Insterburg auf einer Landkarte von 1908 In einer Urkunde des Jahres 1615 wird erwähnt, dass das Krugrecht in Dorekheim (Darkehmen) am 30. November 1604 von einem Hans Lengnick erworben wurde. Der Ortsname lautete 1539 Dargekeyem und bezieht sich auf die Feuchtigkeit der Angerapp. Er leitet sich von prußisch „dargis“ und „caymis, kaims“ ab und bedeutet wörtlich „das regnerische Dorf“. In der Nähe befand sich eine prußische Wehrschanze sowie an der Straße nach Insterburg eine heidnische Kultstätte, der sogenannte „Potrimpos-Berg“. Am „Dreigötterkrug“ waren als Wirtshausschilder die drei prußischen Hauptgötter Perkunos, Potrimpos und Patolos aufgehängt. Der Ort lag an einem verkehrsmäßig günstig gelegenen Übergang über die Angerapp. 1615 wurde die erste Kirche, ein Fachwerkgebäude, errichtet. Die erste Schule für Darkehmen entstand 1706. Durch königliches Patent vom 10. Januar 1726 erhielt Darkehmen Stadtrecht.

Mitte des 18. Jahrhunderts war das alte Kirchengebäude so baufällig geworden, dass es 1752 abgerissen werden musste. Aus seinen Steinen erbaute man eine neue Kirche, die am 15. September 1754 eingeweiht wurde. Zu dieser Zeit lebten etwa 1000 Einwohner in der Stadt, unter ihnen auch zahlreiche Einwanderer aus dem Salzburger Land, deren Ansiedlung der preußische Staat initiiert hatte. Der Siebenjährige Krieg hinterließ der Stadt einen Schaden von 5911 Talern. 1732 wurde in der Nähe das „Königliche Stutamt“ gegründet, das später zum Hauptgestüt Trakehnen wurde. Am 5. Mai 1777 legten die Darkehmener Bürger den Grundstein für ihr Rathaus, das nach einjähriger Bauzeit fertiggestellt war. mini|Erhaltene deutsche Bausubstanz im früheren Darkehmen (Angerapp) mini|Marktplatz Aufgrund der preußischen Verwaltungsordnung von 1815 wurde Darkehmen im Jahre 1818 Kreisstadt des gleichnamigen Kreises. Die Einwohnerzahl hatte sich inzwischen auf 2000 erhöht.

1836 musste das Kirchengebäude wegen Baufälligkeit erneut geschlossen werden, der dritte Neubau wurde am 9. Oktober 1842 eingeweiht.

1878 erfolgte der Anschluss an die Eisenbahnstrecke Insterburg–Goldap–Lyck; der Bahnhof für Darkehmen lag allerdings drei Kilometer entfernt in Ströpken (Darkehmen/Angerapp-Ost). Erst 1913 erhielt die Stadt durch die Bahnstrecke Gumbinnen–Angerburg einen eigenen Bahnhof (Darkehmen/Angerapp-West).

Im Jahr 1886 wurde die elektrische Straßenbeleuchtung installiert; es war die erste in ganz Ostpreußen. Das städtische Elektrizitätswerk wurde 1907 gebaut. Am Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Darkehmen eine evangelische Kirche, eine Synagoge, Messingwaren- und Maschinenfabrikation, Getreidehandel sowie Vieh- und Pferdemärkte. Darkehmen blieb auch nach dem Aufblühen neuer Industrien zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorwiegend eine Ackerbürgerstadt. Auch Tuchmacher- und Mühlenbetriebe sorgten für weitere Arbeitsplätze.

mini|hochkant=1.3|Rathaus und Post um 1910 mini|Ehemaliges Postamt Während des Ersten Weltkrieges musste die Stadt 1914 geräumt werden. Sie wurde am 23. August 1914 von russischen Truppen plündernd und brandschatzend besetzt.

Im Rahmen der nationalsozialistischen Umbenennungsaktion wurde 1938 die Stadt in Angerapp umbenannt. Bei der Volkszählung 1939 wurden 4.336 Einwohner ermittelt.

Im Jahr 1945 gehörte die Stadt zum Landkreis Angerapp im Regierungsbezirk Gumbinnen der Provinz Ostpreußen des Deutschen Reichs.

Während des Zweiten Weltkriegs hatten die Stadtbewohner im Oktober 1944 die Flucht vor der anrückenden sowjetischen Front antreten müssen. Am 22. Januar 1945 wurde die Stadt schließlich von der Roten Armee eingenommen.

