mini|„Tätlicher Angriff auf Herrn Fallières. Der Kellner Mattis stürzt sich auf den Präsidenten.“ Illustration aus Le Petit Parisien (1909)

Aggression ( vom Deponens sich zubewegen auf [etw./jdn.]; heranschreiten; sich nähern; angreifen) ist eine feindselig angreifende Verhaltensweise eines Organismus. Sie ist ein biologisch in Tieren (und so auch Menschen) verankertes Verhaltensmuster zur Verteidigung oder Gewinnung von Ressourcen und zur Bewältigung potenziell gefährlicher Situationen. Diese ultimaten Ursachen werden beim Menschen durch proximate Ursachen in der Persönlichkeit oder der Umwelt ausgelöst, aktiviert oder gehemmt und durch verschiedene Emotionen motiviert.Klaus Wahl, Melanie Rh. Wahl: Biotische, psychische und soziale Bedingungen für Aggression und Gewalt. In: Birgit Enzmann (Hrsg.): Handbuch Politische Gewalt. Formen – Ursachen – Legitimation – Begrenzung. Springer VS, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-531-18081-6, S. 16f.Klaus Wahl: Aggression und Gewalt. Ein biologischer, psychologischer und sozialwissenschaftlicher Überblick. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2012, ISBN 978-3-8274-3120-2, S. 7–10.Joachim Bauer: Schmerzgrenze: Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt. 1. Auflage. Karl Blessing Verlag, 2011, ISBN 978-3-89667-437-1, S. 34.

Der amerikanische Physiologe Walter Cannon prägte 1915 den Begriff Fight-or-flight; der Mediziner Hans Selye schuf 1936 als Modell der menschlichen Reaktion auf chronische Belastungen das „Allgemeine Anpassungssyndrom“ (Näheres siehe Stressreaktion).

Zur Auslösung von Aggression bedarf es spezifischer Situationen und Reize.Joachim Bauer: Schmerzgrenze: Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt. 1. Auflage. Karl Blessing Verlag, 2011, ISBN 978-3-89667-437-1, S. 17. Bei Menschen wird emotionale Aggression häufig durch negative Gefühle hervorgerufen, also als Reaktion zum Beispiel auf Frustration, Hitze, Kälte, Schmerz, FurchtL. Berkowitz: Aggression: Its causes, consequences, and control. McGraw-Hill, New York 1993. oder Hunger. Ob und wie Aggressionen im Verhalten zum Ausdruck gebracht werden, unterliegt in hohem Maße den jeweiligen sozialen Normen.E. R. Smith, D. M. Mackie: Social Psychology. 2. Auflage. Psychology Press, 2000, ISBN 0-86377-587-X, S. 510.

Die negative Bewertung von Aggression, die (nur oder überwiegend) die destruktiven Seiten betont, wird nicht generell geteilt.G. Stumm, A. Pritz: Wörterbuch der Psychotherapie. Wien 2000. Innerhalb der Psychotherapie betrachtet etwa die Gestalttherapie Aggression als eine Form der Erregung, die z. B. dazu dient, Hindernisse zu beseitigen, oder Neues aus der Umwelt für den Organismus assimilierbar zu machen. Destruktiv oder zu Gewalt wird die Aggression erst unter bestimmten äußeren oder inneren Bedingungen.Fritz Perls: Das Ich, der Hunger und die Aggression. 1944/1946, Stuttgart 1978.

Aggression im Tierreich Im Tierreich ist aggressives Verhalten weit verbreitet. Es wird von Verhaltensbiologen dahingehend interpretiert, dass es dem direkten Wettbewerb um Ressourcen oder um Nahrung dient (Interspezifische Konkurrenz und Intraspezifische Konkurrenz), der Revierverteidigung, der Herstellung oder Änderung einer Rangordnung und auch der Konkurrenz um einen möglichen Sexualpartner.Desmond Morris: Der nackte Affe. Droemer Knaur Verlag, 1968. Das Greifen eines Beutetiers, das der Ernährung dient, ist bei Tieren ebenfalls mit einer Form von Aggression verbunden, wohingegen beim Menschen schon früh Techniken zum Erlegen von Beute eingesetzt wurden (siehe Jäger und Sammler). Aggressives Verhalten im eigentlichen Sinne wird seitens der Ethologie häufig auch als agonistisches Verhalten oder als Angriffs- und Drohverhalten bezeichnet und mit spezifischen Auslösern („Schlüsselreizen“) in Verbindung gebracht. Zur Regulierung aggressiver Impulse gibt es bei Tieren und Menschen die instinktiv veranlagte Aggressionshemmung.

