Nesterow (), (1938 bis 1946 Ebenrode), ist eine Stadt mit Einwohnern (Stand ), Rajonzentrum des Rajons Nesterow im Osten der russischen Oblast Kaliningrad (Königsberger Gebiet). Die Stadt erhielt ihren heutigen Namen 1947 im Gedenken an den Obersten Stepan Kusmitsch Nesterow, der beim ersten Vorstoß der Roten Armee nach Ostpreußen am 20. Oktober 1944 bei Kassuben gefallen war.
Lage Die Stadt liegt im nordöstlichen Teil der historischen Region Ostpreußen, zwölf Kilometer von der russisch-litauischen Grenze entfernt und etwa 140 km östlich von Kaliningrad.
Geschichte Der ursprüngliche Ortsname „Stallupönen“ leitet sich von prußisch „stalas“ (aufgerichteter Stein) und „upe“ (Fluss) ab und bezeichnete eine Kultstätte am Fluss. Als „Stallupenn“ wurde es erstmals 1539 in den Akten des Hauptamtes Insterburg erwähnt. Später wurde es zum Marktflecken erhoben. Im Jahr 1539 erhielt es eine Kirche, jedoch opferte man noch bis ins 18. Jahrhundert heimlich Böcke.
Anlässlich eines Besuches des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. im Jahr 1721 trug der Ort die Bitte um Verleihung des Stadtrechts vor, der am 22. Juni 1722 entsprochen wurde. In den folgenden Jahren ließ der König die Stadt durch Joachim Ludwig Schultheiß von Unfriedt, um eine Neustadt erweitern. Die Neusiedler kamen aus verschiedenen Teilen Deutschlands, darunter viele Glaubensvertriebene aus dem Erzstift Salzburg.
Im Juni 1812 zogen die Truppen Napoleons auf ihrem Marsch nach Russland durch Stallupönen und richteten großen Schaden an. Als nach den Befreiungskriegen 1815 eine Verwaltungsreform in Preußen durchgeführt wurde, erhielt Stallupönen den Status einer Kreisstadt für den gleichnamigen Kreis.
Im Ersten Weltkrieg kam es am 17. August 1914 zum Gefecht bei Stallupönen. Die Stadt wurde zu großen Teilen zerstört. Nach dem Abzug der Russen begann 1915 der Neuaufbau der Stadt im Stil der Heimatschutzarchitektur. Unterstützt wurde der Wiederaufbau von der Patenstadt Kassel.
Im Zuge der Umbenennung von Orten in Ostpreußen im Jahr 1938 benannte das NS-Regime Stallupönen in „Ebenrode“ um. Während des Zweiten Weltkriegs verließen im Rahmen einer Evakuierung am 16. Oktober 1944 die letzten Einwohner den Ort, der danach durch einen Luftangriff zerstört wurde.
Am 13. Januar 1945 wurde die Stadt von der Roten Armee besetzt und am 7. April 1946 als Teil der nördlichen Hälfte Ostpreußens unter sowjetische Verwaltung gestellt. Die Oblast Kaliningrad wurde in mehreren Kampagnen mit sowjetischen Familien besiedelt. Das Gebietsexekutivkomitee legte am 18. Oktober 1947 nach Genehmigung durch den Obersten Sowjet die neuen russischen Ortsnamen fest.Insa Mareike Rega: Die sowjetische Neubesiedlung des nördlichen Ostpreußen bis 1950 am Beispiel von vier Landkreisen. Siegen 2002, ISBN 3-936355-35-5, S. 20.
Bevölkerungsentwicklung bis 1945 Jahr Einwohner Anmerkungen 1782 2.357 ohne die Garnison (eine Schwadron Schwarze Husaren undeine Schwadron Bosniaken)Johann Friedrich Goldbeck: Volständige Topographie des Königreichs Preussen. Teil I, Königsberg/Leipzig 1785, S. 30, Nr. 5). 1802 2.262 Alexander August Mützell und Leopold Krug: Neues topographisch-statistisch-geographisches Wörterbuch des preussischen Staats. Band 5: T–Z, Halle 1823, S. 386–387, Ziffer 697. 1810 2.389 1816 2.599 davon 2.557 Evangelische, 30 Katholiken und 12 Juden 1821 2.523 1831 2.570 August Eduard Preuß: Preußische Landes- und Volkskunde oder Beschreibung von Preußen. Ein Handbuch für die Volksschullehrer der Provinz Preußen, so wie für alle Freunde des Vaterlandes. Gebrüder Bornträger, Königsberg 1835, S. 470–471, Nr. 85. 1875 3.763 1880 3.997 1890 4.673 davon 109 Katholiken und 91 Juden 1910 5.646 1933 6.294 1939 6.644 seit 1945 Jahr Einwohner 1959 3.205 1970 4.004 1979 4.745 1989 4.826 2002 5.049 2010 4.595 2021 3.336
Ethnische Zusammensetzung Im Jahr 2010 war die ethnische Zusammensetzung von Nesterow folgende: 87,2 % Russen 3,3 % Litauer 3,2 % Weißrussen 2,7 % Ukrainer 0,8 % Deutsche 0,5 % Polen 0,4 % Roma 0,3 % Tataren 0,3 % Tschuwaschen 1,3 % Sonstige
Verkehr mini|Bahnhof (2015) Im Stadtzentrum trifft die russische Fernstraße A 229 (ehemalige deutsche Reichsstraße 1, heute auch Europastraße 28) auf die von Dobrowolsk (Pillkallen/Schloßberg) kommende Fernstraße R 510, auf eine Nebenstraße von Kutusowo (Schirwindt) und auf eine Straßenverbindung aus dem russisch-polnischen Grenzgebiet bei Saslonowo über Kalinino und Iljuschino.