Die neue Polnische Provisorische Regierung ging zunächst davon aus, dass die Stadt mit dem gesamten Kreis Darkehmen (Angerapp) unter ihre Verwaltung fallen würde. Im Potsdamer Abkommen (Artikel VI) von August 1945 wurde die neue sowjetisch-polnische Grenze aber unabhängig von den alten Kreisgrenzen anvisiert, wodurch der Ort unter sowjetische Verwaltung kam. Die polnische Umbenennung der Stadt in Darkiejmy im Mai 1946Durch die Rozporządzenie Ministrów: Administracji Publicznej i Ziem Odzyskanych z dnia 7 maja 1946 r. o przywróceniu i ustaleniu urzędowych nazw miejscowości (Verordnung des Ministeriums für die öffentliche Verwaltung und die wiedergewonnenen Gebiete vom 7. Mai 1946 über die Wiederherstellung und Bestimmung der offiziellen Ortsnamen) wurde (vermutlich) nicht mehr wirksam. Im September 1946 erhielt die Stadt den russischen Namen Osjorsk.Durch den Указ Президиума Верховного Совета РСФСР от 7 сентября 1946 г. «Об административном устройстве Калининградской области» (Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der RSFSR vom 7. September 1946: Über den administrativen Aufbau der Oblast Kaliningrad) Die im Krieg stark in Mitleidenschaft gezogenen Bahnstrecken wurden nicht wieder eingerichtet. 1948 wurde auf dem ehemaligen Marktplatz, nun ploschtschad Pobeby (Siegesplatz) genannt, eine Statue aus Eisenbeton von Josef Stalin aufgestellt. Nach dessen Tod wurde sie durch sie durch eine Bronzefigur von Wladimir Iljitsch Lenin ersetzt.

Nach 1950 wurden die beiden Orte Prigorodnoje (Bidszuhnen/Bidenteich) und Setschenowo (Menturren) nach Osjorsk eingemeindet. Von 2008 bis 2014 bestand die städtische Gemeinde Osjorskoje gorodskoje posselenije (ru. Озёрское городское поселение) mit der Stadt Osjorsk und dem Ort Uschakowo. Seither ist Osjorsk Sitz der kommunalen Selbstverwaltungseinheit Stadtkreis Osjorsk, dem sämtliche Orte des Rajons Osjorsk angehören.

mini|Die Angerapp mit Staustufe in der Stadt

Demographie + Bevölkerungsentwicklung bis 1945 Jahr Einwohner Anmerkungen 1754 ≈ 1000 1782 ≈ 1600 ohne die Garnison (eine Schwadron Husaren)Johann Friedrich Goldbeck: Volständige Topographie des Königreichs Preussen. Teil I: Topographie von Ost-Preussen. Königsberg / Leipzig 1785, S. 30, Nr. 3); . 1802 1735 Alexander August Mützell und Leopold Krug: Neues topographisch-statistisch-geographisches Wörterbuch des preussischen Staats. Band 5: T–Z. Halle 1823, S. 264–271, Ziffer 114 (Google Books). 1810 1908 1816 2003 davon 1979 Evangelische, 21 Katholiken und drei Juden 1818 1825 KreisstadtAlexander August Mützell und Leopold Krug: Neues topographisch-statistisch-geographisches Wörterbuch des preußischen Staats, Band 1: A–F, Halle 1821, S. 254, Ziffer 462–465 (Google Books). 1821 2017 in 129 Privatwohnhäusern, Einwohner betreiben Wollzeug-Herstellung und Gerberei 1831 2273 Kreisstadt mit einer Mutterkirche, 129 Häusern und einer Wassermühle; Einwohner sind größtenteils Abkömmlinge französischer und Salzburger Kolonisten, betreiben Wollweberei, Gerberei sowie Getreidehandel und halten fünf Kram-, Vieh-, Pferde- und Leinwandmärkte abGeorg Friedrich Krause: Handbuch zu dem Atlas von Preußen in 27 Karten; oder: geographisch-statistisch-topographische Beschreibung der preußischen Mönarchie. Zweite Hälfte: Verzeichniß sämmtlicher Städte, Flecken, Dörfer, Weiler, Vorwerke etc. der Monarchie. Band I: A – E, Müller, Erfurt 1835, S. 638 (Google Books).Wilhelm Ernst August von Schlieben: Neuestes Gemälde der Preußischen Monarchie. Sammer, Wien 1834, S. 270 (Google Books). 1875 2924 1880 2983 1890 3448 1900 3534 mit der Garnison (ein Infanteriebataillon Nr. 45), meist Evangelische 1910 3533 am 1. Dezember, Kreisstadt, mit einer evangelischen Pfarrkirche, einer katholischen Kapelle, einer anderen christlichen Kapelle und einer Synagoge; Garnison des 1. Infanterieregiments Nr. 45 Darkehmen, Kreisstadt, Regierungsbezirk Gumbinnen, Provinz Ostpreußen, mit Eintrag aus Meyers Orts- und Verkehrslexikon, Ausgabe 1912, sowie einer historischen Landkarte der Umgebung von Darkehmen (meyersgaz.org). 1925 3375 1933 3652 1939 4377 darunter 163 Katholiken und 64 Juden

