Die Seeschlacht bei Abukir () war eine Seeschlacht zwischen Großbritannien und Frankreich. Sie fand vom 1. bis zum 2. August 1798 vor der Küste von Abukir statt. Dabei besiegte die britische Mittelmeerflotte unter dem Kommando von Konteradmiral Horatio Nelson die französische Mittelmeerflotte, die zuvor das Expeditionsheer Napoleons nach Ägypten gebracht hatte. Die Schlacht führte zu einer wesentlich besseren Position der Royal Navy im Mittelmeer und war ein entscheidender Faktor für die Entstehung der Zweiten Koalition gegen Frankreich.
Vorgeschichte Mit dem Ende des Ersten Koalitionskrieges Anfang 1798 war die französische Kontrolle über Norditalien, einen Großteil der Niederlande und das Rheinland durch den Frieden von Campo Formio bestätigt worden.Chandler: Dictionary of the Napoleonic Wars, Arms and Armour Press, London, 1979, S. 78. Großbritannien war damit das einzige einflussreiche europäische Land, das sich noch im Krieg mit der französischen Republik befand. Um Frankreichs Status in Europa zu festigen, war das Direktorium entschlossen, der Bedrohung durch Großbritannien entgegenzuwirken. Daher wurde Napoleon Bonaparte, der im Jahr zuvor die Österreicher in Italien besiegt hatte, mit der Invasion der Britischen Inseln beauftragt.Come: French Threat to British Shores, 1793–1798 S. 185.James: The Naval History of Great Britain, Volume 2, 1797–1799, Conway Maritime, 2002, S. 113. Doch die dichte Überwachung des Ärmelkanals durch die Royal Navy sowie unzureichendes Material auf französischer Seite machten eine Invasion so gut wie unmöglich.Gardiner: Nelson Against Napoleon, Chatham, London, 2001, S. 107. Im Frühjahr 1798 berichtete er, dass die anhaltende britische Vorherrschaft in den nordeuropäischen Gewässern eine Invasion in naher Zukunft unmöglich mache.Mostert: The Line upon a Wind, Vintage Books, London, 2007, S. 248. Da Operationen im Norden nicht möglich waren, richtete Napoleon seine Aufmerksamkeit nach Süden auf Toulon, die wichtigste französische Hafenstadt am Mittelmeer. Dort hatte eine französische Armee und Flotte damit begonnen, sich für ein geheimes Ziel zu sammeln, von dem französische Kommentatoren spekulierten, dass es auf eine Vielzahl von Orten abzielte, darunter Großbritannien, Sizilien, Malta und die Krim.Cole: Napoleon's Egypt, Palgrave Macmillan, New York, 2007, S. 3. Das eigentliche Ziel der Expedition war jedoch Ägypten, das ein wichtiges Glied in der Kommunikationskette zwischen Großbritannien und Britisch-Indien darstellte. Napoleon betrachtete die Einnahme Ägyptens als den wichtigsten Schritt, um die massiven wirtschaftlichen Vorteile, die Großbritannien aus dem Handel mit Indien zog, zu neutralisieren und Großbritannien zu Zugeständnissen zu zwingen. Im August 1797 schrieb er: „Die Zeit ist nicht mehr fern, in der wir spüren werden, dass wir, um England wirklich zu zerstören, Ägypten einnehmen müssen“.Cole: 2007, S. 13. Die Einnahme Ägyptens hätte den Franzosen die Kontrolle über das östliche Mittelmeer und das Rote Meer verschafft, was zu erheblichen Einbußen für die britische Wirtschaft geführt hätte. Außerdem hätte auf eine erfolgreiche Invasion Ägyptens ein direkter Angriff auf britisches Territorium in Indien folgen können.Maffeo: Most Secret and Confidential, Chatham Publishing, London, 2000, S. 227.Warner: The Battle of the Nile, Macmillan, New York, 1960, S. 41. Nachdem sich Frankreich und Spanien 1796 miteinander verbündet hatten, sah sich die Royal Navy 1798 gezwungen sich aus dem Mittelmeer zurückzuziehen.Maffeo: 2000, S. 224. Ohne die Gefahr durch die Royal Navy und wegen eines drohenden Aufstandes in Irland war Napoleon der festen Überzeugung, dass England nicht in seine Pläne eingreifen konnte, selbst wenn es seine Pläne aufdecken würde.Rose: Napoleon and Sea Power in Cambridge Historical Journal Bnd 1 Nr. 2, 1924, S. 141.
Die französischen Vorbereitungen Napoleon war sich bewusst, dass der Erfolg der Expedition teilweise davon abhing, dass die britische Regierung möglichst lange über diese Invasionspläne im Unklaren blieb. Die deshalb weiterhin stattfindenden Vorbereitungen für eine Invasion der britischen Inseln stellten sicher, dass die überwiegende Zahl der britischen Kriegsschiffe weitab vom Mittelmeer kreuzte.Adkins: 2007, S. 8. Die tatsächlichen Vorbereitungen, die von Louis Berthier organisiert wurden, waren dagegen auf Toulon, Marseille, Genua, Korsika und Civitavecchia verteilt, um sie möglichst lange geheim zu halten. Toulon fungierte als Heimathafen für die französische Mittelmeerflotte, die den Transport des französischen Expeditionsheeres schützen sollte. Um zu verhindern, dass sich die Nachricht des bevorstehenden Angriffs auf Ägypten vor dem Eintreffen der Flotte verbreitete, sollten alle Handelsschiffe, die den Konvoi während der Überfahrt sichteten, beschlagnahmt und festgesetzt werden, bis die Franzosen Alexandria erreicht hätten.Maffeo: 2000, S. 256.Das Expeditionsheer bestand aus 28.200 Mann Infanterie, Ingenieuren und Kanonieren sowie 2.800 Mann Kavallerie, 1.230 Pferden mit 60 Feld- und 40 Belagerungsgeschützen. Begleitet wurde dieser Transport von 13 Linienschiffen, vier Fregatten und einigen Kanonenbooten unter dem Oberbefehl von François-Paul Brueys d’Aigalliers.
Am 8. Mai traf Napoleon in Toulon ein, um die letzten Vorbereitungen zu überwachen. Am 9. Mai verkündete er in einer Rede, dass die Expedition in ein nicht näher bezeichnetes fremdes Land gehen würde.Cole: 2007, S. 5. Am 19. Mai verließ Napoleons Flotte Toulon und fuhr entlang der Küste der Provence nach Genua und von dort aus in südlicher Richtung nach Korsika.Keegan: Intelligence in War, Pimlico, London, 2004, S. 40.Adkins: 2007, S. 11. Der Konvoi blieb bis zum 30. Mai in Sichtweite der Ostküste, überquerte die Straße von Bonifacio und folgte der Küste Sardiniens in der Erwartung, sich mit den aus Civitavecchia kommenden Schiffen zu vereinigen. Am 3. Juni erreichte Napoleon die Nachricht von der Anwesenheit der Briten in Sardinien, woraufhin er ein Geschwader entsandte, um die Lage zu erkunden. Nachdem man die Briten dort jedoch nicht antraf, gab Napoleon den Befehl, nicht länger auf die Schiffe aus Civitavecchia zu warten, und ließ seine Flotte nach Südosten abdrehen, wo sie am 7. Juni Mazara und Pantelleria passierte. Als Napoleon dort erfuhr, dass die Briten ihn verfolgen, ließ er Kurs auf Malta nehmen, wo er am 9. Juni eintraf und sich mit den 56 Schiffen aus Civitavecchia vereinigte.Maffeo: 2000, S. 259.
Nelsons Suche nach der französischen Flotte Die britische Regierung wusste mittlerweile, dass sich französische Truppen in der Nähe von Toulon, Marseille und Genua sammelten und eine große Flotte für ihren Transport bereitgestellt wurde. Das Ziel dieser erneuten französischen Kriegsanstrengungen war ihr jedoch bis Mitte April nicht klar.Maffeo: 2000, S. 234. Man vermutete einen geplanten Angriff auf das Königreich von Neapel, auf Sizilien oder Portugal, schloss aber auch einen Angriff auf Irland nicht aus. Für eine genauere Analyse wurde Vizeadmiral John Jervis, dem Befehlshaber der britischen Mittelmeerflotte, von der Admiralität die Anweisung erteilt, ein Geschwader unter dem Kommando von Konteradmiral Horatio Nelson zu entsenden. Nelson war erst vor kurzem zur Flotte zurückgekehrt, nachdem er sich in Großbritannien von dem Verlust seines rechten Arms in der Schlacht von Santa Cruz de Tenerife im Juli 1797 erholt hatte. Nelson wurde ausdrücklich eine Verfolgung der französischen Flotte im gesamten Mittelmeerraum und ins Schwarze Meer erlaubt, sollte sich dies als deren Ziel herausstellen.
Seit April zogen britische Regierungskreise zunehmend auch Ägypten als Ziel des französischen Expeditionsheers in Betracht. Nachrichten, die per Schiff und durch Boten überbracht wurden, benötigten von London aus jedoch mehrere Wochen, bevor sie nach Gibraltar gelangten. Bevor diese Überlegungen daher Admiral Nelson erreichen konnten, war er am 2. Mai ausgelaufen und hatte sich am 9. Mai mit der HMS Alexander, der HMS Orion, der HMS Emerald und HMS Terpsichore sowie der Sloop HMS Bonne Citoyenne in Gibraltar vereinigt und segelte ins Mittelmeer. Obwohl er im Schutze der Dunkelheit aufbrach, wurde Nelsons Geschwader von den spanischen Streitkräften in Cádiz beobachtet, die daraufhin mehrere Schüsse abgaben, aber nur geringe Schäden verursachten.Bradford: Nelson, Wordsworth Military, Ware, 1999, S. 170ff.
Wiedervereinigung der britischen Flotte Am 2. Mai erreichten die Briten die Îles d’Hyères in der Nähe von Toulon. Dort befanden sie sich in einer idealen Position, um den mit unbekanntem Ziel auslaufenden französischen Konvoi abzufangen.Lavery: Nelson and the Nile, Caxton, London, 2003, S. 65. Am 21. Mai gerieten sie in einen schweren Sturm, bei dem die HMS Vanguard schwer beschädigt wurde und für Reparaturen nach San Pietro gebracht werden musste.Adkins: 2007, S. 9. Nelson entschied sich nach der Reparatur seines Flaggschiffs, zu seiner Ausgangsposition vor Toulon zurückzukehren. In einer im Vorfeld gegebenen Order hatte er festgelegt, dass Schiffe, welche die Verbindung zur übrigen Flotte verloren hatten, südlich vor Toulon etwa in Höhe des 42. Breitengrades kreuzen sollten. Träfen sie während dieses Manövers nicht innerhalb von zehn Tagen auf die Vanguard, sollten die Schiffe nach Gibraltar zurückkehren.Keegan: 2004, S. 45f. Tatsächlich gelang es Nelson, bis zum 7. Juni vor der Küste von Toulon den größten Teil seines Geschwaders wieder zu vereinigen und dabei auch mit den Schiffen zusammenzutreffen, die ihm Jervis zur Verstärkung schickte.Maffeo: 2000, S. 243.
Stopp in Neapel Bereits seit Anfang Juni wusste Nelson, dass der französische Konvoi am 20. Mai Toulon verlassen hatte. Er vermutete, dass der französische Konvoi als nächstes Genua angelaufen hatte, um sich dort mit den anderen Teilen der Flotte zu vereinigen. Nelson, der durch eine Flaute bis zum 10. Juni behindert wurde und die französischen Absichten immer noch nicht kannte, segelte zunächst an der korsischen Küste entlang, bevor er am 12. Juni vor Elba ankerte und die HMS Mutine nach Civitavecchia schickte, um Informationen einzuholen. Unfähig, das Ziel der Franzosen ausfindig zu machen, fuhr Nelson weiter nach Süden.Keegan: 2004, S. 48. Von einem abgefangenen tunesischen Kriegsschiff erfuhr er am 13. Juni, dass die französische Flotte südlich der Spitze von Sizilien gesehen worden war. Nelson hielt Portugal und Irland als mögliches Ziel des französischen Expeditionsheers für wenig wahrscheinlich und entschied sich, mit seiner Flotte nach Neapel zu segeln. Für diese Entscheidung sprachen mehrere Gründe. Am neapolitanischen Hof diente William Hamilton seit 34 Jahren als britischer Botschafter und verfügte über weitreichende Kontakte. Obwohl der neapolitanische Premierminister John Acton bereits Berichte darüber übermittelt hatte, dass die Franzosen nach Ägypten segelten, gab Hamilton dies nicht an Nelson weiter, sondern informierte ihn lediglich darüber, dass Napoleons Flotte Sardinien passiert hatte und wahrscheinlich in Richtung Malta segelte.Der Historiker Brian Lavery geht davon aus, dass Hamilton der Überzeugung war, dass es sich dabei um gezielte französische Desinformation handelte und sie daher nicht weiterleitete vgl. Laverty: S. 124., S. 134. mini|Der britische Diplomat William Hamilton
Entscheidung für Alexandria Am 18. Juni nahm Nelson schließlich die Verfolgung auf und passierte am 20. Juni die Straße von Messina. Am 22. Juni erhielt Nelson die Nachricht, dass Napoleon Malta bereits erobert hatte und am 16. Juni wieder in See gestochen sei.Gardiner: 2001 S. 21. In Wirklichkeit waren die Franzosen erst am 19. Juni aufgebrochen, sodass Nelsons Flotte nur noch 60 Seemeilen (110 km) von ihnen entfernt war.Bradford: 1999, S. 181.Rodger: The Command of the Ocean S. 459.