Nesterow ist Grenzbahnhof der Bahnstrecke von Kaliningrad (Königsberg) über Gussew (Gumbinnen) zur Weiterfahrt nach Litauen – eines Teilstücks der ehemaligen Preußischen Ostbahn. In Nesterow zweigt in südlicher Richtung eine Nebenbahn nach Krasnolessje (Groß Rominten/Hardteck) ab, die vor 1945 bis nach Goldap führte. Eine vor 1945 in nördliche Richtung bis nach Ragnit und Tilsit führende Bahnstrecke wird nicht mehr betrieben.
Kirche Evangelische Kirche Kirchengebäude Die erste evangelische Kirche entstand in Stallupönen 1585 auf einer Anhöhe. Sie wurde 1726 durch einen Nachfolgebau ersetzt. Nach Kriegsbeschädigungen riss man das Gotteshaus in den 1950er Jahren ab.
Kirchengemeinde Stallupönen gehörte bis 1586 zum Kirchspiel Pillupönen (1938–1946 Schloßbach, russisch: Newskoje) und wurde dann verselbständigt. Bis 1725 war die Gemeinde in die Inspektion Insterburg (Tschernjachowsk) eingegliedert, danach kam sie zur Inspektion Gumbinnen (Gussew). Bis 1945 war sie dann namensgebend für den Kirchenkreis Stallupönen, zu dem sie gehörte und der im Bereich der Kirchenprovinz Ostpreußen der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union lag. Zunächst tat hier ein Geistlicher seinen Dienst. 1736 wurde eine zweite Pfarrstelle zur Betreuung der Salzburger Exulanten eingerichtet und mit Johann Friedrich Breuer besetzt.
In der Zeit der Sowjetunion kam das evangelisch-kirchliche Leben zum Erliegen. In den 1990er Jahren entstand eine neue Gemeinde im Nachbarort Babuschkino, die zur Propstei Kaliningrad der Evangelisch-Lutherischen Kirche Europäisches Russland (ELKER) gehört und in der die Pfarrer der Salzburger Kirche in Gussew Dienst tun.
Kirchenbücher Einige Kirchenbücher aus der Zeit vor 1945 konnten gerettet werden und liegen heute im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin-Kreuzberg: Taufen (1729–1830), Trauungen (1768–1856), Bestattungen (1725–1847) und Konfirmationen (1800–1832, 1841, 1850, 1852, 1854).
Pfarrer 1589–1945 Als Pfarrer waren seit der Reformation bis 1945 in Stallupönen/Ebenrode tätig: Johann Holstein, ab 1590 N. Stimer, 1595–1602 Samuel Sperber, 1603–1613 Gregorius Wirzinski, 1613–1640 Martin Schultz, 1640–1650 Johann Heinrich Leopoldi, 1650–1662 Cyprian Czudnochowius, 1651–1686 Johann Wolfgang Musculus, 1686–1725 Albrecht Piascowius, 1712–1717 Christian Guleke, 1717–1748 Johann Friedrich Breuer, 1736–1769 Johann Heinrich Kunzmann, 1749–1775 Gottlieb Westphal, 1769–1788 Gottlieb Funck, 1775–1781 Carl Gottlieb Steinberg, 1781–1797 Johann Christoph Prellwitz, 1786–1788 Johann Immanuel Groschke, 1789–1801 Christoph Andreas Sachs, 1796–1813 Christian F. Unverdorben, 1803–1808 Johann Wilhelm Kopp, 1808–1813 Friedrich Wilhelm Rauschning, 1813–1817 Johann Wilhelm Kopp, 1813–1823 Johann Carl Prellwitz, 1817–1827 Benjamin Lebrecht Hinz, 1824–1831 Carl Eduard Torno, 1827–1833 Friedrich Ferdinand Schultz, ab 1831 Johann Ferdinand Runau, 1833–1844 Otto Julius C. Hinz, 1845–1860 Eduard Theodor Hch. Küsel, 1869–1871 Ludwig (Johann) Johannesson, 1860–1885Stifter der Corps Littuania Franz Otto L. Pensky, 1871–1879 Sylvester Suszczynski, 1881–1883 Franz Moritz Ziehe, 1884–1885 Johann Gustav Theodor Glodkowski, 1885–1907 Friedrich Otto Rosinski, 1888–1889 Friedrich Karl Moßeik, 1889–1919 Ernst Georg Gustav Liedtke, 1908–1919 Herbert Herrgesell, 1919–1934 Traugott Otto G. Getzuhn, 1920–1934 Max Michalik, 1934–1937 Karl Woronowicz, 1935–1945 Wilhelm Rugullis, bis 1941 Oskar Anton, 1942–1945