+ 1945–1947 Jahr Einwohner Anmerkungen 1946 1500 im Herbst, vermutlich ein Schätzwert, darunter 340 Deutsche 1947 1783 im Oktober, darunter 148 Deutsche + Bevölkerungsentwicklung seit 1950 Jahr 1959 1970 1979 1989 2002 2010 2021 Einwohner 3832 4517 6047 6219 5801 4740 4152 mini|Ehemalige Evangelische Kirche Darkehmen / Angerapp

Historisches Wappen mini|hochkant=0.5|Altes Stadtwappen Blasonierung: „In Blau auf grünem Boden vor einem silbernen Dreiberg ein flugbereiter, golden bewehrter, schwarzer Adler; darüber die strahlende Sonne.“Erich Keyser: Deutsches Städtebuch - Handbuch städtischer Geschichte. Band I: Nordostdeutschland. W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1939, S- 23–24.

Die Stadt wurde 1725 gegründet. Obiges Bild steht in dem dieser Zeit angehörenden SIGILLVM CIVITAT. DARCKEHMEN und im Stadtverordnetensiegel von 1809.Otto Hupp: Deutsche Ortswappen. Kaffee-Handels-Aktiengesellschaft, Bremen 1925.

Kirche

Russisch-Orthodoxe Kirche Die meisten heutigen Einwohner in der Region sind heute, sofern konfessionell gebunden, Angehörige der russisch-orthodoxen Kirche. Osjorsk liegt auf dem Territorium der Diözese Kaliningrad und Baltijsk.

Evangelische Kirche

Kirchengebäude mini|Reste der Kirche Eine evangelische Kirche gab es in Darkehmen bereits 1615 als Fachwerkgebäude. Sie musste 1752 wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Der Neubau wurde am 15. September 1754 eingeweiht. Aber auch dieses Bauwerk hielt nicht lange und wurde ab 1836 durch ein neues ersetzt: ein Gotteshaus im Schinkel-Stil, das am 9. Oktober 1842 in Dienst genommen wurde. 1892 errichtete man den Westturm.

Diese Kirche ist heute noch als Ruine und in stark ramponiertem Zustand erhalten. Der anfangs im Innenraum gelagerte Schutt wurde beseitigt. 1991 wurden die Glocken ausgebaut und sind seitdem unauffindbar. 1994 stürzte das Dach ein. Fenster und Türen fehlen oder sind teilweise zugemauert. Geblieben war noch bis ins 21. Jahrhundert hinein der Bibelspruch über dem Altar: „Der Gerechte wird seines Glaubens leben“ .Kirche Darkehmen

Kirchspiel Darkehmen Das Kirchspiel Darkehmen ist 1615 entstanden und gehörte bis 1945 zum Kirchenkreis Darkehmen. Wurde die Gemeinde anfangs nur von einem Geistlichen betreut, erhielt sie ab 1796 eine zweite Pfarrstelle („Diakonus“), Ende des 19. Jahrhunderts wurden zusätzlich Hilfsprediger eingesetzt.

Bis 1945 gehörte das Kirchspiel Darkehmen (Angerapp) zur Kirchenprovinz Ostpreußen der Kirche der Altpreußischen Union. In das Kirchspiel waren 41 Orte eingepfarrt,Jürgen Schlusnus: schlusnus.com darunter neun Schulorte* (in Klammern die russischen Ortsbezeichnungen):

Die evangelische Kirchengemeinde Darkehmen/Angerapp existiert seit 1945 nicht mehr. In der Zeit der Sowjetunion war alles kirchliche Leben untersagt.

Kirchenbücher Von den Kirchenbüchern des Kirchspiels Darkehmen aus der Zeit vor 1945 haben sich erhalten: Taufen (1852–1888), Trauungen (1872–1923) und Bestattungen (1850–1877), auch Namensverzeichnisse der Taufen (1797–1874/1935–1944) und Trauungen (1715–1887). Sie werden im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin-Kreuzberg aufbewahrt.

Pfarrer An der evangelischen Kirche in Darkehmen amtierten als Geistliche:Friedwald Moeller: Altpreußisches Evangelisches Pfarrerbuch von der Reformation bis zur Vertreibung im Jahre 1945. Hamburg 1968, S. 30

Kirchenkreis Darkehmen Das Gebiet des Kirchenkreises Darkehmen gehörte ehemals zur Inspektion Insterburg (russisch: Tschernjachowsk). Zur Darkehmer Diözese selbst gehörten bis 1945 neun Kirchspiele, von denen heute sechs auf russischem und drei auf polnischem Staatsgebiet liegen: Ballethen (russisch: Sadowoje) Darkehmen, 1938–1946: Angerapp (russisch: Osjorsk) Dombrowken, 1938–1946: Eibenburg (polnisch: Dąbrówka)