Beim Hund unterscheiden Nora Brede, Ute Heberer und Normen Mrozinski entsprechend der zugrundeliegenden Motivation zwischen ressourcenbedingter, statusbedingter, sozial motivierter, sexuell motivierter, territorialer, umgelenkter/umadressierter, angstbedingter, erlernter und anderweitig motivierter Aggression sowie Mischformen mit gleichzeitigem Auftreten unterschiedlicher Aggressionsformen. Zur ressourcenbedingten Aggression zählen sie u. a. eine offensiv oder defensiv-aggressiv wirkende Verteidigung von Futter, Spielzeug oder Schlafplatz. Außerdem kann ein Überangebot an Ressourcen – etwa, wenn ein aus dem ausländischen Tierschutz vermittelter Hund eine unerwartete Ressourcenfülle erlebt – den Hund zu einer Fehlinterpretation seines Status verleiten. Teils werden auch Statuskonflikte über Ressourcen ausgetragen. Die statusbedingte Aggression (auch Dominanzaggression oder kontrollbedingte Aggression genannt) richtet sich gegen „Konkurrenten“ im eigenen Sozialverband und äußert sich beispielsweise darin, dass der Hund seinen Halter räumlich einschränkt. Sozial motivierte Aggression zeigen Hunde nur in Verbindung mit einem Sozialpartner, beispielsweise in Form von Leinenaggression, einer Zaunaggression gemeinsam mit einem anderen Hund, oder auch einer Verteidigung des Sozialpartners bzw. einer Abwehr anderer Interaktionspartner. Sexuell motivierte Aggression kann mit der Läufigkeit einer Hündin bzw. dem Imponiergehabe eines Rüden in Verbindung stehen.Nora Brede, Ute Heberer, Normen Mrozinski: Aggressionsverhalten beim Hund. Kosmos-Verlag, 2017, Kapitel 3: „Motivation für Aggressionsverhalten“. Zu Sonderformen des Aggressionsverhaltens zählen die schmerz- oder krankheitsbedingte Aggression.

Aggression beim Menschen Menschliche Aggression ist ein Verhalten, das entweder mit der Absicht geschieht, anderen Menschen zu schadenE. R. Smith, D. M. Mackie: Social Psychology. 2. Auflage. Psychology Press, 2000, ISBN 0-86377-587-X, S. 504. oder um sie in ihrem Rangordnungsstatus herabzusetzen. Man kann emotionale und instrumentelle Aggression unterscheiden. Im ersten Fall ist das aggressive Verhalten eine Reaktion auf erfahrenes physisches oder psychisches Leid, im zweiten Fall ist es eine rationale Aktion, eine Methode, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.E. R. Smith, D. M. Mackie: Social Psychology. 2. Auflage. Psychology Press, 2000, ISBN 0-86377-587-X, S. 507ff.E. Aronson, T. D. Wilson, R. M. Akert: Sozialpsychologie. 6. Auflage. Pearson Studium, 2008, ISBN 978-3-8273-7359-5.

Aggressives Verhalten steht eng im Zusammenhang mit Verhaltensweisen wie Angriff, Flucht und Verteidigung. Die Stärke des aggressiven Verhaltens kann man auf das Zusammenwirken einer aktivierten inneren Bereitschaft (Aggressivität) und einer äußeren aggressionsauslösenden Situation zurückführen.

Im Zusammenhang mit menschlichem Verhalten kann Aggression sich in verbalen (Diffamierung, Beleidigung, Vorwurf), psychischen (Ausgrenzung) oder tätlichen Angriffen gegenüber Personen, Personengruppen und Sachen (Sachbeschädigung) oder – wie im Tierreich auch – in Drohverhalten, „Kommentkämpfen“ sowie ritualisierten Auseinandersetzungen, etwa im Sport, im Spiel oder im Beruf (Rivalität) äußern.

Völkerrechtlich bezeichnet Aggression im Gegensatz zur Verteidigung den erstmaligen Einsatz von Gewalt in einer Auseinandersetzung zwischen Staaten, Völkern und Volksgruppen.

Aggression wird meist mit unangepassten, zerstörerischen und destruktiven Verhaltensweisen in Verbindung gebracht; diese sind (nach Schmidt-Mummendey 1983) beim Menschen meist durch folgende Faktoren gekennzeichnet: von der Schädigung, von der Intention (Absicht, Gerichtetheit), von der Normabweichung.

Beim Menschen versteht man unter „aggressivem Verhalten“ in erster Linie eine direkte oder indirekte physische und/oder psychische Schädigung eines Lebewesens oder die Beschädigung eines Gegenstandes (nach Merz, F. 1965); unabhängig davon, was letztlich Ziel dieser Handlung ist (nach Felson, R. B. 1984). Wichtig ist dabei die Absicht, unabhängig davon, ob es zu einer Schädigung kommt oder nicht (wenn zum Beispiel das Opfer in letzter Sekunde ausweicht). Oftmals wird auch der Zusatz verwendet, das geschädigte Lebewesen sei motiviert, die Behandlung zu vermeiden (siehe auch Volenti non fit iniuria – Dem Einwilligenden geschieht kein Unrecht).

Formen der Aggression sind: offene, physische Form (gegenüber Lebewesen): Schlagen, Töten, körperliches Bedrohen, autoaggressiv (gegen sich selbst gerichtet) offene, physische Form (gegenüber unbelebten Objekten): bewusste Verunreinigung, bewusste nachlässige Behandlung von Gegenständen, Sachbeschädigung (u. a. Vandalismus) und Zerstörung von Gegenständen, offene, verbale oder nonverbale Form: Beleidigen, Spotten, Gesten und mimische Ausdrucksweisen, Schreien, rohe und bewusst vulgäre Sprachstile und Umgangsformen, verdeckte Form: Phantasien, indirekte Form: Sachbeschädigung (von Gegenständen der Person(en), gegen die sich die Aggression richtet), üble Nachrede, Mobbing, Schikanen, Barrieren errichten, emotionale Form: als Folge von Stress, Ärger, Wut, Groll, Hass, Neid.

Weiter gefasst bezeichnet Aggression ein Arbeiten, ein Wetteifern oder ein selbstbewusstes Auftreten als eine wesentliche Form des „In-Angriff-Nehmens“. Diese Handlungsweisen haben im Vergleich mit der engeren Definition nichts mit einer Schädigung oder Verletzung zu tun.

„Mit Aggression ist jedes Verhalten gemeint, das im wesentlichen das Gegenteil von Passivität und Zurückhaltung darstellt“ (Bach & Goldberg 1974, (Taschenbuchausgabe Fischer, Frankfurt 1981, ISBN 978-3-596-23314-4) S. 14, zit. nach Nolting 2000, S. 24).

„Als Aggression gilt alles, was durch Aktivität, zunächst durch Muskelkraft, eine innere Spannung aufzulösen sucht“ (Mitscherlich 1969 a, S. 12, zit. nach Nolting 2000, S. 24).

„Wir definieren Aggression als jene dem Menschen innewohnende Disposition und Energie, die sich ursprünglich und später in den verschiedensten individuellen und kollektiven, sozial gelernten und sozial vermittelten Formen von Selbstbehauptung bis zur Grausamkeit ausdrückt.“ (Heinelt, 1982.)

Weitere (motivationale) Unterscheidungsmerkmale: positive (z. B. im Sport) vs. negative, spontane vs. reaktive vs. befohlene, ernste vs. spielerische.

Typische Aggressionsziele sind zum Beispiel: das Durchsetzen eigener Wünsche und Interessen, die mit Wünschen anderer im Konflikt stehen, Beachtung durch andere finden (Rangordnung), Reaktion auf Aggression anderer (Abwehr, Notwehr), Vergeltung erlittener Aggressionsakte (Rache).

Ursachen und Entstehungsmodelle Aggressives menschliches Verhalten ist von verschiedenen Faktoren abhängig, welche sich gegenseitig beeinflussen: zerebrale Faktoren: frontale Enthemmung, genetische Faktoren: Menschen können genetisch unterschiedlich aggressiv veranlagt sein; bei den meisten Spezies (eine Ausnahme bilden zum Beispiel die Hyänen) sind die Männchen im Durchschnitt aggressiver als die Weibchen,M. Wilson, M. Daly: Competitiveness, Risk Taking, and Violence: The Young Male Syndrome. In: Ethology and Sociobiology. 6, 1985, S. 59–73. physiologische Faktoren: Hormone und Neurotransmitter sind bei der Steuerung aggressiven Verhaltens beteiligt, so gehen verminderte Serotonin- und erhöhte Testosteron-Spiegel mit aggressivem Verhalten einher gesamtorganische Faktoren: Psychische Zustände, Empfindungen und Motive beeinflussen das Aggressionsverhalten, zum Beispiel erhöhen Schmerzen und andere unangenehme Zustände wie hohe Außentemperaturen die Aggressionsneigung, gruppensoziologische Bedingung: Bei Ausbildung oder Zerfall einer Rangordnung sind alle beteiligten Individuen aggressiver als bei gefestigter Hierarchie. In einer anonymen Gruppe reagieren die Mitglieder anders als unter Vertrauten, sozial-ökologische Faktoren: Hohe Gruppendichte oder Nahrungsknappheit beeinflussen aggressives Verhalten, stammesgeschichtliche Faktoren: Aggressives Verhalten hat sich bei verschiedenen Arten evolutionsbedingt unterschiedlich ausgebildet,