Kirchenkreis mini|Stallupönen um 1900 mini|Stallupönen im Kriegsjahr 1915, im Hintergrund die evangelische Kirche Das Stallupöner Gebiet war bis in das 16. Jahrhundert hinein nicht besiedelt und bildete so einen Schutzwall gegen feindlichen Einfall von Osten. Vertraglich wurde die Grenze zwischen dem Deutschen Orden und Litauen zwar 1422 festgelegt, doch erst unter Herzog Albrecht von Preußen (1525–1568), Ordenshochmeister, erfolgte die Besiedelung. Die Reformation wurde eingeführt, wobei gleichzeitig durch Urbarmachung Bauernstellen entstanden, die zu Kirchspielen zusammengelegt wurden, in deren Mittelpunkt Kirchen gebaut wurden.
Die erste urkundlich bekannte Siedlung war Kattow (= Kattenau, russisch: Sawety). Das Dorf Stallupönen entstand erst im Jahre 1525. Die Predigtsprache war wie die Umgangssprache Litauisch, die Amtssprache Mitteldeutsch.
Die ersten Kirchen des späteren Kirchenkreises Stallupönen entstanden in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts: in Pillupönen (1938–1946 Schloßbach, russisch: Newskoje) 1557, in Kattenau (Sawety) 1560, in Stallupönen 1585, in Enzuhnen (1938–1946 Rodebach, russisch: Tschkalowo) 1608 und in Mehlkehmen (1938–1946 Birkenmühle, russisch: Kalinino) 1692.
Ab 1685 wurden unter dem Großen Kurfürsten aus Frankreich wegen ihres evangelischen Glaubens vertriebene Hugenotten im Raum Stallupönen angesiedelt. 1731/1732 erfolgte die Einwanderung von evangelischen Salzburgern, die ebenfalls aus Glaubensgründen ihre Heimat verlassen mussten. In dieser Zeit und später entstanden weitere Kirchen: in Bilderweitschen (1938–1946 Bilderweiten, russisch: Lugowoje) 1718, in Göritten (Puschkino) 1725, in Soginten (Swirskoje) im Kirchspiel Enzuhnen 1772, in Eydtkuhnen (1938–1946 Eydtkau, russisch: Tschernyschewskoje) 1876 und in Kassuben (Iljinskoje) 1901.
Im Oktober 1944 war das Gebiet des seit 1938 Ebenrode genannten Kirchenkreises Frontgebiet. Durch Kriegseinwirkung stark beschädigt und teilweise ausgebrannt waren die Kirchen in Enzuhnen, Eydtkuhnen und Kassuben, weniger beschädigt die in Stallupönen und Göritten. Vollkommen erhalten waren die Kirchen in Pillupönen, Kattenau und in Bilderweitschen (hier auch, wie in Stallupönen, die katholische Kirche). Keine Angabe gibt es über die Kirche in Soginten.
Die Kirchen wurden zu Sowjetzeiten zweckentfremdet, verfielen oder wurden abgerissen. Die einzige Kirche im Stallupöner Kreis, die heute noch erhalten ist und kirchlich genutzt wird, ist die katholische Kirche in Stallupönen, jetzt orthodoxes Gotteshaus. Die Pillupöner Kirche ist zwar erhalten und wieder hergerichtet, wird jedoch als Museum fremdgenutzt. Von der Eydtkuhner Kirche gibt es nur noch Ruinenreste.
Kam das kirchliche Leben zu Sowjetzeiten im Stallupöner Kirchenkreis auch zum Erliegen, so entstanden in den 1990er Jahren in seinem Gebiet vier neue evangelische Gemeinden: in Babuschkino, in Jasnaja Poljana, in Kalinino und in Newskoje. Sie gehören zur Propstei Kaliningrad in der Evangelisch-Lutherischen Kirche Europäisches Russland (ELKER) und werden von den Geistlichen der Salzburger Kirche in Gussew betreut.
Kirchspiel Stallupönen Zum Kirchspiel Stallupönen gehörten um 1890 folgende Ortschaften: